Kinder- und Haus-Märchen Band 3 (1856)/Anmerkungen

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Übersicht Kinder- und Haus-Märchen. Band 3 (1856) von Brüder Grimm
Anmerkungen zu den einzelnen Märchen
Bruchstücke
Siehe dazu die einzelnen Märchen auf Kinder- und Hausmärchen.
[1]
Anmerkungen
zu
den einzelnen Märchen.
[3]
1.
Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich.

Aus Hessen, wo es noch eine andere Erzählung gibt. Ein König, der drei Töchter hatte, war krank und verlangte Wasser aus dem Brunnen, der in seinem Hofe stand. Die älteste gieng hinab und schöpfte ein Glas voll, wie sie es aber gegen die Sonne hielt, sah sie daß es trüb war. Das kam ihr seltsam vor, und sie wollte es wieder in den Brunnen schütten, da regte sich ein Frosch darin, streckte den Kopf hervor und sprang endlich auf den Brunnenrand. Er sprach zu ihr

„wann du willst mein Schätzchen sein,
will ich dir geben hell hell Wässerlein.
Willst du aber nicht mein Schätzchen sein,
so mach ich es puttel puttel trübe.“

„Ei wer will der Schatz von einem garstigen Frosch sein!“ rief die Königstochter und sprang fort. Droben erzählte sie ihren Schwestern von dem wunderlichen Frosch, der im Brunnen sitze und das Wasser trübe. Da gieng die zweite hinunter und schöpfte sich ein Glas, das war auch so trüb daß man es nicht trinken konnte. Da saß der Frosch wieder auf dem Rand und sprach

„wann du willst mein Schätzchen sein,
will ich dir geben hell hell Wässerlein“.

[4] „Das wär mir gelegen“ rief die Königstochter und sprang fort. Endlich kam auch die dritte Wasser zu schöpfen, aber es gieng ihr damit nicht besser, und der Frosch rief sie an

„wann du willst mein Schätzchen sein,
will ich dir geben hell hell Wässerlein“.

„Ja doch“, antwortete sie lachend, „ich will dein Schätzchen wohl sein, schaff mir nur reines Wasser, das man trinken kann.“ Sie dachte „was schadet es, du kannst ihm zu Gefallen das wohl sagen, ein dummer Frosch wird doch nimmermehr mein Schatz werden“. Der Frosch aber war wieder in den Brunnen gesprungen, und als die Königstochter zum zweitenmal schöpfte, da war das Wasser so klar daß die Sonne ordentlich vor Freuden darin blinkte. Da brachte sie das Glas hinauf und sprach zu ihren Schwestern „was seid ihr so einfältig gewesen und habt euch vor dem Frosch gefürchtet“. Nun dachte die Königstochter nicht weiter daran und legte sich vergnügt zu Bett. Und als sie ein Weilchen lag und noch nicht eingeschlafen war, hörte sie vor der Thüre ein Geräusch, und darnach sang es

„mach mir auf! mach mir auf!
Königstochter jüngste!
weißt du nicht wie du gesagt,
als ich in dem Brunnen saß,
du wolltest auch mein Schätzchen sein,
gäb ich dir hell hell Wässerlein“.

„Ei! da ist ja mein Schatz, der Frosch“, sagte das Königskind, „weil ich’s ihm versprochen habe, so will ich ihm aufmachen“. Also stand sie auf, öffnete ihm ein wenig die Thüre und legte sich nieder. Der Frosch hüpfte ihr nach und hüpfte endlich unten ins Bett zu ihren Füßen und blieb da liegen, und als die Nacht vorüber war und der Morgen graute, sprang er herunter und fort zur Thüre hinaus. Am andern Abend, als die Königstochter wieder im Bett lag, krabbelte es abermals vor der Thüre und sang das Sprüchlein, sie machte wieder auf, und der Frosch lag noch eine Nacht zu ihren Füßen. Am dritten Abend kam er wieder, da sprach sie „das ist aber das letztemal, daß ich dir aufmache, in Zukunft geschiehts nicht mehr“. Da sprang der Frosch unter ihr Kopfkissen, und sie schlief ein. Und als sie am Morgen aufwachte und meinte der Frosch sollte [5] wieder forthüpfen, so stand ein junger schöner Königssohn vor ihr und sagte er wäre der bezauberte Frosch gewesen und wäre jetzt erlöst, weil sie ihm versprochen habe sein Schatz zu sein. Da giengen sie beide zum König, der gab ihnen seinen Segen: es ward eine prächtige Hochzeit gehalten, und die zwei andern Schwestern ärgerten sich daß sie den Frosch nicht zum Schatz genommen hatten. In einer dritten Erzählung aus dem Paderbörnischen gibt der Königssohn, nachdem er aus der Froschgestalt erlöst ist, seiner Braut beim Abschied ein Tuch, worin sein Name roth geschrieben ist, wenn der schwarz werde, so sei er todt oder ungetreu. Einmal sieht die Braut mit Leidwesen daß der Name wirklich schwarz geworden ist. Da verkleidet sie sich mit ihren beiden Schwestern in Reiter und sucht den Königssohn auf, und sie verdingen sich bei ihm. Man bekommt Verdacht gegen sie und streut Erbsen, denn wenn sie fielen und wären Mädchen, so würden sie erschrecken, wären es Männer, so würden sie fluchen. Sie haben aber den Anschlag vernommen, und wie sie über die Erbsen fallen, fluchen sie. Als hernach der Königssohn mit der falschen Braut wegreist, müssen die drei dem Wagen nachreiten. Unterwegs hört der Königssohn ein lautes Krachen und ruft „halt der Wagen bricht“, da ruft die rechte Braut hinter dem Wagen „ach nein, es bricht ein Band von meinem Herzen“. So kracht es noch zweimal, und jedesmal bekommt er dieselbe Antwort. Da fällt ihm die rechte Braut wieder ein: er erkennt sie in dem Reiter und hält Hochzeit mit ihr.

Das Märchen gehört zu den ältesten in Deutschland, man kannte es unter dem Namen „von dem eisernen Heinrich“, nach dem treuen Diener, der sein kummervolles Herz in eiserne Bande hatte legen lassen. Rollenhagen nennt es so unter den alten deutschen Hausmärlein, auch bezieht sich darauf was Philander von Sittewald (3, 42) sagt „dann ihr Herz stund in meiner Hand, fester als in ein eisern Band“, was ebenso sprichwörtlich im Froschmeuseler vorkommt. Auch sonst ist von dem Band der Sorge, dem Stein der auf dem Herzen liegt, die Rede. Ein alter Minnedichter sagt schön „sie ist mir stahlhart in mein Herz gedrückt“, und Heinrich von Sax (Man. S. 1, 36) ausdrücklich „mein Herz in Banden liegt“: im Lied von Heinrich dem Löwen (St. 59) „es lag ihr Herz in Banden“, in Kellers Würtemberger (S. 35) „den Leib mit eisernen Banden beschlagen“. Von dem brechenden Herzen sagt Wirnt

[6]

von sîme tôde sî erschrac
sô sêre daz ir herze brast
lûte als ein dürrer ast,
swâ man den brichet enzwei.
 Wigalois 7697–82.

Der Hauptsache nach lebt das Märchen auch in Schottland fort. In the complaynt of Scotland (geschrieben 1548) wird unter andern Erzählungen the tale of the wolf of the warldis end genannt, die leider ganz verloren gegangen ist; vielleicht die Sage vom nordischen Fenrir. J. Leyden in s. Ausg. des Complaynt (Edinb. 1801. S. 234. 35) glaubt daß es in verschiedene Lieder und Ammenmärchen zerstückt noch herumgehe, er habe Fragmente singen hören, worin der Brunnen von der Welt End (weli of the warldis end) vorkomme und the well Absolom und the cald well sae weary heiße. Hieran schließt er unser Märchen an, wiewohl der Weltbrunnen recht gut in verschiedene Sagen eingreifen kann, und wir auch in dem deutschen keine Anknüpfung zu jenem Wolf (oder sollte Wolf im Original statt well stehen?) ahnen. Leydens Worte lauten nun, according to the popular tale a lady is sent by her stepmother to draw water from the well of the worlds end. She arrives at the well, after encountering many dangers, but soon perceives that her adventures have not reached a conclusion. A frog emerges from the well, and, before it suffers her to draw water, obliges her to betroth herself to the monster, under the penalty of being torn to pieces. The lady returns safe: but at midnight the frog lover appears at the door and demands entrance, according to promise to the great consternation of the lady and her nurse.

„open the door, my hinny, my hart.
open the door, mine ain wee thing;
and mind the words that you and J spak
down in the meadow at the well-spring“

the frog is admitted and addresses her

„take me up on your knee, my dearie,
take me up on your knee, my dearie,
and mind the words that you and J spak
at the cauld well sae weary“.

[7] the frog is finally disenchanted and appears as a prince in his original form.

Noch verdient angemerkt zu werden daß der Name Heinrich für einen Diener etwas volksmäßiges hat, wie in unserer Ausgabe des armen Heinrich S. 213–216 ausführlich gezeigt ist.


2.
Katze und Maus in Gesellschaft.

Aus Hessen, wo es auch von Hähnchen und Hühnchen erzählt wird. Diese hatten einen Edelstein im Mist gefunden, beim Juwelier verkauft, ein Fetttöpfchen dafür erhandelt und das für den Winter auf einen Schrank gestellt. Das Hühnchen frißt es aber nach und nach leer, und wie das an den Tag kommt, wird das Hähnchen ganz wüthend und hackt sein Hühnchen todt, das es hernach mit großer Reue und Traurigkeit begräbt wie in dem Märchen von dem Tod des Hühnchens (Nr. 80). Auch in Hinterpommern vom Hähnchen und Hühnchen, wo die Kinder Schlichtaf, Halfut, Stülpum heißen; s. Firmenich Völkerstimmen S. 91. 92. Ferner wird es vom Fuchs und Hahn erzählt, die einen Honigtopf gefunden. Die Kinder bekommen in der Taufe die bedeutenden Namen Randaus, Halbaus, Ganzaus. Bei Müllenhoff Nr. 28 vom Fuchs und Bär. Norwegisch auch vom Bär und Fuchs bei Asbjörnsen Nr. 17; die Namen sind Angefangen, Halbverzehrt, Ausgeleckt. Einen ähnlichen Verlauf hat das Negermärchen von der Henne und der Katze (Nr. 2).


3.
Marienkind.

Aus Hessen. Nach einer anderen Erzählung geht der arme Mann, da er seine Kinder nicht ernähren kann, in den Wald und will sich erhenken. Da kommt ein schwarzer Wagen mit vier schwarzen Pferden, eine schöne, schwarzgekleidete Jungfrau steigt aus und sagt ihm er werde in einem Busch vor seinem Haus einen Sack mit Geld finden, dafür solle er ihr geben was im Hause verborgen sei. Der [8] Mann willigt ein, findet das Geld, das verborgene aber ist das Kind im Mutterleib. Als es geboren ist, kommt die Jungfrau und will es abholen, doch, weil die Mutter so viel bittet, läßt sie es noch bis zum zwölften Jahr. Dann führt sie es fort zu einem schwarzen Schloß: alles ist prächtig darin, es darf an alle Orte hin, nur nicht in eine Kammer. Vier Jahre gehorcht das Mädchen, da kann es der Qual der Neugierde nicht länger widerstehen und guckt durch einen Ritz hinein. Es sieht vier schwarze Jungfrauen, die, in Bücherlesen vertieft, in dem Augenblick zu erschrecken scheinen, seine Pflegemutter aber kommt heraus und sagt „ich muß dich verstoßen, was willst du am liebsten verlieren?“ „Die Sprache“ antwortet das Mädchen. Sie schlägt ihm auf den Mund daß das Blut hervor quillt, und treibt es fort. Es muß unter einem Baum übernachten, da findet es am Morgen der Königssohn, führt es mit sich fort und vermählt sich, gegen seiner Mutter Willen, mit der stummen Schönheit. Als das erste Kind zur Welt kommt, nimmt es die böse Schwiegermutter, wirft es ins Wasser, bespritzt die kranke Königin mit Blut und gibt vor sie habe ihr eigen Kind gefressen. So geht es noch zweimal, da soll die Unschuldige, die sich nicht vertheidigen kann, verbrannt werden. Schon steht sie in dem Feuer, da kommt der schwarze Wagen, die Jungfrau tritt heraus, geht durch die Flammen, die sich gleich niederlegen und erlöschen, hin zu der Königin, schlägt ihr auf den Mund und gibt ihr damit die Sprache wieder. Die drei andern Jungfrauen bringen die drei Kinder, die sie aus dem Wasser gerettet haben. Der Verrath kommt an den Tag und die böse Schwiegermutter wird in ein Faß gethan, das mit Schlangen und giftigen Nattern ausgeschlagen ist, und wird einen Berg herabgerollt.

Verwandt ist die Tochter des Armen bei Meier Nr. 36, ein norwegisches Märchen bei Asbjörnsen (Nr. 8) und ein schwedisches vom Graumantel (s. unten): Ähnlichkeit damit hat die Legende von der heil. Ottilie, zumal wie sie Frau Naubert in ihren Volksmärchen (Theil 1) erzählt. Im Pentam. (1, 8) wird zur Strafe ein Ziegengesicht gegeben. Wendisch die Pathenschaft der hl. Maria bei Haupt und Schmaler Nr. 16. S. 179. Walachisch die eingemauerte Mutter bei Schott Nr. 2. Die gründliche Idee von vielen erlaubten aber einer verbotenen Thür kehrt vielmal und mit verschiedener Einleitung, wie in dem Märchen von Fitchers Vogel (Nr. 46) wieder. [9] Wenn jeder Apostel in einer glänzenden Wohnung sitzet, so ist das Lied vom hl. Anno zu vergleichen V. 720, wo es heißt, daß die Bischöfe im Himmel wie Sterne zusammen säßen. Es ist ein alter Zug, daß Jungfrauen, ihrer Kleider beraubt, sich mit ihren langen Haaren bedecken, von der hl. Agnes erzählt es die Bibl. maxima 27, 82b, von der hl. Magdalena Petrarch in lateinischen Versen; eine Abbildung von dieser in dem Magasin pittoresque 1, 21. Nach einer altspanischen Romanze sitzt eine Königstochter auf einer Eiche und ihre langen Haare bedecken den ganzen Baum; Diez altspan. Romanzen 177. Geibel Volkslieder und Romanzen der Spanier S. 151. 152.


4.
Fürchten lernen.

Dieses Märchen wird an andern Orten gewöhnlich mit neuen oder verschieden gestellten Proben der Herzhaftigkeit erzählt, und ist mit der Sage vom Bruder Lustig und dem Spielhans (Nr. 81. 82) verwandt. Wie der Furchtlose, so fährt Parzival in einem zauberhaften Bett durch das Schloß 566. 567. Zu Grund liegt hier eine meklenburgische Erzählung, aus einer hessischen in der Schwalmgegend ist das Kegelspiel mit den Todtengebeinen eingerückt. In einer andern aus Zwehrn wird erzählt daß Gespenster mit neun Knochen und einem Todtenkopf kommen und den Jungen zum Spiel einladen, das er ohne Furcht annimmt, worin er aber all sein Geld verliert; um Mitternacht verschwindet der Spuk von selbst. Aus dieser ist auch genommen daß die Leiche herbeigetragen wird, die er im Bett erwärmen will. Sie hat aber auch weiter keine Proben, und es fehlt der scherzhafte Schluß, der dagegen wieder in einer dritten hessischen, wo der Junge ein Schneider ist, so vorkommt daß die Frau Meisterin einen Eimer kalt Wasser über ihn gießt, als er im Bett liegt. In einer vierten Erzählung wird die große Mannhaftigkeit einem jungen Tiroler zugeschrieben. Er beräth sich mit seinem Vater, was für ein Handwerk ihm wohl am zuträglichsten sein würde, und entschließt sich endlich das Fürchten zu lernen. Ein neuer Zug darin ist, daß Nachts ein Gespenst hereintritt, ganz mit Messern bedeckt, und den Tiroler niedersitzen heißt, um sich von ihm [10] den Bart scheren zu lassen, wie das bei Musäus in der Sage von stummer Liebe (4, 65–82) vorkommt, und Ähnliches von Cl. Brentano in den Anmerkungen zu der Gründung Prags erzählt wird. Er thuts ohne Furcht, wie das Gespenst zu Ende ist, will es ihm auch den Hals abschneiden, aber in dem Augenblick schlägt es zwölf und es verschwindet. Angeknüpft ist dann hier die Sage von dem getödteten Drachen dem er die Zunge ausschneidet, womit er sich späterhin als Sieger ausweist und die Königstochter gewinnt; wie sie in dem Märchen von den Goldkindern (Nr. 85) ausführlich vorkommt. Eine fünfte Erzählung aus Zwehrn verdient unabgekürzt hier mitgetheilt zu werden.

Es ist einmal einer in der Welt gewesen, dessen Vater war ein Schmied, den haben sie auf den Todtenhof und aller Orten hingebracht, wo es fürchterlich ist, aber er hat sich nicht gefürchtet. Da sprach sein Vater „komm nur erst in die Welt, du wirst es schon noch erfahren“. Da gieng er fort, und es trug sich zu, daß er Nachts in ein Dorf kam, und weil alle Häuser verschlossen waren, legte er sich unter den Galgen. Und als er einen daran hängen sah, redete er ihn an und sprach „warum hängst du da?“ Da antwortete der Gehenkte „ich bin unschuldig, der Schulmeister hat das Glöckchen vom Klingelbeutel gestolen und mich als den Dieb angegeben. Wenn du mir zu einem ehrlichen Begräbnis hilfst, so will ich dir einen Stab schenken, womit du alle Gespenster schlagen kannst. Das Glöckchen hat der Schulmeister unter einen großen Stein in seinem Keller versteckt“. Als er das gehört hatte, machte er sich auf, gieng in das Dorf vor des Schulmeisters Haus und klopfte an. Der Schulmeister stand auf, wollte aber seine Thüre nicht öffnen, weil er sich fürchtete, da rief jener „wo du deine Thüre nicht aufmachst, so schlag ich sie ein“. Nun öffnete sie der Schulmeister, und jener packte ihn gleich im Hemde wie er war, nahm ihn auf den Rücken und trug ihn vor des Richters Haus. Da rief er laut „macht auf, ich bringe einen Dieb“. Als der Richter herauskam, sprach er „hängt den armen Sünder draußen vom Galgen herab, er ist unschuldig, und hängt diesen dafür hin, er hat das Glöckchen vom Klingelbeutel gestolen, es liegt in seinem Keller unter einem großen Stein“. Der Richter schickte hin, und das Glöckchen ward gefunden, so daß der Schulmeister den Diebstahl bekennen mußte. Da sprach der Richter das Urtheil, daß der Unschuldige vom Galgen [11] abgenommen und in Ehren begraben werden sollte, der Dieb aber dafür hinaufgehenkt.

Die andere Nacht, als der Unschuldige schon in einem christlichen Grab ruhte, gieng der junge Schmied wieder hinaus. Da kam der Geist und schenkte ihm den Stab den er ihm versprochen hatte. Sprach der Schmied „nun will ich in die Welt gehen und den Fürchtemich suchen“.

Es trug sich zu, daß er in eine Stadt kam, wo ein verwünschtes Schloß stand, in das sich nun und nimmermehr jemand wagte. Als der König hörte daß ein Mann angekommen wäre, der nichts fürchte, so ließ er ihn rufen und sprach „wenn du mir das Schloß erlösest, will ich dich so reich machen, daß du deines Reichthums kein Ende wissen sollst“. „O ja“, antwortete er, „recht gern, es muß mir nur einer den Weg zeigen zu dem Schloß“. Sprach der König „ich habe auch keine Schlüssel dazu“. „Die brauch ich nicht“, antwortete er, „ich will schon hineinkommen“. Da ward er hingeführt, und als er vor das vorderste Thor kam, schlug er mit seinem Stab daran, alsbald sprang es auf, und dahinter lagen die Schlüssel zum ganzen Schloß. Er schloß die erste innere Thür auf, und wie sie sich aufthat, kamen ihm die Gespenster entgegen, der eine hatte Hörner auf, der andere spie Feuer, und alle waren kohlschwarz. Da sprach er „was das für Kerle sind! das mögen die rechten Kohlenbrenner sein, die können mit heim gehen und meinem Vater das Feuer zurecht machen“. Und als sie auf ihn eindrangen, nahm er seinen Stab und schlug sie zusammen, jedesmal sechs, packte sie und steckte sie in eine Stube, wo sie sich nicht mehr rühren konnten. Darauf nahm er die Schlüssel wieder in die Hand und schloß die zweite Thüre auf. Da stand ein Sarg und ein Todter lag darin, und neben ihm auf der Erde ein großer schwarzer Pudel, der hatte eine glühende Kette um den Hals. Da gieng er hinzu, schlug mit seinem Stab auf den Sarg und sprach „was liegst du, alter Kohlenbrenner, darin?“ Der Todte richtete sich auf und wollte ihn schrecken, aber er rief ihm zu „gleich heraus mit dir“. Und als der Todte nicht gleich folgte, packte er ihn und steckte ihn zu den andern. Dann kam er wieder und faßte die glühende Kette und wickelte sie um sich und rief „fort mit dir!“ Aber der schwarze Hund wehrte sich und spie Feuer. Da sprach er „kannst du das, so will ich dich umsomehr mitnehmen, du sollst auch meinem Vater helfen Feuer anmachen“. [12] Aber eh er sichs versah, war der Hund weg, und mag wohl der Teufel gewesen sein. Nun hatte er noch einen kleinen Schlüssel für die letzte Thüre. Wie er die aufschloß, kamen ihm zwölf schwarze Gespenster mit Hörnern und Feuerathem entgegen, aber er schlug sie mit seinem Stab zusammen, schleppte sie hinaus und warf sie in ein Wasserbehälter, das er mit dem Deckel zuschloß.

„Die hätte ich zur Ruhe gebracht“ sprach er vergnügt, „aber es ist mir warm dabei geworden, ich möchte einen Trunk darauf haben“. Da gieng er in den Keller und zapfte sich von dem alten Wein der da lag, und war guter Dinge. Der König aber sprach „ich möchte doch wissen, wie es ihm ergangen ist“, und schickte seinen Beichtvater hin, denn es getraute sich kein anderer in das verwünschte Schloß. Als der Beichtvater der krumm und bucklig war, vor das Thor kam und anklopfte, machte der junge Schmied auf, als er ihn aber in seiner Misgestalt und in seinem schwarzen Rock erblickte, rief er „ist doch noch einer übrig, was willst du, du alter buckliger Teufel?“ und sperrte ihn auch ein.

Nun wartete der König noch einen Tag, als aber der Beichtvater gar nicht zurückkam, so schickte er einen Haufen Kriegsvolk, das sollte mit Gewalt in das Schloß eindringen. Der Schmied sprach „es kommen Menschen, da will ich gern aufmachen“. Die fragten ihn warum er des Königs Beichtvater festgehalten hätte. „Ei was“, sprach er, „wie konnte ich wissen, daß es der Beichtvater war? was kommt er auch in einem schwarzen Rock daher!“ Da fragten ihn die Soldaten was sie dem König sagen sollten. „Er möchte selbst hierher kommen“, antwortete er, „das Schloß wäre rein“.

Als der König das hörte kam er voll Freude und fand große Reichthümer an Edelsteinen, Silbergeschmeide und altem Wein; das war alles wieder in seiner Gewalt.

Nun ließ er dem jungen Schmied ein Kleid machen ganz von Gold. „Nein“, sprach er, „das will ich nicht, das ist ein Narrenkleid“ und warf es weg, „aber ich gehe nicht eher aus dem Schloß fort, bis mir der König den Fürchtemich gezeigt hat, der muß ihn ja wohl kennen“. Da ließ ihm der König einen weißen linnenen Kittel machen, und, um ihm doch etwas gutes zu thun, viel Goldstücke hineinnähen. Aber der junge Schmied sprach „das ist mir zu schwer!“ und warf es fort und that seinen alten Kittel an, „aber, eh [13] ich heim zu meinem Vater gehe, muß ich erst den Fürchtemich sehen“. Da nahm er seinen Stab und gieng zu dem König, der führte ihn zu einer Kanone: die besah der junge Schmied und gieng um sie herum und fragte was das für ein Ding wäre. Sprach der König „stell dich einmal ein wenig zur Seite“, ließ laden und losschießen. Wie es nun den gewaltigen Knall that, rief der junge Schmied „das war der Fürchtemich! jetzt hab ich ihn gesehen!“ und gieng vergnügt nach Haus.

Eine sechste Erzählung ist aus dem Paderbörnischen. Hans spricht allezeit zu seinem Vater er fürchte sich vor nichts auf der Welt. Der Vater will das ihm abgewöhnen und heißt die beiden Töchter Abends sich in das Beinhäuschen verstecken: er wolle den Hans Nachts hinausschicken, da sollten sie, in ein weiß Betttuch eingehüllt, mit Knochen nach ihm werfen, so würde er schon erschrecken. Um elf Uhr spricht der Vater „ich habe so Zahnweh, Hans, geh und hol mir einen Todtenknochen, aber nimm dich in acht, es könnte im Beinhaus spuken“. Wie er nun hinauskommt, werfen ihn die Schwestern mit Todtenköpfen. „We smit mie do?“ ruft Hans, „wen’t noch einmol deust, so saste mol seihn“. Sie werfen noch einmal, da packt er sie und dreht ihnen den Hals um. Dann nimmt er einen Knochen und geht heim damit. „Wie ist dirs gegangen, Hans“, spricht der Vater. „Gud, awerst et wörren do twei witte Dinger, de schmeten mie, awerst ick heve allen den Hals umdrehet“. „O weh“, ruft der Vater, „es waren deine Schwestern, geh gleich fort, sonst mußt du auch sterben“. Hans macht sich auf in die weite Welt und sagt überall „ick heite Hans Fürchtemienig“. Er soll drei Nächte in einem Schloß wachen und es dadurch von den Gespenstern befreien. Der König gibt ihm noch einen Soldaten mit, Hans bittet sich zwei Flaschen Wein und eine Peitsche aus. Nachts wirds so kalt daß es die beiden nicht aushalten können. Der Soldat geht hinaus und will Feuer in den Ofen machen, da drehen ihm die Gespenster den Hals um. Hans bleibt in dem Zimmer und wärmt sich mit Wein. Da klopft es an, Hans ruft „kumm herin, wenn de en Kop hest“. Es kommt niemand, aber es klopft noch einmal, da ruft Hans „kumm herin, wenn de auck kenen Kop hest!“ Da knistert es oben am Balken, Hans guckt hinauf und sieht ein Mäuseloch, daraus fällt ein Töpfchen mit Werg herab, und daraus wird ein Pudelhündchen und das wächst zusehends und wird endlich ein [14] großer Mann, der aber den Kopf nicht oben, sondern unter dem Arm hat. Hans spricht zu ihm „sette dinen Kop up, wie willt in Karten spelen“. Das Ungethüm thuts, und sie spielen mit einander. Hans verliert tausend Thaler, die er ihm in der nächsten Nacht zu bezahlen verspricht. Da geht es, wie in der vorigen. Der Soldat der dem Hans abermals beigegeben ist, friert und geht hinaus Feuer anzumachen: wie er sich bückt, wird ihm der Kopf abgehauen. Hans hört es wieder klopfen, da ruft er „kumm herin mit odder ohne Kop“. Das Gespenst tritt herein, den Kopf unter dem Arm, muß ihn aber aufsetzen, damit sie wieder spielen können. Hans gewinnt zweitausend Thaler von ihm, das Gespenst verspricht sie in der nächsten Nacht zu bringen. In dieser letzten ist der Anfang wieder derselbe, der Soldat der das Zimmer verläßt um Feuer anzumachen, wird von den Gespenstern in den Ofen gesteckt und muß darin ersticken. Zu dem Hans kommt der mächtige Geist, bringt ihm die schuldigen tausend Thaler und sagt ihm, er sollte sich geschwind fortmachen, sonst giengs ihm ans Leben: die Gespenster kämen alle zu einer großen Versammelung. Aber Hans will nicht und sagt „ick will iuch schon de Döre wiesen“. Beide streiten mit einander wer weichen soll, bis sie einig werden drei zu zählen, wer dann am ersten den Finger ins Schlüsselloch steckte, der sollte bleiben. Hans zählt, und der Geist ist zuerst mit dem Finger darin, da holt Hans ein Stückchen Holz und einen Hammer und keilt ihn fest, nimmt dann seine Peitsche und haut ihn so gewaltig daß der Geist verspricht sich nie mehr mit allen seinen Geistern im Schlosse sehen zu lassen, wenn er sich in dem kleinen Blumengärtchen hinter dem Schlosse aufhalten dürfte. Hans bewilligt das und läßt ihn los, da lauft der Geist gleich mit allem andern Gespenstervolk in den Garten. Der König läßt eine hohe Mauer darum bauen, das Schloß ist erlöst, und Hans kriegt die Königstochter zur Frau. Abermals mit eigenthümlichen Abweichungen in Wolfs Hausmärchen S. 328 und 408, bei Zingerle S. 281–290, bei Pröhle Kinder- und Volksmärchen Nr. 33. Niederländisch der kühne Soldat, in Wolfs niederländischen Sagen S. 517–22. Schwedisch Graakappen bei Molbech Nr. 14. Dänisch de modige Svend bei Molbech Nr. 29.

Uebrigens kommt in einer isländischen Erzählung ein ähnlicher Charakter vor: Hreidmar ist auch ein solcher scheinbarer Tölpel, der nur wünscht einmal zu wissen was Zorn ist und es auch erfährt. [15] Göthe hat sich sinnvoll über dieses Märchen geäußert: s. Werke (1833) 46, 274. Schriften der skand. Litteratur-Gesellsch. 1816. 1817. S. 208 ff.


5.
Der Wolf und die Geiserchen.

Aus der Maingegend. In Pommern soll es von einem Kinde erzählt werden, das, als seine Mutter fortgegangen ist, von dem Kindergespenst, ähnlich dem Knecht Ruprecht, verschlungen wird. Aber die Steine die er mit verschlingt, machen das Gespenst so schwer daß es zur Erde fällt und das Kind unversehrt wieder herausspringt. Aus dem Elsaß in Stöbers Volksbüchlein S. 100. Boner (Nr. 33) erzählt das Märchen ganz einfach, die Mutter warnt ihr Geislein vor dem Wolf, den es auch, als er mit verstellter Stimme herankommt, nicht einläßt. Noch kürzer in einem alten Gedicht (Reinhart Fuchs 346), wo aber das Geislein durch einen Ritz den Wolf erkennt. So auch Buckard Waldis (Frankfurt 1565. Fab. 24) und Hulderich Wolgemuth in seinem erneuten Esopus (Frankf. 1623). Eine lebendige Erzählung davon aus dem siebenbürg. Sachsen bei Haltrich Nr. 33. Lafontaine (IV. 1, 15) hat die Fabel einfach wie Corrozet, doch gedenkt jener des Umstands mit der weißen Pfote, welche das Geislein zu sehen verlangt wie in unserm Märchen, und wir erinnern uns eines Bruchstücks aus einem vollständigen französischen. Der Wolf geht zum Müller, reicht ihm die graue Pfote und spricht

„meunier, meunier, trempe moi ma patte dans ta farine blanche“. „non, non! non, non!“ „alors je te mange“.

Da thut es der Müller aus Furcht.

Auch Psamathe, die Nereide, sandte den Wolf auf Peleus und Telamons Herden, der Wolf fraß sie insgesammt und wurde dann versteinert, wie ihm hier Steine eingenäht werden. Doch liegt die Sage vom versteinerten Wolf noch tiefer.

[16]
6.
Der getreue Johannes.

Aus Zwehrn, eine andere Erzählung aus dem Paderbörnischen. Ein armer Bauer bittet, auf Geheiß eines alten Mütterchens, den zu Gevatter, der ihm zuerst draußen auf dem Weg begegnet, und den er noch nicht kennt. Das ist nun der König, der hebt auch das Kind aus der Taufe und gibt ihm den Namen Roland. Die Königin war aber zu derselben Stunde niedergekommen und ihr Kind Joseph genannt. Als ein Jahr herum ist, läßt der König den kleinen Roland abholen und nimmt ihn an Kindesstatt an. Roland und Joseph wachsen zusammen auf und halten sich für Geschwister. Als sie zwanzig Jahr alt sind, reitet der König einmal fort und hinterläßt ihnen die Schlüssel zu allen Stuben; sie sollen alle aufschließen dürfen, nur eine nicht. Roland aber ist so neugierig daß er am dritten Tag den Joseph beredet mit ihm in die verbotene Stube zu gehen. Sie ist ganz mit Tuch ausgeschlagen, als aber Roland das auch in die Höhe hebt, so sieht er das Bild einer wunderschönen Jungfrau und fällt bei dem Anblick in Ohnmacht. Joseph trägt ihn hinaus, Roland wird wieder zu sich gebracht, ist aber von Stund an krank aus Liebe und hat keine Ruhe, bis sie beide in das Reich ziehen, wo die Königstochter lebt. Sie muß dort sieben Jahre in einem Thurm sitzen, Abends wird sie in einem verschlossenen Wagen zu ihren Eltern gebracht und Morgens früh vor Tages Anbruch wieder in den Thurm zurück. Roland und Joseph können sie gar nicht einmal sehen und müssen unverrichteter Sache wieder heimreisen. Da gibt ihnen der Vater vier Schiffe, drei mit Kanonen besetzt und das eine mit den schönsten Waaren beladen. Sie schiffen hin und geben sich für Kaufleute aus, und Joseph bittet den König er möge das Gesetz erlassen, daß immer nur ein einzelner Mensch auf sein Schiff gehen dürfe, weil er sonst zu sehr bestürmt würde. Das geschieht, der König kommt nun selbst aufs Schiff und danach die Königin und kaufen viel. Und weil alles so schön ist, soll es ihre Tochter auch sehen. Sobald sie aber das Schiff betreten hat, wird der Anker gelichtet und die schöne Braut fortgeführt. Der König schickt ein Schiff, sie wiederzuholen, aber das wird von den Kanonen in den [17] Grund geschossen. Während der Fahrt hat Joseph Nachts einmal die Wache, da hört er ein Brausen und eine Stimme die ruft „wißt ihr was Neues?“ „Neues genug“, antwortet eine andere, „die schöne Königstochter ist geraubt und sitzt in dem Schiffe hier. Wer sie aber denkt zur Frau zu nehmen, der muß erst jemand haben, der dem schwarzen Pferd den Kopf abhaut“. Da erschrack Joseph, und als Roland in der folgenden Nacht wachen will, bittet ihn Joseph lieber zu schlafen und ihm die Wache zu überlassen. Da hört er wieder die Stimmen, „wißt ihr was Neues?“ „Neues genug, die Königstochter ist geraubt und sitzt im Schiffe, wer sie gedenkt zur Frau zu haben, der kann nur dazu gelangen, wenn einer da ist, der, wann der Bräutigam der Braut Gesundheit trinkt, ihm das Glas vor dem Munde wegschlägt, daß die Scherben herum fliegen. Wer das aber nachsagt, der steht in Stein bis ans Herz“. Joseph wacht auch in der dritten Nacht, da hört er, „der Bräutigam kann die Braut nicht erlangen, wenn nicht einer da ist, der dem Drachen die sieben Köpfe abschlägt, die dieser in der Brautnacht zum Fenster hereinsteckt. Wer das aber nachsagt, steht in Stein bis an den Kopf“. Folgenden Tags langen sie an, der König kommt ihnen mit seinen Leuten entgegen und bringt dem Joseph ein weißes Pferd mit, dem Roland ein schwarzes. Joseph besteigt das seinige und haut dem schwarzen den Kopf ab. Alle sind erstaunt und aufgebracht und fragen nach der Ursache, aber er antwortet „ich kann und darf es nicht sagen“. So schlägt er auch, als bei der Hochzeitsfeier Roland seiner Braut Gesundheit trinken will, diesem das Glas vor dem Munde weg, daß die Scherben fliegen. Endlich in der Nacht, als Roland und seine Braut schon schlafen, geht er mit gezogenem Schwert in der Kammer vor dem Fenster auf und ab. Plötzlich fängt es an zu brausen und zu brüllen, und ein Drache steckt seine sieben Köpfe herein. Er haut sie in einem Hieb herab, daß das Blut in die Stube spritzt und seine Stiefeln füllt. Die Wachen rufen bei dem Lärm den König, dieser kommt, und als er die Thüre öffnet, strömt ihm das Blut entgegen und er erblickt den Joseph mit gezucktem Schwert. „Ach was hast du gethan, mein Sohn?“ ruft er aus. Da kann Joseph nicht anders, er erzählt alles und wird augenblicklich ganz in Stein verhüllt, so daß man nichts von ihm sieht als sein Gesicht, das zu schlafen scheint. Nach Verlauf eines Jahrs bringt die junge Königin einen Sohn zur Welt, und da träumt ihr drei Nächte hintereinander wenn man [18] mit des Kindes Blut den Joseph bestriche, so würde er erlöst. Sie erzählt dem Roland ihren Traum, der läßt alle Räthe des Landes zusammenkommen, die sprechen ja, er müsse sein Kind für des Freundes Leben opfern. Da wird das Kind getauft und dann wird ihm der Kopf abgehauen. Mit dem Blute des Kinds aber wird Joseph bestrichen, alsbald schwindet der Stein an ihm, und er steht auf und spricht „ach, lieber Bruder, warum hast du mich geweckt? ich habe so sanft geschlafen“. Sie erzählen ihm wie alles sich zugetragen, da sagt Joseph „nun muß ich dir wieder helfen“, bindet das todte Kind in ein linnen Tuch und geht mit ihm fort. Als er schon dreiviertel Jahr gewandert ist und, von Herzen betrübt daß er keine Hülfe finden kann, unter einen Baum sich setzt, kommt ein alter Mann und gibt ihm zwei Fläschlein, darin ist Wasser des Lebens und Wasser der Schönheit. Joseph trägt es nun heim, muß aber, weil er nichts mehr hat, betteln. Nach einem Vierteljahr kommt er zu seines Vaters Schloß, da setzt er sich auf die Brücke und bestreicht das Kind erst mit dem Wasser des Lebens, wovon es das Leben wieder erhält, dann mit dem Wasser der Schönheit, wovon es so frisch und lieblich wird wie kein anderes. Darauf bringt er es seinen Eltern, die sich von Herzen darüber freuen. Eine dritte, wiederum abweichende Erzählung in Wolfs Hausmärchen S. 383.

Es ist offenbar die Sage von den treuen Freunden, dem Amicus und Amelius. Der eine opfert sich für den andern und begeht scheinbares Unrecht an ihm, dagegen gibt dieser seine Kinder hin, um jenen wieder zu erretten, doch durch ein Wunder werden auch diese im Leben erhalten. Wie im armen Heinrich eine reine Jungfrau sich opfert, so in unserm Märchen ein treuer Meister, wie der alte Hildebrand es für Dieterich ist, so daß die Sage vom Kind Oney den Uebergang bilden könnte. Vergl. das Märchen von den zwei Brüdern (Nr. 60), den armen Heinrich S. 187 folg. und weitere Nachweisungen im Athis S. 46. Das Schicksal, das in dem Gedichte Hartmanns der Arzt verkündet, verrathen hier die Schicksalsvögel, die Raben. Das Brauthemd (ein gemachtes heißt es nach dem Volksausdruck im Gegensatz zu dem blos zugeschnittenen) das den, der es anzieht, mit Feuer verzehrt, gleicht ganz dem Gewand, das Dejanira dem Hercules und Medea der Glauce schickt. In unserm Märchen ist wahrscheinlich ausgefallen daß ein Zauberweib den jungen König aus irgend einem Grunde hat verderben [19] wollen. In dem entsprechenden, aber doch sehr eigenthümlichen italienischen (Pentam. 4, 9) ist es wahrscheinlich der Vater der entführten Braut, der das Unglück durch Verwünschungen nachschickt. Zu vergleichen ist ein russisches Märchen bei Dieterich S. 38 und eine Erzählung der Neger bei Kölle (s. unten).

Eine ähnliche Schiffsausrüstung in dem Gedicht von Gudrun (1060 ff.) bei der Fahrt, auf welcher Horand die Hilde holen soll.


7.
Der gute Handel.

Aus dem Paderbörnischen. Der Schwank, wonach der Bauer die Schläge der Schildwacht und dem Juden zuweist, wird ähnlich auch von dem Narren Nasureddin beim Tamerlan (Flögel Geschichte der Hofnarren S. 178) so wie von dem Kalenberger Pfaffen (das Gedicht von ihm gleich im Eingang in v. d. Hagens Narrenbuch S. 272–277, bei Flögel S. 255) erzählt. Auch bei Sacchetti in der 195. Novelle von einem Bauer, der einem Könige von Frankreich seinen verlorenen Sperber wiederbringt. Etwas Ähnliches führt Bertoldo aus. Er soll Schläge erhalten, bittet aber um Schonung des Kopfs (capo). Nun erhält er die Schläge nicht, sondern die nach ihm kommen, denn er ist der erste, der Anführer (capo). Auch beschwichtigt Bertoldino die Frösche, indem er Goldstücke nach ihnen wirft; s. Hagens Einleitung zum Morolf S. 18. 19.


8.
Der wunderliche Spielmann.

Aus Lorsch bei Worms. Es scheint das Märchen ist nicht ganz vollständig, es müßte ein Grund angegeben sein, warum der Spielmann die Thiere, die er wie Orpheus herbeilocken kann, so hinterlistig behandelt. Es gibt ein ähnliches Märchen bei den Sachsen in Siebenbürgen, wie Haltrich Nr. 50 bemerkt.

[20]
9.
Die zwölf Brüder.

Aus Zwehrn, doch fehlte dort der Zug, daß das Mädchen durch die zwölf Kinderhemder aufmerksam wird und nach seinen Brüdern fragt, der aus einer andern, sonst dürftigern Erzählung, gleichfalls aus Hessen, hereingekommen ist. Aehnlich ist eine bei dem Märchen von den sechs Schwänen (Nr. 49) mitgetheilte Sage aus Deutschböhmen. Ein rothes Banier bezeichnet im Wigalois den Kampf auf Tod und Leben (6153). Im Pentamerone die sieben Tauben (IV. 8). Norwegisch bei Asbjörnsen S. 209. Auch ist zu vergleichen das lithauische Märchen in den Sitzungsberichten der Wiener Academie der Wissenschaften 11, 209–212.


10.
Das Lumpengesindel.

Aus dem Paderbörnischen. Es hat Ähnlichkeit mit dem Märchen von Herrn Korbes (Nr. 41) und den Bremer Stadtmusikanten (Nr. 27). Aus Hinterpommern verbunden mit dem Märchen von Katz und Maus in Firmenichs deutschen Mundarten 91. 92.


11.
Brüderchen und Schwesterchen.

Nach zwei Erzählungen aus den Maingegenden, die sich vervollständigen; in der einen fehlt der Umstand, daß das Hirschlein in die Jagd hineinspringt und den König durch seine Schönheit lockt.

Nach einer andern Überlieferung, die uns H. R. v. Schröter mitgetheilt hat, ist das Brüderchen von der Stiefmutter in ein Rehkalb verwandelt und wird von ihren Hunden gehetzt. Es steht am Fluß und ruft hinüber zu den Fenstern des Schwesterchens

„Ach, Schwesterchen, errette mich,
des Herren Hunde jagen mich,

[21]

sie jagen mich so schnell,
sie wollen mir aufs Fell,
sie wollen mich den Pfeilen geben,
und mir also das Leben nehmen“.

Aber Schwesterchen war schon von der Stiefmutter aus dem Fenster geworfen und in eine Ente verwandelt, und von dem Wasser klang es zu ihm

„Ach, Brüderchen, gedulde,
ich lieg im tiefsten Grunde!
die Erde ist mein Unterbett,
das Wasser ist mein Oberbett.
Ach, Brüderchen, gedulde,
ich lieg im tiefsten Grunde“.

Als Schwesterchen hernach in die Küche zum Koch kommt und sich ihm hat zu erkennen gegeben, da fragt es

„Was machen meine Mädchen, spinnen sie noch?
Was macht mein Glöckchen, klingt es noch?
Was macht mein kleiner Sohn, lacht er noch?“

Er antwortet

„Deine Mädchen spinnen nicht mehr,
dein Glöckchen klingt nicht mehr,
dein kleiner Sohn weint allzusehr“.

Wie hier, so kommt in dem Märchen von den drei Männlein im Walde (Nr. 13) die Mutter aus dem Grab, ihr Kind zu tränken und zu pflegen; so auch in dem altdänischen Volkslied (Danske viser 1, 206–208, Altd. Blätter 1, 186). Im Schwedischen, das sonst übereinstimmt (s. unten), fehlt dieser Zug. Melusine kommt nach ihrem Verschwinden zu ihren kleinen Söhnen Dietrich und Raimund, wärmt sie am Feuer und säugt sie; die Ammen sehen zu, wagen aber nicht zu sprechen (Volksbuch). Zu vergleichen ist das serbische Lied von der eingemauerten Mutter die ihr Kind stillt und Souvestre le foyer breton S. 3. 4., wo eine Mutter Nachts aus dem Grab kommt, um ihre von der Stiefmutter vernachlässigten Kinder zu pflegen. Obgleich wieder sehr verschieden, hat doch das Märchen der Aulnoy (Nr. 18) la biche au bois einige Verwandtschaft.

[22]
12.
Rapunzel.

Fr. Schulz erzählt dieses Märchen in seinen kleinen Romanen (Leipz. 1790) 5, 269–88, nur zu weltläuftig, wiewohl ohne Zweifel aus mündlicher Ueberlieferung. Es wird auch folgender Weise eingeleitet, eine Hexe hat ein junges Mädchen bei sich und vertraut ihm alle Schlüssel, verbietet ihm aber eine Stube. Als es diese, von Neugierde getrieben, dennoch öffnet, sieht es die Hexe darin sitzen mit zwei großen Hörnern. Nun wird es von ihr zur Strafe in einen hohen Thurm gesetzt, der keine Thüre hat. Wenn sie ihm Essen bringt, muß es seine langen Haare aus dem Fenster herablassen, die zwanzig Ellen lang sind, woran die Hexe hinaufsteigt. Es kommt häufig in den Märchen vor daß der Vater, gewöhnlich aber die Mutter, um ein augenblickliches Gelüsten zu befriedigen, ihr zukünftiges Kind verspricht. Manchmal wird es auch unter versteckten oder dunkeln Ausdrücken gefordert und bewilligt, z. B. die Mutter soll geben was sie unter dem Gürtel trägt. In der altnordischen Alfskongssage kommt schon (Cap. 1) ein ähnlicher Zug vor. Othin erfüllt den Wunsch der Signy, das beste Bier zu brauen, wogegen sie ihm das zusagt was zwischen ihr und dem Bierfaß ist, nämlich das Kind womit sie schwanger geht; vergl. Sagenbibliothek von P. E. Müller II. 449. In den dänischen Volksliedern, z. B. von dem wilden Nachtraben, ähnliche Versprechungen. Salebad Firdusi (Schack S. 191) steigt an den herabgelassenen Haarflechten der Jungfrau hinauf. In Büschings Volkssagen S. 287 ein Märchen das Anfangs einige Züge mit dem unsrigen gemein hat. Im Pentamerone ist es Petrosinella (2, 1).


13.
Die drei Männlein im Walde.

Nach zwei Erzählungen, beide aus Hessen, die sich ergänzen. In der einen aus Zwehrn fehlt der Eingang mit der Probe an dem Stiefel; daraus ist der Name der Haulemännerchen, (d. h. Höhlen-Waldmännlein), [23] womit man in Niederhessen die Kleinen bezeichnet, die in den Waldhöhlen wohnen und den Leuten die Kinder wegstehlen, so lang diese noch nicht getauft sind; in Dänemark heißen sie bei dem Volk ganz ähnlich Hyldemänd (Thorlacius spec. 7, 161). Die Verwünschung der bösen Tochter, daß ihr bei jedem Worte eine Kröte aus dem Mund springen solle, kommt in einer dritten Erzählung, die wir gleichfalls in Hessen gehört, vor, und ist daher aufgenommen. Ein verwandtes Märchen aus Oestreich, Lohn und Strafe, verbunden mit der Frau Holle (Nr. 24) bei Ziska S. 47. Ein anderes in Pröhles Märchen für die Jugend Nr. 5. Bei Perrault les fées (Nr. 1), im Pentamerone (3, 10) die drei Feen.

Die Strafe in einem mit Nägeln ausgeschlagenen Faß gerollt zu werden, ist eine alte Sitte. Gerhard van Velzen, weil er den Grafen Florens V. von Holland (1296) ermordet hatte, ward, nach der holländischen Chronik, in einem solchen Faß drei Tage lang gerollt. In dem alten Lied heißt es

zy deden een vat vol spykers slaan,
daar most zyn edeldom in glyden;
zy rolden hem daar drie dagen lank,
drie dagen voor den noene.

Als er da herausgeholt und gefragt wird, wie ihm zu Muth sei, antwortet er

„ik hen noch dezelve man,
die Graaf Floris zyn leven nam.“

S. Casp. Commelin Beschryving van Amsterdam I, 86–88. Auch in einem schwedischen und dänischen Volkslied kommt diese Strafe vor (Geyer und Afzelius I. Nr. 3 und Danske viser Nr. 165).


14.
Die drei Spinnerinnen.

Nach einer Erzählung aus dem Fürstenthum Corvei, doch ist aus einer hessischen beibehalten daß es drei Jungfrauen sind, jede wegen des Spinnens mit einem eigenen Fehler behaftet; dort sind [24] es nur zwei steinalte Frauen, die vom Sitzen so breit geworden sind, daß sie kaum zur Stube herein können: von dem Netzen und Lecken des Fadens haben sie dicke Lippen, vom Ziehen und Drehen desselben aber häßliche Finger und breite Daumen. Die hessische leitet auch anders ein, daß nämlich ein König nichts lieber gehabt als das Spinnen, und deshalb zum Abschied bei einer Reise seinen Töchtern einen großen Kasten mit Flachs zurückgelassen, der bei seiner Wiederkehr gesponnen sein sollte. Um sie zu befreien, ladete die Königin jene drei misgestalteten Jungfrauen ein und brachte sie dem König bei seiner Ankunft vor die Augen. Prätorius erzählt im Glückstopf S. 404–406 das Märchen folgendergestalt, eine Mutter kann ihre Tochter nicht zum Spinnen bringen und gibt ihr darum oft Schläge. Ein Mann, der das einmal mit ansieht, fragt was das bedeuten solle. Die Mutter antwortet „ich kann sie nicht vom Spinnen bringen, sie verspinnt mehr Flachs als ich schaffen kann“. Der Mann sagt „so gebt sie mir zum Weib, ich will mit ihrem unverdrossenen Fleiß zufrieden sein, wenn sie auch sonst nichts mitbringt“. Die Mutter ists von Herzen gern zufrieden, und der Bräutigam bringt der Braut gleich einen großen Vorrath Flachs. Davor erschrickt sie innerlich, nimmts indessen an, legts in ihre Kammer und sinnt nach was sie anfangen solle. Da kommen drei Weiber vors Fenster, eine so breit vom Sitzen daß sie nicht zur Stubenthüre herein kann, die zweite mit einer ungeheuern Nase, die dritte mit einem breiten Daumen. Sie bieten ihre Dienste an und versprechen das aufgegebene zu spinnen, wenn die Braut am Hochzeittage sich ihrer nicht schämen, sie für Basen ausgeben und an ihren Tisch setzen wolle. Sie willigt ein, und sie spinnen den Flachs weg, worüber der Bräutigam die Braut lobt. Als nun der Hochzeittag kommt, so stellen sich die drei abscheulichen Jungfern auch ein: die Braut thut ihnen Ehre an und nennt sie Basen. Der Bräutigam verwundert sich und fragt wie sie zu so garstiger Freundschaft komme, „ach“, sagt die Braut, „durchs Spinnen sind alle drei so zugerichtet worden, die eine ist hinten so breit vom Sitzen, die zweite hat sich den Mund ganz abgeleckt, darum steht ihr die Nase so heraus, und die dritte hat mit dem Daumen den Faden so viel gedreht“. Darauf ist der Bräutigam betrübt worden und hat zur Braut gesagt sie sollte nun ihr Lebtage keinen Faden mehr spinnen, damit sie kein solches Ungethüm würde.

[25] Eine dritte Erzählung aus der Oberlausitz von Th. Pescheck findet sich in Büschings wöchentlichen Nachrichten 1, 355–360. Sie stimmt mit Prätorius im Ganzen überein. Die eine von den drei Alten hat triefende Augen, weil ihr die Unreinigkeiten des Flachses hinein gefahren sind: die zweite einen großen Mund von einem Ohr bis zum andern, wegen des Netzens: die dritte ist dick und ungefüg vom vielen Sitzen bei dem Spinnrad. Ein Theil des Märchens in Nr. 8 bei Müllenhoff. Norwegisch bei Asbjörnsen S. 69, schwedisch bei Cavallius S. 214. In der Einleitung kommt überein Ricdiu-Ricdon der Mlle l’Heritier und verwandt ist im Petam. le sette cotenelle (4, 4).


15.
Hänsel und Gretel.

Nach verschiedenen Erzählungen aus Hessen. In Schwaben ist es ein Wolf, der in dem Zuckerhäuschen sitzt. In den Märchen der Carol. Stahl S. 92 das Häuschen von Zuckerwerk (s. unten), bei Pröhle Kinder- und Volksm. Nr. 40, bei Bechstein 7, 55. Das Eierkuchenhäuschen in Stöbers elsaß. Volksbuch S. 102. Dänisch Pandekagehuset (s. unten). Schwedisch bei Cavallius S. 14. 26. Ungarisch bei Stier S. 43. Albanesisch bei Hahn 164. 165. Serbisch bei Wuk Nr. 35. Das Märchen von den Fanggen aus dem Oberinthal bei Zingerle Kinder- und Hausmärchen S. 51. Oberlin gibt ein Stück nach der Mundart der Gegend von Lüneville in seinem Essai sur le patois. Offenbar verwandt, zumal in der Einleitung, ist auch Nennillo und Nennella im Pentamerone (5, 8) und bei der Aulnoy der erste Theil von Finette Cendron (Nr. 11). Drei Königskinder sind es da, die zweimal durch die Klugheit der jüngsten heimgeführt werden, das erstemal durch einen Faden, den sie von einer Fee erhalten, das zweitemal durch gestreute Asche: das drittemal wollen die beiden ältesten Rath schaffen und streuen Erbsen aus, die fressen aber die Tauben weg, und sie können den Rückweg nicht finden. In einem Tiroler Märchen bei Zingerle S. 138 reicht wie hier der eingesperrte Knabe dem Menschenfresser statt des Fingers ein Hölzchen heraus, und in einem schwedischen Märchen der gefangene Knabe dem Riesen (Cavallius 31).

[26] Hänsel hängt mit dem Däumling (Nr. 37 u. 45) zusammen und wird auch so in deutschen Erzählungen dargestellt. Es sind sechs Kinder, er ist das siebente. Wie sie im Wald beim Menschenfresser sind, sollen sie ihn kämmen, der Däumling aber springt ihm ins Haar, zupft ihn und kommt immer wieder. Darauf Nachts die Verwechslung der sieben Kronen mit den sieben rothen Kappen. In den Meilenstiefel thut der Däumling alle Geldbeutel und Kostbarkeiten. Hierher gehört ein Tiroler Märchen bei Zingerle S. 235 der daumlange Hansel. Die altdeutsche Fabel (Altd. Wälder 3, 178. 179) von den Zwölfen, die zum Tursen kommen, und welche die Frau vorher warnt und aufs Gaden steigen heißt, ist nur moralisch anders gewendet.


16.
Die drei Schlangenblätter.

Nach zwei Erzählungen die nur in unbedeutenden Dingen abweichen, die eine aus dem niederhessischen Dorfe Hof am Habichtswald, die andere aus einem Dorfe im Paderbörnischen. Es erscheint darin eine griechische Sage, Polyidos sollte dem Glaukos das Leben wieder geben, konnte es aber nicht. Darum ließ ihn der erzürnte Vater zu der Leiche in das Grabmal verschließen. Polyidos sah wie eine Schlange auf den todten Glaukos schlüpfte, und erschlug sie. Bald kam eine zweite Schlange und trug ein Kraut im Munde, das sie auf die getödtete legte, wovon diese alsbald wieder lebendig wurde. Schnell ergriff Polyidos das Kraut, legte es auf den Glaukos, und er erhielt das Leben wieder. Zu vergleichen ist ein ungarisches Märchen bei Stier S. 107, auch ein Gedicht der Marie de Franc, Lai d’Eliduc (1, 401 ff.), wo die Schlangen durch zwei Wiesel vorgestellt werden (474).

Daß die Frau verlangt der überlebende solle sich mit begraben lassen, erinnert an die nordische Sage von Asmund und Aswit, die, als sie Blutbrüderschaft machten, sich ein ähnliches Versprechen thaten. Asmund ließ sich hernach auch mit dem todten Aswit in den Grabhügel bringen, nahm aber einen Vorrath von Lebensmitteln mit, die ihn eine Zeitlang erhalten konnten: hernach wurde er durch einen glücklichen Zufall heraufgezogen (Suhms Fabelzeit 2, 178). Eine ähnliche Sitte zwischen Mann und Frau in Sindbads Reisen [27] (1001 Nacht 2, 137). Die Untreue der Frau nach der Wiederbelebung scheint ursprünglich nur auszudrücken daß sie das vorige vergessen und ein neues Leben angefangen habe.


17.
Die weiße Schlange.

Aus dem Hanauischen. Ähnlichkeit damit hat das Märchen von der Bienenkönigin (Nr. 62), auch ein anderes in den Ammenmärchen von Vulpius (s. unten). In Pröhles Kindermärchen der Soldat Lorenz Nr. 7. Durch den Genuß einer weißen Schlange erlernt man die Sprache der Thiere, wie in der Sage von der Seeburg (Deutsche Sagen 1, 131). Gleichbedeutend damit ist der Genuß des Drachen- oder Vogelherzens; s. das Märchen vom Krautesel (Nr. 122). Nach einer schottischen Sage gibt das Mittelstück von der weißen Schlange, am Feuer gebraten, dem der den Finger in das herabträufelnde Fett steckt, Kenntnis überirdischer Dinge; s. Grant Stewart S. 82. 83. Zu vergleichen ist bei Straparola 3, 2 das Zauberpferd.


18.
Strohhalm, Kohle und Bohne.

Aus Cassel, am besten und frühsten bei Burkard Waldis, Buch 3, Fab. 97 (1542). Die nugae venales (1648. s. l. in 12) enthalten auch crepundia poetica, daselbst S. 32. 33 unser Märchen kurz,

Pruna, faba et stramen rivum transire laborant,
     seque ideo in ripis stramen utrimque locat.
Sic quasi per pontem faba transit, pruna sed urit,
     stramen et in medias praecipitatur aquas.
Hoc cernens nimio risu faba rumpitur ima
     parte sui; bancque quasi tacta pudore tegit.

In einem lat. Gedicht des Mittelalters (Handschr. zu Strasburg) kommt die Fabel von der reisenden Maus und Kohle mit der Wendung vor, daß beide ihre Sünden zu beichten in die Kirche wallfahrten, beim Übergang die Kohle in ein Bächlein fällt, zischt und erlischt. Katze und Maus reisen, der Strohhalm bricht und die Katze fällt ins [28] Wasser, darüber lacht die Maus daß ihr der Bauch platzt; s. Stöbers elsaß. Volksb. 95. Kohle, Blase und Strohhalm reisen zusammen in einem wendischen Märchen bei Haupt und Schmaler S. 160. Vergl. Neue preuß. Provinzialblätter 1, 226. In der Erzählung der siebenbürg. Sachsen reisen Ente, Frosch, Mühlstein und Glutkohle zusammen und die beiden letzten ertrinken (Haltrich Nr. 46). Auch die äsop. Fabel von Dornstrauch, Taucher und der Fledermaus (Furia 124. Coray 42) ist zu erwähnen.


19.
De Fischer un siine Fru.

Dieses Märchen hat Runge zu Hamburg in der pommerschen Mundart trefflich aufgeschrieben, und wir erhielten es schon im Jahr 1809 von Arnim freundschaftlich mitgetheilt. Es ist hernach auch in Runge’s Werken abgedruckt worden. In Hessen wird es auch häufig, aber unvollständiger und mit Abweichungen erzählt. Es heißt vom Männchen Domine (sonst auch von Hans Dudeldee) und Frauchen Dinderlinde (wohl von Dinderl, Dirne?). Domine klagt über sein Unglück und geht hinaus an den See, da streckt ein Fischchen den Kopf hervor und spricht

„was fehlt dir, Männchen Domine?“
„ach daß ich im Pispott wohn, thut mir so weh“.
„so wünsch dir was zu haben“.
„ich wills nur meiner Frau erst sagen“.

Er geht heim zu seiner Frau und fragt was er wünschen solle. „Wünsch uns ein besseres Haus“ sagt Dinderlinde. Am See ruft er

„Fischchen, Fischchen, an der See!“
„Was willst du, Männchen Domine?“

Nun gehen die Wünsche an, erst Haus, dann Garten, dann Ochsen und Kühe, dann Länder und Reiche und so fort alle Schätze der Welt. Wie sie sich ausgewünscht haben, sagt das Männchen „nun möcht ich der liebe Gott sein und mein Frauchen Mutter Gottes“. Da streckt das Fischchen den Kopf heraus und ruft

„willst du sein der liebe Gott,
so geh wieder in deinen Pispott!“

[29] In Just. Kerners poetischem Almanach für 1812 S. 50–54 wird das Märchen auf ähnliche Art, wahrscheinlich nach einer süddeutschen Ueberlieferung, doch dem Inhalt nach dürftig in Knittelversen erzählt; der Fischer heißt Hans Entender. In den Kindermärchen von Albert Ludw. Grimm (zweite Aufl. Heidelb. 1817) kommt es gleichfalls, doch in Prosa, vor. Der Fischer Hans Dudeldee wohnt mit seiner Frau in einem Bretterhaus und ist so arm daß sie keine Fenster haben, sondern durch ein Astloch schauen müssen. Er bittet bei dem Fischlein erst um ein Haus und sofort, bis er Kaiser ist; zuletzt verlangt er, daß er Regen und Sonnenschein machen könne, wie Gott, da sitzt er wieder im Bretterhaus und sie schauen zum Astloch heraus. Im ganzen viel dürftiger. De Kossät und siine Fruu bei Kuhn Nr. 6 Et golde Fiske in Firmenichs Völkerstimme S. 377.

Der Eingang des Märchens erinnert merkwürdig an eine Erzählung in der 1001 Nacht (1, 107 histoire du pecheur) so wie an die wallisische Sage von Taliesin (vergl. Altd. Wälder 1, 70). Auch ein finnisches Märchen (mitgetheilt in dem Freimüthigen 1834 Nr. 253–256) hat einen gleichen Eingang, aber die Entwickelung ist verschieden. Der Zug, daß die Frau ihren Mann zu hohen Würden reizt, ist an sich uralt, von der Eva und der etrurischen Tanaquil an (Livius 1, 47) bis zur Lady Macbeth.


20.
Das tapfere Schneiderlein.

Die erste Hälfte aus zwei sich ergänzenden hessischen Erzählungen. Die zweite von da an, wo der Schneider den Riesen verläßt und sich an des Königs Hof begibt nach einem ziemlich seltenen kleinen Buch, Wegkürzer, ein sehr schön lustig und aus der Maßen kurzweilig Büchlein durch Martinum Montanum von Straßburg (1557 in 12) Bl. 18–25. Dieser Theil kann für sich bestehen, ist hier aber, weil er natürlich an den vorhergehenden paßt, angefügt und darum auch umgeschrieben worden; in der ersten Auflage kann man den unveränderten Abdruck nachsehen. Anspielungen auf das Märchen finden sich bei Fischart im Gargantua (254b) „ich will euch tödten wie die Mucken, neun auf einen Streich, wie jener Schneider“, und im Flohhatz (Dornavius 39b)

[30]

horst nicht vom tapfern Schneiderknecht,
der drei in einem Streich zu todt schlecht.

Ferner im Simplicissimus (2. Cap. 28) „und den Titul eines Schneiders, sieben auf einen Streich! überstiegen hatte“; und im Fabelhans (16, 3) „fünf auf einen Streich!“ Die Zahl wechselt natürlich, man hört auch „neun und zwanzig auf einen Streich!“ Wenn der Riese hier Wasser aus einem Stein drückt, so bezieht sich darauf vielleicht eine Stelle bei dem Bruder Wernher (M. S. 2, 164b),

und weiz doch wol ê ich ein argen zagen
getwunge ûf milten muot
daz ich mit riemen liehter twunge einen stein,
daz man im an der âder lieze bluot.

Und zu der List des Schneiders, der statt des Steins einen Käs nimmt, gehört eine Stelle in Freibergs Tristan,

5190
und nam den kaese in sîne hant,

der willetôre Tristrant
greif sô grimmeclich dar în
daz im durch die vinger sîn
ran daz kaesewazzer.

Ein Stück aus diesem Märchen nach einer unterösterreichischen Erzählung bei Ziska S. 9. Das Schneiderlein tritt seine Fahrt an und nimmt bei dem Riesen, den es in der Ferne für einen Berg gehalten hatte, Dienste. „Was bekomm ich für einen Sold?“ fragte es. „Jährlich 365 Tage und ists ein Schaltjahr einen mehr“, antwortete der Riese, „bist du damit zufrieden?“ „Meinetwegen, man muß sich halt strecken nach der Decken“. Der Riese heißt ihn einen Krug Wasser holen. „Ei, warum nicht lieber den Brunnen samt der Quelle“ spricht das prahlerische Schneiderlein. „Was“, brummt der Riese, „der Kerl kann mehr als Äpfel braten, der hat einen Alraun im Leib!“ Hernach sagt er dem Schneiderlein es solle einige Scheite Holz im Walde abhauen und heim tragen. „Ei, warum nicht lieber den ganzen Wald“. Wie das Holz da ist, verlangt der Riese von ihm es solle ein paar Wildschweine schießen. „Warum nicht lieber gleich tausend mit einem Schuß und dich dazu?“ „Was“, sagt der Riese erschrocken, „laß es nur für heute gut sein, und leg [31] dich schlafen“. Am andern Morgen geht der Riese mit dem Schneiderlein zu einem Sumpf der stark mit Weidengebüsch bewachsen ist. „Nun setz dich, mein Diener, auf so eine Gerte, damit ich sehe ob du sie zu biegen vermagst?“ Der Schneider thuts, hält den Athem an sich, und macht sich schwer, damit sich die Gerte biegt, aber wie er wieder Athem schöpfen muß, schnellte sie ihn, weil er unglücklicher Weise sein Bügeleisen nicht bei sich hat, zum Vergnügen des Riesen so hoch in die Luft, daß er nicht mehr zu sehen ist. Das Märchen ist in ganz Deutschland verbreitet, man findet es noch im Büchlein für die Jugend S. 174–180, bei Kuhn Nr. 11, Stöber elsaß. Volksb. S. 109, Bechstein S. 5, Ernst Meyer Nr. 37, Vonbun S. 9, Zingerle S. 12. Pröhle Kindermärchen Nr. 47. Schwedisch bei Cavallius S. 1–8. Norwegisch bei Asbjörnsen S. 40. Dänisch bei Etlar S. 29 im Märchen von einem tapfern Schuhmachergesellen, die gereimte Bearbeitung beschreibt Nyerup in seiner Schrift über die dänischen Volksbücher (Almindelig, Morskapsläsning i Dannemark og Norge. Kiöbenh. 1816) S. 241. 242. Der Held schlägt mit seinem Knieriemen funfzehn Fliegen auf einen Schlag todt, von welcher großen That der Ruf ausgeht, so daß ihn ein Fürst in seine Dienste nimmt, um sein Land von einem Eber zu befreien. Das Thier frißt eine schlafbringende Frucht und wird leicht von dem Schuhmacher erschlagen. Dann bezwingt er das Einhorn, endlich einen Bären, den er in einen Ziegelbrennerofen einsperrt. Im Holländischen gibt es wieder eine eigenthümliche Erzählung, die hier aus einem Amsterdamer Volksbuch (Van klepn Kobisje alias Koningh sonder Onderzaten S. 7–14) folgt: sie steht auch fast gleichlautend in einem andern holländischen Volksbuch, Clement Marot, als Anhang S. 132–133, mit der Ueberschrift Hans Onversagt. Kleyn Kobisje sittende aen de Naaybank hy scheld een Appel ende laet de Schel van die op de Naaybank liggen, hy maeckt en Vliegeslager, en alsoo ’er Vliegen op de Appelschel quamen, om die af te keeren, flaet ’er met in eenen Slag feven gelyk; springt van de Naaybank, oordelde dit een Romeyn-stuk te zyn, denkt noch hier door een groot Man te worden, verkoopt al wat hy heeft, en laet ’er een cierlyk Schild van maken, en liet ’er opsetten „ick heet Kobisjen den onversaagden, ick sla der seven met eenen Slagh“. Treckt doen in een ver Landt, daer den Koningh Meester was, bind doen dit Schild op syn Borst, ende gaet achter des Koninghs Paleys, tegen een hoogen Heuvel aen [32] leggen, daer hy wist dat de Koningh gewoon was ordinaris heen te sien; ende also de Son sterck scheen, en wist de Koningh niet wat daer so flikkerde, send terstond een Edelman derwaerds. Hy by hem komende wierd vervaert in dit te lesen „ick heet Koningh onversaagd, ick sla der seven met een Slagh“. Gaet wederom, verhaelt den Koningh dit vorgaende, die terstond 2 a 3 Compagnien Soldaten daer henen sond, om hem wacker te maken, en met een beleeft Onthael ten Hove te geleyden, met soodanigh Respect, als sulcken Cavalier toekomt. Sy trecken op’s Koninghs Bevel henen, by hem komende en dorsten hem, ofte niemand en wil de eerste wesen, om hem aen te spreken. Maer eenen uyt den Hoop was soo couragieus dat hy een Pieck nam ende stiet hem tegens de Sool van syn Schoen. Hy ’springht op met groote Kracht, sy vallen op haer Knyen, ende biddem hem, hy beliefden eens by den Koningh te komen, het welcke geschieden. By den Konigh nu zynde, was hy in groot Aensien. Ondertusschen word hem vorgehouden, hy kon des Koninghs Zwager worden, maer daer waren drie zware Dingen te doen, die moest hy voor den Koningh uytwercken. Voor eerst soo was ’er een wild Vercken, dat seer veel quaed dede, en niemand vangen kon. Ten tweeden waren ’er drie Reusen, die het in het Bosch des Koninghs soo onvry maekten, dat ’er niemand door konde reysen, of was een doodt Man. Ten derden waren ’er ettelyke duysend vreemde Volckeren in het Land geyallen, en soo ’t scheen, stond het Ryck in groot Peryckel. Dit neemt hy aen om uyt te voeren. Word den Wegh aengewesen, daer het wild Vercken was. Gaet met een groote Couragie uyt ’t Hof. Hy was qualyck soo ver, dat hy ’t Vercken hoorde, of wenschte sich selve weer aen syn Naaybank. ’t Vercken komt met sulcken Furie op hem aenlopen, dat hy na een goed Heenkomen sagh, siet een vervallen Kapel, en vlucht daer in. Het Vercken hem na. Hy met ’er Haast vlieght door het Venster over de Muur ende haelt de Deur van de Kapel toe. Doen was ’t Vercken vast, en komt by den Koningh, die hem voraeghde, hoe hy ’t Vercken gefangen had? voer altoos uyt „ick greep het met groote Kracht by de Hairen of Borstelen en wierp ’t in de Kapel, en ick heb’t niet willen dooden, om u voor een Present te vereeren“. Groote Vreugd was ’er in ’t Hof. Gaet na de Reusen, en tot en Geluck vond haer slapende. Neemt syn Sack, vult die met Steenen. Klimt op eenen hoogen Boom, werpt den eenen, die meenden dat het den anderen dede. [33] Begint te kyven, hy sou syn werpen laten of hy soude hem voor sin Ooren bruyen. Den tweeden word ook geworpen, begint te vloecken. De derde word met het selfde onthaelt. Staet op en treckt syn Degen. Vlieght den anderen aen en steekt hem, dat hy doot ter Aerden valt. Begint met den anderen ook, en door ’t lang Worstelen vallen beyde ter Aerden van Vermoeytheyd. Hy syn Kans siende, komt af en neemt van die doodt was syn Rapier en steekt die alle beyde doodt en houdse den Kop af, gaet so weder na’t Hof. Den Koningh veraeghde hem of het bestelt was? antwoorde „ja“. Men vraeghde hem hoe hy’t bestelt had? Seyde aldus, „ik nam den eenen by syn Beenen, en ick slevger den ander met, dat hy dood ter Aerden viel, en den anderen heb ick met de selfde Munt betaelt. En die ick by de Beenen had, half doodt zynde, smeet ick met sulcken Kracht tegen een Boom, dat den Boom wel ses Voet uyt de Aerde vloogh“. De Vreughd was seer groot, ende men hielt hem voor de grootste in’t Hof. Hy maeckten hem wederom gereed, en den Adel van’t Hof met hem, en daer toe een braef Heyrleger, daer hy Oversten van sou zyn. Syn Afscheyd genomen hebbende, vingh’t derde Stuck aen. Liet het Leger marcheeren, ende hy volghde te Paerd. Maer alsoo hy noyt een Paerd gereden hadde, wist hen qualyk in Postuur te houden. Gekomen zynde op de Plaets daer de Vyandt was, laet hy het Leger in Batalie stellen, hem wierd doe geboodschapt dat het alles in Order was. Wist niet hoe hy’t Paerd soude wenden. Treckt aen de verkeerde Zyde des Tooms, en geeft het Paerd de Sporen, so dat het met een volle Galop na de Vyand liep. En alsoo hy den Toom van het Paerd niet vast en hield, greep hy onderwegen een houte Kruys, dat onder afbrack, en hield het soo vast in den Arm. Den Vyand hem fiende, meende dat het de Duyvel was, ende begonden te vluchten, en die’t niet ontkomen en kosten, verdronken; staken hare Schepen van de Wal af ende voeren soo wegh. Hy quam met den Zegen wederom by syn Adeldom, en’t heele Leger, die hy zyn Victorie verhaelde, en hoe de Vyanden heel in Routen geslagen waren. Hy komt by den Koningh, en verhaelt syn Victorie, die hem bedanckten. Voorts doet hy hem uytroepen voor Navolger en Nazaat to de Kroon. Den Trouwdagh vast gestelt zynde, maken daertoe groote Preparatien. Den Trouw gehouden hebbende, was hy in groot Annsien, en altyd naest den Koningh. ’t geviel, dat Kobisje meest alle Nachten droomde, als dat hy noch [34] aen de Naaybank sat, en hem quam altydt noch het een of’t ander in de Gedachten van syn Werck, luydkeels riep „lustigh, lustigh, rep-je! noch ses of seven, soo hebje heyligh Avond!“ meende dat hy de Jongens iet te vouwen of te naajen gaf. De Dochter wird vervaert, meenende dat den Duyvel in hem was, om dat hy soo al relde van lustigh, lustigh. Klaeght het haer Vader, dat hy haer een Boekebinder gegeven had, en geen Heer van Staet. De Vader besluyt een Compagnie Soldaten 2 a 3 by zyn Slaepplats te leggen, om (soo’t weer gebeurde) hem gevangen te nemen of dooden. Hy word hiervan gewaerschouwt. Te Bed zynde, vaert aldus uyt, „ick heb een wildt Zwyn overwonnen, ick heb drie Reusen gedoodt, ick heb een Leger van honderd duysend Mannen verslagen, en van dese Nagt sal ’er noch 2 a 3 Compagnien Soldaten aen!“ Hy ten Bedde uytstapt na haer toe, en gaet met groote Kracht. Sy hem hoorende, vielen Bol over Bol van boven neer. Die gene die doodt bleven en Armen en Beenen verloren hadden, waren in groot Getal, en die het ontliepen, brochten den Koningh sulken Boodschap, die aldus uytvoer „myn Dochter behoord wyser te wesen datse sulken grooten Cavelier soo sal affronteren“. Ondertusschen den Koningh sieck zynde, sterft, laet hem tot Nazaat van de Kroon, die Kobisje aennemmt, en heeft syn Ryck in Rust geregeert. Im Englischen ist das Märchen von Jack dem Riesentödter (Tabart 3, 1–37) verwandt und bei Müllenhof Nr. 17. Einzelne Züge in einem Tiroler Märchen bei Zingerle S. 108. Auch gehört das persische Märchen von Amint dem klugen (Kletke Märchensaal 3, 54) hierher. Selbst bei den Lappländern ist es bekannt; s. Nilsson Ureinwohner des skand. Nordens (Stockh. 1843) S. 31. Wie das Schneiderlein zum Schein, so wirft Tugarin (im russ. Lied von Wladimir; s. unten) im Ernst einen Stein, daß er gar nicht wiederkehrt. Die Sage von dem besiegten Eber findet sich auch in dem Buch von den sieben weisen Meistern S. 36. 37.


21.
Aschenputtel.

Nach drei Erzählungen aus Hessen. Eine davon aus Zwehrn hat nicht den Eingang, wo die sterbende Mutter ihrem Kinde Beistand [35] verspricht, sondern fängt gleich damit an, daß es einem Stiefkind schlimm geht; auch ist das Ende verschieden. Nachdem Aschenputtel ein Jahr lang vergnügt mit dem König gelebt, verreist er und läßt ihr alle Schlüssel zurück, mit dem Befehl eine gewisse Kammer nicht zu öffnen. Als er aber fort ist, wird sie von der falschen Schwester verleitet die verbotene Kammer aufzuschließen, worin sie einen Blutbrunnen finden. In diesen wird sie hernach, als sie bei der Geburt eines Söhnleins krank liegt, von der bösen Schwester geworfen, die sich an ihrer Stelle ins Bett legt; aber die Wachen hören das Jammergeschrei, retten die rechte Königin und die falsche wird bestraft. Dieser Schluß ist dem in dem Märchen von Brüderchen und Schwesterchen (Nr. 11) ähnlich, einen anderen, der an die bekannte Sage von der heiligen Genoveva erinnert, hat eine vierte Erzählung aus dem Meklenburgischen. Aschenputtel ist Königin geworden und hat ihre Stiefmutter, die eine Hexe ist, und ihre böse Stiefschwester zu sich genommen. Als sie einen Sohn gebiert, legen diese einen Hund hin und geben das Kind einem Gärtner, der soll es tödten; eben so beim zweitenmal, wo der König aus großer Liebe abermals dazu schweigt. Beim drittenmal überliefern sie die Königin mit dem Kinde dem Gärtner, er solle sie tödten, er bringt sie aber in eine Waldhöhle. Da die Königin vor Gram keine Milch hat, so legt sie das Kind einer Hirschkuh an, die in der Höhle ist. Das Kind wächst, wird aber wild, bekommt lange Haare und sucht im Walde Kräuter für seine Mutter. Einmal kommt es zu dem Schloß und erzählt dem König von seiner schönen Mutter. Fragt er „wo ist denn deine schöne Mutter?“ „Im Wald in einer Höhle“. „Da will ich hingehen“. „Ja, aber bring einen Mantel mit, daß sie sich anziehen kann“. Er geht hinaus, erkennt sie, ob sie gleich ganz mager ist, und nimmt sie mit. Unterwegs begegnen ihm zwei Knaben mit goldenen Haaren. „Wem gehört ihr“ fragt er. „Dem Gärtner“. Der Gärtner kommt und entdeckt daß es des Königs Kinder sind, die er nicht getödtet sondern bei sich aufgezogen hatte. Die Wahrheit kommt an den Tag und die Hexe mit ihrer Tochter wird bestraft. Eine fünfte Erzählung aus dem Paderbörnischen leitet so ein, eine schöne Gräfin hatte in der einen Hand eine Rose, in der andern einen Schneeball und wünschte sich ein Kind so roth als die Rose und so weiß als der Schnee. Gott erfüllt ihren Wunsch. Wie sie einmal am Fenster [36] steht und hinaussieht, wird sie von der Amme hinabgestoßen. Das gottlose Weib aber erhebt ein Geschrei und gibt vor die Gräfin habe sich selbst hinabgestürzt. Dann berückt sie durch ihre Schönheit den Grafen daß er sie zur Gemahlin nimmt. Sie gebiert ihm zwei Töchter, und das schöne roth und weiße Stiefkind muß als Aschenputtel dienen. Es soll nicht in die Kirche, weil es keine Kleider hat, da weint es auf seiner Mutter Grab, die reicht ihm einen Schlüssel heraus und heißt es einen hohlen Baum aufschließen: er öffnet sich wie Schrank, und es findet darin Kleider, Seife sich zu waschen und ein Gebetbuch. Ein Graf sieht es und um es festzuhalten, bestreicht er die Kirchenschwelle mit Pech. Es entwickelt sich nun alles wie in den andern Erzählungen. Eine sechste aus der Gegend von Zittau wird in Büschings Wöchentl. Nachrichten 1, 139 angedeutet. Aschenputtel ist eine Müllerstochter und soll auch nicht in die Kirche gehen. Neues kommt nicht vor, nur daß statt der Tauben ein Hund die falsche Braut verräth und bellt

„wu, wu, wu!
Schuh voll Blut!“

und bei der rechten

„wu, wu, wu!
Schuh paßt gut!“

Eine siebente in Hagens Erzählungen und Märchen 2, 339. Die Reime lauten,

„helfen in dein Kröppchen,
aber nicht in dein Töppchen“.
„Hohe Weide, thu dich auf,
gib mir dein schön Geschmeide raus“.

Der Hund bellt

„hau, hau, hau, hau, hau,
mein Herr hat nicht die rechte Frau“.

Eine achte bei Colshorn Nr. 44. Eine neunte bei Meier Nr. 4.

Dies Märchen gehört zu den bekanntesten und wird aller Enden erzählt. Murner sagt „es soll ein gouch sein wib regieren lassen und meister sin. Nit daß du si alwegen für ein Fußtuch woltest halten, denn si ist dem man uß der siten genummen und nit uß den Füssen, [37] daß si soll ein äschengriddel sin“ Geuchmat Straßb. 1519 (zuerst 1515) 4. Bl. eb. Im Niederdeutschen Askenpüster, Askenböel und Askenbüel (Bremer Wörterb. 1, 29. 30. In Holstein nach Schütze Aschenpöselken von pöseln, mühsam (die Erbsen aus der Asche) suchen: Sudelsödelken, von sölen, sudeln, weil es im Schmutz verderben muß. In Pommern Aschpuck, ein schmutziges Küchenmädchen (Dähnert). Die hessische Mundart bestätigt auch Estor im oberhessischen Wörterbuch, Aschenpuddel, ein geringfügiges, unreines Mägdlein. Noch mehr oberdeutsch ist Aschenbrödel (Deutsches Wörterbuch 581) und Äscherling. Aschengrittel, Aschengruttel, Äschengrusel in Schwaben (Schmid schwäb. Wörterb. 29. Deutsches Wörterb. 1, 582). Dänisch und schwedisch Askefis, vom blasen in die Asche (at fise i Asken). Jamieson v. Assiepet, Ashypet, Ashiepattle, a neglected child, employed in the lowest kitchenwork. Polnisch Kopciuszek von Kopec, Ruß, Rauch.

Es gab sonst ein Märchen, wo Aschenprödel ein von stolzen Brüdern verachteter Knabe war, wie ein ähnliches Verhältnis in dem Märchen vom Eisenhand Mann (Nr. 136) vorkommt und im Aschentagger bei Zingerle S. 395. Rollenhagen in der Vorrede zum Froschmeuseler erwähnt es unter den wunderbarlichen Hausmärlein „von dem verachteten, frommen Aschenpößel und seinen stolzen, spöttischen Brüdern“. Auch Oberlin theilt vom Aschenprödel eine Stelle mit, worin ein Knecht diesen Namen führt und Geiler von Keisersberg nennt einen verachteten Küchenknecht einen Eschengrüdel, „was ein Eschengrüdel alles thun muß“ Brosamen Bl. 79a; vergl. in den 15 Staffeln die siebente. Tauler in der medulla animae sagt „ich dein Stallknecht und armer Aschenbaltz“. Luther in den Tischreden 1, 16 „Cain der gottlose Bösewicht ist ein gewaltiger auf Erden, aber der fromme und gottesfürchtige Abel muß der Aschenbrödel unterthan, ja sein Knecht und unterdrückt seyn“. Agricola Nr. 515 „bleibt irgend ein Aschenbrodel, darauf niemand gedacht hätte“ Nr. 594 „Jacob der Aschenbrodel, der Muttersohn“. Bei Eyering 2, 342 „armer Aschenwedel“. Verelius in den Anmerkungen zur Gautrekssaga gedenkt S. 70 der Volkssage „huru Askefisen sick Konungsdottren til hustru“, welche mithin auch von einem Jüngling handelte, der Küchenjunge war und die Königstochter erhielt. Auch die Sprichwörter sitia hema i asku, liggia som kattur i hreise und liggia vid arnen, gelten meist von Königssöhnen, in der Wilkinasaga Cap. 91 von Thetleifr, [38] und in der Refssaga (Cap. 9 der Gothrekssaga), aus welcher Verelius alles andere herleiten will. In den norwegischen Märchen bei Asbjörnsen kommt häufig ein Askepot vor: in den finnischen heißt er Tukhame oder Tuhkimo von tukka Asche; s. Schiefner 617. Man wird auch an den starken Rennewart Ulrichs von Thürheim erinnert, der gleichfalls erst ein Küchenknecht sein muß, auch an den Alexius, der in seines Vaters kaiserlichem Haus unter der Stiege wie ein Knecht wohnt; s. Görres Meisterlieder S. 302.

Es war uralte Sitte daß der Unglückliche sich in die Asche setzte, so setzt sich Odysseus, der als Fremdling und um Hilfe flehend zu dem Alkinoos geredet hat, demüthig in die Asche am Herd nieder und wird dann daraus in die Höhe gehoben 7, 153. 169; vergl. 11, 191.

Oft wird erwähnt daß die Tauben rein lesen. Es sind die reinen, heiligen Thiere und gute Geister. Schon beim Meister Sigeher (MS. 2, 221b),

dem milten bin ich senfte bî
mit linden sprüchen süezen,
schône alz ez ein turteltûbe habe erlesen.

Bei Geiler von Keisersberg „so liset die taub uff die aller reinsten kornlin“, darumb wenn man sauber korn hat, so spricht „man es ist eben als hetten es die tauben zsamen getragen“ Brosamen Bl. 88b. In Pauli’s Schimpf und Ernst (1535) Cap. 315 Blatt 60a eine Erzählung von einer Frau, die ganz hinten in der Kirche auf ihren Knien lag und vor Andacht weinte, da sah der Bischof wie eine Taube kam und las dieselben Thränen auf und flog danach hinweg. Bei dem Umstand, daß Aschenputtel durch den verlorenen Schuh gesucht und entdeckt wird, ist an die Sage von der Rhodope zu erinnern, deren von einem Adler entführten Schuh Psammetichus, dem er in den Schoos gefallen war, durch ganz Ägypten schickte um die Eigenthümerin zu seiner Gemahlin zu machen (Aelian Var. lib. 13).

Gudrun muß im Unglück Aschenbrödel werden, sie soll selber, obgleich eine Königin, Brände schüren und den Staub mit dem eigenen Haar abwischen: sogar Schläge muß sie dulden; vergl. 3986. 3991. 4021. 4077. 4079.

Im Pentamerone (1, 6) Cennerentola bei Perrault Cendrillon [39] ou la petite pantoufle de verre (Nr. 6); bei der Aulnoy Finette Cendron (Nr. 10). Norwegisch bei Asbjörnsen S. 110. Ungarisch in dem zweiten Theil des Märchens von den drei Königstöchtern bei Stier S. 34 folg. Serbisch mit eigenthümlichen und schönen Abweichungen bei Wuk Nr. 32. Schottky bemerkt ausdrücklich (Büschings wöchentl. Nachrichten 4, 61) daß die Serbier ein dem deutschen ähnliches Märchen von Aschenbrödel haben. Verwandt ist das Märchen von allerlei Rauh (Nr. 65) so wie das vom Einäuglein (Nr. 130).


22.
Das Räthsel.

Aus Zwehrn in Niederhessen. Die Sage von der Turandot, sie will ihr Räthsel aufgelöst haben, und sucht was sie fürchtet und was ihren Stolz und ihre Macht bricht. Eine andere Erzählung weicht in einigen Zügen ab. Ein Königssohn erblickt ein Mädchen, dessen Schönheit ihn so reizt daß er ihm nachgeht und in das Haus einer Hexe geräth, deren Tochter es war. Das Mädchen selbst ist gut gesinnt und warnt ihn vor den Zauber- und Gifttränken seiner Mutter. Er reitet fort, aber sie eilt ihm nach und will ihm einen Trank bringen. Da sie ihn nicht erreichen kann, gibt sie das Glas seinem Diener, der soll es ihm geben, aber das Glas springt (vergl. Deutsche Sagen 2, 319) und das Pferd, auch von dem Gift besprüzt, fällt todt nieder. Der Diener lauft dem Herrn und erzählt ihm was geschehen ist; sie gehen zurück, um den Sattel zu holen, da sitzt ein Rabe auf dem Pferd und frißt davon. Der Königssohn tödtet ihn und sie nehmen ihn mit; als sie ins Wirthshaus kommen, geben sie ihn dem Wirth, der soll ihn braten. Sie sind aber in eine Mördergrube gerathen und werden eingeschlossen. Nachts kommen die Mörder um den Fremdlingen das Leben zu nehmen, essen aber zuvor den Raben, der für jene gebraten war und sterben alle davon. Nun geht die Tochter des Wirths, die es redlich meint, öffnet den Fremden die Thüre und zeigt ihnen das viele Gold und die Schätze. Der Königssohn sagt das solle sie zum Lohn behalten, reitet mit seinem Diener weiter und kommt in die Stadt, wo die Königstochter die Räthsel löst. Er legt ihr nun [40] vor „einer schlug keinen und schlug doch zwölf“. Das übrige stimmt überein. Zu vergleichen ist ein Märchen in Laßbergs Liedersaal 1, 537.


23.
Mäuschen und Vögelchen und Bratwurst.

Aus Philanders von Sittewald Gesichten Thl. 2 am Ende des siebenten Gesichts. Das Märchen lebt aber auch noch mündlich fort, doch wird manches anders, namentlich wird es bloß vom Mäuschen und Bratwürstchen erzählt, ohne das Vögelchen: das eine muß diese Woche kochen, das zweite die andere. Eine Erzählung aus dem Elsaß bei Stöber Volksbüchlein S. 99. Gevatter Mysel und Gevatter Läverwürstel in den neuen preuß. Provincialblättern 1, 226.


24.
Frau Holle.

Aus Hessen und Westphalen. Eine dritte Erzählung aus der Schwalmgegend verbindet dies Märchen mit dem von Hänsel und Gretel. Es sassen zwei Mädchen bei einem Brunnen und spannen, das eine war schön, das andere war garstig. Das schöne sprach „wer seinen Rocken läßt in das Wasser fallen, der soll hinter drein“. Da fiel ihm der Rocken hinab, und es mußte hinunter. Unten aber ertrank es nicht im Wasser, sondern kam auf eine Wiese, darauf stand ein Birnbäumlein, zu dem sprach es „schüttel dich, rüttel dich“, da schüttelte und rüttelte sich das Birnbäumlein. Darauf kam es zu einem Kälbchen, und sprach „Muhkälbchen, beug dich“. Da beugte sich das Kälbchen. Darauf kam es zu einem Backofen und sprach zu ihm „Backöflein, back mir einen Weck“. Da backte ihm der Backofen einen Weck. Endlich kam es an ein Häuschen von Pfannkuchen, und weil es Hunger[1] hatte, so aß es davon. Und wie es ein Loch gegessen hatte, sah es hinein und erblickte ein rothes Mütterlein, das rief „der Wind, das himmlische Kind! komm herein und laus mich“. Da gieng es hinein und lauste die Alte bis sie einschlief. Darauf gieng es in eine Kammer, wo alles voll von goldenen Sachen war, und that ein goldenes Kleid an [41] und gieng wieder fort. Wies aber wieder zum Backöflein kam, sprach es „Backöflein, verrath mich ja nicht“. „Nein ich will dich nicht verrathen“. Dann kam es zum Kälbchen und endlich zum Birnbäumlein und sprach zu jedem „verrath mich nicht“, und jedes antwortete „nein, ich verrath dich nicht“. Nun kam es wieder zum Brunnen herauf, und der Tag brach eben an, da rief der Hahn „unser goldenes Mädchen kommt!“ Bald fällt auch der Garstigen der Rocken in den Brunnen und sie muß hintennach; sie kommt zu dem Birnbaum, dem Kalb und Backofen, sie spricht wie die schöne zu ihnen, aber sie folgen ihr nicht. Nun laust sie die rothe Alte bis sie eingeschlafen ist, geht in die Kammer und kleidet sich ganz golden an und will wieder heim. Sie bittet den Backofen, das Kalb und den Birnbaum, sie nicht zu verrathen, aber sie antworten „ja, wir verrathen dich doch“. Als nun die Alte aufwacht, eilt sie dem Mädchen nach, und jene sagen zu ihr „wenn du laufst, so holst du es noch ein“. Sie erreicht es auch noch und besudelt ihm das goldene Kleid. Wie es nun wieder heraufkommt und eben der Tag anbricht, so ruft der Hahn „unser dreckiges Mädchen kommt!“ Hiermit stimmt eine vierte Erzählung aus dem Paderbörnischen am meisten überein, besonders in der Theilnahme, welche die Dinge, die auf dem Wege das Mädchen anrufen, hernach bezeigen. Es hat ein Bäumchen geschüttelt, eine Kuh gemelkt, der man ihr Kälbchen gestohlen, und das Brot aus dem Ofen gezogen. Es muß dann in dem Haus eine Hexe, einen Affen und einen Bären jeden Mittag lausen, dafür bekommt es die schönsten Kleider, Gold und Silber in Menge. Wie es das alles hat, spricht es „ich will hingehen und Wasser holen“. Es geht und findet die Thüre zu dem Brunnen wieder, durch welche es herabgekommen war. Es öffnet die Thüre und sieht eben den Eimer sich herabsenken, da setzt es sich hinein und wird hinaufgezogen. Weil es nun ausbleibt, schicken die Hexe, der Affe und der Bär einen großen schwarzen Hund nach, der fragt überall ob niemand ein ganz mit Silber und Gold behangenes Mädchen gesehen. Aber der Baum den es geschüttelt hat, zeigt mit seinen Blättern einen andern Weg: die Kuh die es gemelkt hat, geht einen andern und nickt mit dem Kopf, als sei es dort hin, und der Backofen schlägt mit seiner Flamme heraus und zeigt ganz verkehrt. Der Hund kann also das Mädchen nicht finden. Dem bösen Mädchen geht es dagegen schlimm, als es entflieht und unter den Baum kommt, den es nicht [42] hat schütteln wollen, schüttelt er sich selbst und wirft viele trockene Zweige herab, die es schlagen: die Kuh die es nicht hat melken wollen, stößt es, so daß es endlich zerschlagen und voll blauer Flecken oben wieder anlangt. Eine fünfte abermals hessische Erzählung ist abweichend. Es war eine Frau, die liebte nur ihre rechte und gar nicht ihre Stieftochter, die doch ein gutes frommes Mädchen war; sie hielt es immer hart und suchte es los zu werden. Eines Tags setzte sie beide an einen Brunnen, da sollten sie spinnen, „wer mir aber den Rocken hinabfallen läßt, den werf ich hinter drein“. So sprach sie und band ihrer Tochter den Rocken fest, der Stieftochter aber ganz lose. Kaum hat diese ein bischen gesponnen, fällt ihr der Rocken hinab, und die Stiefmutter ist unbarmherzig genug und wirft sie hinab. Sie fällt tief hinunter, kommt in einen herrlichen Garten und in ein Haus, wo niemand ist: in der Küche will die Suppe überlaufen, will der Braten eben verbrennen und der Kuchen im Backofen eben schwarz werden. Sie setzt die Suppe geschwind ab, gießt Wasser zum Braten und nimmt den Kuchen heraus und richtet an: so hungrig sie aber ist, nimmt sie doch nichts davon außer ein paar Krümchen, die beim Anrichten vom Kuchen herabgefallen waren. Darauf kommt eine Nixe mit furchtbaren Haaren, die gewiß in einem Jahr nicht gekämmt waren, und verlangt sie solle sie kämmen, aber nicht rupfen und nicht ein einzig Haar ausziehen, welches sie endlich mit vielem Geschick zu Stande bringt. Nun sagt die Nixe, sie wolle sie gern bei sich behalten, sie könne aber nicht, weil sie die paar Krumen gegessen habe; doch schenkt sie ihr einen Ring und andere Sachen, wenn sie den Nachts drehe, wolle sie zu ihr kommen. Die andere Tochter soll nun auch zu der Nixe, und wird in den Brunnen geworfen; sie macht aber alles verkehrt, bezähmt ihren Hunger nicht, und kommt dafür mit schlechten Geschenken zurück.

Eine sechste Erzählung aus Thüringen gibt W. Reynitzsch in dem Buche über Truhten und Truhtensteine (Gotha 1802) S. 128–131. Die schöne Schwester, der die Spindel in den Brunnen gefallen ist, wird von der garstigen (aischlichen) hinabgestoßen. Sie kommt auf ein weites Feld, ein weißes Männchen geht mit ihr auf eine grüne Wiese, auf welcher ihnen ein Bardel (Sänger) mit seiner Geige begegnet, sie singend empfängt und geleitet. Eine rothe Kuh bittet gemelkt zu werden, damit ihr der Euter nicht zerspringe; das Mädchen thuts. Sie gelangen endlich an eine prächtige Stadt, das [43] Männlein fragt zu welchem Thor es eingehen wolle, zum Goldthor oder zum Pechthor. Es wählt aus Demuth das letztere, wird aber durch das erstere geführt, wo alles von Gold trieft: Angesicht und Kleider werden ihr vergoldet. Eine Jungfrau fragt wo sie wohnen will, im weißen oder schwarzen Haus, sie spricht wieder im schwarzen, wird aber ins weiße geführt. Eine andere fragt ob sie lieber mit schönen Spinnerinnen Goldflachs spinnen und mit ihnen essen wolle, oder mit Katzen und Schlangen. Das Mädchen erschrickt, wird aber zu den Goldspinnerinnen gebracht, ißt mit ihnen Braten und trinkt Bier und Meth. Nachdem es ein herrliches Leben eine zeitlang da geführt, wird es durch ein Goldthor von einem andern Männchen wieder zurückgebracht, und langt mit Goldkränzen behängt zu Hause an. Der gelbe Hahn kräht bei ihrer Ankunft kickericki, kickericki! und alle rufen „da kommt die goldene Marie!“ Nun läßt sich die häßliche Schwester auch in den Brunnen stoßen. Es folgt von allem das Gegentheil, ein schwarzes Männchen führt sie fort, sie kommt durchs Pechthor in eine Nebelwohnung zu Schlangen und Kröten, wo sie sich nicht satt essen darf und Tag und Nacht keine Ruhe hat. In der Naubertischen Sammlung (1, 136–179) ist das Märchen im Ganzen nach jener vierten hessischen Erzählung bearbeitet und in der Weise der übrigen, aber recht angenehm, erweitert. Eine andere Bearbeitung in den Erzählungen der Mad. Villeneuve, wovon Ulm 1765 eine Uebersetzung unter dem Titel die junge Amerikanerin erschien. Das Murmelthier (Liron), so heißt das Stiefkind, muß die gröbste Arbeit verrichten, die Schafe hüten und dabei eine gegebene Zahl gesponnener Faden mit nach Haus bringen. Das Mädchen setzt sich oft an einen Brunnenrand, will eines Tages sich das Gesicht waschen und fällt hinein. Als es wieder zu sich kommt, befindet es sich in einer Krystallkugel unter den Händen einer schönen Brunnenfrau, der es die Haare kämmen muß, dafür bekommt es ein kostbares Kleid, und so oft es seine Haare schüttelt und sich kämmt, sollen glänzende Blumen herausfallen, und wenn es in Noth ist, soll es sich herabstürzen und Hilfe bei ihr finden. Dann gibt sie ihm noch einen Schäferstab der die Wölfe und Räuber abwehrt, ein Spinnrad und einen Rocken der allein spinnt, endlich einen zahmen Biber, zu mancherlei Diensten geschickt. Als Murmelthier mit diesen Gaben Abends heim kommt, soll die andere Tochter sich gleiche erwerben, und springt in den Brunnen hinab. Sie geräth aber in Sumpfwasser, [44] und wird wegen ihres Trotzes begabt, daß stinkendes Rohr und Schilf auf ihrem Kopf wächst; und wenn sie eins ausreißt, wächst noch viel mehr. Nur Murmelthier kann den häßlichen Schmuck auf einen Tag und eine Nacht vertreiben, wenn es sie kämmt; das muß es nun immer thun. Hierauf folgt die weitere Geschichte des Murmelthiers, wozu wieder andere Märchen benutzt sind, es soll allzeit etwas gefährliches ausrichten, aber durch Hilfe seiner Zauberdinge vollbringt es alles glücklich. Wie man in Hessen sagt, wenn es schneit, „die Frau Holle macht ihr Bett“, so in Holstein „St. Petrus wettert sein Bett aus“ oder „die Engel pflücken Federn und Dunen“; s. Müllenhoff S. 583. Aus Schwaben bei Meier 77. Bei Kuhn Nr. 9. Aus Holstein bei Müllenhoff Nr. 31. 51. Eine Erzählung aus dem Elsaß in Stöbers Volksbuch S. 113. Norwegisch bei Asbjörnsen S. 86. Romanisch aus der Bukowina in Wolfs Zeitschrift für Mythologie 1, 42. Im Pentamerone die zwei Knaben (4, 7). Einige Ähnlichkeit hat das erste Märchen in der Braunschweiger Sammlung. Verwandt ist die stolze Föhre bei Ziska S. 38 und zwei serbische Märchen bei Wuk Nr. 34 und 36. Man vergleiche die Erzählungen von der Frau Holle in unsern deutschen Sagen Bd. 2 und Panzer zur deutschen Mythologie 1, 125. 190. Ueber das Nordische P. F. Müller Sagenbibl. 1, 274. 275.


25.
Die sieben Raben.

Aus den Maingegenden, doch ist der Eingang bis da, wo das Schwesterchen in die Welt zieht, aus einer Wiener Erzählung zugefügt: jene enthält nur kurz daß die drei Söhnlein (siebene sind es nach dieser) Sonntags während der Kirche Karten spielten und deshalb von ihrer Mutter verwünscht wurden, wie in einem Märchen bei E. M. Arndt sie deshalb zu Mäuschen werden (s. unten). Ähnlichkeit hat das Märchen von den sechs Schwänen (Nr. 49), in welches auch die östreichische Erzählung übergeht; die Raben sind jenen, als eine schwarze, unglücklichere Gestalt entgegengesetzt, auch in dem Märchen von den zwölf Brüdern (Nr. 9) kommen sie wie hier vor und das Ganze hat einige Ähnlichkeit. Von dem Glasberg kennen wir noch sonst aus dem Hanauischen eine Erzählung. Es war eine [45] verzauberte Königstochter, die konnte niemand erlösen, als wer den Glasberg erstiegen hatte, worein sie gebannt war. Da kam ein junger Gesell ins Wirthshaus, zum Mittagessen wurde ihm ein gekocht Hühnchen vorgesetzt, alle Knöchlein davon sammelte er sorgfältig, steckte sie ein und gieng nach dem Glasberg zu. Wie er dabei angekommen war, nahm er ein Knöchlein und steckte es in den Berg und stieg darauf, und dann als ein Knöchlein und als eins, bis er so fast ganz hinaufgestiegen war. Er hatte nur noch eine einzige Stufe übrig, da fehlte ihm aber das Knöchelchen, worauf er sich den kleinen Finger abschnitt und in den Glasberg steckte; so kam er vollends hinauf und erlöste die Königstochter. So erlöst Sivard stolt Bryniel af Glarbierget (Altdän. Lieder S. 31), indem er mit seinem Fohlen hinaufreitet; in einem dithmarser Lied kommt vor

„so schalst du my de Glasenburg
mit eenen Perd opriden“.

Wolfdieterich wird in einen Graben gezaubert, da waren, nach dem Dresd. Gedicht Str. 289,

„vir perg umb in geleit,
die waren auch glesseine
und waren hel und glatt“.

im alten Druck heißt es (Str. 1171)

„mit glasse was fürware
burg und grabe überzogen,
es mocht nichts wan zum tore
sein in die burg geflogen.“

Im jüngern Titurel (Str. 6177) kommt ein Glasberg vor, auch noch in andern Märchen, im Sneewitchen (Nr. 53), in den Raben (Nr. 93), im Eisenofen (Nr. 127). König Artus wohnt bei der Fee Morgan auf der Glasinsel, und leicht ist ein Zusammenhang, nicht blos in den Worten, mit dem nordischen Gläsiswoll. In Schottland gibt es noch Mauern, die wie mit Glas überzogen sind (vitrified forts). Vergl. Archaeologia britan. 4, 242. Sämund. Edda 2. S. 879. Anm.

Wenn das Schwesterchen hier an das Weltende gelangt, so vergleiche [46] man was zu dem Froschkönig (Nr. 1) aus dem Schottischen bemerkt ist. Auch Fortunatus reiste so weit bis er endlich nicht mehr weiter konnte, wozu Nyerup (Morskabsläsning S. 161) aus einem Liede folgendes anführt

„gamle Sole ligge der
og forslidte Maaners Här,
hvoraf Stjerner klippes“.

Damit ist ein Lied im Wunderhorn 1, 300 zu vergleichen. Im jüngern Titurel heißt es

swer an der erden ende
sô tiefe sich geneiget,
der vindet sunder wende
daz er Antarticum wol vingerzeiget 4748.

Wolfram gedenkt eines Landes,

daz sô nâh der erden orte liget,
dâ nieman fürbaz bûwes pfliget,
und dâ der tagesterne ûf gêt
sâ nâh, swer dâ ze fuoze stêt,
in dunct daz er wol reichte dran.
 Wilh. 35, 5–9.

Voß in seiner Abhandlung über die alte Weltkunde gibt folgende Bruchstücke, „die Spinnmädchen erzählen von einem jungen Schneidersgesellen, der auf der Wanderschaft immer weiter und weiter gieng, und nach mancherlei Abenteuern mit Greifen, verwünschten Prinzessinnen, zaubernden Zwergen und grimmigen, bergeschaufelnden Riesen zuletzt das Ende der Welt erreichte. Er fand sie nicht, wie die gewöhnliche Meinung ist, mit Brettern vernagelt, durch deren Fugen man die heiligen Engel mit Wetterbrauen, Blitzschmieden, Verarbeitung des alten Sonnenscheins zu neuem Mondlichte und des verbrauchten Mond- und Sternenscheins zu Nordlichtern, Regenbogen und hellen Dämmerungen der Sommernächte beschäftigt sieht. Nein, das blaue Himmelsgewölbe senkte sich auf die Fläche des Erdbodens wie ein Backofen. Der Mond wollte eben am Rande der hohlen Decke aufgehn, und der Schneider ließ sich gelüsten ihn mit dem Zeigefinger zu berühren. Aber es zischte, und Haut und Fleisch war bis an den Nagel hinweggesengt“. Falk hat das Märchen bearbeitet [47] in seinem Osterbüchlein S. 178–252. Man vergleiche Kuhn Nr. 7. Müllenhoff Nr. 3. Büchlein für die Jugend Nr. 1. Meier Nr. 49. Sommer Nr. 11. Asbjörnsen Nr. 3. Im Pentamerone die sieben Tauben (4, 8). Verwandt ist ein litauisches Märchen bei Schleicher S. 109–112 und ein finnisches, wie Schiefner S. 607 bemerkt. Ein Theil der Fabel erinnert auch an das altdän. Lied von Verner Ravn, der von der Stiefmutter verflucht war, und dem die Schwester ihr kleines Kind gibt, durch dessen Augen- und Herzblut er seine menschliche Gestalt wieder erlangt.


26.
Rothkäppchen.

Aus den Maingegenden. Bei Perrault chaperon rouge, wonach Tieks anmuthige Bearbeitung in den romantischen Dichtungen. In einem schwedischen Volkslied (Folkvisor 3, 68, 69) Jungfrun i Blåskagen (Schwarzwald) eine verwandte Sage. Ein Mädchen soll zum Wachen bei einer Leiche über Feld. Der Weg führt durch einen finstern Wald, da begegnet ihm der graue Wolf, „ach lieber Wolf“, spricht es, „beiß mich nicht, ich geb dir mein seidengenähtes Hemd.“ „Dein seidengenähtes Hemd verlang ich nicht, dein junges Leben und Blut will ich haben“. So bietet sie ihm ihre Silberschuhe, hernach die Goldkrone, aber vergebens. In der Noth klettert das Mädchen auf eine hohe Eiche: der Wolf untergräbt die Wurzel. Die Jungfrau in Todesangst thut einen schneidenden Schrei; ihr Geliebter hörts, sattelt, und reitet schnell wie ein Vogel, wie er zur Stelle kommt (liegt die Eiche umgestürzt, und) ist nur ein blutiger Arm des Mädchens übrig.


27.
Die Bremer Stadtmusikanten.

Nach zwei Erzählungen aus dem Paderbörnischen. Eine dritte aus Zwehrn weicht darin ab, daß die vier Thiere die Räuber nicht durch Schrecken aus dem Haus wegjagen, sondern friedlich eintreten, Musik machen und dafür von jenen gespeist werden. Die [48] Räuber gehen nun auf Beute aus, und wie sie um Mitternacht heim kehren, begegnet dem der vorausgeschickt wird, das Haus zu erleuchten, was in den andern Erzählungen von dem Kundschafter vorkommt. In Rollenhagens Froschmeuseler unser Märchen Buch 3, Cap. 8 mit der Überschrift „Der Ochs und der Esel stürmen mit ihrer Gesellschaft ein Waldhaus“.

Es lag ein Schenkhaus für dem Holz,
darin wohnt ein Krüger stolz,
war ein Reuterräuber gewesen,
darnach zu einem Schenken erlesen;

5
das bei den Junkherrn, wie ihr wißt,

der Reuter best Besoldung ist.
Der meint, weil er kein Nachbarn hätte,
so erführ niemand, was er thäte:
trieb so groß Hurerei und Mord

10
daß es Gott endlich sahe und hort

und ließ den Schelmn mit Hurn und Buben
in seinem Haus und Hofestuben
vom Donner, Blitz und Feur verbrennen;
so lernt er Gottes Eifer kennen.

15
Dieweil aber keiner Hilfe thät

und überblieb allein die Stätt,
im Holz nach dem Schrecken zusammen
sechs elend Hausgenossen kamen,
der Ochs, Esel, Hund, Katz und Hahn,

20
die Gans war auch nährlich (kaum) entgahn.

Dieselb ihr große Noth beklagten,
wie sie entkommen waren, fragten
was sie aus den verlornen Sachen
nun hinfort wollten ferner machen,

25
daß sie nicht würget Wolf und Bär,

als wilde Thier wärn ihr Gefähr.
Da sprach der Hund er wollt sie bald
zu einem Haus bringen im Wald,
das die Zimmerleut bauten fast,

30
hielten darin ihre Küch und Rast,

als sie ehemals zu Winterszeiten

[49]

im Holz die Stadtgebäud bereiten.
Hernach wär sein Herr da gewesen,
wenn er die Kaufleut überlesen,

35
ihr Geld und Waarn zu Straf genommen,

daß sie nicht blos vom Jahrmarkt kommen:
Sammt und Seiden mit sein Gesellen
ausgetheilt mit der langen Ellen.
Es hät Nothdurft zu allen Dingen,

40
das die Freibeuter ließen bringen,

und ritten hernach wieder heim,
ließens ein halb Jahr ledig seyn;
käm Zeit, käm Rath und ferner That,
sie wolltens wagen auf Gottes Berath.

45
Zogen darauf hin für das Haus,

weil aber niemand kam heraus
und die Thür fest verschlossen war,
blieben sie in gleicher Gefahr;
und half nicht daß der Hund umgieng,

50
die Nas für alle Rißlein hieng

und roch, wer da verborgen lage,
und die Katz nach den Fenstern sahe.
Bis der Ochs sprach „was soll dies wesen?
es nützt uns hie kein Federlesen,

55
wir müssen die Thür offen haben,

darumb will ich dawider traben.“
Der Esel antwortet „ja recht!
daß aber alle Ding sein schlecht (in Ordnung)
und uns niemand hernacher schelt,

60
als wär der Anlauf nicht gemeldt,

will ich zuvor auch Lärmen blasen.“
Der Hund leckt auch sein Mund und Nasen
und sprach „ich spring frisch mit hinan,
bell und beiß wie ein Jägersmann“.

65
Die Katz, Gans, Hahn waren schwach und klein,

wollten doch nicht die letzten seyn,
sondern zugleich vorn auf der Spitzen
den Feind mit Tatzn und Schnäbeln ritzen.

[50]

Bald warf der Ochs sein Schwanz empor,

70
scharrt mit den Klawen das Fußspor,

versucht die Hörner an eim Baum,
sprang mit eim Brüllen auf den Raum.
Der Esel sperrt weit aus den Rachen
ließ sein hicka! schrecklich herkrachen,

75
der Hund ball und die Katz murmauet,

der Hahn kürlückt, die Gans dradrauet:
gigack! gigack! flog sie daher,
als wenns der römisch Adler wär;
das wunderlich zusammen rasselt,

80
wie in Wäldern der Donner prasselt.

Damit satzt der Ochs an das Thor,
daß es Riegel und Schloß verlor,
und prallt zurück von dem Zulaufen,
als fiel das Haus über einen Haufen,

85
wie denn die Einwohner[2] auch dachten:

derhalb nicht lang Bedenken machten,
sondern plötzlich zur Hinderpfort
hinaus stoben zum Sicherort.
Die Gäste blieben in dem Nest,

90
das war ihnen das liebst und best.


Und als sich kein Wirth darin fand,
erwählt ein jeder seinen Stand.
Der Ochs sagt „zum Stall ich mich füg,
in der Krippen ist Futter zur Gnüg.“

95
Der Esel sagt „ich bleib bei dir,

was dir gefällt, gefällt auch mir.“
Die Katz sagt „ich sitz auf dem Herd,
ob mir ein Mäuslein wär beschert,
das nach der Speis Geruch ankäm,

100
und ich für meine Speis annähm.

Ich sitz ohn das gern in der Wärm,
ob ich gleich auch bisweil umbschwärm.“

[51]

Der Hund sagt „ich bleib an der Thür,
zu schauen wer wandert dafür;

105
wenn ich ein Häslein so erwisch,

ich bring es der Katzen zu Tisch.“
Die Gans sagt „ich bleib hinter der Thür,
so kriech ich, wenn ich will, herfür
und such mein Futter in dem Gras;

110
ich schlaf auch leiser denn ein Has,

und halt mit großen Sorgen Wacht,
es sei bei Tag oder bei Nacht.“
Der Hahn sagt „für des Fuchses List
auf dem Balken mein Schlafstätt ist,

115
da mich doch niemand müssig findt,

ich ruf die Stund aus und die Wind,
ich meld auch alle fremde Gäst;
jeder verwalt das sein aufs best.“

Indes erholten sich die Thier

120
die sonst für Schrecken storben schier,

da sie aus ihrem Haus entsprungen.
Die Alten suchten ihre Jungen,
der Mann das Weib, das Weib den Mann
bis einer zu dem andern kam.

125
da hielten sie Rath ingemein

was doch das Posaunen möcht seyn,
das Feldgeschrei und grausam Prangen,
damit der Haussturm wär angangen:
ob Gespenst oder Mannthier kommen,

130
wider sie den Krieg vorgenommen.

Es gieng zwar, wie man sagt, vor Jahren,
und sie nun mußten auch erfahren,
wenn ein Schrecken kömmt unversehens,
so gilt es fliehens und nicht stehens.

135
Wenn ein Schrecken befällt die Helde,

so fleugt Muth, Herz, Mann aus dem Felde;
wie muthig er zuvor auch war,
so ist er denn verzaget gar.
Dennoch wär es im ganzen Lande

[52]
140
ihnen nachzusagen eine Schande,

daß sie wärn großmächtige Herrn,
Leun, Leoparden, Wolf und Bäre,
wußten nicht wer sie heimgesocht,
aus ihrer Wohnung ausgepocht.

145
Und ward für rathsam angesehen,

der Wolf sollt bei Nacht schleichen gehen,
ins Haus horchen, gründlich erfahren
was ihre Feind für Leute waren,
weil er gewandert wie ein Hund

150
und derhalben viel sprechen kunnt.

Als er aber kam am Morgen wieder
und sich für Schrecken leget nieder,
kamen sie all zu ihm angehen
und häufig um ihn herumb stehen,

155
fragten wie er die Sach geworben?

Er sprach „ich war beinah gestorben,
so freundlich ward ich da empfangen;
zur Unzeit war ich ausgegangen.
Sie spielten aber also mit mir,

160
daß ich nun glaub es sind Mannthier,

oder ja Feldteufel mit unter;
mir widerfuhr nie größer Wunder.
Ich kam dahin umb Mitternacht,
da jeder schlief und niemand wacht,

165
allein der Hund lag für dem Thor

reckte seine Ohren hoch empor
und bellt als wollt er thörigt werden:
fiel mich an mit rauchen Gebärden,
daß ihm mein Haar beklebt im Munde,

170
und ich bekam am Hals ein Wunde.

Ich that aber wie ich sonst pflag,
wenn ich beim Hund gefangen lag,
und stellt mich nicht zur Gegenwehr,
gedacht, deinthalb komm ich nicht her,

175
und sprang damit zur Küch hinein,

vermeint daselbst sicher zu seyn.

[53]

Der Küchenjung aber lag auf dem Herd
und blieb für mir gar unverfährt,
wollt Feur und Licht anblasen rasch,

180
und blies mir ins Gesicht die Asch,

schlug mir die Nagel in die Augen,
wusch mir das Haupt mit solcher Laugen
daß mir das sehen schier vergieng
und ich irr zu kriechen anfieng:

185
kam in den Stall, eilet zur Pfort,

der Stallbruder erwachet fort,
hub an zu schnauben und zu blasen,
als hätt er eines Leuen Nasen:
faßt mich mit der Gabel gewiß,

190
gab mir damit einen scharfen Riß

und warf mich hin ins Jungenlager,
da kam ich erst zum bösen Schwager.
Der plumper, tölpscher, loser Fischer,
der grobianscher Stiefelwischer

195
in dem blinden Lärmen unfug

zu mir mit der Kratzbürst einschlug,
eben als wenns ein Prietschholz wär:
er traf gewis und leider schwer,
daß ich zum Stallknecht fiel hernieder,

200
der faßt mich mit der Gabel wieder

und warf mich über sich herunter;
daß ich leben blieb, hat mich Wunder.
Ich lag da mehr denn halber todt,
bat um Gnad, klaget meine Noth,

205
aber sie ließen mir keine Ruh,

traten mit Füßen auf mich zu,
bis ich zuletzt mich noch erholt
und nach dem Thor hinlaufen wollt.“
Da war der ein Wächter erwacht,

210
rief vom Söller mit aller Macht

„wacht auf! wacht auf! wacht auf! wacht auf!“
Ich gedacht „lauf, o mein Kerle, lauf.“
der Posauner blies auch und sprach
„eilt hinten nach, eilt all hernach!“

[54]
215
„Als ich aber die Thür einnahm,

sitzt der Reitschmid hinter der Thür
greift mit der glühenden Zang herfür
in meinen Schwanz, daß er gleich zischt.
Da ich nun mein ich sei entwischt,

220
faßt mich noch der Hund bei dem Ohr,

das ich lieber denns Haupt verlor;
hätt er den Darm erhascht gewis,
den mir die Strohgabel ausriß,
ich hätte da müssen auf der Straßen

225
beim Eingeweid mein Leben lassen.

Ich zweifel auch nicht, wenn wir nicht laufen,
es wird folgen der helle Haufen
und uns sämptlich allhie ermorden,
wie ich verstund aus ihren Worten.“

230
Die Red bracht allen solch ein Schrecken

daß jeder lief sich zu verstecken
und die Hausleut ohn Ansprach
beinander hatten gut Gemach.

Aus den wilden Waldthieren sind in unserm Märchen Räuber geworden. Jenes ist wohl ursprünglicher, da in dem lateinischen Reinhart Fuchs (Isengrimus 529 folg.) eine Fabel vorkommt, wonach Ziege, Bock, Fuchs, Hirsch, Hahn und Gans reisen, sich in einem Waldhaus aufhalten und den dazu kommenden Wolf anführen, wie es auch in einem Märchen der Siebenbürger Sachsen erzählt wird (bei Haltrich Nr. 4), womit Nr. 41 näher verwandt ist. Überhaupt ist zu merken daß hier die stärkern, wilden, mächtigen getäuscht werden (wie in Nr. 102), wie Zwerge die Riesen überlisten. Vollständiger ist insoweit Rollenhagen als auch der Ochs und die Gans bei ihm auftreten, und besonders ist bei letzterer der gute Zug zu merken, daß ihr Schnabel von dem Erschrockenen für eine glühende Eisenzange gehalten wird. Eine schwäbische Erzählung von dem Räuber und den Hausthieren findet sich bei Meier Nr. 3. Vergleiche zum Ganzen die Wirthschaft des Lumpengesindels (Nr. 10).

[55]
28.
Der singende Knochen.

Aus Niederhessen, ebendaher, doch aus verschiedenen Orten, noch zwei andere Erzählungen. Sie heben an wie das Märchen von dem Wasser des Lebens (Nr. 97). Ein alter König wird krank, will seine Krone weggeben und weiß nicht welchem von seinen drei (ober zwei) Söhnen. Endlich beschließt er daß sie demjenigen zufallen soll, der einen Bären mit einem goldenen Schlößchen (oder ein Wildschwein) fangen kann. Der älteste zieht aus, bekommt ein Pferd, einen Kuchen und eine Flasche Wein mit auf den Weg. In dem Wald sitzt ein Männlein unter einem Baum, fragt freundlich „wohinaus?“ und bittet um ein Stückchen Kuchen. Der Königssohn antwortet voll Hochmuth, gibt ihm nichts und wird nun von dem Männlein verwünscht, daß er den Bären umsonst suchen soll. Er kehrt also unverrichteter Sache wieder heim. Der zweite wird ausgeschickt; es geht nicht besser. Nun kommt an den Jüngsten, den Dummling, die Reihe, er wird ausgelacht und erhält statt des Pferdes einen Stock, statt des Kuchens Brot, statt des Weins Wasser. In dem Wald redet auch ihn das Männlein an, er antwortet freundlich und theilt seine Speise mit ihm. Da gibt ihm das Männlein ein Seil, womit er den Bären auch fängt und ihn heimführt. Die andere Erzählung sagt kurz der zweite Sohn habe das Wildschwein erlegt. Der älteste Bruder sieht ihn kommen, geht ihm entgegen und ermordet ihn; das übrige stimmt überein. Eine vierte Erzählung bei Colshorn Nr. 71. Eine fünfte aus der Schweiz theilt Wackernagel in Haupts Zeitschrift 3, 35, 36 mit. Ein Knabe und ein Mädchen werden in den Wald geschickt eine Blume zu suchen; wer sie findet, soll das Königreich haben. Das Mädchen findet sie und schläft ein. Der Bruder kommt heran, tödtet das schlafende, bedeckt es mit Erde und geht fort. Ein Hirtenknabe findet hernach ein Knöchlein, macht eine Flöte daraus, und das Knöchlein fängt an zu singen und berichtet wie alles geschehen ist. Eine sechste bei Müllenhof Nr. 49.

In einem altschottischen Lied kommt dieselbe Sage vor, aus dem Brustbein der ersäuften Schwester macht ein Harfner eine Harfe, die [56] von selbst zu spielen anfängt und Weh über die schuldige Schwester ruft (Scott Minstrelsy 2, 157–162). In dem färöischen Lied über denselben Gegenstand kommt auch noch der Zug vor, daß die Saiten der Harfe aus den Haaren der Erschlagenen gemacht werden; s. schwedische Volkslieder von Geyer und Afzelius 1, 86. Polnisch bei Lewestam S. 105. Bei H. Neus in den ehstnischen Volksliedern S. 56. In einem serbischen Märchen bei Wuck Nr. 39 verräth ein Hollunderrohr als Flöte das Geheimnis. Auch die Betschuanas in Südafrika haben ein ähnliches Märchen.


29.
Der Teufel mit den drei goldenen Haaren.

Aus Zwehrn, eine andere Erzählung aus den Maingegenden stimmt im Ganzen überein, ist aber viel unvollständiger, es werden bloß drei Federn vom Vogel Phönix gesucht, wie der Teufel heißt. Eine dritte, wieder aus Niederhessen, enthält einen Theil des Märchens und leitet es folgender Gestalt ein, eine Königstochter sieht einen Holzhacker unter ihrem Fenster arbeiten und verliebt sich seiner Schönheit wegen in ihn. Es ist Gesetz, daß wer drei goldene Haare vom Kopf des Teufels bringt, ihr Gemahl werden soll. Schon viele Königssöhne haben das Abenteuer vergeblich unternommen, nun wagt es der Holzhacker aus Liebe zu ihr. Die Weise der Entwickelung ist nicht verschieden, in den zwei ersten vorgelegten Fragen ist eine geringe Abweichung, warum ein Marktbrunnen vertrocknet sei, warum ein Feigenbaum nicht mehr grüne. Als er die Antwort bringt, so erhält er zur Belohnung außer Gold auch zwei Regimenter Fußvolk, womit er den alten König bewegt sein Wort zu halten. Verschieden aber doch verwandt ist das Schweizermärchen vom Vogel Greif (unten Nr. 165). Büsching (Volksmärchen Nr. 59) theilt auch eine mündliche Überlieferung mit, die Bedingungen bei der Auflösung des Zaubers sind sehr angehäuft, und das Ganze scheint vorsätzlich und nach französischer Weise erweitert. In Wolfs Hausmärchen S. 184 die fünf Fragen. Bei Meier Nr. 73 und 79. Bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 8. Bei Zingerle S. 69 die Drachenfedern. Ein schönes schwedisches Märchen in den Volkssagen bei Afzelius (2, 161–167). Ein norwegisches bei [57] Asbjörnsen. Nr. 5, ein wendisches bei Haupt und Schmaler Nr. 17, ein ungarisches bei Mailath Nr. 8 die Brüder. Man vergleiche eine mongolische Erzählung im Gesser Chan S. 142 folg. Verwandt mit dem Eingang des Märchens ist eine alte Sage vom Kaiser Heinrich III. (s. deutsche Sagen 2, Nr. 480. Gesta Romanor. s. unten Nr. 2). Der letzte Theil, wo dem Teufel die Fragen vorgelegt werden, hat Ähnlichkeit mit einem ital. Märchen im Pentamerone (4, 3). Merkwürdig ist eine hierher gehörige Erzählung bei Saxo Gr. im achten Buch, Thorkill gelangt nach Utgard, das gleich der Hölle beschrieben wird. Er reißt dort dem Utgardsloke eins seiner langen Haare aus, das wie im Feuer leuchtet. Man vergleiche darüber P. E. Müller über Saxo S. 141 folg., der annimmt daß erst nach Einführung des Christenthums diese Reise Thorkills sei gedichtet worden. Der Aberglauben von der Glückshaut (pileus naturalis bei Lampridius) ist auch in Island einheimisch, ein Geist soll darin wohnen, der durchs ganze Leben das Kind begleite, daher die Glückshaut sorgfältig bewahrt und versteckt wird. In Belgien nennt man sie den Helm, und nach der rothen oder bleichen und schwärzlichen Farbe schließt man auf das zukünftige Glück (Del Rio disquisitt. magicae 4, 2. 9. 7); vergl. Edda Sämundar 2, 653 Anmerk. Von des Teufels Mutter oder Großmutter ist in der deutschen Mythologie die Rede. Sie ist hier gutmüthig und steht dem Bedrängten bei, wie in dem englischen Märchen von Jack und dem Bohnenstengel. Auch die Töchter der Riesen zeigen sich dem Fremdling geneigt.


30.
Läuschen und Flöhchen.

Aus Cassel. Nähert sich der Form nach dem Kinderliede „Es schickt der Herr den Jokel aus, er soll den Hafer schneiden“ u.s.w. Vergl. bei Kuhn und Schwarz Nr. 16 und Halliwell Nusery rhymes.


31.
Das Mädchen ohne Hände.

Nach zwei im Ganzen übereinkommenden und sich ergänzenden Erzählungen aus Hessen. Die eine aus Zwehrn hat den Eingang [58] nicht, sondern sagt nur ein Vater habe seine eigene Tochter zur Frau begehrt, und als diese sich geweigert, ihr Hände (und Brüste) abschneiden und ein weißes Hemd anthun lassen, darauf sie in die Welt fortgejagt. In der weitern Geschichte hingegen, die nach ihr fast ganz erzählt ist, übertrifft sie die andere an innerer Vollständigkeit, nur ist aus dieser beibehalten daß der Teufel die Briefe vertauscht, während hier die alte Königin es thut, von Anfang gegen ihre Schwiegertochter bös gesinnt. Dort sind noch eigenthümliche Züge, daß das Mädchen, eh sie der König heirathet, eine zeitlang die Hühner an seinem Hofe hütet, und daß hernach, als sie mit dem Kind auf dem Rücken in den wilden Wald verstoßen ist, ein alter Mann sie heißt die abgestumpften Arme dreimal um einen Baum schlingen; während sie (und die Brüste) durch Gottes Gnade hier von selbst wieder wachsen. Auch sagt er ihr daß sie das Haus, in welchem sie wohnen soll, nur dem öffnen dürfe, der dreimal um Gotteswillen darum bitte; was hernach der König, als er davor kommt, thun muß, eh er eingelassen wird. Eine dritte Erzählung aus dem Paderbörnischen stimmt im Ganzen mit der aus Zwehrn. Statt eines Engels leitet ein vom Himmel herabkommendes Lichtlein das arme Mädchen. Als es im Wald mit den abgehauenen Händen umhergeht, sieht es ein blindes Mäuschen, das den Kopf in ein vorbeirinnendes Wasser hält und dadurch wieder sehend wird; da hält das Mädchen unter Beten und Weinen die Arme ins Wasser, und es wachsen ihm die Hände wieder. Eine vierte Erzählung aus dem Meklenburgischen enthält eine andere Gestaltung der Sage. Ein Mann hat eine Tochter noch im Kindesalter, die betet immer Tag und Nacht. Da wird er bös und verbietet es ihr, aber sie betet immer fort, da schneidet er ihr endlich die Zunge aus, aber sie betet in Gedanken und schlägt das Kreuz dazu. Da wird der Mann noch zorniger und haut ihr die rechte Hand ab, aber sie schlägt mit der linken das Kreuz. Da haut er ihr den Arm bis an den Ellenbogen ab. Nun spricht ein Mann zu ihr „geh fort, sonst haut dir dein Vater auch noch den linken Arm ab“. Da war sie erst sieben Jahr alt, und gieng fort und immer fort, bis sie Abends vor ein großes Haus kam, vor dem stand ein Jäger. Sie gab ihm zu verstehen daß sie Hunger hätte und er sie aufnehmen möchte. Der Jäger hätte es gerne gethan, er wußte aber nicht wo er sie hinbringen sollte, endlich brachte er sie in den Hundestall, wo die zwei Lieblingshunde des [59] reichen Grafen lagen, bei dem er diente. In dem Ställchen blieb sie zwei Jahre lang und aß und trank mit den Hunden. Nun merkte der Graf daß seine Hunde so mager wurden und fragte den Jäger um die Ursache: da gestand er daß er ein Mädchen aufgenommen habe, das mit den Hunden das Essen und Trinken theile. Sprach der Graf er solle es vor ihn bringen, aber das Mädchen wollte nicht: da gieng er selbst hinab in den Stall und sah es und sprach „es soll zu mir ins Schloß, ich will es erziehen“. Da war es neun Jahr alt. Es trug sich zu, daß, als es einmal vor der Thüre stand, ein armer greiser Mann daher kam und um eine milde Gabe bat. Es schenkte ihm etwas, da sprach er „du sollst deine Zunge und deinen Arm wieder haben“, und gab ihm einen Stab und sagte „nimm diesen Stab und geh gerade fort, er wird dich vor Bösem schützen und dir den Weg zeigen“. Da nahm es den Stab und gieng fort ein paar Jahre lang. Es gelangte zu einem Wasser und trank daraus, da kam seine Zunge geschwommen und wuchs fest in dem Munde: es hielt den abgehauenen Stumpf ins Wasser, da kam der Arm und wuchs fest und danach auch Hand. Nun nahm es den Stab und gieng wieder zurück zum Grafen, aber es war so schön geworden daß er es nicht mehr erkannte. Da gab es sich zu erkennen, und sie wurden Eheleute. Man sieht daß das Märchen die volksmäßige Quelle ist, woraus die im Mittelalter so bekannten Dichtungen von Mai und Beaflor, der schönen Helena u. a. entsprungen sind. Hierzu stimmt noch besonders das Bruchstück einer vierten hessischen Erzählung, wonach die Königin mit zwei Kindern verstossen wird und ihr zwei Finger abgeschnitten werden, welche die Kinder bei sich tragen. Die Kinder werden ihr von Thieren geraubt und dienen als Küchenjungen, die Mutter als Waschfrau. Hierher gehört ein Märchen aus Meran bei Zingerle S. 124, daran das Märchen von den zwei Brüdern (Nr. 60) geknüpft ist. Bei Pröhle Kindermärchen Nr. 36. Im Pentamerone la Penta manomozza (3, 2). Verwandt sind zwei serbische Märchen bei Wuk Nr. 27 und 33, wahrscheinlich auch ein finnisches bei Rudbeck (1, 140); s. Schiefner 600. 616. Eine altdeutsche Erzählung enthält die Sage von einem König, der eine Frau haben will, die seiner Tochter gleiche. Der Pabst erlaubt ihm die Tochter, die sich weigert und in ein Faß ausgesetzt wird (pfälz. Handschrift 336. Bl. 276–286). Wie das Mädchen sich mit seinen Thränen rein wäscht, so thut in einem schwedischen Lied (Geyer 3, [60] 37. 38) die Mutter, die aus dem Grab kommt, an ihren Kindern,

hon tvälla dem så snöhvit
alt uti ögnatår.


32.
Der gescheidte Hans.

Aus den Maingegenden. Eine ähnliche Geschichte steht in Freis Gartengesellschaft (1557) Cap. 1 und, der Sache nach übereinstimmend nur mit andern Worten, in Kirchhofs Wendunmuth (1565) 1, Nr. 81. Wir theilen sie aus jenem Buche mit.

Im Geslinger Thal, da wohnt eine sehr reiche Wittfrau, die hät einen einigen Sohn, der war eines groben und tollen Verständnis: er war auch der allernärrischste Mensch unter allen Einwohnern desselbigen Thals. Derselbige Geck sahe auf eine Zeit zu Sarbrücken eines wohlgeachten herrlichen Manns Tochter, die eine schöne wohlgestalte verständige Jungfrau war. Der Narr ward ihr gleich hold und lag der Mutter an daß sie ihm dieselbige zu einer Frauen schaffen wollte, wo nicht, so wollte er Ofen und Fenster einschlagen und alle Stiegen im Haus abbrechen. Die Mutter wußt und sahe wohl ihres närrischen Sohns Kopf und fürcht, wenn sie ihn gleichwohl um die Jungfrau werben ließe und ihm ein groß Gut dazu gebe, so wär er doch ein so ungehobelter Esel daß nichts mit ihm auszurichten oder versehen wäre. Wiewohl aber der Jungfrauen Eltern herrliche Leute und von gutem Geschlecht, so waren sie doch also gar arm, daß sie Armuth halber die Tochter ihrem Stande nach nit wüßten zu versorgen, derohalben diese Werbung desto leichter Statt gewann. Die Mutter furchte nun auch, dieweil ihr Sohn also ein großer ungeschickter Götz wäre, daß ihn vielleicht die Jungfrau nit wöllen haben, gab ihm darum allerhand Lehren, damit er sich bei der Braut fein höflich zuthun und hurtig machen könnte. Und als der Klotz erstlich mit der Jungfrau redt, da schankt sie ihm ein hübsch paar Handschuh aus weichem Corduanleder gemacht. Lawel thät sie an, zog heim; so kommt ein großer Regen, er behielt die Handschuhe an: galt gleich, ob sie naß wurden oder nit. Wie [61] er aber einen Steg will gan, so glitscht er aus und fällt ins Wasser und Moor. Er kommt heim, war wohl besudelt, die Handschuhe waren eitel Fleisch: klagts der Mutter, die gut alt Mutter schalt ihn und sagte er sollts ins Fazziletlin (Schnupftuch) gewickelt und in Busen gestoßen haben. Bald darnach zeucht der gut Löffel wieder zu der Jungfrauen; sie fragt nach den Handschuhen, er sagt ihr wie es ihm mit gegangen wäre. Sie lacht und merkt das erst Stück seiner Weisheit und schenkt ihm ein Habicht. Er nahm ihn, gieng heim und gedacht an der Mutter Rede, würgt den Habicht, wickelt ihn in sein Brusttuch und stieß ihn in den Busen. Kam heim, wollt den hübschen Vogel der Mutter zeigen, zog ihn aus dem Busen. Die Mutter fährt ihm wieder über den Kamm, sagt, er sollte ihn fein auf der Hand getragen haben. Zum drittenmal kommt Jockel wieder zu der Jungfrau, sie fragt wie es um den Habicht stände, er sagt ihr wie es ihm mit gegangen. Sie gedacht „er ist ein lebendiger Narr“, sah wohl daß ihm nichts säuberlichs noch herrlichs gebührte, und schenkte ihm ein Egge, die er brauchen sollt, wenn er gesät hätte. Er nahm der Mutter Wort zu Herzen, und trug sie auf den Händen empor, wie ein anderer Löffelbitz heim. Die Mutter war gar übel zufrieden, sprach, er sollt sie an ein Pferd gebunden haben und heim geschleift. Letzlich sahe die Jungfrau daß Chrisam und Tauf an ihm verloren war, denn es war weder Vernunft noch Weisheit in ihm, wußt nit, wie sie des Narren ledig werden sollt, gab ihm daher ein groß Stück Specks, und stieß es ihm in den Busen; er wars wohl zufrieden. Er wollt heim und fürcht er würds im Busen verlieren, und bands einem Roß an den Schwanz, saß darauf und ritt heim; da liefen die Hunde hinten nach und rissen den Speck dem Pferd vom Schwanz und fraßen ihn. Er kommt heim, der Speck war auch hinweg. Hintennach sahe die Mutter ihres Sohns Weisheit, fürcht die Heirath würd nit vor sich gehen, fuhr zu der Jungfrau Eltern, begehrt den Tag der Beredung zu wissen mit ihrem Sohn, und wie sie hinweg will, befiehlt sie ihm ernstlich daß er wohl Haushalt und kein groß Wesen mach, denn sie hab eine Gans über Eiern sitzen. Als nun die Mutter aus dem Haus war, so zeucht der Sohn fein in den Keller, sauft sich voller Weins und verliert den Zapfen zum Faß: wie er den sucht, so lauft der Wein alle in den Keller. Der gut Vetter nimmt einen Sack mit Mehl und schütt’ es in den Wein, daß es die Mutter nit sähe, wenn [62] sie kommt. Demnach lauft er auf hin ins Haus und hat ein wilds Gebrächt: so sitzt die Gans da und brütelt, die erschrickt und schreit gaga! gaga! Den Narren kommt ein Furcht an und meint die Gans hät gesagt „ich wills sagen“, und fürcht sie schwätzt wie er im Keller Haus gehalten: nahm die Gans und hieb ihr den Kopf ab. Nun furcht er wo die Eier auch verdürben, so wär er in tausend Lästen, bedacht sich und wollt die Eier ausbrüten, meint doch es würd sich nit wohl schicken, dieweil er nit voll Federn wäre, wie die Gans. Bedacht sich bald, zeucht sich ganz aus und schmiert den Leib zuring mit Honig, den hätt die Mutter erst neulich gemacht, und schütt darnach ein Bett aus und walgert sich allenthalb in den Federn, daß er sahe wie ein Hanfbutz, und setzt sich also über die Gänseier und war gar still, daß er jungen Gäns nit erschreckt. Wie Hanswurst also brütet, so kommt die Mutter und klopft an die Thüren. Der Lawel sitzt über den Eiern und will keine Antwort geben, sie klopft noch mehr, so schreit er gaga! gaga! und meint dieweil er junge Gäns (oder Narren) brütelt, so könnt er auch keine andre Sprach. Zuletzt dräut ihm die Mutter so sehr daß er aus dem Nest kroch und ihr aufthät. Als sie ihn sahe, da meint sie es wär der lebendige Teufel, fragt was das wäre, er sagt ihr alle Ding nach der Ordnung. Der Mutter wars angst mit dem Doppelnarren, dann die Braut sollt bald nachfolgen, und sagt zu ihm sie wollts ihm gern verzeihen, er sollt sich nur jetzt züchtig halten, denn die Braut käme, daß er sie fein freundlich empfahen und grüßen sollte und die Augen also höflich und fleißig in sie werfen. Der Narr sagt ja, er wollts alles thun, wischt die Federn ab, und thät sich wieder an, geht in den Stall und sticht den Schafen allen die Augen aus, stößt sie in Busen. Sobald die Braut kommt, so geht er ihr entgegen, wirft ihr die Augen alle, soviel er hat, ins Angesicht, meint, es müsse also sein. Die gut Jungfrau schämet sich daß er sie also beschmutzt und verwüst hat, sah des Narren Grobheit, daß er zu allen Dingen verderbt war, zog wieder heim, sagt ihm ab. Also blieb er ein Narr nach wie vor und brütelt junge Gäns noch auf diesen Tag aus. Ich besorg aber, wenn sie ausschliefen werden, so sollten es wohl junge Narren sein. Gott behüt uns.

Die klugen Thaten des gescheidten Hans werden bald in dieser, bald in jener Ordnung und Wendung, vermehrt und vermindert erzählt. Mit einigen Abweichungen nach einer mündlichen Ueberlieferung [63] aus Niederschlesien in Wolfs Zeitschrift 2, 386. Verwandt sind die Märchen von der klugen Else (Nr. 34) und dem Catherlieschen (Nr. 59), worin gerade der von Frei erzählte Schwank, den verschütteten Wein mit Mehl aufzutrocknen, vorkommt. Zu vergleichen ist das Großmütterchen bei Vogl S. 93, ein Tiroler Märchen bei Zingerle S. 10 und ein schwäbisches bei Meier Nr. 52. Das Ausbrüten der Kälber bei Hans Sachs (2. 4, 138 Kempt. Ausg.) gehört gleichfalls hierher. Ferner wird von einer Ziege erzählt, die Hans ins Bett legt u. dergl. Bebelii facetiae (Amst. 1651) 47–49. Ein Kinderlied (Dichtungen aus der Kinderwelt. Hamburg 1815) bezieht sich auf unsere Sage und weiß neue Streiche,

Hansel am Bach
macht lauter gute Sach;
hats Häuschen verbrennt,
hat Lumpen drum gehängt! (um sie zu trocknen)
hat Fischlein gefangen,
hat die Schuppen heim bracht (das andere weggeworfen).

Hansel und Gretel
zwei lustige Leut,
Hansel ist närrisch,
Gretel nicht gescheit.

Das Märchen „vom albern und faulen Heinzen“, dessen Rollenhagen in der Vorrede zum Froschmeuseler gedenkt, findet sich bei Hans Sachs (2, 4, 85c-86d). Der faule Heinz macht Hund und Katze nach. Bei Eyering (2, 116) „der alberne Heinz“. „Den faulen Lenz“ erwähnt der Mägdetröster (1663) S. 92.


33.
Die drei Sprachen.

Aus Oberwallis, von Hans Truffer aus Visp erzählt. Unter dem Pabst ist vielleicht Silvester II. (Gerbert) gemeint, von dem Vincent. Bellov. (Spec. hist. 24, 98) sagt ibi (zu Sevilla) didicit et cantus avium et volatus mysterium. Aber auch von der Wahl Innocenz [64] III. (im J. 1198) wird erzählt drei Tauben seien in der Kirche umher geflogen und zuletzt habe sich eine weiße zu seiner rechten gesetzt; s. Raumer Hohenstaufen 3, 74.


34.
Die kluge Else.

Aus Zwehrn. Eine andere Erzählung von Hansens Trine, ebenfalls aus Hessen, fängt gleich damit an, daß die faule Trine fragt „was thu ich, eß ich, oder schlaf ich, oder arbeit ich?“. Hans findet sie in der Kammer schlafend und schneidet ihr den Rock bis zu den Knien ab: sie wird dann, als sie aufwacht, an sich selbst irre. Hierzu ist eine Stelle in Joh. Pomarius sächs. Chronik (1588) S. 14 zu bemerken, „welche Magd oder Weib in Unzucht begriffen ward, der schnitt man die Kleider unter dem Gürtel ab, geiselte sie und verweisete sie von den Leuten.“ Im Ganzen hat die kluge Else Verwandtschaft mit dem Catherlieschen (Nr. 59) und in einem Stück Übereinstimmung.


35.
Der Schneider im Himmel.

Nach einer Erzählung in Freis Gartengesellschaft Nr. 61 und in Kirchhofs Wendunmuth 1, Nr. 230. Eine in Nebendingen etwas abweichende in Wickrams Rollwagen (Frankf. 1590) S. 98b und 99b. Fischart im Flohhatz (Dornavius 390) spielt auf das Märchen an, nur ist danach blos vom heil. Petrus die Rede:

wie man von Sanct Peter saget,
der, als er Herr Gott war ein Tag
und Garn sah stehlen eine Magd,
wurf er ihr gleich ein Stuhl zum Schopf,
erwies also sein Peterskopf;
häts solcher Gestalt er lange getrieben,
es wär kein Stuhl im Himmel blieben.

[65] Bei Hans Sachs (5. 3, 89 Kempt. Ausg.) der Schneider mit dem Panier. Das Märchen dauert aber noch immer im Volk, und Möser erwähnt es in seinen vermischten Schriften 2, 332 u. 2. 235. Jan im Himmel in Wolfs deutschen Sagen und Märchen Nr. 16. Eine schwäbische Erzählung bei Ernst Meier Nr. 35. Der Stuhl des Herrn, von dem man die ganze Welt überschaut, erinnert merkwürdig an Odins Sitz, Namens Hlidsciálf, von dem er alles sah, was auf Erden vorgieng, und auf den sich zuweilen andere setzten, wie namentlich die Edda von Freyr erzählt. Daß sich der Schneider eigentlich in feindlicher Gesinnung in den Himmel eindrängt, ist in Wolf Zeitschrift für deutsche Mythologie 2, 2 gezeigt.

der nû den himel hât irkorn
der geiselet uns bî unser habe,
ich fürhte sêre und wird im zorn,
den flegel wirft er uns her abe.

 Altmeistergesangb. 3a.


36.
Tischchendeckdich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack.

Aus Hessen. Eine andere Erzählung ebendaher leitet folgendergestalt ein, ein Schneider hatte drei Söhne, die schickte er nacheinander in die Welt, sie sollten sich umsehen und was rechtschaffenes lernen. Damit sie nicht leer ausgiengen, bekam jeder einen Pfannkuchen und einen Heller mit auf den Weg. Der älteste zog zuerst aus, kam zu einem Herrlein, das zwar in einer Nußschale wohnte, aber gewaltig reich war. Der Schneider soll ihm für eine gute Belohnung seine Herde am Berge hüten und weiden; nur dürfe er, sprach es, nicht in ein Haus gehen, das am Fuße des Bergs stehe und woraus lustige Tanzmusik erschalle. Der Schneider hütet eine zeitlang die Herde ordentlich, läßt sich aber doch am Ende verführen in das verbotene Haus zu gehen. Nun schickt ihn der Herr fort, gibt ihm aber, weil er sonst sich gut gehalten, ein Tischchendeckdich. Damit macht er sich heim, es wird ihm aber unterwegs vertauscht; er hat also seinen Pfannkuchen verzehrt und seinen Heller ausgegeben [66] und bringt nur ein unnützes Tischchen mit. Der zweite Sohn wird nun ausgeschickt, kommt zu demselben Herrlein, hat ein gleiches Schicksal, wie sein Bruder und statt des echten bringt er einen falschen Goldesel mit. Dagegen der dritte Sohn hält sich bei dem Männlein das ganze Jahr hindurch, wie dieses verlangt hat, und da er sich die Ohren mit Baumwolle verstopft, ist ihm das Haus mit der Musik nicht gefährlich geworden. Er bekommt beim Abschied einen Knüppelausdemsack, damit verschafft er seinen Brüdern die verlorenen Wunderdinge wieder, und sie leben nun mit ihrem Vater vergnügt, der sich freut, seine drei Heller an seinen Söhnen nicht verschwendet zu haben. In Linas Märchenbuch von Albr. Lud. Grimm Nr. 4 der Knüppel aus dem Sacke. Zu vergleichen sind die Märchen aus Meran bei Zingerle S. 84 und 185, auch ein schwäbisches bei Meier Nr. 22. Dänisch bei Etlar S. 150. Norwegisch bei Asbjörnsen S. 43. Niederländisch in der Wodana Nr. 5. Ungarisch bei Stier S. 79. Polnisch bei Levestam S. 105. Walachisch bei Schott Nr. 20. Hierher gehört auch ein Märchen aus dem Zillerthal bei Zingerle S. 56, dem das irische von der Flasche (Elfenmärchen Nr. 9) entspricht wie das russische von dem sanften Mann und der zänkischen Frau bei Dietrich Nr. 8. Verwandt ist das Märchen von dem Ranzen, Hütlein und Hörnlein (Nr. 54).


37.
Daumesdick.

Aus Mühlheim am Rhein. Gehört in den Fabelkreis von des Schneiders Däumerling Wanderschaft (Nr. 45); vergl. die dortigen Anmerkungen. Slavonisch bei Vogl Nr. 6. Romanisch aus der Bukowina in Wolfs Zeitschrift für deutsche Mythologie 1, 48. Albanesisch bei Hahn 2, S. 168. 169.


38.
Die Frau Füchsin.

Wird vielfach in Hessen und in den Maingegenden erzählt. Wir theilen hier die zwei bedeutendsten Abweichungen mit, die andern [67] Verschiedenheiten laufen dahin aus, daß der alte Fuchs wirklich oder nur scheintodt ist (wie im altfranzös. Gedicht), und daß entweder blos Füchse oder auch andere Thiere kommen und um die Wittwe freien. Im letzten Fall sind ihre Fragen mannigfaltiger, „wie sieht der Freier aus? hat er auch ein roth Käppchen auf?“ „Ach nein, ein weiß Käppchen,“ denn es war der Wolf. „Hat er ein roth Camisölchen an?“ „Nein, ein gelbes,“ denn es war der Löwe. Die Anrede an die Katze im Eingang hat auch mancherlei Verschiedenheiten,

„Frau Kitze, Frau Katze,
schön Feuerchen hatse,
schön Fleischchen bratse,
was macht die Frau Fuchs?“

Oder auch,

„Was macht sie da, mein Kätzchen?“
„Sitze da, wärm mir das Tätzchen.“

Hernach,

Da lief das kleine Kätzelein
mit seinem krummen Schwänzelein
die Treppe hoch hinauf.
„Frau Füchsin, ist sich drunten ein schönes Thier!
gestaltet wie ein schöner Hirsch vor mir.“

„Ach nein“ antwortet die Frau Füchsin und hält dem alten Herrn eine Lobrede, worin sie seine mancherlei Tugenden erwähnt; jenachdem die verschiedenen Thiere beschaffen sind, wird immer etwas anderes am Fuchs gelobt.


39.
Die Wichtelmänner.

Alle drei aus Hessen. Von dem dritten Märchen eine holstein. Erzählung bei Müllenhoff S. 313, eine litauische bei Schleicher S. 104. 105. Zu dem Vers in der dritten Erzählung ist zu merken daß nach Dähnerts plattd. Wörterbuch (S. 556) von sehr alten Dingen gesagt wird „old as de Bremer Wold“. Schütze im holst. Idiot. 3, 173. 373 hat „so oold as de Bremer Woold.“ Bei Müllenhoff,

[68]

ik bün so olt
as Bernholt (Brennholz)
in den Wolt.

Bei den siebenbürg. Sachsen „alt wie der Kokelfluß“; s. Haltrich S. 72. Bei den Ungarn „alt wie der ungrische Wald“ nach Weinhold; s. deutsche Mythologie S. 437. 438. Das dritte Märchen auch bei Colshorn S. 244 und in einem Bretagner Lied Barzas-Breiz 1, 50; auch bei den Dänen in Thieles dän. Sagen 1, 49, wo der Kleine sagt „nu har jeg seet tre gang ung Skov paa Tiis Söe“. In Tirol sagt er

„ich bin grad nett jetzt so viel Jahr schon alt
als Nadeln hat die Tanne da im Wald.“
 Vonbun Voralberg. Volkssagen S. 4.

Hierher gehört auch das irische Elfenmärchen Nr. 6. Zu vergleichen sind die Sagen von dem stillen Volk, den wohlwollenden Zwergen und gut gesinnten Kobolden im ersten Band unserer deutschen Sagen. Es ist ein eigener Zug, daß die kleinen Geister, wenn sie Kleider erhalten haben, verschwinden. Ein Seemännlein will keine haben und verschwindet, als es sie erhält; s. Mone Anzeiger 1837, S. 175. Ein Fenggamäntschi erhält ein rothes Röcklein, freut sich darüber und verschwindet; s. Vonbun S. 3. 4.


40.
Der Räuberbräutigam.

Nach zwei Erzählungen aus Niederhessen, in der einen wird statt der Erbsen und Linsen weniger gut Asche zum Zeichen auf den Weg gestreut. Eine dritte unvollständigere aus den Maingegenden: hier ist es eine Königstochter welcher der Bräutigam den Weg durch Bänder bezeichnet, die er an jeden Baum bindet. Als sie hinter dem Faß versteckt ist, bringen die Räuber ihre Großmutter und hauen ihr den Finger ab. In den Märchen von Carol. Stahl die Müllerstöchter (s. unten). Bei Meier Nr. 63. Bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 33. Dänisch bei Thiele 2, S. 12. 13. Ungarisch bei Streit S. 45.

[69]

41.
Herr Korbes.

Aus den Maingegenden, doch auch in Hessen haben wir es gehört; der Vers lautete etwas anders,

der Wagen schnurrt,
das Mäuschen pfeift,
der Hahn der schüttelt seinen Bart,
das Ding hat eine gute Art.

Verwandt ist damit das Lumpengesindel (Nr. 10).


42.
Der Herr Gevatter.

Vollständiger als in den früheren Ausgaben nach einer Erzählung in dem Büchlein für die Jugend S. 173. 174.


43.
Frau Trude.

Eine bessere und vollständigere Überlieferung als in den früheren Ausgaben, dabei ist benutzt ein Gedicht von Meier Teddy in dem Frauentaschenbuch 1823, S. 360.


44.
Der Gevatter Tod.

Aus Hessen, doch schließt hier die mündliche Erzählung damit, daß der Tod dem Arzt die Höhle mit den Lebenslichtern zeigt und ihn warnt. Die List des Todes womit er seinen Pathen bestraft, ist genommen aus der Erzählung des Märchens in Schillings neuen Abendgenossen 3, 145–286, der es aber gleichfalls aus heutiger Volkssage geschöpft [70] hat. Das Alter des Märchens beweist ein von Hans Sachs im Jahr 1553 gedichteter Meistergesang, der sich in einer Berliner handschriftlichen Sammlung von Meistergesängen (mss. german. Nr. 22 fol. Stück 19) befindet; der Schluß ist abweichend. Ein Meistergesang von Heinrich Wolf im Jahre 1644 gedichtet in einer andern Sammlung (mss. german. Nr. 24 fol. S. 496), wo erst der Teufel, dann der Tod den Bauer abweist. Auch Jacob Ayrer hat ein Fastnachtsspiel (das 6te im opus theatr.) vom „Baur mit seim Gevatter Tod“ daraus gemacht. Erst bietet sich Jesus dem Kindtaufvater an, wird aber von diesem nicht angenommen, weil er einen reich, den andern arm mache. Drauf naht sich der Teufel, den er gleichfalls ausschlägt, weil er vor dem Namen des Herrn und des heiligen Kreuzes weglaufe (gerade wie der h. Christoph, als er sich einen Herrn sucht). Der Teufel schickt ihm zuletzt den Tod auf den Hals, der alle Leute gleich behandelt, dieser steht Gevatter und verspricht ihn zum Arzt zu machen, woraus ihm überreicher Lohn entspringen werde,

„bei allen Kranken findst du mich,
und mich sieht man nicht bei ihn sein,
dann du sollst mich sehen allein.
wenn ich steh bei des Kranken Füßen,
so wird derselbe sterben müssen,
alsdann so nim dich sein nicht an,
sichstu mich aber beim Kopfen stahn“ u. s. w.

zum Schein der Arznei solle er nur zwei Äpfelkern, in Brot gesteckt, eingeben. Dem Bauer gelingts damit, aber zuletzt holt der Tod seinen Gevatter selbst. Dieselbe Fabel, jedoch mit eigenthümlichen Abweichungen (worunter die beste, daß nicht der Vater, sondern das neugeborene Kind selbst die Doctorgabe empfängt), erzählt Prätorius im Glückstopf (1669) S. 147–149). Bei Pröhle Kinderm. Nr. 13. Nach einer Erzählung aus dem Odenwald in Wolfs Hausmärchen S. 365 überlistet der Arzt den Tod.

Die Lichter woran das Leben gebunden wird, erinnern an Nornagest und die noch gangbare Redensart „das Lebenslicht, die Lebenskerze ausblasen“. Schon in einer griechischen Mythe wird das Leben an ein brennendes Scheit verbunden; s. Gruber mytholog. Wörterbuch 3, 153. Überhaupt weist das Märchen auf tiefliegende Ideen hin; vergl. Wackernagel in Haupts Zeitschrift 6, 280 folg. [71] Der Tod und der Teufel sind die bösen Gottheiten und beide nur eine wie die Hölle die Unterwelt und das Todtenreich, daher im Märchen vom Schmied auch beide nach einander auftreten. Aber der böse heißt wie der gute Gott, Vater und Tatta. Der Gevatter nicht blos Vater, sondern auch Pathe, Goth und Dod, oder Tod; das getaufte Kind ebenso Pathe und Gothel, daher die Verwechselung beider in der Sage; vergl. altd. Wälder 1, 104 Anm. Grammatisch sind freilich die Wörter tôt (mors) und tote (susceptor baptizati) genau unterschieden.


45.
Des Schneiders Daumerling Wanderschaft.

Nach Erzählungen aus den Maingegenden, dem Hessischen und Paderbörnischen, die sich gegenseitig ergänzen; eine Fortsetzung oder eigene Verbindung der einzelnen hierher gehörigen Sagen enthält das Märchen vom Daumsdick (Nr. 37). Bei Pröhle Kinderm. Nr. 30. Bei Bechstein S. 131. Der Däumling in den Märchen der Carol. Stahl gehört auch in diesen Kreis (s. unten). In der Tabartischen Sammlung the life and adventures of Tom Thumb 3, 37–52 (s. unten). Ein dänisches Märchen verwandten Inhalts führt Nyerup (Morskabsläsning S. 238. 239) an. Svend Tommling, ein Mensch nicht größer als ein Daume, der sich verheirathen will mit einer Frau drei Ehlen und drei Quartier hoch. Er kommt auf die Welt mit Hut und Degen an der Seite, treibt den Pflug und wird von einem Gutsbesitzer gefangen, der ihn in seiner Schnupftabacksdose verwahrt; er hüpft heraus, fällt auf ein Ferkel, und das wird sein Reitpferd.

Die Griechen hatten ähnliche Däumlingssagen. Von Philytas, einem Dichter aus Cos, wurde erzählt er habe Blei in den Sohlen getragen, um nicht vom Winde weggeweht zu werden: von Archestratus, als er von den Feinden gefangen und auf eine Wage gelegt worden, habe er nur so viel als ein Obolus gewogen; vergl. Athenäus 12, 77 bei Schweighäuser 4, 551. 552. Aelian Var. 9, 14. Auch die griech. Anthologie (2, 350. LXV. Jacobs Tempe 2, 7) liefert einen Beitrag.

[72]

Plötzlich erhoben vom leisesten Hauch des lispelnden Westwinds
stieg jüngst, leichter als Spreu, Markos zum Äther hinauf.
Und er hätte die Luft mit rauschender Eile durchsegelt,
hätte der Spinne Geweb nicht ihm die Füße verstrickt.
Als er nun hier fünf Tag und Nächte gehangen, ergriff er
einen der Fäden und stieg langsam zur Erde herab.

Noch andere hierher gehörige Sagen sind folgende, einer war so dünnes Leibes daß er durch ein Nadelöhr springen konnte. Ein anderer kroch an einem in der Luft hangenden Spinnegeweb behend hinauf und tanzte künstlich darauf, bis eine Spinne kam, ihm einen Faden um den Hals spann und ihm damit die Kehle zuschnürte. Ein dritter konnte mit seinem Kopf ein Sonnenstäubchen durchbohren und mit dem ganzen Leibe hindurchgehen. Ein vierter pflegte auf einer Ameise zu reiten, es geschah aber, daß ihn die Ameise herabwarf und mit einem Fuße todt trat. Ein fünfter wollte einmal Feuer anblasen und flog (wie in unserm Märchen) mit dem Rauch zum Schornstein hinaus. Ein sechster lag bei einem Schlafenden und wurde, als dieser etwas stark athmete, zum Fenster hinaus getrieben. Endlich ein siebenter war so klein, daß er sich niemand nahen durfte, weil er sonst mit der Luft beim Einathmen in die Nase gezogen wurde.

In Euchar. Eyerings Sprichwörtern (1601) erzählt eine Spinne 1, 198,

Einsmals fieng ich ein Schneider stolz,
der war so schwer als Lautenholz,
der mit eim Schebhut in die Wett
vom Himmel rab her fallen thet.
Er wär auch wohl darinnen blieben,
niemand hat in heraus getrieben:
fiel in mein Garn, drin hangen blieb,
nicht raus kunt komn, war mir nicht lieb:
daß auch der Schebhut ohngefehr
neun Tag ehe rabher kam dann er.

In einem östreichischen Volksbuche, der daumenlange Hansel mit dem ellenlangen Barte (Linz 1815), so modern es übrigens ist, kommen noch einige echte Züge vor. Er steckt mit seinem Vater und Mutter in dem hohlen Zahn eines Wallfisches (s. unten das serbische [73] Märchen vom Bärensohn) und wird da gefunden. Er schreckt Spieler die ausrufen „der Teufel soll mich holen!“ indem er ganz berußt aus der Ofenröhr auf die Ofenbank hüpft und ruft „da bin ich!“ Er stellt dem Liebhaber von der Wirthstochter einen Teller auf Erbsen Nachts vor die Thür, so daß dieser mit großem Lärm fällt. Als sie sich dafür rächen will und Rosendornen in ihre Stube streut, in die er treten soll, so merkt er es, liest sie auf und legt sie ihr ins Bett. Er läßt sich in das Ohr eines Pferdes setzen und dieses für ein redendes Pferd ausgeben, dann rettet er sich, indem er in einen löcherigen Käs springt und damit zum Fenster hinausgeworfen wird.


46.
Fitchers Vogel.

Nach zwei Erzählungen aus Hessen. Eine dritte aus dem Hanöverschen weicht ab. Ein armer Holzhacker der drei Töchter hat, geht in den Wald an die Arbeit und bestellt die älteste solle ihm das Essen hinaus bringen, und damit sie den Weg finde, wolle er ihn (wie im Märchen vom Räuberbräutigam Nr. 40, das auch im Ganzen verwandt ist) mit Erbsen bestreuen. Im Walde aber hausen drei Zwerge, die hören was der Mann zu seinen Kindern spricht, suchen die Erbsen und streuen einen Weg nach ihrer Höhle. Das Mädchen geht nun zur Mittagszeit in den Wald, findet den Weg und geräth zu den Zwergen. Es muß bei ihnen dienen, hat es aber sonst gut; in alle Gemächer der Höhle darf es gehen, nur in eins nicht. Nun folgt das Märchen dem unsrigen, die zwei andern Schwestern werden auch hinausgelockt. Als die Zwerge diese im Korb heimtragen müssen, und sie allein ist, steckt sie sich in das Blut und dann in die Federn und stellt einen Wisch mit ihren Kleidern angethan bei den Herd. Als sie aus der Höhle herausgeht, begegnen ihr Füchse, die fragen „geputzter Vogel, wo kommst du her?“ „Aus der Zwergenhöhle, da machten sie sich zur Hochzeit bereit“; darauf gehen die Füchse vorüber. Ebenso begegnet sie Bären, welche dieselbe Frage thun, endlich auch den zurückkehrenden Zwergen, die sie nicht erkennen. Sie gibt allen dieselbe Antwort. Die Zwerge, wie sie in ihre Höhle kommen und den Wisch finden, merken den Betrug und laufen dem Mädchen nach, sie können es aber nicht eher erreichen [74] als bei ihres Vaters Haus. Sie schlüpft noch glücklich hinein, aber die Thüre schlägt ihr die Ferse ab. Bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 7 heißt sie Fledervogel. Ein sehr ähnliches finnisches Märchen aus Karalän in Erik Rudbeks Sammlung (2, 187) führt Schiefer S. 609 an.

Zur Erklärung von Fitchers Vogel dient das isländ. Fitfuglar Schwimmvögel; sie sah weiß aus wie ein Schwan. Daß der Hexenmeister selbst die Mädchen heimtragen muß, erinnert an den Rosmer in den altdänischen Liedern (Übers. S. 201 ff.) der auch, ohne es zu wissen, die erst geraubte Braut wieder auf dem Rücken fortträgt. Das unauslöschbare Blut kommt auch in einer Erzählung der Gesta Romanorum vor, einer Mutter fallen vier Tropfen Blut ihres unschuldigen, von ihr gemordeten Kindes auf die Hand, welche nicht fortzubringen sind, so daß sie beständig einen Handschuh trägt. Daß eine angekleidete Puppe die Braut vorstellen muß, wird ebenso in dem Märchen von der häßlichen Braut erzählt (Nr. 66) und zeigt die Verwandtschaft. Die Verkleidung des Mädchens in einen Vogel scheint mit der uralten Sitte sich in Thiere umzugestalten, Zusammenhang zu haben. Hierher gehört besonders eine Stelle aus Becherers Thüring. Chronik (S. 307. 308), wo von den Soldaten des Kaisers Adolf von Nassau erzählt wird „sie funden ein altes Weib, dasselbe haben sie nackt ausgezogen, mit Wagenpech beschmiert und in einem aufgeschnittenen Federbett umgewälzt, darnach in einem Strick als einen Bären oder Wunderthier durchs Lager und sonsten geführt; da sie bei Nacht abgeholt und wieder zurecht bracht worden“. In Madrid ward im J. 1824 eine Frau die sich unehrerbietige Reden gegen den König erlaubt hatte, zur Strafe am ganzen Leib mit Öl bestrichen und mit allerlei Federn bedeckt.

Augenscheinlich enthält unser Märchen die Sage vom Blaubart. Wir haben diese zwar auch deutsch gehört und in der ersten Ausgabe Nr. 62 mitgetheilt, aber da sie von Perraults la barbe bleue nur durch einiges Fehlende und einen besondern Umstand abwich, das Französische auch an dem Ort, wo wir sie hörten, bekannt sein konnte, so haben wir sie im Zweifel nicht wieder aufgenommen. Es fehlt die Schwester Anne und das Abweichende enthält den Zug, daß die Geängstigte den Blutschlüssel in Heu legt, weil es wirklich Volksglaube ist Heu ziehe das Blut aus. Auch die Erzählung bei Meier Nr. 38 scheint aus dem Französischen abzustammen. Die Sage [75] stellt bekanntlich auch ein schönes Volkslied von Ulrich und Ännchen dar (Wunderhorn 1, 274. Herders Volkslieder 1, 79 und Gräters Idunna 1812), wo aber auch des blauen Barts nicht Erwähnung geschieht. Gleichwohl ist Blaubart der Volksname eines Starkbärtigen, wie in Hamburg (Schütze holst. Idiot. 1, 112), und hier in Cassel ist deshalb ein verwachsener, halbtoller Handwerksbursch unter dem Namen bekannt genug. Es heißt also (gleich dem nordischen Blâtand, Schwarzzahn) ein Schwarzbärtiger und bezieht sich ursprünglich wohl auf eine Krankheit, wie die Miselsucht, welche durch das Baden im Blut der reinen Jungfrauen sollte geheilt werden; daher die sonst unbegreifliche Grausamkeit; s. Armer Heinrich S. 173.

Wir fügen noch eine holländische, hierher gehörige Sage nach mündlicher Überlieferung hinzu. Ein Schuhmacher hatte drei Töchter. Zu einer Zeit, wo er ausgegangen war, kam ein Herr in einem prächtigen Wagen und nahm eine von den Jungfrauen mit sich, die nicht wieder kam. Darauf holte er auf eben die Weise die zweite, endlich auch die dritte, die gleichfalls mitgieng und ihr Glück zu machen glaubte. Unterwegs, als der Abend einbrach, fragte er sie

„der Mond scheint so hell,
meine Pferdchen laufen so schnell,
süß Lieb, reut dichs auch nicht?“

(’t maantje schynt zo hel,
myn paardtjes lope zo snel,
soete liefje, rouwt ’t w niet?)[3].

„Nein,“ antwortete sie, „warum sollte michs reuen, ich bin immer bei euch wolbewahrt“; doch hatte sie eine innerliche Angst. Sie kamen in einen großen Wald, da fragte sie ob sie nun bald angelangt wären, „ja“, antwortete er, „siehst du das Licht in der Ferne, da liegt mein Schloß“. Nun langten sie an, und es war alles gar schön. Am andern Tag sprach er zu ihr „ich muß fort, aber ich will nur ein paar Tage ausbleiben, da hast du die Schlüssel zum ganzen Schloß, [76] da kannst du sehen, über was für Schätze du Meister bist“. Als er abgereist war, gieng sie durchs ganze Haus und fand alles so schön daß sie völlig zufrieden war. Endlich kam sie auch an einen Keller, darin saß eine alte Frau und schrappte Därme. „Ei Mütterchen“ sprach das Mädchen, „was macht sie da?“ „Ich schrappe Därme, mein Kind, morgen schrapp ich eure euch“. Davon erschrak sie so daß sie den Schlüssel welchen sie in der Hand hielt, in ein Becken mit Blut fallen ließ, welches nicht gut wieder abzuwaschen war. „Nun“, sprach die Alte, „ist euer Tod gewis, weil mein Herr an dem Schlüssel sieht daß ihr hier in der Kammer wart, wohin außer ihm und mir niemand kommen darf“. Da sah die Alte daß in dem Augenblick ein Wagen Heu vom Schloß wegfahren sollte und sprach „willst du dein Leben behalten, so versteck dich in das Heu, dann wirst du mit fortgefahren“. Das that sie und kam glücklich hinaus. Der Herr aber, als er heim kam, fragte nach dem Mädchen. „O“, sagte die Alte, „ich hatte keine Arbeit mehr, und da sie morgen doch dran mußte, so habe ich sie gleich geschlachtet; hier ist eine Locke von ihrem Haar und auch das Herz, da steht auch noch warm Blut: das übrige haben die Hunde gefressen, ich schrapp da noch die Därme“. Da gab er sich zufrieden und glaubte das Mädchen wäre todt. Sie war aber in ein Schloß, wohin der Wagen mit Heu verkauft war, gekommen, dort sprang sie heraus und erzählte dem Herrn vom Schloß wie alles sich zugetragen hatte. Er bat sie da zu bleiben, und nach einiger Zeit gab er allen Edelleuten in der Nähe ein Fest und lud auch jenen aus dem Mordschloß dazu ein. Das Mädchen mußte sich mit an die Tafel setzen, Gesicht und Kleidung waren aber so verändert daß es nicht zu erkennen war. Wie sie alle beisammen saßen, sollte jeder etwas erzählen, als nun die Reihe an das Mädchen kam, erzählte es seine Geschichte. Dem Herrn vom Mordschloß ward dabei so ängstlich ums Herz daß er mit Gewalt fortwollte; aber der Herr vom Hause ließ ihn festnehmen. Da wurde er gerichtet, sein Mordschloß niedergerissen, und seine Schätze erhielt das Mädchen, das sich mit dem Sohne des Hausherrn verheirathete und lange Jahre lebte. Für Schweden ist ein Volkslied bei Geyer und Afzelius zu vergleichen (3, 94), bei Asbjörnsen (S. 237) ein norwegisches Märchen. In der 1001 Nacht in der Geschichte des dritten Kalenders (Nacht 66) kommt auch das Verbot vor ein bestimmtes Gemach in einem Palast nicht zu betreten, und die Nichtachtung desselben wird bestraft.

[77]
47.
Der Machandelboom.

Von Runge nach der Volkserzählung aufgeschrieben. Nach einer von Moné uns mitgetheilten Erzählung aus der Pfalz wird das Schwesterchen von der Mutter neben den Topf gestellt, worin das gemordete Brüderchen kochen soll. Es ist ihm streng verboten hineinzusehen, doch wie es so arg in dem Topf kocht, deckt es einmal auf, und da streckt ihm das Brüderchen das Händchen heraus. Darüber kriegt es Angst und macht gleich wieder zu, weint aber dabei. Wie es gar gekocht ist, muß es dem Vater das Essen in den Weingarten hinaustragen; es sammelt die Knochen und begräbt sie unter einen wilden Mandelbaum. Andere erzählen es hätte sie eingefädelt und zum Speicher hinausgehängt. Da ist das Brüderchen in ein Vögelchen verwandelt worden und hat gepfiffen

„mei Moddr hot mi toudt g’schlagn,
mei Schwestr hot mi hinausgetragn,
mei Vaddr hot mi gesse:
i bin doch noh do!
Kiwitt, Kiwitt“.

Auch erzählt man in der Pfalz noch eine andere Einleitung, die Stiefmutter schickt einmal die zwei Kinder in den Wald Erdbeeren zu suchen, wer der erste heim wird kommen, soll einen Apfel haben. Da bindet das Bübchen das Mädchen an einen Baum und kommt zuerst zurück, die Mutter hat ihm aber nichts geben wollen, bis er sein Schwesterchen erst heim gebracht. Die Geschichte wird in Hessen häufig, selten aber so vollständig erzählt; es läßt sich daraus etwa nur noch hinzusetzen daß das Schwesterchen die Knochen an einem rothseidenen Faden zusammenreiht. Der Vers lautet

„meine Mutter kocht mich,
mein Vater aß mich,
Schwesterchen unterm Tische saß,
die Knöchlein all all auflas,
warf sie übern Birnbaum hinaus,
da ward ein Vögelein daraus,
das singet Tag und Nacht“.

[78] In einer schwäbischen, sonst unvollständigen Erzählung bei Meier Nr. 2,

„zwick! zwick!
ein schönes Vöglein bin ich.
Mein Mutter hat mich kocht,
mein Vater hat mich geßt“.

In einer Stelle von Göthes Faust S. 225, wozu unser Märchen die Erläuterung liefert, und die der Dichter unstreitig aus altem Hörensagen aufnahm, heißt es

„meine Mutter die Hur,
die mich umgebracht hat,
mein Vater der Schelm,
der mich gessen hat,
mein Schwesterlein klein
hub auf die Bein,
an einem kühlen Ort,
da ward ich schönes Waldvögelein,
fliege fort, fliege fort!“

In dem südlichen Frankreich, in Languedoc und in der Provence, ist das Märchen einheimisch und weicht dem Inhalt nach von dem deutschen nicht ab; das Vöglein singt

ma marâtre
pique pâtre
m’a fait bouillir
et rebouillir.
mon père
le laboureur
m’a mangé
et rongé.
ma jeune soeur
la Lisette
m’a pleuré
et soupiré:
sous un arbre
m’a enterré,

[79]

riou, tsiou, tsiou!
je suis encore en vie.

Feuilleton des Globe 1830 Nr. 146 von C. S.

Daß die Sage auch in Schottland umgeht, zeigt folgender Reim, den Leyden aus einem nursery tale aufbewahrt, the spirit of a child in the form of a bird whistle the following verse to its father

„pew wew, pew wew, (pipi, wiwi,)
my minny me slew“

womit die Bemerkungen von Albert Höfer in den Blättern für literar. Unterhaltung 1849 Nr. 199 zu vergleichen sind. Endlich haben die Betschuanen in Südafrika ein verwandtes Märchen.

Marleenken ist Marianchen, Marie Annchen. Machandel nicht etwa Mandel sondern Wacholder und zwar bedeutend, weil es ein verjüngender Baum ist und wach so viel als queck, rege, vivus, lebendig, heißt; an andern Orten heißt er Queckholder, Reckholder, juniperus (von junior, jünger) angelsächs. quicbeam. Die böse Stiefmutter (ein altes Sprichwort sagt „Stiefmutter, Teufels Unterfutter“) verweist an viel andere Märchen. Der Eingang, wo sich die Mutter in den Finger schneidet, erinnert an Sneewitchen und eine merkwürdige Stelle im Perzival welche Altd. Wälder 1, 1–30 erklärt ist. Das Sammeln der Knochen kommt in den Mythen von Osiris und Orpheus, auch in der Legende von Adalbert vor: das Wiederbeleben in vielen andern, z. B. im Märchen von Bruder Lustig (Nr. 81), vom Fitchersvogel (Nr. 46), in dem altdän. Lied von der Mariböquelle; in der deutschen Sage vom ertrunkenen Kind (1. St. 62): trügerisch in dem Pfaffen Amis: in der Negersage von Nanni, den seine Mutter lehrt das Fleisch eines jungen Huhns essen und Federn und Knochen wieder zusammen setzen. Zeus belebt neu die Gebeine des verzehrten Kindes und ersetzt das Schulterblatt, welches Demeter gegessen, durch Elfenbein; s. Gruber mythol. Wörterbuch 3, 377. Thor sammelt die Knochen der aufgezehrten Böcke und belebt sie rüttelnd (Dämesage 38). Anderer Sagen nicht zu gedenken. Die Strafe eines von über der Thüre aufs Haupt fallenden Mühlsteins kennt schon die Edda in der Erzählung von den beiden Zwergen Fialar und Galar (Kopenh. Ausg. S. 84); vgl. unten Nr. 90.

[80]
48.
Der alte Sultan.

Nach zwei einander ergänzenden Erzählungen, die eine aus Niederhessen, die andere aus dem Paderbörnischen. In der letztern ist es Fuchs und Bär, die den Zweikampf bestehen wollen, und vorangeht als Einleitung die aus dem Reinecke Vos bekannte Erzählung wie der Fuchs den Bären auf Honig reizt und in ein Holz festklemmt. Sich zu rächen fordert ihn dieser nun heraus. Nach einer dritten Sage, auch aus dem Paderbörnischen, hat der Fuchs außer der Katze noch den Hund und die Biene zum Beistand. Die Biene setzt sich dem Schwein, das es mit dem Bären hält, ins Ohr und sticht es; die Katze aber fängt eine Maus und wirft sie dem Bären in das aufgesperrte Maul, die ihn in die Zunge beißt, worauf beide mit Geschrei fortlaufen. Den zweiten Tag machen sie aus wer zuerst einen Berg hinauflaufe, solle des andern Herr sein. Der Fuchs hat einen Bruder der ihm so ähnlich ist daß sie nicht zu unterscheiden sind, den schickt er voraus (wie der Swinegel seine Frau in Nr. 187) und fängt dann mit dem Bären den Lauf zugleich an, bleibt absichtlich zurück und versteckt sich. Wie der Bär hinauf kommt, ist der Fuchs oben, und er denkt nicht anders als es wäre der rechte und ruft voll Zorn „so wollt ich daß das Wetter auf mich schlüge!“ Es saß aber auf dem Baum unter dem der Bär stand, ein Junge der sich vor ihm dahin geflüchtet hatte, als er das Thier herbei rennen sah, ließ er aus Angst seine Holzaxt fallen, und die schlug grade dem Bären den Kopf ein. Dieser Zug kommt auch in einem Märchen der siebenb. Sachsen vor; s. Halterich Nr. 14 und Nr. 34. In eine vierte Erzählung, ebenfalls aus dem Paderbörnischen, war eine Rede eingeflochten, worin der Bär sein Zusammentreffen mit einem Jäger schilderte (vergl. Nr. 72), „es begegnete mir ein Mensch, der machte auf einmal eine lange, lange Nase (legte die Flinte an) und spie Feuer daraus und mir schwarze Körner ins Gesicht: da gieng ich auf ihn los, aber er zog eine weiße Rippe aus seinem Leib, die war scharf, und damit schlug er mir auf die Tatze, aber ich brach sie ihm entzwei; da holte er eine schwarze Rippe (die Scheide) hervor, aber ich machte daß ich fortkam“. [81] Wendisch der Krieg des Wolfes und Fuchses bei Haupt und Schmaler Nr. 8. Serbisch im Reinhart Fuchs CCXCIV. Ehstnisch das. CCLXXXV. Verwandt ist das Märchen vom Fuchs und Pferd Nr. 32, vom Zaunkönig und Bär Nr. 102, auch der Krieg der Wespen und Esel bei Baradja Nikdani in Wolfs Zeitschrift 1, 1. 2, endlich der kleine Knäpzagel bei Haltrich Nr. 31. Auch ist zu vergleichen ein Thiermärchen in Laßbergs Liedersaal 1, 291 und die elfte Extravagante von dem Wolf und hungrigen Hund bei Steinhöwel (1487) S. 56. 57.


49.
Die sechs Schwäne.

Aus Hessen. Es hängt mit dem Märchen von den sieben Raben (Nr. 25) zusammen, nur sind es hier weiße Schwäne, weil die Kinder ganz ohne Schuld verwünscht wurden. Eine andere Erzählung aus Deutschböhmen knüpft auch wirklich beide Märchen zusammen. Sie stimmt mit jenem bis da, wo die Schwester mit einem Laib Brot und einem Krüglein Wasser in die Welt geht und ihre Brüder sucht. Dann heißt es, so wanderte sie einen und den andern Tag fort, viele Meilen weit, und traf immer keine Spur an, endlich gelangte sie zu einem alten wüsten Mauerschloß und dachte vielleicht da etwas zu finden. Aber in dem Schloß war keine Menschenseele zu erblicken, doch sah sie Rauch steigen und hörte Funken knistern. „Wo Rauch geht und Feuer brennt, da müssen auch Menschen wohnen“ dachte sie und folgte dem nach: endlich kam sie in eine Küche, da standen sieben Töpfe um den Heerd, schäumten und brutzelten, nur kein Koch war dabei. „Ei, was wird da gekocht?“ sagte das Mädchen und guckte in die Töpfe nein, da waren seltsame Wurzeln und Gekräutich drinnen. „Wie muß das wohl schmecken?“ kostete daraus aus jedem ein wenig und rührte es besser herum, wie sichs gehörte. Hatte so ihre Freude am Kochen, das sie lange nicht gethan, und auch das Bischen warme Speise that ihr wohl, die sie so lange nicht über die Zunge gebracht hatte. Indem entstand ein Sausen in der Luft und sieben schwarze Raben kamen durch den Schornstein geschwirrt, faßte jeder sein Töpfel und flogen damit ins Eßzimmer und huben an Mittag zu halten. [82] Ein paar Schnäbel voll hatte der erste Rabe genommen, sprach er „sonderbar, meines Fraßes ist etwas minder, als es sein sollte, aber es schmeckt als wie von Menschenhand gekocht“. „Mir gehts auch so“, sagte der zweite, „wie wenn unser Schwesterchen da wäre?“ „Ach“, fiel der dritte ein, „die an all unserm Elend schuld ist, wir hackten ihr die Augen aus“. „Was kann sie denn dafür?“ sprach der vierte Rabe. Der fünfte, „ich wollte ihr nichts zu leid thun“. „Sie könnte uns vielleicht noch erlösen“ sagte der sechste. Und als der siebente eben rief „Gott geb sie wär da!“ so trat sie zur Stubenthür herein, denn sie hatte dem ganzen Gespräch zugelauscht und konnte es nicht über ihr Herz bringen länger zu warten vor großem Mitleiden daß sie ihre leiblichen Brüder in so häßliche Vögel verwandelt erblickte. „Thut mir an was ihr wollt, ich bin eure Schwester mit dem güldnen Kreuz, und sagt an ob ich euch erlösen kann?“ „Ja“ sprachen sie, „du kannst uns noch lösen, aber es ist sehr schwer“. Sie erbot sich willig und mit Freuden zu allem, was es nur wäre, da sagten die Raben „du mußt sieben ganze Jahr kein Sterbenswort sprechen und mußt in der Zeit für jeden von uns ein Hemd und ein Tuch nähen und ein Paar Strümpfe stricken, die dürfen nicht eher noch später fertig werden, als den letzten Tag von den sieben Jahren. Bei uns aber kannst du der Zeit nicht bleiben, denn wir möchten dir einmal Schaden thun, wenn uns die Rabennatur übernimmt, oder durch unsre Gesellschaft dich einmal zum Reden verleiten“. Also suchten sie im Walde nach einem hohlen Baum, setzten sie oben hinein, daß sie da fein still und einsam bliebe, schufen den nöthigen Flachs und Spinngeräth und trugen ihr von Zeit zu Zeit Futter herbei, daß sie nicht Hungers verkäme.

So verstrich ein Jahr, ein zweites und noch eins, und das gute Schwesterchen saß still in dem hohlen Baum, rührte und regte sich nicht als so viel es zum Spinnen brauchte. Da geschah daß der Fürst des Reiches, wozu der Wald gehörte, eines Tags eine Jagd anstellte und in der Irre ein Rudel Hunde durch Strauch und Busch, wohin sonst kein Jäger gelangt war, und bis zu dem hohlen Baum drang. Da standen die Hunde still, weil sie etwas Lebendiges spürten, schnoberten und stellten sich bellend um den Baum. Die Jäger aber folgten dem Geschrei und näherten sich, konnten jedoch anfangs das Thier nicht finden, dessen Spur die Hunde hatten, weil die Jungfrau ganz still saß und sich nicht regte und vor der Länge der [83] Zeit Moos auf ihr gewachsen war, daß sie fast dem Holze glich. Zuletzt aber erkannten sie die Gestalt ihres Leibes und berichteten ihrem Herrn da in einem hohlen Baum sitze ein Thier von menschlicher Gestalt, rühre sich nicht und gebe keinen Laut von sich. Der Fürstensohn gieng hinzu und befahl sie herauszunehmen; sie ließ alles geschehen, rührte keine Stimme nicht. Als sie nun anfiengen das Moos von ihr abzunehmen und sie zu reinigen, kam ihr weißes Gesicht zum Vorschein und das Kreuz auf der Stirne, daß der Fürst über ihre große Schönheit erstaunte und sie in allen Sprachen die er nur wußte, anredete, um zu hören wer sie wäre und wie sie dahin gerathen. Allein auf alles blieb sie stumm als ein Fisch, und der Fürst nahm sie mit sich heim, übergab sie den Kamerfrauen und befahl sie zu waschen und zu kleiden, welches vollkommen nach seinem Willen geschah. War sie nun vorher schön gewesen, so strahlte sie in den reichen Kleidern wie der helle Tag, nur daß kein Wort aus ihr zu bringen war. Nichtsdestoweniger setzte sie der Fürst über Tisch an seine Seite und wurde von ihrer Miene und Sittsamkeit aufs tiefste bewegt, und nach einigen Tagen begehrte er sie zu heirathen, keine andere auf der Welt. Seine Mutter widersetzte sich dieser Vermählung zwar heftig, indem sie äußerte man wisse ja doch nicht recht ob sie Thier oder Mensch sei, sprechen thue sie nichts und begehre nicht es zu lernen, und von einer solchen Ehe stände nichts wie Sünde zu erwarten. Allein keine Einrede half, der König sprach „wie kann man zweifeln daß sie ein Mensch ist, die eine engelschöne Gestalt hat und deren edle Abkunft das Kreuz auf ihrer Stirne verräth?“ Mithin wurde das Beilager in Schmuck und Freuden vollzogen.

Als Gemahlin des Fürsten lebte sie sittsam und fleißig in ihrem Kämerlein, arbeitete an dem Geräthe fort, das ihre Brüder aus dem Bann erlösen sollte. Nach einem halben Jahr, als sie gerade schwanger gieng, mußte der Fürst in den Krieg ziehen und befahl seiner Mutter daß sie seine Gemahlin wohl hüten sollte. Aber der Mutter war seine Abwesenheit gerade recht, und als die Stunde der Niederkunft kam und sie einen bildschönen Knaben gebar mit einem güldnen Kreuz auf der Stirne, wie sie selber hatte, gab die Alte das Kind einem Diener mit dem Befehl es in den Wald zu tragen, zu morden und ihr zum Zeichen die Zunge zu bringen. Dem Fürsten schrieb sie einen Brief, worin stand seine Gemahlin die man selbst [84] für ein halbes Thier halten müsse, sei, wie zu erwarten gestanden, eines Hundes genesen, den man habe ersaufen lassen. Worauf der Fürst antwortete man solle sie dennoch wie seine Gemahlin halten, bis er aus dem Feld heimkehre und dann selber entscheide was geschehn solle. Der Diener inzwischen war mit dem Knäblein in den Wald gegangen, begegnete ihm eine Löwin, der warf ers vor, dachte sie möcht es fressen, so brauch ers nicht zu tödten; die Löwin aber leckte es mit ihrer Zunge. „Hat ein reißend Thier Mitleiden, so kann ich noch vielweniger grausam sein“ dachte der Diener, ließ das Kind der Löwin und brachte der Alten eine Hundszunge mit. Bald darauf kehrte der Fürst aus dem Krieg heim und wie er die Schönheit seiner Gemahlin sah, mußte er sie für unschuldig halten und konnte ihr keine Strafe anthun. Das folgende Jahr war sie abermals guter Hoffnung, und weil gerade der Fürst wiederum abreisen mußte, trug sich alles wie das erstemal zu: das geborene Kind kam wieder zur Löwin und wurde von ihr erzogen. Die alte Fürstin klagte sie noch viel heftiger an, aber der Fürst wurde nochmals von ihrer Unschuld überwunden, obgleich sie keine Silbe zu ihrer Verantwortung vorbringen durfte. Wie aber beim drittenmal alle die vorigen Umstände wiederholt eintraten, glaubte der Fürst daß ihn Gottes Zorn treffen werde, wofern er länger mit einer Gemahlin lebe, die ihm keine menschliche Erben sondern Thiere zur Welt bringe, befahl also bei seiner Heimkunft sie durch Feuer vom Leben zum Tod zu bringen. Nun war gerade der Tag der Hinrichtung der letzte von den sieben Jahren, und wie sie den letzten Stich that, dachte sie seufzend „du lieber Gott, soll denn endlich die schwere Zeit um sein!“ In demselben Augenblick waren ihre sieben Brüder erlöst und aus Raben wieder Menschen geworden, schwangen sich alsbald auf sieben gesattelte Pferde und sprengten durch den Wald. Mitten drin sehen sie bei einer Löwin drei Knäblein mit einem Goldkreuze auf der Stirn, „das sind unsrer lieben Schwester Kinder!“ nehmen sie zu sich aufs Pferd. Als sie aus dem Wald reiten, sehen sie von weitem eine Menge Volks stehen und den Scheiterhaufen brennen, winken mit ihren Tüchern und reiten Galop. „Liebste Schwester, wie gehts dir? da sind auch deine drei Kinder wieder!“ Sie ward losgebunden, und da ihr die Sprache wieder erlaubt war, so dankte sie Gott mit lauter Stimme. An ihrer Stelle aber wurde die böse Alte zu Asche verbrannt.

Man sieht wie hier unsere Sage mit jener von den sieben Raben [85] (Nr. 25) und den zwölf Brüdern (Nr. 9) verbunden ist und allen dreien gleich zugehört; in einer böhmischen Erzählung erscheint auch dieser Zusammenhang (s. unten). In der Braunschweiger Sammlung S. 349–379 von sieben Schwänen. Bei Kuhn Nr. 10. Bei Sommer S. 142. Bei Meier Nr. 7. Bei Asbjörnsen S. 209. Vergl. altdeutsche Blätter 1, 128 und Leos Beowulf S. 25 folg. Das Märchen zeigt überall ein hohes Alter, die sieben Menschenhemder scheinen mit den Schwanenhemdern zusammenzuhangen, die wir aus der Völundarquida kennen. Die Sage vom Schwanenschiff auf dem Rhein (Parcifal, Lohengrin u. a.) in Verbindung mit dem altfranzösischen chevalier au cigne schließt sich wiederum an, und es bleibt auch hier der letzte Schwan unerlöst, weil das Gold von seinem Schwanenring schon verarbeitet war. Ein Knaul das sich aufrollt und den Weg zeigt, auch in dem russischen Lied von Wladimirs Tafelrunde S. 115.


50.
Dornröschen.

Aus Hessen. Die Jungfrau die in dem von einem Dornenwall umgebenen Schloß schläft, bis sie der rechte Königssohn erlöst, vor dem die Dornen weichen, ist die schlafende Brunhild nach der altnordischen Sage, die ein Flammenwall umgibt, den auch nur Sigurd allein durchdringen kann, der sie aufweckt. Die Spindel woran sie sich sticht und wovon sie entschläft, ist der Schlafdorn, womit Othin die Brunhild sticht; vergl. Edda Sämundar 2, 186. Im Pentamerone (5, 5) ist es ein Flachsagen. Bei Perrault la belle au bois dormant. Ähnlich ist Sneewitchens Schlaf. Die italienische und französische Sage haben beide den Schluß welcher der deutschen fehlt, aber in dem Bruchstück Nr. 5 (von der bösen Stiefmutter) vorkommt. Merkwürdig ist daß bei so bedeutenden Abweichungen Perraults von Basile (der den schönen Zug allein bewahrt, daß der Säugling der schlafenden Mutter die Agen aus dem Finger saugt) beide in den Eigennamen der Kinder insofern einstimmen als die Zwillinge im Pentamerone Sonne und Mond, bei Perrault Tag und Morgenröthe heißen. Diese Namen erinnern an die auch in der eddischen Genealogie zusammengestellten von Tag, Sonne und Mond.

[86]

51.
Der Fundevogel.

Aus der Schwalmgegend in Hessen. Es wird auch erzählt daß die Köchin die böse Frau des Försters war, und Fragen und Antwort werden anders gestellt z. B. „ihr hättet die Rose nur abbrechen sollen, der Stock wäre schon nachgekommen“. Voß hat das Märchen in seiner Jugend erzählen hören und theilt Bruchstücke daraus mit in den Anmerkungen zu seiner neunten Idylle. Ein ähnliches Aufsuchen der Flüchtigen in Rolf Krakes Sage Cap. 2. Bei Colshorn Nr. 69. Verwandt ist das Märchen vom Liebsten Roland (Nr. 56).


52.
König Drosselbart.

Drei Erzählungen aus Hessen, den Maingegenden und dem Paderbörnischen. Die letztere hat einen andern Eingang. Nichts davon, daß der König die stolze Tochter zwingen will den ersten besten zu heirathen. Es kommt aber ein schöner Spielmann unter das Fenster des Königs, den er herauf rufen läßt; sein Gesang gefällt ihm und seiner Tochter. Der Spielmann bleibt längere Zeit am Hofe und wohnt der schönen Jungfrau gegenüber, so daß er in ihre Fenster und sie in seine blicken kann. Sie sieht einmal daß er mit seinen Fingern ein goldenes Rädchen anrührt, worauf ein schöner Klang daraus geht. Als er nun wieder kommt, bittet sie ihn das goldene Rädchen ihr zu bringen: er muß ihr zeigen wie es gespielt wird. Sie lernt es und verlangt von ihrem Vater auch ein solches Instrument; alle Goldschmiede des Reichs werden zusammen berufen, aber keiner ist im Stand es zu verfertigen. Da ist die Königstochter sehr traurig, und wie der Spielmann das bemerkt, sagt er wenn sie ihn zu heirathen Lust habe, wolle er ihr das künstliche Werk geben; aber sie spricht voll Hochmuth nein. Über eine Zeit sieht sie aus dem Fenster wie der Spielmann ein Häspelchen dreht, wobei die herrlichsten Töne klingen. Sie will es sehen und verlangt ein ähnliches, aber die Goldschmiede können noch weniger ein so kunstreiches Werk hervorbringen. Nun bietet ihr der schöne Spielmann Rädchen und [87] Häspelchen an, wenn sie ihn heirathen wolle, und da ihr Lust zu beiden allzugroß ist, so sagt sie ja. Bald aber kommt die Reue, und der Stolz läßt ihr keine Ruhe. Sie will ihr Wort zurücknehmen, doch der König zwingt sie, und die Hochzeit wird gefeiert. Nun führt sie der Spielmann in das armselige Waldhaus; das übrige stimmt mit unserm Märchen und ergänzt es. Auf dem Ball, als der Topf mit dem Essen zur Erde fällt, sinkt sie vor Schrecken ohnmächtig nieder. Beim Erwachen liegt sie in einem prächtigen Bett, und der schöne Spielmann ist ein König. Eine vierte Erzählung hat folgendes eigenthümliche, die Königstochter läßt bekannt machen sie wolle dem ihre Hand geben, der errathen könne von welchem Thier und welcher Gattung eine ohne Kopf und Füße ausgespannte Haut sei; sie war aber von einer Wölfin. Bröselbart erfährt das Geheimniß, räth mit Fleiß fehl und kommt dann als Bettler verkleidet wieder, um recht zu rathen. Vergl. bei Pröhle Kindermärchen Nr. 2. Im Pentamerone (4, 10) der bestrafte Hochmuth. Norwegisch Hakon Borkenbart bei Asbjörnsen Thl. 2.

Drosselbart heißt auch Bröselbart, weil die Brotbröseln vom Essen in seinem Bart hängen blieben; in einem Lied von Nithard kommt ein Brochselhart vor (Benecke Beiträge S. 291), vielleicht Brochselbart? Die beiden Namen liegen sich zwar zur Verwechslung nah, denn bei Ulfilas heißt ein Brosen drauhsna; man darf aber Drosselbart ebenwohl von Drossel, Drüssel, Rüßel, Maul, Nase oder Schnabel herleiten, wozu das Märchen sich gleichfalls schickt.


53.
Sneewitchen.

Nach vielfachen Erzählungen aus Hessen, wie überhaupt dieses Märchen zu den bekanntesten gehört, doch wird in Gegenden, wo bestimmt hochdeutsch herrscht, der plattdeutsche Namen beibehalten oder auch verdorben in Schliwitchen. Im Eingang fällt es mit dem Märchen vom Machandelbaum zusammen, noch näher in einer andern Erzählung, wo sich die Königin, indem sie mit dem König auf einem Jagdschlitten fährt, einen Apfel schält und dabei in den Finger schneidet. Noch ein anderer Eingang ist folgender, ein Graf und eine Gräfin fuhren an drei Haufen weißem Schnee vorbei, da sagte [88] der Graf „ich wünsche mir ein Mädchen so weiß als dieser Schnee“. Bald darauf kamen sie an drei Gruben rothes Blut, da sprach er wieder „ich wünsche mir ein Mädchen so roth an den Wangen wie dies Blut“. Endlich flogen drei schwarze Raben vorüber, da wünschte er sich ein Mädchen „mit Haaren so schwarz wie diese Raben“. Als sie noch eine Weile gefahren sind, begegnete ihnen ein Mädchen so weiß wie Schnee, so roth wie Blut und so schwarzhaarig wie die Raben, und das war das Sneewitchen. Der Graf ließ es gleich in die Kutsche sitzen und hatte es lieb, die Gräfin aber sah es nicht gern und dachte nur wie sie es wieder los werden könnte. Endlich ließ sie ihren Handschuh hinausfallen und befahl dem Sneewitchen ihn wieder zu suchen, in der Zeit aber mußte der Kutscher geschwind fortfahren. Nun ist Sneewitchen allein und kommt zu den Zwergen u. s. w. In einer dritten Erzählung ist bloß abweichend, daß die Königin mit dem Sneewitchen in den Wald fährt und es bittet ihr von den schönen Rosen die da stehen, einen Strauß abzubrechen. Während es bricht, fährt sie fort und läßt es allein. In einer vierten wird erzählt daß Sneewitchen nach seinem Tode von den Zwergen sollte verbrannt werden. Sie wickeln es in ein Tuch, machen einen Scheiterhaufen unter einen Baum und hängen es in Stricken darüber. Wie sie eben das Feuer anstecken wollen, kommt der Königssohn, läßt es herabholen und nimmt es mit sich in den Wagen. Vom Fahren springt ihm das Stück des giftigen Apfels aus dem Hals, und es wird lebendig. Eine fünfte Erzählung hat folgende Abweichung, ein König verliert seine Gemahlin, mit der er eine einzige Tochter, Sneewitchen, hat und nimmt eine andere, mit der er drei Töchter bekommt. Diese haßt das Stiefkind, auch wegen seiner wunderbaren Schönheit, und unterdrückt es, wo sie kann. Im Wald in einer Höhle wohnen sieben Zwerge, die tödten jedes Mädchen, das sich ihnen naht. Das weiß die Königin, und weil sie Sneewitchen nicht geradezu ermorden will, hofft sie es dadurch los zu werden, daß sie es hinaus vor die Höhle führt und zu ihm sagt „geh da hinein und wart bis ich wieder komme“. Dann geht sie fort, Sneewitchen aber getrost in die Höhle. Die Zwerge kommen und wollen es anfangs tödten, weil es aber so schön ist, lassen sie es leben und sagen es solle ihnen dafür den Haushalt führen. Sneewitchen hatte aber einen Hund, der hieß Spiegel, wie es nun fort ist, liegt der traurig im Schloß. Die Königin fragt ihn

[89]

„Spiegel unter der Bank,
sieh in dieses Land, sieh in jenes Land:
wer ist die schönste in Engelland?“

Der Hund antwortet „Sneewitchen ist schöner bei seinen sieben Zwergen als die Frau Königin mit ihren drei Töchtern“. Da merkt sie daß es noch lebt und macht einen giftigen Schnürriemen. Damit geht sie zur Höhle, ruft Sneewitchen, es solle ihr aufmachen. Sneewitchen will nicht, weil die sieben Zwerge ihm streng verboten haben keinen Menschen hereinzulassen, auch die Stiefmutter nicht, die sein Verderben gewollt habe. Sie sagt aber zu Sneewitchen sie habe keine Töchter mehr, ein Ritter habe sie ihr entführt, sie wolle bei ihm leben und es putzen. Sneewitchen wird mitleidig und läßt sie herein, da schnürt sie es mit dem giftigen Schnürriemen daß es todt zur Erde fällt, und geht fort. Die sieben Zwerge aber kommen, nehmen ein Messer und schneiden den Schnürriemen entzwei, da ist es wieder lebendig. Die Königin fragt nun den Spiegel unter der Bank, der gibt ihr dieselbe Antwort. Da macht sie ein giftiges Kopfband, geht mit dem hinaus und redet zu Sneewitchen so beweglich daß es sie noch einmal einläßt; sie bindet ihm das Kopfband um, und es fällt todt nieder. Aber die sieben Zwerge sehen was geschehen ist, schneiden das Kopfband ab, und es hat das Leben wieder. Zum drittenmal fragt die Königin den Hund, und erhält dieselbe Antwort. Sie geht nun mit einem giftigen Apfel hinaus, und so sehr Sneewitchen von den Zwergen gewarnt ist, wird es doch von ihren Klagen gerührt, macht auf und ißt von dem Apfel. Da ist es todt, und als die Zwerge kommen, können sie nicht helfen, und der Spiegel unter der Bank sagt der Königin sie sei die schönste. Die sieben Zwerge aber machen einen silbernen Sarg, legen Sneewitchen hinein und setzen es auf einen Baum vor ihrer Höhle. Ein Königssohn kommt vorbei und bittet die Zwerge ihm den Sarg zu geben, nimmt ihn mit, und daheim läßt er es auf ein Bett legen und putzen als wär es lebendig, und liebt es über alle Maßen; ein Diener muß ihm auch beständig aufwarten. Der wird einmal bös darüber, „da soll man dem todten Mädchen thun als wenn es lebte!“ gibt ihm einen Schlag in den Rücken, da fährt der Apfelbissen aus dem Mund, und Sneewitchen ist wieder lebendig.

Eine Erzählung des Märchens aus Wien gibt folgenden Zusammenhang. [90] Es sind drei Schwestern, Sneewitchen die schönste und jüngste; jene beiden hassen es und schicken es mit einem Laibel Brot und einem Wasserkrug in die Welt. Sneewitchen kommt zum Glasberg und hält den Zwergen Haus. Wenn die zwei Schwestern nun den Spiegel fragen wer die schönste sei, antwortet er

„die schönste ist auf dem Glasberge,
wohnt bei den kleinen Zwergen“.

Sie senden jemand dorthin, der soll Sneewitchen vergiften. Bei Musäus Richilde, wo der Reim lautet

„Spiegel blink, Spiegel blank,
goldner Spiegel an der Wand,
zeig mir die schönste Dirne in Braband“.

Auch ist ein echter Zug daß am Ende die Zwerge stählerne Pantoffel schmieden, glühend machen und der Stiefmutter anschuhen, die darin tanzen muß daß der Erdboden raucht. Walachisch der Zauberspiegel bei Schott Nr. 6. Im Pentamerone die Küchenmagd (2, 8).

Merkwürdig ist der Einklang mit einer nordischen, fast schon geschichtlichen Sage. Snäfridr, die schönste Frau (qvenna friduzt), Haralds des haarschönen Gemahlin, stirbt „und ihr Antlitz veränderte sich nicht im geringsten, und sie war noch eben so roth als da sie lebendig war. Der König saß bei der Leiche und dachte sie würde wieder ins Leben zurückkehren; so saß er drei Jahre“ (Haraldssaga Cap. 25. Heimskringla 1, 102). Über die Blutstropfen auf dem Schnee vergleiche man die Vorrede zu Liebrechts Übersetzung des Pentamerone XXI. XXIII. Die Strafe des todt Tanzens kommt auch in einer dänischen Volkssage vor (Thiele 1, 130). Die sieben Goldberge in einem schwedischen Volkslied bei Geyer 3, 72. 74, und im Firdusi (Görres 1, 180) heißt es „über sieben Berge mußt du setzen, wo Haufen auf Haufen furchtbarer Diws dir begegnen“.


54.
Der Ranzen, das Hütlein und Hörnlein.

Aus Niederhessen. Hans Sachs erzählt schon einen sehr ähnlichen Schwank (2. 4, 114. 115 Nürnb. Ausg. 2. 4, 227 Kempt. Ausg.), St. Peter bat einmal einen Landsknecht um eine Gabe, [91] dieser reicht ihm alles was er erbettelt hat, nämlich drei Pfennige. Der hl. Petrus schenkt ihm zur Belohnung des guten Willens ein paar Wünschwürfel. Der Landsknecht geht vergnügt seiner Straße, Abends, unter einer Eiche sitzend, würfelt er sich einen vollen Tisch herbei und läßt sichs gut schmecken. Indem kommt ein Bauer auf einem Esel daher und sagt Nächten habe er den hl. Petrus beherbergt, der ihn dafür heut Morgen mit diesem Esel begabt, der voller Landsknechte stecke; wenn man ihm auf den Schwanz schlage, falle einer herab. Vor den Landsknechten aber habe er eine Scheu, da sie ihn schon im baierischen Krieg in Armuth gebracht. Dem Landsknecht gefällt dagegen der Esel, er bietet dem Bauer seine Wünschwürfel dafür und der Tausch wird gemacht. Der Bauer geht mit den Würfeln fort, aber jetzt schlägt der Landsknecht zweimal auf des Esels Schwanz. Zwei Landsknechte fallen heraus, mit diesen lauft er dem Bauer nach und nimmt ihm die Würfel wieder ab. Er zieht nach Schweden, wo der König bekannt machen läßt wer ihm ohne Kohlen, Holz und Feuer ein königliches Nachtmahl zurichte, dem wolle er dafür seine Tochter zur Gemahlin geben. Der Landsknecht vollbringts mit seinen Würfeln leicht, der König weigert sich aber Wort zu halten. Der Landsknecht führt seinen Esel heimlich weg, der König eilt ihm mit allem Hofgesind nach, aber jener schlägt mit den Fäusten zink! zink! dem Esel auf den Schwanz, bis ein ganz Fähnlein Landsknechte oder mehr da steht; dann würfelt er und wünscht eine Mauer darum. Dem König wird angst und er gibt ihm seine Tochter. Der Landsknecht richtet die Hochzeit aufs köstlichste ein, der Esel frißt sich aber dabei krank und stirbt endlich. Der Landsknecht läßt die Haut gerben und über eine Trommel ziehen; sobald darauf geschlagen wird, kommen die Landsknechte herbei gelaufen. Eine östreichische Erzählung bei Ziska, die glücklichen Brüder S. 57. Eine dänische enthält ein vorliegendes Volksblatt aus Kopenhagen (vergl. Nyerups Morskabsläsning S. 234.) Lykkens flyvende Fane. Historie om tre fattige Skraedere, der ved Pillegrimsreise kom til stor Vaerdighed og Velstand. Drei arme Schneider die am Handwerk nicht viel verdienen, nehmen Abschied von Weib und Kind, wollen in die Welt ziehen und ihr Glück versuchen. Sie kommen in eine Wüste zu einem Berg, wo ein Zauberer wohnt; der Berg steht Sommer und Winter grün, voll Blumen und Früchten, und um Mittag und Mitternacht wird alles zu dem feinsten Silber. Der älteste füllt sich seinen [92] Bündel und alle Taschen mit den schönsten Silberblumen und Früchten, geht nach Haus, wirft Nadel und Bügeleisen unter den Tisch, und wird ein reicher Handelsmann. Die zwei andern denken „zu dem Berg können wir wieder, wenn wir Lust haben, zurückgehen, wir wollen unser Glück weiter versuchen“, und wandern fort. Sie kommen zu einer großen Eisenpforte, die geht von selbst auf, nachdem sie dreimal daran geklopft. Sie treten in einen Garten, da hängen die Bäume voll Goldäpfel. Der zweite Schneider bricht sich so viel ab als sein Rücken tragen kann, nimmt Abschied und geht heim. Dort begibt er sich auch zum Handel, und wird ein noch größerer Kaufmann, als der erste, so daß man glaubt der reiche Jude zu Hamburg stamme von ihm ab. Der dritte aber meint „der Garten mit den Goldäpfeln bleibt mir sicher, ich will noch weiter nach meinem Glück gehen“. Er irrt in der Wüstenei umher, und als er den Garten und den Silberberg wieder sucht, kann er ihn nicht finden. Endlich kommt er zu einer großen Anhöhe und hört auf einer Pfeife blasen. Er geht näher und findet eine alte Hexe, die pfeift vor einer Herde Gänse, die bei dem Ton mit den Flügeln schlagen, und auf der Alten auf und nieder tanzen. Sie hatte sich schon vier und neunzig Jahre auf der Höhe mit dem Tod herumgezerrt und konnte nicht sterben, bis die Gänse sie todt traten oder ein Christ kam der sie mit Waffen todt schlug. Sobald sie seine Schritte hört, und er so nah ist daß sie ihn sieht, bittet sie ihn, wenn er ein Christ sei, möge er sie mit der Keule die an ihrer Seite da stehe, todtschlagen. Der Schneider will nicht, bis sie ihm sagt er werde unter ihrem Haupt ein Tuch finden, welches, wie er es wünsche, auf ein paar Worte voll der köstlichen Speisen stehe. Da gibt er ihr einen Schlag auf den Hirnschädel, sucht und findet das Tuch, packt es gleich in seinen Bündel, und macht sich auf den Heimweg. Ein Reiter begegnet ihm und bittet ihn um ein Stück Brot, der Schneider sagt „liefere mir deine Waffen aus, so will ich mit dir theilen“. Der Reiter der ohnehin Pulver und Blei im Krieg verschossen hat, thut das gern, der Schneider breitet sein Tuch aus und tractiert den hungrigen Kriegsmann. Diesem gefällt das Tuch, und er bietet dem Schneider dafür seine wunderbare Patrontasche zum Tausch, wenn man auf die eine Seite klopfe, kämen hunderttausend Mann zu Fuß und Pferd heraus, klopfe man auf die andere, aller Art Musikanten. Der Schneider willigt ein, aber nachdem er die Patrontasche [93] hat, beordert er zehn Mann zu Pferd, die müssen dem Reiter nachjagen und ihm das Tuch wieder abnehmen. Der Schneider kommt nun nach Haus; seine Frau wundert sich daß er so wenig auf der Wanderschaft gewonnen hat. Er geht zu seinen ehemaligen Kameraden, die unterstützen ihn reichlich, daß er eine Zeitlang davon mit Frau und Kind hätte leben können. Er aber ladet sie darauf zum Mittagsessen, sie möchten nicht stolz sein und ihn nicht verschmähen. Sie machen ihm Vorwürfe daß er alles auf einmal verschlemmen wolle, doch versprechen sie zu kommen. Wie sie sich zur bestimmten Zeit einfinden, ist nur die Frau zu Haus, die gar nichts von den Gästen weiß und fürchtet ihr Mann sei im Kopf verwirrt. Endlich kommt der Schneider auch, heißt die Frau die Stube eilig rein machen, grüßt seine Gäste und entschuldigt sich, sie hätten es zu Haus besser, er habe nur sehen wollen ob sie nicht stolz durch ihren Reichthum geworden wären. Sie setzen sich zu Tisch, aber es kommt keine Schüssel zum Vorschein, da breitet der Schneider sein Tuch aus, spricht seine Worte, und im Augenblick steht alles voll der kostbarsten Speisen. „Ha! ha!“ denken die andern, „ists so gemeint, du bist nicht so lahm als du hinkst“, und versichern ihm Liebe und Brüderschaft bis in den Tod. Der Wirth sagt das sei gar nicht nöthig zu versichern, dabei schlägt er der Patrontasche auf eine Seite, alsbald kommen Spielleute und machen Musik, daß es eine Art hat. Dann klopft er auf die andere Seite, kommandiert Artillerie und hunderttausend Soldaten, die werfen einen Wall auf und führen Geschütz darauf, und so oft die drei Schneider trinken, feuern die Konstabeler ab. Der Fürst wohnte vier Meilen davon und hört den Donner, also meint er die Feinde wären gekommen, und schickt einen Trompeter ab, der bringt die Nachricht zurück, ein Schneider feiere seinen Geburtstag und mache sich lustig mit seinen guten Freunden. Der Fürst fährt selbst hinaus, und der Schneider tractiert ihn auf seinem Tuch. Dem Fürst gefällt das, und er bietet dem Schneider Ländereien und reichliches Auskommen dafür, der will aber nicht, sein Tuch ist ihm lieber, da hat er keine Sorge, Müh und Verdruß. Der Fürst faßt sich kurz, nimmt das Tuch mit Gewalt und fährt fort. Der Schneider hängt seine Patrontasche um und geht damit an des Fürsten Hof, bekommt aber einen Buckel voll Schläge. Da lauft er auf den Wall des Schlosses, läßt zwanzigtausend Mann aufmarschieren, die müssen ihre Stücke gegen das Schloß richten und [94] darauf los feuern. Da läßt der Fürst das Tuch herausbringen und demüthig bitten mit dem Feuer einzuhalten. Der Schneider läßt nun seine Mannschaft wieder ins Quartier rücken, geht heim und lebt vergnügt mit den zwei andern Brüdern. Bei Zingerle Beutel, Hütlein und Pfeiflein S. 143 und mit eigenthümlichen Abweichungen die vier Tücher S. 61. Das Märchen von der langen Nase, eine gezierte Darstellung in der Zeitschrift Phöbus von Heinr. von Kleist und Adam Müller Jahrg. 1808 6tes Stück S. 8–17. Der Schluß hat Ähnlichkeit mit dem Fortunat und das Ganze Verwandschaft mit dem Märchen vom Knüppel aus dem Sack (Nr. 36), mit der Räuberhöhle in Wolfs Hausmärchen S. 116 und einer Erzählung bei Zingerle S. 73. Niederländisch in Wolfs Wodana Nr. 5 S. 69. Dänisch bei Molbech Nr. 37. Tartarisch Relations of Ssidi Kur. Walachisch bei Schott Nr. 54.


55.
Rumpelstilzchen.

Nach vier im Ganzen übereinstimmenden, im Einzelnen sich ergänzenden Erzählungen aus Hessen. Nur ist in der einen der Schluß in so weit abweichend, daß die Königin keinen Boten ausschickt fremde Namen zu erkundigen, sondern der König kommt am dritten Tag von der Jagd und hat zufällig das Männlein behorcht und gehört wie es sich selbst da genannt habe. Eine fünfte Erzählung fängt folgender Gestalt an, einem kleinen Mädchen wird eine Kaute Flachs gegeben Garn zu spinnen, aber was es spann, war immer Goldfaden und kein Flachsgarn. Da ward es traurig, setzte sich aufs Dach, spann und spann, aber immer nichts als Gold. Da kam ein Männlein gegangen und sprach „ich will dir aus aller Noth helfen, ein junger Königssohn soll vorbeikommen, dich mitnehmen und heirathen, aber du mußt mir dein erstes Kind versprechen“. Hernach geht die Magd der Königin hinaus, sieht das Männlein auf einem Kochlöffel um das Feuer reiten und hört den Spruch. Als sich Rumpelstilzchen verrathen sieht, fliegt es auf dem Kochlöffel zum Fenster hinaus. Noch ist eine sechste abweichende Erzählung aus Hessen anzuführen, welche nichts von dem Spinnen sagt. Eine Frau geht vor einem Garten vorbei, [95] worin schöne Kirschen hängen, bekommt ein Gelüsten, steigt ein und ißt davon; aber ein schwarzer Mann kommt aus der Erde, und sie muß ihm für den Raub ihr Kind versprechen. Als es geboren ist, dringt er durch alle Wachen die der Mann ausgestellt hat, und will der Frau nur dann das Kind lassen, wenn sie seinen Namen weiß. Nun geht der Mann nach, sieht wie er in eine Höhle steigt, die von allen Seiten mit Kochlöffeln behangen ist und hört wie er sich Flederflitz nennt. In den Märchen der Carol. Stahl S. 85 das Stäbchen. Bei Müllenhoff Nr. 8 heißt das Männchen Rümpentrumper, bei Kletke Märchensaal Nr. 3 Hopfenhütel, bei Zingerle Nr. 36 Purzinigele und S. 278 Kugerl, Hipche Hipche bei Pröhle Kindermärchen Nr. 23 und Bechstein in dessen Märchen für die Jugend Nr. 20; vergl. Colshorn S. 83. Schwedisch bei Cavallius S. 210. Schon Fischart kann das Alter dieses Märchens bezeugen, im Gargantua (Cap. 25), wo die Spiele verzeichnet werden steht (unter Nr. 363) ein Spiel „Rumpelestilt oder der Poppart“. Man sagt jetzt auch „Rumpenstinzchen“. Die Unterirdischen führen Namen, die bei den Menschen nicht im Gebrauch sind, daher das Männchen ganz sicher zu sein glaubt, als es die Bedingung stellt, seinen Namen zu errathen. So heißt ein solcher (Müllenhoff Sagen S. 306 und 578) Knirrficker und Hans Donnerstag, und sie verrathen sich dadurch. Ein unserm Märchen ähnliches ist eingeflochten in die chatte blanche der Aulnoy (Nr. 19). Auch gehört hieher das französische Ricdinricdon in der Tour tenébreuse der Mlle L’heretier, wonach eine dänische gedruckte Bearbeitung, en smuk Historie om Rosanie … tjent ved Fandens Hielp for Spindepige (Nyerup Morskabsläsning S. 173).

In vielen deutschen Märchen kommen Müller und Müllerstochter vor, das gegenwärtige aber erinnert ganz sonderlich an die nordischen Fenia und Menia, die alles was man haben wollte, mahlen konnten, und die der König Frode Frieden und Gold mahlen ließ. Das Spinnen des Goldes kann auch die schwere kummervolle Arbeit Golddraht zu verfertigen andeuten, welche armen Jungfrauen überlassen blieb; so heißt es im altdänischen Lied, Kämpe Viser S. 165, V. 24

nu er min Sorg saa mangefold,
som Jongfruer de spinde Guld.

Vergl. Wolfdietrich Str. 89 und Iwein 6186–6198.

[96] Das aufgegebene Errathen des Namens kommt ebenso in einer dänischen Sage vor (Thiele 1, 45), wo einer einem Trold muß Herz und Augen geben für geleistete Dienste, wenn er nicht seinen Namen weiß. Er belauscht aber das Weib des Trolds, wie sie das Kind tröstet und sagt „morgen kommt dein Vater!“ und ihn dabei nennt. Ferner in der Sage von der Turandot (in dem 1001 Tag). Calaf hat alle ihre Räthsel gelöst, will sich aber doch seines Rechts wieder begeben, wenn sie seinen Namen errathen könne. Eine ihrer Jungfrauen geht listig zu ihm und erzählt von der grausamen Unmenschlichkeit der Turandot, die ihn wolle ermorden lassen, weil sie sein Räthsel nicht rathen könne. Da ruft er unvorsichtig aus „o unglückseliger Sohn des Timurtas, o beklagenswerther Calaf!“ So erfährt Turandot seinen Namen. In einer schwedischen Volkssage vom hl. Olaf liegt es daran den Namen eines Geistes auf diese Art heraus zu bringen; s. Gräters Iduna 3, 60. 61. Das Abfordern des Kindes greift in sehr viele Mythen ein.


56.
Der Liebste Roland.

Aus Hessen, in einer andern gleichfalls hessischen Sage wird das Märchen mit dem von Hänsel und Grethel (Nr. 15) verbunden. Die Hexe will das Hänsel, weil es fett ist, tödten und kochen, aber Grethel befreit es, und die Kinder laufen fort, vorher speit aber Grethel vor den Feuerherd. Wie nun die Hexe ruft „ist das Wasser bald heiß?“ antwortet die Speie „jetzt hol ichs“, und hernach „jetzt kocht es“ und „jetzt bring ichs“, und jedesmal schläft die Alte ein bischen dazwischen. Beim letzten Ruf aber, wo die Speie vertrocknet war, erhält sie keine Antwort, da steht sie auf und wie sie die Kinder nicht findet, so thut sie ihre Schlittschuhe an und läuft ihnen nach, aber das Mädchen hat sich in einen Teich, sein Brüderchen in eine Ente verwandelt, die darauf schwimmt. Die Hexe will den Teich aussaufen, aber sie platzt von dem Wasser und bleibt todt liegen. Die beiden nehmen ihre menschliche Gestalt an und gehen nach Haus.

Übereinstimmung hat unser Märchen mit dem Fundevogel (Nr. 51), der Wassernix (Nr. 79) und den beiden Königskindern (Nr. 113). Die letzte Verwandlung, wo die Stiefmutter durch Tanzen in der Dornhecke umkommt, erinnert an den Jud im [97] Dorn (Nr. 110). Voß in den Anmerkungen zu seiner Idylle vom Riesenhügel gedenkt auch eines mit dem unsrigen zusammenhängenden Märchens. Aus der braunschweigischen Sammlung gehört der Riesenwald S. 44–72 hierher, bei Müllenhoff Nr. 6 und bei Kuhn Nr. 1. Norwegisch bei Asbjörnsen Bd. 2. Schwedisch bei Cavallius Nr. 14. Ungarisch bei Mailath die Zauberhelene Nr. 12, bei Stier S. 28 das Zauberpferd, bei Gaal die gläserne Hacke S. 53. Verwandt ist bei der Aulnoy der Orangenbaum und die Biene (Nr. 8), im Pentamerone die Taube (2, 7) und Rosella (3, 9). Vor Leid und Schmerz zu Stein werden kommt auch in dem dänischen Lied von Rosmer vor; es hat einen tiefen Sinn und gleicht dem Erstarren, wenn Licht und Wärme entzogen ist. Sich aus Trauer in eine Blume am Weg verwandeln, ist ein Zug der gerade so in einem Volkslied (Lieder aus dem Kuhländchen von Meinert 1, 6) wiederkehrt:

„Ai, Annle, lot dos Waene stohn,
nahmt aich viel liever a’n anden Mon“. –
„Eh wenn ich lo das Waene stohn,
wiel ich liever ouff de Wagschaed gohn,
diett wiel ich zu aner Feldblum wa’n.
 . . . . . . . . . . . .

Virmeittichs wiel ich schien uofblihn,
Nochmeittichs wiel ich traurich stien;
wo olle Lait vorieba gohn,
diett wiel ich inde traurich stohn“.

Überhaupt gehört das Märchen zu denen, in welchen eine alte Grundlage fortzudauern scheint. Die Hexe ist ein Riesenweib, das ein paar Götterkinder gefangen hat und verderben will. Wenn das Mädchen nach der einen Sage speit und die Speie antwortet, so muß man sich an jene Sagen erinnern, wonach durch Speien der Götter die irdischen Gestalten geschaffen werden. Aber auch die Bohne, die nach der französischen Sage (bei der Aulnoy Nr. 8) in einen Kuchen gebacken wird, bei Kuhn in einen Topf beim Feuer gethan, und die Antworten gibt, stellt das schaffende Princip dar; am deutlichsten drückt es unser Märchen durch Blutstropfen aus. Wegen der Verwandelungen der [98] Fliehenden die zu ihrer Rettung immer eine andere Gestalt annehmen, vergl. die Eyrbiggiasaga c. 20, wo Katla immer ihren Sohn verwandelt, um ihn zu schützen.


57.
Der goldene Vogel.

Aus Hessen; doch wird dieses Märchen hier und im Paderbörnischen auch häufig, wo nicht besser doch älter, mit folgendem Eingang erzählt, ein König war krank (nach andern blind) geworden, und nichts in der Welt vermochte ihn zu heilen, bis er einstmals hörte (oder es ihm träumte) daß weit davon der Vogel Phönix wäre, durch dessen Pfeifen (oder Gesang) er allein genesen könne. Nun machen sich die Söhne nach einander auf, und nur in der Menge der verschiedenen Aufgaben die der dritte Sohn zu bestehen hat, weichen die verschiedenen Erzählungen ab. Das nothwendige Pfeifen des Phönix ist hier allerdings besser begründet. Einmal wird auch erzählt daß der Fuchs, nachdem er den Schuß zuletzt empfangen, ganz verschwindet und nicht zu einem Menschen wird. Das Stürzen in den Brunnen (wofür auch ein Steinbruch vorkommt) ist mit der Sage von Joseph, die Befreiung daraus durch den Fuchs mit der von Aristomenes (nach Pausanias), von Sindbad (nach 1001 Nacht), und Gog und Magog (nach Montevilla) merkwürdig verwandt. Die Warnung kein Galgenfleisch zu kaufen ist auch in der Lehre des Ritters vom Thurn enthalten, „zum dritten soltu keinen Dieb oder einen andern Übelthäter vom Tod bitten“ Agricola Sprichwörter (Wittenb. 1582) 97. Nach andern Erzählungen in den Erfurter Kindermärchen S. 94–150, in Wolfs Hausmärchen S. 230–242, und bei Meier Nr. 5. Abgeschwächt in den meisten Zügen und in anderer Verbindung bei Zingerle S. 157. Im Norden ist es aber schon früh bekannt gewesen und ohne Zweifel auch in andern Theilen Europas. In einer französischen Sammlung, im Anfang des 18ten Jahrh. geschrieben und in dem Cabinet des fées Bd. 31 (s. unten) wieder abgedruckt, ist das erste Märchen la petite grenouille verte sichtbar verwandt. Slavonisch die Hexe Corva bei Vogl Nr. 1, womit Troldhelene bei Molbech Nr. 72 zu vergleichen ist. Walachisch bei Schott Nr. 26. Aus der Bukowina von Staufe in Wolfs Zeitschrift 2, 389. Wahrscheinlich wird es auch in Polen erzählt (s. unten).

[99] Perinskjöld in seinem für Hickes gemachten Catalog S. 315 führt die Saga af Artus fagra an und beschreibt ihren Inhalt folgendermaßen, hist. de tribus fratribus Carolo, Vilhialmo atque Arturo, cogn. fagra, regis Angliae filiis, qui ad inquirendum Phönicem, ut ea curaretur morbus immedicabilis patris illorum, in ultimas usque Indiae oras missi sunt. Vielleicht ist auch in einem angelsächsischen Codex, welchen Wanley p. 281 angibt, liber VI. septem constans capitulis, decriptionem tractat felicissimae cujusdam regionis orientalis et de Phönice quae ibi invenitur, etwas davon berührt. Eine spätere dänische Bearbeitung in sechszeiligen Strophen ist zum Volksbuch geworden, aber ohne poetischen Werth. Nyerup handelt davon (Morskabsläsning S. 226–230). Von dem daselbst angeführten Titel ist eine vor uns liegende Ausgabe etwas abweichend, und der Übersetzung aus dem Holländischen, die wohl nur ein Vorgeben ist, wird nicht gedacht, En meget märkvärdig Historie om Kong Edvard af Engelland, der faldt i en svär Sygdom, men helbrededes ved en viis Qvindes Raad, og det ene ved hans yngste Söns Prins Atti (Arti) Oemhed og Mod, der havde sin Fader saa kjer, at han foretog en Reise til Dronningen af Arabien, tilvendte sig ved List hendes Klenodier, bortförde Dronningens dyrebare Fugl Phönix, og sik til Slutning … Dronningen selv tilägte. Die Söhne heißen auch hier Carl, Wilhelm und Artus, vom hilfreichen Fuchs kommt nichts vor, und fast in allem ist die deutsche Volkserzählung weit vorzüglicher. Ein dänisches Märchen nach mündlicher Überlieferung bei Etlar S. 1.

Übrigens haben wir den Eingang auch folgender Gestalt als ein eigenes Märchen vom Dummling gehört. Vor eines Königs Schloß stand ein mächtiger Birnbaum der jedes Jahr die schönsten Früchte trug, aber sie wurden, sobald sie gereift waren, in einer Nacht alle geholt, und kein Mensch wußte wer es gethan hatte. Der König hatte drei Söhne, und der jüngste hieß der Dummling. Der älteste sollte ein Jahr lang den Baum bewachen, er that es mit Fleiß, und die Früchte hingen voll in den Ästen, aber in der letzten Nacht, als sie den andern Tag sollten gebrochen werden, überfiel ihn ein Schlaf und als er erwachte, waren sie vom ersten bis zum letzten fort und nur die Blätter noch übrig. Der zweite Sohn wachte nun ein Jahr, aber es gieng ihm nicht besser als dem ersten, in der letzten Nacht waren die Birnen weg. Endlich kam an den Dummling die Reihe, [100] der erwehrte sich in der entscheidenden Nacht des Schlafs und sah wie eine weiße Taube geflogen kam, eine Birne nach der andern abpickte und forttrug. Als sie mit der letzten fortfliegen wollte, gieng der Dummling nach, die Taube flog auf einen hohen Berg in einen Felsenritz. Der Dummling sah sich um, da stand ein graues Männlein neben ihm, zu dem sprach er „Gott segne dich!“ Das Männlein antwortete „Gott hat mich schon gesegnet, denn durch deine Worte bin ich erlöst!“ Dann sprach es er sollte hinab in den Felsen steigen, da würde er sein Glück finden. Er steigt hinunter und sieht die weiße Taube von Spinnegeweb umstrickt. Wie sie ihn erblickt, reißt sie sich durch, und wie der letzte Faden zerrissen ist, so steht eine schöne Jungfrau vor ihm, die eine Königstochter war, und die er gleichfalls erlöst hatte. Darauf vermählen sie sich miteinander.


58.
Der Hund und der Sperling.

Nach drei wenig abweichenden Erzählungen, die vollständigste ist aus Zwehrn und liegt zu Grund, die zweite, gleichfalls aus Hessen, hat einen andern Eingang. Eine Hirschkuh war mit einem jungen Hirsch ins Kindbett gekommen und bat den Fuchs Gevatter zu stehen; der Fuchs lud noch den Sperling dazu ein und dieser wollte noch den Haushund, seinen besondern lieben Freund dazu einladen. Der Hund aber war von seinem Herrn an ein Seil gelegt worden, weil er einmal von einer Hochzeit betrunken nach Haus gekommen war. Nun pickte der Sperling ein Fädchen nach dem andern vom Seil los, bis der Hund frei war; aber beim Gevatterschmaus versieht ers wiederum, übernimmt sich im Wein, taumelt auf dem Heimweg und bleibt auf der Straße liegen. Nun kommt der Fuhrmann, verspottet die Drohung des Sperlings und fährt den Hund todt. In der dritten Erzählung aus Göttingen ist weiter gar kein Eingang, es heißt blos „ein Vöglein und ein Hündlein gehen zusammen und kommen auf der Landstraße an eine Fahrgleise, da kann das Hündlein nicht, wie das Vöglein, darüber, und weil gerade ein Fuhrmann mit Weinfässern daher kommt, so bittet ihn das Vöglein, dem Hündlein darüber zu helfen, aber der bekümmert sich nicht darum und [101] fährt das arme Thier todt. Nun rächt sich das Vöglein.“ Der Schluß hier ist aus der zweiten hessischen Sage genommen. Ein hierher gehöriges altdeutsches Gedicht ist im Reinhart Fuchs S. 290 bekannt gemacht, stammt aber aus dem französischen Renart; vergl. CXCIII. Verwandt ist ein ehstnisches Thiermärchen das ebenfalls im Reinhart Fuchs CCLXXXIV mitgetheilt wird.


59.
Der Frieder und das Catherlieschen.

Zu Grund liegt eine Erzählung aus Zwehrn, dagegen ist aus einer andern hessischen aufgenommen, wie Catherlieschen auf dem Weg die Butter mitleidig verbraucht und die Käse fortrollen läßt. Nach einer dritten aus Fritzlar ist der Schwank mit den Gickelingen und dem irdenen Geschirr erzählt.

In jener aus Zwehrn gibt der Mann vor, er habe einen Hasenbalg unter der Kuhkrippe begraben. Catherlieschen heißt die Krämer diesen hervorholen, worauf sie den Schatz heben. Die gekauften Töpfe hängt es rings ums Haus an die Nägel die da stecken. Eine vierte Erzählung aus den Diemelgegenden hat verschiedene Eigenthümlichkeiten. Der Mann geht zur Feldarbeit und sagt der Frau „steck Fleisch in den Kohl, und wenns fertig ist, brings hinaus aufs Feld“. Sie nimmt das rohe Fleisch, trägts hinaus aufs Feld wo ihr Kohl steht, und steckts da hinein. Der Hund witterts bald und holt den Braten weg; sie lauft ihm nach, fängt ihn und bindet ihn daheim zur Strafe an das Bierfaß im Keller und zwar an den Krahn. Der Hund wird wild und ungeduldig und zieht den Krahn heraus. Wie die Frau in den Keller kommt, schwimmt alles Bier darin. Nun trocknet sie es mit Mehl auf. Sie nimmt Essig und Hutzeln in die Hand und, um das Haus zu verwahren, die ausgehobene Hausthüre auf die Schulter und geht hinaus. Der Mann macht ihr Vorwürfe über das schlechte Essen, doch setzen sie sich dazu nieder: indem sehen sie zwölf Räuber kommen. Vor Angst steigen sie auf einen Baum und nehmen das Essen und die Thüre, um nicht verrathen zu werden, mit hinauf. Die Räuber setzen sich gerade darunter und wollen sechs Säcke mit Gold theilen. Sie werden aber, wie in unserm Märchen, verscheucht, und die zwei schleppen die [102] Säcke heim. Die Frau borgt bei ihrer Nachbarin ein Maß das Gold zu messen, ein Stückchen bleibt darin hängen und macht diese aufmerksam. Die Frau erzählt darauf wie es sich zugetragen hat. Nun läuft alles in den Wald Gold zu holen, es kommt aber niemand wieder, weil niemand so dumm war wie die Frau, und die Räuber jeden todt schlugen, der sich im Walde blicken ließ. Der Mann und die dumme Frau lebten vergnügt und ohne Sorgen bis an ihren Tod. Ein anderes Märchen bei Colshorn Nr. 37. Norwegisch bei Asbjörnsen S. 202. Das Herabwerfen der Thüre auf die Spitzbuben bei Kuhn und Schwarz Nr. 13. Zum Theil gehört Vardiello aus dem Pentamerone (1, 4) hierher und bei Morlini Nr. 49. Zu vergleichen sind zwei slavonische Märchen bei Vogl, der Meisterlügner S. 64. 65 und Hans in der Schule S. 83, der Dummheiten anderer Arten macht.


60.
Die zwei Brüder.

Den Zusammenhang unseres Märchens gibt eine Erzählung aus dem Paderbörnischen, er ist der einfachste und natürlichste. Der Eingang derselben ist uns auch in Hessen als ein Bruchstück mit einigen Abweichungen erzählt worden. Es sind da bloß zwei arme verwaiste Besenbindersjungen, die noch ein Schwesterchen zu ernähren haben, der jüngste entdeckt den Vogel mit dem Goldei und verkauft dieses einem Goldschmied. Er findet eine Zeitlang jeden Morgen ein Ei, bis das Vöglein ihm sagt er solle es selbst dem Goldschmied bringen. Diesem singt es dann vor daß wer sein Herz esse, König werde, wer seine Leber, jeden Morgen unter seinem Kissen einen Goldbeutel finde. Nun will der Goldschmied das Schwesterchen der armen Brüder heirathen, wenn sie ihm den Vogel geben wollen. Auf der Hochzeit aber, wozu der Vogel gebraten wird, essen die zwei Brüder, die den Spieß in der Küche drehen, zwei abgefallene Stückchen, welche, ohne daß sie es wußten, Herz und Leber des Vogels waren. Darauf treibt sie der getäuschte Goldschmied voll Zorn aus seinem Haus. Diesen Theil erzählt in eigener Ausbildung ein serbisches Märchen bei Wuk Nr. 26; auch ist das russische bei Dietrich Nr. 9 zu vergleichen. Von da an, wo die verstoßenen Kinder in den Wald zu dem Förster gelangen, sind wir einer trefflichen [103] und ausführlichen Erzählung aus der hessischen Schwalmgegend (wogegen jene paderbornische nur ein dürftiger Auszug ist,) gefolgt; diese hat weiter keinen Eingang als daß angeführt wird der Förster habe zwei arme, vor seiner Thüre bettelnde Kinder zu sich genommen.

Unser Märchen wird aber auch mit einem andern merkwürdigen Eingang erzählt. Ein König hat eine Tochter welche die Mäuse verfolgen, so daß er sie nicht anders zu retten weiß als daß er einen Thurm mitten in einem großen Fluß bauen und sie dorthin bringen läßt. Sie hat eine Dienerin bei sich und einmal, als sie zusammen in dem Thurm sitzen, springt ein Wasserstrahl zum Fenster herein. Sie heißt die Dienerin ein Gefäß hinsetzen, welches sich füllt, worauf der Strahl aufhört. Beide trinken von dem Wasser und gebären darnach zwei Söhne, wovon der eine Wasserpeter, der andere Wasserpaul genannt wird. Sie legen beide Kinder in ein Kästchen, schreiben die Namen darauf und lassen es ins Wasser hinab. Ein Fischer fängt es auf, erzieht die zwei Knaben, die sich vollkommen ähnlich sind, und läßt sie die Jägerei erlernen. Das übrige folgt nun unserm Märchen bis zur Verheirathung des Wasserpeters mit der Königstochter; es ist viel dürftiger, jeder hat nur drei Thiere, einen Bären, Löwen und Wolf. Der alte König stirbt ein Jahr danach und der Wasserpeter erhält das Reich. Einmal geht er auf die Jagd, verliert sein Gefolge und ruht Abends mit seinen drei Thieren bei einem Feuer. Da sitzt eine alte Katze auf einem Baum, die fragt ob sie sich auch ein wenig bei seinem Feuer wärmen dürfe? Als er ja sagt, reicht sie ihm drei von ihren Katzenhaaren und bittet ihn auf jedes Thier eins davon zu legen, weil sie sich sonst fürchte. Sobald er es gethan, sind die Thiere todt. Der König ist zornig und will sie umbringen, sie sagt aber es sei hier ein Brunnen mit Wasser des Todes und ein anderer mit Wasser des Lebens, er solle von diesem nehmen und über die Thiere gießen. Das thut er, und sie werden wieder lebendig. Als Wasserpeter heim kommt, findet er den Wasserpeter an seiner Stelle, tödtet ihn aus Eifersucht, da er aber von seiner Treue hört und daß er ein schneidendes Schwert zwischen sich und die Königin gelegt habe, so holt er von dem Wasser des Lebens und erweckt ihn wieder. Eine vierte hessische Erzählung nennt die zwei Brüder Johannes Wassersprung und Caspar Wassersprung und leitet folgender Gestalt ein. Ein König [104] bestand darauf daß seine Tochter nicht heirathen sollte und ließ ihr im Walde in der größten Einsamkeit ein Haus bauen, wo sie wohnen mußte und keinen fremden Menschen zu sehen bekam. Nah bei dem Haus sprang aber eine wunderbare Quelle, davon trank die Jungfrau und gebar hernach zwei einander ganz ähnliche Knaben, die jene Namen erhielten. Die übrige Erzählung enthält weiter nichts neues, nach dem Kampf mit dem Drachen wird der todte Johannes Wassersprung durch den Saft einer Eiche wieder lebendig gemacht, welchen die Ameisen für ihre Todten, die beim Kampf zertreten waren, holen. Eine fünfte Erzählung sagt bloß zum Eingang daß einem Fischer in das ausgeworfene Netz eine goldene Schachtel vom Himmel gefallen sei, worin zwei schöne Knaben gelegen. Als sie herangewachsen sind, erlernen sie die Jägerei. Der Drache wird getödtet, indem ihm der Jüngling einen giftigen Semmel in den Rachen wirft. Der Bräutigam der Königstochter sucht den Jüngling durch giftige Speisen umzubringen, doch seine Thiere entdecken den Verrath. Hernach wird er von der Hexe in Stein verwandelt, aber der andere Bruder zwingt diese das Mittel zu sagen, das jenem das Leben wiedergibt: unter einem Stein nemlich liegt eine böse Schlange die an dem ganzen Zauber schuld ist, diese muß er in Stücke hauen, am Feuer braten und mit ihrem Fett den versteinerten Bruder bestreichen. Dagegen eine sechste Erzählung aus Zwehrn hat wieder viel besonderes, ihr fehlt jener Eingang, sie weiß auch nichts von zwei Brüdern. Drei arme Schwestern nähren sich von drei Ziegen, die ihr Bruder hüten muß. Draußen begegnet diesem einmal ein Jäger mit drei schönen Hunden, und weil der Junge so große Freude daran hat, tauscht er sich für eine Ziege einen Hund ein, der heißt Haltan. Als er heim kommt, jammern die Schwestern, dennoch kann er der Lust nicht widerstehen und tauscht den andern Tag noch einen Hund, der Greifan heißt, und am dritten Tag den letzten, Namens Bricheisenundstahl, gegen die Ziegen ein. Nun gibt ihm der Jäger noch Büchse, Hirschfänger, Pulverhorn und Ranzen dazu: er zieht in die Welt, Hase, Reh und Bär werden seine Diener. Er kommt darauf in einen Wald und darin zu einem kleinen Haus, worin eine alte Frau sitzt. Sie spricht zu ihm „bleib nicht hier, es ist die Wohnung von zwölf Spitzbuben, die bringen dich um“. Er antwortet „ich fürchte mich nicht, ich verlaß mich auf mein Gethier“. Da stellt er [105] den Hasen ans Fenster, Reh und Bär hinter die Stubenthür, die drei Hunde in den Stall. Die Räuber kommen, stellen sich freundlich und heißen ihn mit essen. Sie setzen sich zu Tisch, die Räuber legen die Spitzen der Messer umgekehrt gegen sich, der Jäger von sich, wie sichs gehört. Sprechen die Räuber „warum legst du dein Messer nicht wie wir?“ „Ich legs wie ein Jäger, ihr aber legts wie Spitzbuben“. Sie springen auf und wollen ihn umbringen, da klopft der Has ans Fenster, alsobald öffnet das Reh die Thüre und die drei Hunde dringen herein und der Bär auch und zerreißen die zwölf Spitzbuben. Nun zieht der Jäger weiter, kommt in die Stadt, die den ersten Tag mit weißem, den zweiten mit rothem, den dritten mit schwarzem Tuch überzogen ist. Er tödtet den Drachen mit seinen drei Hunden, geht fort ein Jahr und drei Tage, kommt dann wieder und erhält die Königstochter. Sonst stimmt es mit unserem Märchen, nur wird hier mit der Hochzeit und mit der Erlösung der drei Thiere geschlossen. Sie bitten flehentlich ihnen den Kopf abzuhauen, er will sich lange nicht dazu verstehen: wie er es endlich thut, so verwandelt sich der Has in eine schöne Königstochter, das Reh in die Königin, der Bär in den König. In Linas Märchenbuch von A. L. Grimm kommt die Sage S. 191–311 vor, die Zwillinge heißen Brunnenhold und Brunnenstark. Peter und Paul bei Zingerle S. 131, wo noch eine zweite Erzählung S. 260 vorkommt. Glücksvogel und Pechvogel bei Pröhle Kinderm. Nr. 5. Hans und die Königstochter bei Meier Nr. 29 und 58, eine andere Überlieferung S. 306. Bei Wolf Hausm. S. 369. Bei Kuhn und Schwarz Nr. 10. Das Märchen ist weit verbreitet, indisch bei Somadeva 2, 142, dänisch bei Etlar S. 18, schwedisch bei Cavallius S. 78. 85, flämisch in der Wodana S. 69, ungarisch bei Gaal Nr. 9 und bei Stier S. 67, walachisch bei Schott Nr. 11. Aus dem Pentamerone gehört hierher der Kaufmann (1, 7) und die Hirschkuh (1, 9), aus Straparola die dritte Erzählung der zehnten Nacht. Der Eingang von dem Goldvogel in einer französ. Feengeschichte des Grafen Caylus (Cabinet des fées 24, 267), böhmisch bei Gerle die Zwillingsbrüder (2, 2). Verwandt sind die Goldkinder (Nr. 85) und ein serbisches Märchen bei Wuk Nr. 29. Mit dem Ganzen hat viel ähnliches die persische Sage von Lohrasp im Firdusi (Görres 2, 142).

In diesem merkwürdigen Märchen sind zwei verschiedene Richtungen [106] anzudeuten. Erstlich bricht darin die Sage von Sigurd durch. Schon das Aussetzen des neugeborenen Kindes in das Wasser, womit die andern Erzählungen einleiten, stimmt mit der Überlieferung der Wilkinasaga zusammen, wonach Siegfried von seiner Mutter in ein Glaskästchen gelegt wurde, das in den Fluß rollte und fortgetrieben ward (vergl. das Märchen vom goldenen Berg). Nun folgt der listige und böse Goldschmied, der Reigen der nordischen Sage. Dann der redende goldreiche Vogel, die weissagenden Vögel und der Lindwurm Fafnir zugleich; das Essen des Thierherzens, das Gold und Königthum (Weisheit) gewährt, wonach der Schmied auch listig strebt, das aber dem Sigurd zu Theil wird. Der Unterricht in den Jagdkünsten entspricht dem Unterricht welchen Reigen dem Sigurd gibt. Die treuen dienenden Thiere kommen mit dem Roß Grane überein. Dann folgt die Befreiung der Jungfrau vom Drachen, nämlich der Kriemhild nach dem deutschen Liede, im nordischen ist es das Sprengen des Flammenwalls, wodurch der Held sie erwirbt. Dennoch trennt er sich wieder von ihr, wie Sigurd von der Brunhild. Der Bruder der gleiche Gestalt mit ihm hat, ist Gunnar der Blutsbruder, mit dem Sigurd auch die Gestalt tauscht, ja das Schwertlegen kommt vor, nur in umgekehrtem Verhältniß.

Wie das mächtigere und größere Thier immer dem kleinern den Auftrag gibt und so auf dem armen Hasen die Schuld hängen bleibt, so findet sich ein ähnliches Herabsteigen in einer Erzählung des ältern Tutinameh (Kosegarten zu Iken S. 227), wo die Seethiere und Ungeheuer immer dem geringern einen Auftrag zuschieben bis er auf dem Frosch haftet.

Sodann enthält das Märchen auch die Sage von den Blutsbrüdern. Sie ist ausführlich in unserer Ausgabe des armen Heinrichs S. 183–197 erläutert. Beide Kinder sind zugleich und wunderbar geboren. Das Wahrzeichen bei ihrer Trennung, das in den Baum gestoßene Messer, entspricht den Goldbechern des Amicus und Amelius. Ursprünglich vielleicht ist es das Messer gewesen, womit die Adern geritzt wurden, um Blutsbrüderschaft zu trinken; vergl. die Anmerkung zum Märchen vom Lebenswasser (Nr. 97). Der eine nimmt des andern Stelle ein zu Haus und bei seiner Frau, doch trennt er ihr Lager durch das Schwert. Die Krankheit die den einen befällt und ihn aus der Gesellschaft der Menschen treibt, ist hier der Zauber der Hexe, der zu Stein macht und welchen der andere wieder [107] aufhebt. Dieser Theil der Sage auch bei Colshorn der brennende Hirsch Nr. 74. Vergl. das Märchen vom getreuen Johannes (Nr. 6) und ein cornwallisisches (s. unten).

Wie der eine gegen den Drachen kämpft, gerade so kämpft auch Thor in der nordischen Mythe (sowohl in der Völuspâ als in der jüngern Edda) mit der Mitgardsschlange am Ende der Welt; er tödtet sie zwar, stürzt aber von dem Gift das die Schlange gegen ihn ausgespien, todt zur Erde.


61.
Das Bürle.

Aus Zwehrn. Eine andere Erzählung aus Hessen redet von einem Schneider der auf diese Weise sein Glück macht, und ist weniger vollständig. Sie fängt gleich damit an, daß der Schneider eine erfrorene Drossel findet, die er sich hernach ans Ohr hält, damit sie ihm weissage. Als er in dem Kasten auf dem Wasser sitzt, ruft er er wolle durchaus nicht die Königstochter heirathen und lockt damit den Schäfer seine Stelle einzunehmen. Nach einer dritten Erzählung heißt der Mann Herr Hände. Die Bauern hassen ihn wegen seiner Klugheit und schlagen ihm aus Neid den Backofen ein, er trägt aber den Schutt in einem Sack zu einer vornehmen Dame und bittet sie ihm den Sack aufzuheben, es sei Gewürz, Zimmet, Nägelein und Pfeffer darin. Er kommt dann wieder ihn abzuholen und verführt ein großes Geschrei, sie habe ihn bestolen, wodurch er ihr dreihundert Thaler abzwingt. Die Bauern sehen ihn das Geld zählen und fragen woher er das habe? er sagt „von dem Backofenschutt“. Da schlagen die Bauern all ihre Backöfen ein, tragen den Schutt in die Stadt, kommen aber übel an. Die Bauern wollen ihn aus Rache tödten, er zieht aber seiner Mutter Kleider an, dadurch entgeht er ihnen, und seine Mutter wird todt geschlagen. Diese rollt er in einem Faß zu einem Doctor, läßt sie dort ein wenig stehen, kommt wieder und gibt ihm dann Schuld er habe sie getödtet; so erpreßt er von dem Doctor eine Summe Gelds. Er sagt den Bauern, er habe sie für seine todte Mutter bekommen, nun schlagen diese auch ihre Mütter todt. Darauf die Begebenheit mit einem Schäfer der für ihn sich in die Tonne legt und ersäuft, und dem die andern [108] Bauern alle nachspringen. In dem Märchen vom Bauer Kibitz, welches Büsching S. 296 mittheilt, sind wieder einige Züge verschieden. Kibitz läßt seine Frau von den Bauern todt schlagen und setzt sie dann mit einem Korb voll Früchte an ein Geländer, wo sie ein Bedienter, dem sie keine Antwort gibt, als er für seine Herrschaft bei ihr einkaufen soll, ins Wasser stürzt; dafür erhält Kibitz den Wagen worin diese gefahren ist, mit allem Zubehör. Das Gelderpressen durch bloßes Lärmen gehört auch zu den Listen des Gonella (Flögel Gesch. der Hofnarren S. 309). In dem zu Erfurt 1794 gedruckten Volksbuch „Rutschki oder die Bürger zu Quarkenquatsch“, sind verschiedene Züge aus diesem Märchen benutzt, das Erkaufen des alten Kastens, worin der Liebhaber steckt, durch die Kuhhaut (S. 10), das Ausstellen der todten Frau. Rutschki gibt ihr Butter in den Schooß und setzt sie auf den Brunnenrand, der Apotheker, der ihr abkaufen will, aber keine Antwort bekommt, rüttelt sie und stürzt sie hinunter, dafür muß er dem Rutschki tausend Thaler bezahlen (S. 18. 19). Der Betrug an dem Schäfer zuletzt ist wieder ganz verschieden, Rutschki ist zum Tod verurtheilt und wird, in einen Kleiderschrank eingeriegelt, hinaus zu dem Teich getragen, weil dieser aber zugefroren ist, lassen sie ihn darauf stehen und wollen erst Äxte holen, um ein Loch ins Eis zu hauen. Wie sie fort sind, hört Rutschki einen Viehhändler vorbei ziehen und ruft „ich trinke keinen Wein! ich trinke keinen Wein! mich durstet nicht!“ der Viehhändler fragt was er vorhabe, Rutschki läßt sich aufriegeln und erzählt er sei zum Burgemeister erwählt, das Amt nähm er gern, denn es sei wenig Arbeit und fünfhundert Thaler Besoldung dabei: dagegen die Sitte, daß jeder Burgemeister beim Antritt seine Amts einen Becher mit Burgunder austrinke, wolle er durchaus nicht mitmachen, er trinke keinen Wein. Da hätten sie ihn herausgesetzt, daß er Frost und Durst nach einem feurigen Trank bekommen sollte; es helfe ihnen aber alles nichts, er trinke doch nicht. Der Viehhändler trägt einen Tausch gegen seine Herde an, er legt sich in den Schrank, Rutschki riegelt zu, die Bauern kommen, hauen ein Loch und lassen den Schrank hinab. Wie sie zurückkommen, begegnet ihnen Rutschki mit dem Vieh und sagt er habe es auf dem Grund des Teichs gefunden, da sei ein schönes Sommerland. Nun stürzen sich alle in das Wasser (S. 22. 23). Eine andere Überlieferung theilt H. Stahl im Mitternachtblatt 1829 Nr. 35. 36 mit. Der arme Bauer heißt Hick und wohnt zu [109] Lieberhausen in der Grafschaft Gimbornneustadt. Aus Armuth muß er seine einzige Kuh schlachten und geht die Haut in Cöln zu verkaufen. Unterwegs regnets, er hängt die Haut über sich, die blutige Seite nach Außen gewendet. Ein Rabe stürzt darauf und will fressen: Hick fängt ihn behutsam und nimmt ihn mit in die Stadt. Zu Cöln erzählt er das Abenteuer im Wirthshaus. Er kneift den Raben in den Schwanz und läßt ihn wahrsagen. Der Wirth kauft den Wahrsager theuer ab. Hick erzählt seinen Nachbarn Kuhhäute seien in Köln entsetzlich theuer. Die Lieberhäuser schlachten nun alle ihre Kühe und lösen nichts aus den Häuten. Aus Rache stecken sie den Hick in eine Tonne und rollen ihn in den Rhein, doch am Ufer wird erst in einem Wirthshaus angehalten. Hick schreit im Faß „ick sollte to Cöllen Bischop sin!“ ein Schäfer übergibt ihm seine Herde und nimmt seine Stelle im Faß ein. Hick treibt die Herde nach Haus und sagt den Lieberhäusern er habe sie im Rhein gefunden, im Grund des Flusses sei alles voll. Hick gibt den Rath einer solle hineinspringen und wenn er die Schafe gefunden habe, wieder in die Höhe kommen und beide Arme zum Zeichen aus dem Wasser strecken. Sie folgen seinem Vorschlag und als einer hinabgesprungen ist und, eh er ertrinkt, die Arme in die Höhe streckt, so springen sie plump! plump! alle nach. Manches eigenthümliche haben zwei Märchen aus Tirol bei Zingerle S. 5 und 419, ein anderes in Pröhles Märchen für die Jugend Nr. 15 und zwei wieder verschiedene bei Müllenhoff Nr. 23 und 24, die den Inhalt des lateinischen Unibos aus dem 11. Jahrhundert (Jac. Grimm Latein. Gedichte S. 354 und Anmerkung 382) am vollständigsten wiedergeben. Verwandt ist der walachische Bakala bei Schott Nr. 22.

Einzelne Schwänke werden besonders erzählt. Bartoldo bewegt einen Wächter den Sack worin er gefangen liegt, zu öffnen und an seiner Stelle hineinzukriechen, indem er ihm weiß macht er sei bloß hinein gesteckt worden, weil er ein schönes Mädchen nicht habe heirathen wollen; s. Hagens Einleitung zum Morolf S. 19. Ähnliches auch in dem irischen Märchen von Darby Duly (K.v.K. 2, 23). Der Schwank vom Bürle, dem Müller, der Müllerin und dem Pfaffen findet sich schon in dem altd. Gedicht der kündige kneht (Wiener Hs. 428 Nr. 62). Der Knecht erzählt ein Märchen von einem Wolf und wendet es geschickt auf die verborgenen Schafe an. Dann bei Eyering (2, 430) und bei Burkard Waldis. Verwandt ist der alte [110] Hildebrand Nr. 95 und bei Pröhle Kinderm. Nr. 63. Dänisch bei Andersen der kleine Klaus und der große Klaus, bei Etlar S. 134. Aus Vorarlberg bei Vonbun S. 36. Im Pentamerone der Gevatter (2, 10), bei Straparola Skarpafico (1, 3). Übrigens sind die allezeit betrogenen Bauern offenbar mit den Lalenbürgern verwandt.


62.
Die Bienenkönigin.

Aus Hessen, wo wir noch eine andere, verschiedentlich abweichende Erzählung gehört haben. Ein armer Soldat meldet sich beim König um Dienste und verspricht die schönste Jungfrau für ihn zu gewinnen. Er wird königlich ausgerüstet, unterwegs, als er bei einen großen Wald kommt, hört er den Gesang von viel tausend Vögeln prächtig in die blaue Luft hinein erschallen. „Halt! halt!“ ruft er, „die Vögel nicht gestört, die preisen ihren Schöpfer“, und heißt den Kutscher umdrehen und einen andern Weg fahren. Danach kommt er auf ein Feld, wo viel tausend Raben nach Speise überlaut schreien. Er läßt ein Pferd ausspannen, todtstechen und den Raben zur Nahrung hinwerfen. Endlich kommt er an einen Sumpf, da liegt ein Fisch und klagt erbärmlich daß er in kein fließendes Wasser gelangen könne. Der Soldat trägt ihn selber hinein, und der Fisch schlägt vor Freude mit dem Schwanz. Als er bei der Königstochter anlangt, wird ihm dreierlei aufgegeben, was er zuvor vollbringen soll. Erstlich soll er ein Viertel Mohnsamen welchen der König hat säen lassen, wieder herbeischaffen. Der Soldat nimmt ein Maß, einen Sack und weiße Tücher mit hinaus aufs Feld, und breitet die Tücher da aus. Nicht lang, so kommen die Vögel, die er bei dem Singen nicht hat stören wollen, lesen den Samen, Körnchen für Körnchen, auf und tragen ihn auf die Tücher, so daß der Soldat dem König das ausgesäete Maß wieder zustellt. Zweitens soll er einen Ring holen, den die Königstochter hat ins Meer fallen lassen. Der Fisch den er in fließend Wasser gesetzt hatte, holt ihn unter der Floßfeder eines Wallfisches, wohin er gefallen war, herauf. Drittens soll er ein Einhorn, das in einem Wald sich aufhält und großen Schaden thut, [111] tödten. Der Soldat geht in den Wald hinein, da sitzen die Raben die er vom Hungertod errettet hat, und sagen zu ihm „noch eine kleine Weile Geduld, das Einhorn hat nur ein gutes Auge, jetzt liegt es und schläft darauf, dreht es sich aber herum und legt sich auf das scheele Auge, so wollen wir ihm das gute auspicken. Da wird es wüthend werden, aber, weil es blind ist, in der Wuth gegen die Bäume rennen und mit seinem Horn sich festspießen“. Bald darauf wälzt sich das Thier im Schlaf und legt sich dann auf die andere Seite, da fliegen die Raben herzu und hacken ihm das gesunde Auge aus. Es springt auf und rennt sich in eine dicke Eiche fest. Nun haut ihm der Soldat den Kopf ab, bringt ihn dem König und erhält dessen schöne Tochter, die er zu seinem Herrn führt, von dem er königlich belohnt wird.

Niederländisch de dankbare Dieren in Wolfs Wodana Nr. 4. Ungarisch bei Gaal Nr. 8. Persisch in Touti Nameh (Nr. 21 bei Iken). Ein König stirbt und hinterläßt zwei Söhne. Der älteste eignet sich die Krone zu, der jüngste wandert aus. Er kommt zu einem Teich, wo eine Schlange einen Frosch ergriffen hat. Er ruft der Schlange zu, und diese läßt den Frosch los, der wieder ins Wasser hüpft. Um die Schlange zu entschädigen, schneidet er sich ein Stück Fleisch aus dem Leib. Für diese Wohlthaten sich dankbar zu erweisen, kommen beide, der Frosch und die Schlange, in Menschengestalt zu ihm und dienen ihm. Der Prinz geht in Dienste eines Königs, diesem fällt bei einem Fischfang sein Ring ins Wasser und er verlangt von dem Prinzen daß er ihn wieder heraufhole. Der Froschmensch nimmt seine Froschgestalt an, begibt sich ins Wasser und bringt den Ring herauf. Bald hernach wird die Tochter des Königs von einer Schlange gebissen, und niemand kann sie vom Tod erretten als der Schlagenmensch, der das Gift aus der Wunde saugt. Darauf gibt der König dem Prinzen seine Tochter zur Gemahlin. Die beiden treuen Diener nehmen jetzt ihren Abschied und geben sich zuvor zu erkennen als der Frosch dem er das Leben gerettet, und als die Schlange der er von seinem eigenen Fleisch zu essen gegeben hatte.

Bei Straparola das Märchen von Livoret (3, 2). In dem jüdischen Maasähbuch (Cap. 143 vom Rabbi Chanina) wird der König erst aufmerksam gemacht auf die Königstochter mit den goldenen Haaren durch ein einzelnes Haar, welches ein Vogel einmal (wie im Tristan) ihm auf die Achsel fallen läßt, und das er ihr, als sie im [112] Bade war, ausgerupft hatte. Auf seinem Weg erweist sich Chanina einem Raben, einem Hund und einem Fisch hilfreich. Die Aufgaben sind Wasser aus dem Paradies und der Hölle zu schaffen, von jedem bringt der dankbare Rabe ein Krüglein. Sodann einen Ring aus dem Meer zu holen. Der Fisch bringt es bei dem Leviathan dahin, daß der welcher ihn verschlungen, ihn wieder ans Land speien muß, indem aber kommt ein wild Schwein daher und schlingt ihn abermals hinunter; nun setzt der Hund dem Schwein nach und zerreißt es in zwei Stücke, so daß Chanina den Ring wieder findet. Der Schluß ist ganz verschieden, weil nemlich Chanina dem König die Braut heimgebracht hat, so steht er in Gnaden bei ihm und wird darum von Neidern ermordet. Aber die junge Königin die ihm sehr gewogen ist, begießt ihn mit dem Paradieswasser, wovon er alsbald das Leben wieder erhält. Der König will den Versuch auch machen und läßt sich von einem Knechte todtschlagen, aber nun schüttet die Königin das Höllenwasser auf ihn, wovon er alsbald zu Asche verbrennt. Dann spricht sie zum Volk „seht, es war ein gottloser Mensch, sonst wäre er wieder lebendig geworden“, und heirathet den Chanina. Bei Helwig noch einige Nebenumstände mehr. Das gibt insoweit Ähnlichkeit mit Ferenand Getrü (Nr. 126). Übereinstimmung hat das Märchen von der weißen Schlange (Nr. 17) und in Pröhles Kindermärchen Soldat Lorenz Nr. 7.


63.
Die drei Federn.

Aus Zwehrn; doch haben wir das Märchen häufig in Hessen gehört, und gewöhnlich kommen in drei Aufgaben Abweichungen vor. So wird verlangt das feinste Linnengarn, welches dem Dummling ein in der unterirdischen Höhle spinnendes Mädchen gibt: der schönste Teppich, den dieses ihm gleichfalls webt: endlich die schönste Frau, der Dummling muß einen Frosch nehmen und mit ihm ins Wasser springen, so verwandelt sich dieser ins schönste Mädchen. Oder auch, er hat eine Kröte erhalten, die muß er neben sich als seine Frau auf die Bank setzen, von da springt sie auf den Tisch, dann auf die Teller und in die Schüssel zum Schrecken aller, die mitessen; erst auf dem Salat sitzt sie still. Da muß sie nun der Dummling packen, auf ein [113] Bett legen und mit einem scharfen Schwert gerade durchs Herz schneiden: es knackt und eine Jungfrau liegt da, die an Schönheit die Bräute der Brüder weit übertrifft. Ferner, der Vater gibt jedem der drei Söhne einen Apfel, wer den seinen am weitesten wegwirft, soll das Reich erben. Der Apfel des jüngsten fliegt am weitesten, weil er aber gar zu dumm ist, will der Vater ihm das Recht nicht lassen und verlangt zwanzig Steigen Leinwand in einer Nußschale. Der älteste reist nach Holland, der zweite nach Schlesien, wo feine Leinwand sein soll, der dritte, der dumme, geht in den Wald, da fällt eine Nußschale von einem Baum, worin die Leinwand steckt. Danach verlangt der Vater einen Hund, so klein daß er durch seinen Trauring springen kann, dann drei Zahlen Garn, die durch ein Nadelöhr gehen; alles bringt der Dummling. Oder auch, der soll des Königs Gut erben, der den schönsten Geruch mitbringt, der Dumme kommt vor ein Haus, da sitzt die Katze vor der Thür und fragt „was bist du so traurig?“ „Ach, du kannst mir doch nicht helfen!“ „Nun hör einer! sag nur was dir fehlt“. Die Katze verschafft ihm dann den besten Geruch. Wiederum ist die Einleitung mannigfach, der Vater jagt den dummen Hans fort, weil er gar zu dumm ist. Er geht an des Meeres Gestade, setzt sich hin und weint. Da kommt die Kröte die eine verzauberte Jungfrau ist, mit der springt er auf ihr Geheiß ins Wasser, ringt mit ihr und erwirbt sich das Reich, indem sie ihre schöne menschliche Gestalt dadurch wieder gewinnt. Damit ist die Schlangenjungfrau in den deutschen Sagen (1, 13) zu vergleichen. In der Braunschw. Sammlung steht das Märchen S. 271–286, in der büschingischen (S. 268) von der Padde, bei Zingerle S. 348. Bei der Aulnoy la chatte blanche (Nr. 19). Auch in Schweden wird es erzählt (s. unten), bei Cavallius S. 300, norwegisch bei Asbjörnsen S. 160, polnisch bei Lewestam S. 101, albanesisch bei Hahn 2, 166. 167, serbisch bei Wuk Nr. 11.

Über das Federaufblasen, denen man nachgeht, sind die Altd. Wälder 1, 91 nachzusehen. Aventin bair. Chronik S. 98b sagt „es ist auch sonst ein gemein Sprichwort vorhanden, das gemeinlich diejenigen brauchen, so fremde Land bauen wollen oder sollen, ich will ein Feder aufblasen, wo dieselbig hinaus fleugt, will ich nachfahren“. Ja man sagt noch heut zu Tag in Hessen „wo wird der seine Feder hinblasen?“ wohin wird er ziehen? Vergl. auch Völundurs Lied, wo der eine [114] Bruder nach Osten, der zweite nach Süden auszieht, der dritte aber daheim bleibt. Eine ähnliche Sitte beobachteten die unzufriedenen Norweger, die unter Harald Haarfager ihr Vaterland verließen und nach Island auswanderten. Es ereignete sich oft, daß der Anführer bei der Annäherung an die Insel Setstocker, Säulen, oben mit Thors oder eines andern Gottes Haupt geschmückt die sonst neben dem Obersitze des Hauses standen, über Bord warf und die Stelle, wo sie ans Land trieben, zum Mittelpunkt der Landstrecke wählte, die er sich zueignen wollte. Allein auch aus dem persischen Firdusi läßt sich etwas ähnliches anführen (Görres 1, 136), Sal gieng hin, um die Stellung des Feindes zu ersehen, einen Pfeil schoß der gerade an gegen den Himmel, an drei Orten heftete er Schafte, drei Pfeilesstrahlen trieb er über den Strom, damit sie als Zeichen dienten, dem Heere zum Anlauf und Angriff.


64.
Die Goldgans.

Nach einer Erzählung aus Hessen und einer anderen aus dem Paderbörnischen. Letztere hat folgendes Abweichende, nachdem der Dummling mit dem Männlein sein Essen getheilt, spricht dieses „nun leg dich hin und schlaf ein wenig, wenn du aufwachst, wirst du einen Schlitten finden, vor den ein Vöglein gespannt ist und wenn das „Kifi!“ ruft, so antworte nur „Keifes!“ so wirst du sehen was geschieht“. Da legte sich der Dummling hin, denn er war müd, und als er aufwachte, stand der Schlitten mit dem Vöglein vor ihm, da setzte er sich ein, fuhr fort und kam in eine Stadt. In einem Hause aber lagen drei Mädchen im Fenster, die sahen den Schlitten mit dem Vöglein, und die ältste rief „das Vöglein muß ich haben!“ Aber die jüngste die es auch haben wollte, konnte schneller laufen, kam eher auf die Straße und griff darnach. Das Vöglein rief „Kifi!“ und der Dummling antwortete „Keifes!“ da saß das Mädchen fest an dem Schlitten und konnte sich nicht wieder losmachen und mußte immer nach dem Vöglein greifen. Nun kamen auch die zwei andern Schwestern und blieben fest. Der Dummling fuhr weiter, und sie gelangten an ein Wasser, wo viele Waschweiber standen und wuschen, und als [115] sie die Mädchen sahen, ärgerten sie sich über das Nachlaufen, kamen herbei und wollten sie mit ihren Waschklöppeln schlagen: aber sie bleiben auch hängen und schlagen immer nach den Mädchen. Dann kommt der Pfarrer und Küster mit dem Weihkessel, die werden auch fest gemacht, und so wächst der Troß immer mehr, bis der Dummling damit vor der ernsthaften Königstochter anlangt, die bei dem Anblick lacht, und die er nun zur Gemahlin erhält; die weiteren Aufgaben kommen nicht vor. Bei Meier die goldene Ente Nr. 17. Bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 27. Vergl. das Märchen von dem Müller mit dem Kätzchen Nr. 106.

Wie in diesem Märchen jeder an der Gans, oder dem der damit in Verbindung ist, hängen bleibt, gerade so bleibt Loke an der Stange hängen, mit der er nach dem Adler (dem Thiasse) schlägt, die Stange aber haftet an diesem, und ebenso wird er auch fortgezogen (jüngere Edda, Dämes. 51). Wie die Söhne damit erprobt werden, ob sie ein Stück Kuchen mitzutheilen geneigt sind, so erhält Engelhart (im Gedicht Konrads von Würzburg) von seinem Vater auf die Reise drei Aepfel, wer ihm begegne, dem solle er einen reichen: verzehre ihn der Fremde ganz, ohne ihm einen Theil davon zu geben, solle er ihn meiden, gäbe er aber etwas, solle er seine Freundschaft annehmen. Auch der dritte zeigt sich erst gut. Vergl. Wyß Volkssagen S. 321 und S. 22 die Anmerkung zur Apfelprobe. Einer der einen Teich austrinken, oder der viel tausend Brote essen kann, kommt in dem Volksbuch der pommerschen Kunigunde vor; s. das Märchen von den sieben Gesellen, die durch die Welt kommen (Nr. 71) und den sechs Dienern (Nr. 134).


65.
Allerleirauh.

Nach einer hessischen und paderbörnischen Erzählung; die letztere weicht in einigen Stücken ab. Das Mädchen thut den Mantel von allerlei Rauhwerk, in das auch Moos und was man noch sonst im Walde findet, eingenäht worden, über die drei glänzenden Kleider und entflieht in den Wald. Dort steigt es aus Furcht vor den wilden Thieren auf einen hohen Baum und schläft, auf den Ästen ruhend, ein. Morgens kommen Holzhacker, Holz für des Königs [116] Hof zu holen, die hacken den Baum um, auf welchem Allerleirauh noch immer fort schläft, doch fällt er langsam, so daß es keinen Schaden nimmt. Es erwacht ganz erschrocken, als es aber sieht daß es bei guten Leuten ist, bittet es sie möchten es mitnehmen. „Ja“, sagen sie, „setz dich da auf den Holzwagen, du Rauhthierchen“. Sie fahren an des Königs Hof, und es dient in der Küche. Als es die Suppe so gut gekocht hat, läßt es der König rufen und spricht „du bist ja ein schönes Kind, komm setz dich auf meinen Sessel“. Da legt er ihm seinen Kopf in den Schooß und spricht „laus mich ein wenig“. Das thut es und muß es von nun an jeden Mittag thun. Einmal sieht er dabei durch den Ermel das glänzende Sternenkleid durchblinken und reißt ihm den Mantel ab, sie steht nun da als die schönste Königstochter von der Welt. Nach einer dritten Erzählung aus dem Paderbörnischen stellt sich Allerleirauh stumm. Der König schlägt sie einmal mit der Peitsche, da bekommt der Rauhmantel einen Ritz, durch den das Goldkleid schimmert. Der König reißt ihn größer, und so wird sie entdeckt. Auch folgt in beiden Erzählungen die Strafe des Vaters. Er muß sich selbst das Urtheil sprechen, daß er nicht länger verdiene König zu sein. Eine vierte Erzählung leitet anders an. Allerleirauh wird von einer Stiefmutter vertrieben, weil ein fremder Königssohn nicht ihrer rechten Tochter, sondern jener einen Treuring geschenkt hat. Allerleirauh kommt hernach an ihres Geliebten Hof, thut gemeine Arbeit und putzt ihm die Schuhe, wird aber entdeckt, indem sie den Treuring unter das Weißbrot legt, wie in einer andern Sage der Ring in die Kraftbrühe gelegt wird (Musäus 2, 188). Wenn der König nun diejenige heirathen will, die solche Haare hat wie die verstorbene Königin, so erinnert dies an einen Zug aus der färöischen Sage, wo der verwittwete König nur die zur Ehe nehmen will, welcher die Kleider der verstorbenen Königin passen (Sagabibliothek 2, 481). Verflacht ist die Überlieferung in einem Märchen aus dem Zillerthal bei Zingerle S. 231. Man vergleiche bei Meier Nr. 48 und bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 10. Einige Verwandtschaft hat das Märchen mit dem vom Aschenputtel. Perrault’s Peau de’ane gehört hierher, auch das Märchen von Doralice bei Straparola (1, 4), besonders die Einleitung desselben. Im Pentamerone die Bärin (2, 6). Walachisch die Kaisertochter im Schweinestall bei Schott Nr. 3.

[117]

66.
Häsichenbraut.

Aus Buckow im Mekelnburgischen. Es hat Verwandtschaft mit dem Fitchersvogel (Nr. 46). Die Aufzählung der Hochzeitsleute ist aus einer anderen Erzählung des Märchens aufgenommen und erinnert an das wendische Spottlied von der lustigen Hochzeit (Herders Stimmen der Völker S. 139).


67.
Die zwölf Jäger.

Aus Hessen. Er kehrt in vielen Sagen wieder, daß die erste Verlobte vergessen wird (in dem Liebsten Roland, dem Löweneckerchen u. a.), wovon der Grund tief liegt. Wir wollen nur zwei denkwürdige Beispiele anführen, Duschmanta vergißt die Sacontala und Sigurd die Brünhild. Im Pentamerone die Dienstmagd (3, 6).


68.
Der Gaudief un sin Mester.

Aus dem Münsterischen. Aus Wien eine abweichende Erzählung. Ein Zaubermeister suchte sich einen Jungen der nicht schreiben und lesen kann, um ihm zur Hand zu gehen. Er fragt einen, dem er begegnet, „kannst du schreiben und lesen?“ „Ja“, antwortet der Junge. Sagt der Zaubermeister „kannst du schreiben und lesen, so taugst du mir eben nichts“. „Von schreiben und lesen sprecht ihr? da hab ich euch unrecht verstanden; ich glaubte, ihr fragtet „ob ich schreien und essen könnte“, und das versteh ich auch aus dem Grund, aber schreiben und lesen, davon versteh ich nichts“. Denkt der Zauberer „der ist gut für mich“, und weil er ihm sonst gefällt, nimmt er ihn zu sich. Der Junge aber war witzig, verstand beides lesen und schreiben sehr wohl und stellte sich nur dumm an. Mithin bleibt er einige Zeit im Dienst und thut ihm Handlangers Arbeit, [118] insgeheim aber, wenn der Zauberer beiseit oder ausgegangen ist, liest er in den Zauberbüchern und lernt die Sprüche und Vorschriften auswendig. Das geht so lange hin, bis ihn eines Tags der Meister über einem Buch findet und merkt was geschehen ist. „Wart“, ruft er, „du sollst mir nicht entrinnen!“ Der Knabe thut schnell einen kräftigen Spruch, wird zum Vogel und entfliegt: der Meister verwandelt sich eben so schnell in einen Raubvogel und setzt ihm nach. Die Reihe von Verwandlungen, welche nun folgte, wußte die Erzählerin nicht mehr, aber das Ende davon war, daß der Junge klüger sich zeigte als der Meister, und während dieser in Gestalt eines Haberkorns da liegt, der Junge die eines Hahns annimmt und es verschluckt; womit der Zauberer verloren und vernichtet war. Eine andere Überlieferung bei Müllenhoff Nr. 27 und bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 26. Am schönsten ist unstreitig das Märchen bei Straparola 8, 5 in der vollständigen Ausgabe (s. unten), doch auch das dänische bei Etlar (S. 36) sehr gut. Polnisch in der dänischen Sammlung bei Molbech Nr. 66 S. 66 und bei Lewestam S. 110. Walachisch, der Teufel und sein Schüler, bei Schott Nr. 18. Serbisch bei Wuk Nr. 6.

Merkwürdig sind die nicht gleichen aber ähnlichen Verwandlungen zwischen zwei des Zaubers kundigen in einer Erzählung der 1001 Nacht (1, 385. 386). Es kommt gleichfalls darin vor daß der eine Theil sich in einen Granatapfel verwandelt, dessen Körner der andere als Hahn auffrißt, weil er aber ein Korn übersieht, gehen die Verwandlungen noch weiter. Andere findet man in den Märchen Nr. 56. 76. 79; auch in einer wallisischen Sage von Ceridwen (Mone 2, 521), wo zuletzt eine Henne das Korn frißt. Endlich werden im Simplicissimus (S. 212. 235 Mömpelg. Ausg.) solche, aber ernsthaft gemeinte Zauberstücke erzählt. Auch Malagis geräth über die Zauberbücher des Baldaris, den er für seinen Vater gehalten hat, und lernt heimlich die Kunst daraus. Einmal, als sie am Tisch sitzen, zaubert Baldaris Hasen und Kaninchen, die nach einander daher laufen, da läßt Malagis zwei schöne Windhunde auf die Tafel springen, welche die Thierchen erjagen und zerreißen. Baldaris zaubert ein Wasser, darin sich alle sollen die Hände waschen, aber Malagis macht daß das Wasser schwarz wird und es klebt wie Pech (Heidelberg. Handschr. Blatt 19b. 20a). Vergl. dabei das ungarische Märchen von der gläsernen Hacke (bei Gaal Nr. 3), wo [119] auch aus dem einen Thier immer ein anderes, doch schwächeres entsteht und das letzte ein Ei ist. In den böhmischen Märchen bei Gerle kommt es vor (S. 241), daß der böse Geist sich aus einem Lindwurm in einen Adler, dann in eine Fliege verwandelt, aber die Fliege fängt sich in dem Geweb einer Spinne und wird von dieser, die ein guter Geist ist, erwürgt.


69.
Jorinde und Joringel.

Aus Heinrich Stillings Leben 1, 104–108. Eine mündliche Erzählung aus den Schwalmgegenden weicht nur in wenigem ab. Es sind zwei Kinder die in einen großen Wald gehen, der Junge geräth in das Schloß einer Zauberin, sie rührt ihn mit einer Gerte an, worauf er sich in einen Vogel verwandelt. Das Mädchen träumt von der Blume und gibt ihm damit seine menschliche Gestalt wieder. Es hält die Blume auch an die Hexe, die wird dadurch in eine Rabe verwandelt. Die Kinder gehen heim, einmal spielen sie im Garten, da kommt die Rabe geflogen, setzt sich auf einen Baum und das Mädchen holt die Blume, berührt sie damit und gibt ihr dadurch die rechte Gestalt wieder.


70.
Die drei Glückskinder.

Aus dem Paderbörnischen. Offenbar mit den Lalenbürgern verwandt, die letzte Geschichte von der Katze kommt sogar dort sehr ähnlich vor (Cap. 44). Sie haben eine Katze noch nie gesehen, kaufen sie als einen Mäusehund für viel Geld und zünden, weil sie glauben sie fresse Vieh und Leut (der Verkäufer hatte gesagt „was man ihr beut“, das hatten sie also misverstanden), das Haus an worin sie sitzt. In der Chronik des Albertus von Stade findet sich (S. 1946) folgende, wahrscheinlich eingeschobene Stelle, habitaverunt ibi (zu Venedig) a principio duo concives, unus dives, alter pauper. dives ivit mercatum et requisivit a socio mercimonium. „non habeo“, pauper ait, „praeter duos catos“. hos dives secum assumpsit et casu [120] in terram venit, ubi locum fere totum mures vastaverant. vendidit catos pro magna pecunia et suo socio per mercatum plurima comparans reportavit. Serbisch bei Wuk Nr. 7. Es gibt eine ähnliche englische Erzählung von Wittington und seiner Katze.


71.
Sechse kommen durch die ganze Welt.

Aus Zwehrn. Eine paderbörnische Erzählung stimmt fast ganz damit: aus ihr ist die Beschreibung des Laufers, in der hessischen hat er eine Kanone ans Bein gebunden, um nicht so schnell zu sein. In der Paderbörnischen ist noch ein Horcher, der, wenn er das zugestopfte Ohr öffnet, hören kann wie die Todten unter der Erde singen. Eine dritte Erzählung aus den Schwalmgegenden ist unvollkommener, hat aber eigene Züge. Es sind nur vier Gesellen die da zusammenkommen, der Horcher, der Laufer, der Bläser und der Starke. Der Laufer holt das Wildpret, der Bläser jagt mit seinem Winde die Leute aus den Dörfern oder bläst sie durch die Schornsteine hinaus und nimmt dann was sich im Haus vorfindet, Brot, Fleisch, Eier. Der Starke trägts fort, und der Horcher muß acht geben ob Husaren hinter drein kommen. Sie gehen auf eine Zeit an des Königs Hof, die Königstochter ist krank und kann nur durch ein Kraut geheilt werden, das hundert Meilen weit wächst und in vier und zwanzig Stunden muß herbeigeschaft sein. Es wird bekannt gemacht daß derjenige der es herbeiholt, so viel Schätze haben soll als er verlangt. Die vier Gesellen geben sich an. Die Ärzte beschreiben das Kraut genau und der Laufer macht sich auf den Weg. Er bringts auch vor der bestimmten Zeit und die Königstochter wird gesund. Darauf fragt der König wie viel Gold er verlange? „So viel, als mein Bruder (der Starke) tragen kann“. Der König denkt „der ist noch bescheiden“ und sagt gerne ja. Der Starke macht sich aber einen ungeheuern Sack, rafft alles Gold in der Schatzkammer; doch das ist zu wenig, der König muß geben was im ganzen Reich ist. Als der Starke mit den Schätzen fortgegangen ist, schickt der König Husaren nach. Der Horcher hört sie kommen, der Laufer sieht obs wahr ist, der Bläser, wie sie herangerückt sind, bläst sie in die Luft, so daß keiner mehr zu hören noch zu sehen ist. [121] Aus ähnlichen und zum Theil denselben Sagen besteht ein Volksbuch „Historie des pommerschen Fräuleins Kunigunde“, welche nach vielen wunderlichen Begebenheiten eine Königin geworden (Neue verbess. Aufl. Elbing 1804). Kunigunde hat auch sieben Diener, Marksbein, so stark daß er in einer Stunde eine Menge Bäume im Wald fällt und sie auch noch wegtragen will: Vogelschnell der sich die Beine mit Bändern so eng spannt daß er nur kleine Schritte machen kann, sonst würde er Hirsche und Hasen überspringen und nichts erlangen: Scharfschütz der sich die Augen verbunden hat, weil er zu hell und das Wildpret vier Meilen weit sieht, so daß er auf einen Schuß mehr trifft, als er will, und das ganze Land leicht von Wild entblößen könnte: Feinohr der Gras und Kraut wachsen hört (Heimdallr hört das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen wachsen Snorra Edda S. 30): Blasius der, wenn er nur ein wenig bläst, funfzig Windmühlen treiben kann: Saufaus der einen Teich austrinkt: endlich Vielfraß der viel tausend Brote wegessen kann. Mit diesen sieben Dienern besteht Kunegunde, als Mann verkleidet, mancherlei Abenteuer. Sie bindet einen Drachen, indem Saufaus den Teich woraus jener seinen Durst löscht, austrinkt und Wein hineingießt, wovon das Unthier trunken wird. Danach gewinnt sie einem reichen Kaiser seine Schätze ab, indem einer von den siebenen die jedesmal gemachte Bedingung erfüllt. Vielfraß ißt sechs Haufen Brots, Saufaus trinkt alles Brunnen- und Röhrwasser der Stadt. Auch ein Wettlauf, wie hier, kommt vor. Vogelschnell wird von einem starken Trank betäubt und schläft ein, als er laufen soll. Der Gegentheil hat sich schon dem Ziel genähert, da horcht Feinohr und hört den Schlafenden zwei Meilen davon schnarchen: nun schießt Scharfschütz ihm einen Pfeil ins Ohrläppchen, davon erwacht er, besinnt sich, rafft sich schnell auf und springt so daß er, den Pfeil noch im Ohr, zuerst am Ziel anlangt. Marksbein trägt die gewonnenen Schätze fort: sie kommen zu einem Fluß, über den sie nicht setzen können, weil es an Fahrzeugen fehlt, doch Saufaus trinkt ihn weg. Die feindliche Reiterei verfolgt sie, aber Blasius erregt einen Sturm, so daß alle Kähne versinken und kein Mann übrig bleibt. Die Diener streiten sich hernach, jeder will das Beste gethan haben, Kunegunde beruhigt sie. Verflochten ist das Ganze in eine Liebesgeschichte. Kunegunde dient, als Mann verkleidet und Felix geheißen, dem König von Polen. Ein Zauberer [122] ist ihr geneigt, hat ihr die sieben Diener zugewiesen, auch ein treffliches redendes Pferd gegeben. Sie verliebt sich heimlich in den König, die Königin dagegen in sie, und von ihr wird sie wegen verschmähter Liebe zu den gefährlichen Abenteuern gezwungen. Die Königin klagt sie endlich an, als habe sie Gewalt an ihr ausüben wollen. Sie wird zum Tod verurtheilt, aber dabei kommt ihr Geschlecht an den Tag. Die Königin stirbt an Gift und Kunegunde wird des Königs Gemahlin. Ganz in der Art unsers Märchens und damit, wenn auch nicht in der Fabel selbst übereinstimmend, ist eine arabische Erzählung in der Fortsetzung der 1001 Nacht von Chavis und Cazotte[4] im Cabinet des fées 39, 421–478. Der Anführer ist Felsenspalter (Tranchemont), unter welchem Saufaus (Pretaboire), Scharfaug (Percevue), Gradaus (Droitaubut), Vogelschnell (Fendl’air), Starkrücken (Bondos), Wolkenhascher (Grippenuage) und Aufbläser (Grossitout), also gerade siebene, die Künste zeigen, die ihr Name andeutet. Daß sie demohngeachtet besiegt werden und der Zauber, durch welchen sie so übernatürliche Kräfte erlangen, vernichtet wird, scheint schon eine spätere, der moralischen Nutzanwendung zu Gefallen vorgenommene Abänderung.

Hierher gehört auch das Märchen von den sechs Dienern (Nr. 134). Bei Colshorn Peter Bär (Nr. 105), und bei Meier Nr. 8 und 31. Bei Müllenhoff Rinroth S. 453. In Wolfs deutschen Märchen Nr. 25. Münchhausen hat in seinen lügenhaften Reisen diese scherzhaften Sagen benutzt (London d. i. Göttingen 1788 S. 84 ff.), doch im Grunde schlecht erzählt. Thor mit seinem Diener Thialfi muß auch hier angeführt werden, so wie die große Mahlzeit der Riesen in den altdänischen Liedern, wo die Braut ganze Ochsen verzehrt und aus Tonnen dazu trinkt. Norwegisch bei Asbjörnsen Nr. 24. Im Pentamerone stimmt der Dummling (5, 8) überein, und das Märchen vom Floh (1, 5) ist zu vergleichen. Bei [123] der Aulnoy heißt es Belle-Belle ou le chevalier fortuné (Nr. 20) und ist, danach ins Englische übersetzt, in die Tabartsche Sammlung gekommen.


72.
Der Wolf und der Mensch.

Aus dem Paderbörnischen, eine andere Erzählung aus Baiern. Der Wolf prahlt da dem Fuchs vor, er fürchte sich vor nichts in der Welt und wolle einen Reiter mit sammt dem Pferd auffressen. Der Fuchs, um den Wolf, den er doch heimlich fürchtet, zu demütigen, will es nicht glauben, bis er es mit Augen gesehen. Sie verstecken sich im Wald am Weg, zwei kleine und schmächtige Menschen scheinen dem Fuchs zur Probe zu gering, endlich kommt ein Husar daher mit einem mächtigen Säbel an der Seite. „Das ist der rechte“, spricht der Fuchs, „an den mußt du dich machen“. Der Wolf, um Wort zu halten, springt hervor und greift den Reiter an, aber dieser zieht von Leder, haut scharf und zerfetzt den Wolf erbärmlich, so daß dieser mit Mühe zum Fuchs zurückkommt. „Nun“, spricht der Fuchs, „wie hat der Reiter geschmeckt?“ „Ach“, antwortet der Wolf mit schwacher Stimme, „ich hätte ihn wohl aufgefressen, aber er hatte hinten eine blanke Zunge, sie zog er hervor und hat mich so fürchterlich geleckt daß ich nicht zum Fressen kommen konnte“. In einem altdeutschen Gedicht aus dem 13ten Jahrh. (Kellers Erzählungen Nr. 528) tritt ein junger Löwe auf. Er fragt seinen Vater „ob er ein Thier gesehen habe, das stärker sei als sie“. „Ja“ antwortet der Alte, „das Thier ist der Mann“. Es kommt ein Knabe daher, da spricht jener „der wird ein Mann“. Dann einer mit einem grauen Kopf, da spricht der Alte „der war sonst einem Mann gleich“. Jetzt kommt ein Mann der einen Spieß in der Hand hat und mit einem Schwert umgürtet ist. Der Alte spricht „Sohn, da kommt der von dem ich dir gesagt habe“. Er warnt ihn nicht zu nahe heran zu gehen. Der junge Löwe springt aber auf ihn zu, der Mann geht mit dem Spieß auf ihn los, zieht sein Schwert und haut ihn durch den Rücken, daß er zur Erde fällt. Der Alte kommt herbei, und der Junge sagt zu ihm „der lange Zahn, womit der Mann sich wehrte war von hartem Stahl, dann zog er eine Rippe aus der Seite und schlug mir damit [124] diese Wunde“. „Solcher Kinder findet man viel“, erwidert der Vater, „die ihrem Vater nicht folgen und Schaden leiden“. Auch bei den siebenbürg. Sachsen ist das Märchen bekannt; s. Haltrich Nr. 30. Franz von Kobel hat es in den Gedichten in oberbaierischer Mundart (München 1846 S. 81) behandelt. Aber auch die Neger erzählen es; von dem Löwen und Jäger; s. bei Kölle Nr. 9. Vergleiche die Anmerkung zu Nr. 48.


73.
Der Wolf und der Fuchs.

Aus Hessen. Eine andere Erzählung aus Schweig im Trierischen enthält bloß den Schluß wie der Fuchs den Wolf beredet durch ein enges Loch zu schlüpfen, um an Milch sich satt zu fressen, so daß nach der Mahlzeit er allein zurückkommt, der Wolf aber, der Dicksack, bleiben muß und todtgeschlagen wird. Eine dritte aus Baiern hat auch nur dieses Abenteuer, doch entkommt der Wolf noch mit dem Leben, ist aber gewaltig zerschlagen und wird vom Fuchs ausgelacht. Eine vierte aus dem Paderbörnischen hat noch ein paar besondere Züge, der Fuchs lädt den Wolf unter einen Birnbaum, er will hinaufsteigen und ihm das Obst herabschütteln. Als die Leute die Birnen herabfallen hören, kommen sie gelaufen und schlagen den Wolf, während sich der Fuchs fortmacht. Der Fuchs lädt auch den Wolf zum Fischfang ein, indem er seinen Schwanz in den Teich hängen muß, wo er dann festfriert. Zuletzt als der Wolf ihn durchaus zur Rache auffressen will, schwätzt ihm der Fuchs von köstlichen Pfannkuchen vor, wenn man von dem Berg sich herunterrolle, komme man gerade darauf. Er rollt sich auch selbst hinunter, kennt unten die Gelegenheit und bringt ein paar Pfannkuchen mit. Wie sie diese verzehrt haben, führt er den lüsternen Wolf an eine besondere Stelle des Bergs und sagt da müsse er sich herunterrollen. Der Wolf folgt ihm, rollt aber gerade in den Teich hinein und ersäuft. Gut ist die Erzählung der siebenbürgischen Sachsen bei Haltrich Nr. 3. Schon Horaz (ep. 1) spielt auf die Fabel an.


[125]

74.
Der Fuchs und die Frau Gevatterin.

Aus Deutschböhmen. Wendisch bei Haupt und Schmaler Nr. 6. In lebendiger Ausführlichkeit wird es von den siebenbürgischen Sachsen erzählt, bei Haltrich Nr. 10, der es den Mittelpunkt aller Sagen vom Fuchs und Wolf nennt.


75.
Der Fuchs und die Katze.

Aus Schweig im Trierischen. Dieselbe Sage in einem altdeutschen Gedicht (Reinhart Fuchs 363), bei Nicolaus von Straßburg (deutsche Mystiker von Franz Pfeiffer S. 293), auch bei Hans Sachs (2. 4, 177 Kempten). Eine latein. Erzählung aus einer Papierhandschrift des 15ten Jahrh. theilt W. Wackernagel mit in Hoffmanns Monatsschrift von und für Schlesien 1829 S. 471. 472. Von einem mit Weisheit angefüllten Sack ist unten (Nr. 175) die Rede, auch in einem Negermärchen bei Kölle (Nr. 9) von einem Sack, in welchem Vernunft steckt.


76.
Die Nelke.

Aus Zwehrn. Eine andere Erzählung, ebenfalls aus Hessen, leitet auf eine verschiedene Weise das Märchen ein. Der König will den zu Gevatter bitten, der ihm zuerst begegnet. Es ist ein armer Mann, der sich anfangs weigert mitzugehen, doch folgt er endlich und verleiht dem Kind daß, so wie es achtzehn Jahr alt werde, alle seine Wünsche eintreffen sollen; worauf er verschwindet. Ein Zwerg hat sich während der Taufe unter den Tisch versteckt und alles mit angehört. Er raubt nun das Kind, klagt die Königin an, welche der König einmauern läßt, und geht mit ihm fort zu einem reichen Kaufmann, dessen Tochter er heirathet. Als der Königssohn achtzehn Jahr alt ist und der Zwerg sich fürchtet, will er seine Frau bewegen ihn umzubringen. Das übrige stimmt nun mit unserem [126] Märchen, nur kommt die Frau des Zwergs nicht weiter vor, und es fehlt natürlich auch die Verwandelung in eine Nelke. In einer dritten hessischen Erzählung ist folgendes abweichend, die Taufe geschieht in der Kirche, der Gevatter hat sich ausgehalten daß niemand zugegen sein dürfe, aber der böse Gärtner der sich eingeschlichen, hat gehört welche Gabe dem Kind verliehen ist und raubt es. Er schickt das Kind zu einem Förster, wo es heranwächst. Die Tochter des Försters wird die Liebste des Jünglings, die er, als Nelke, sammt dem verwandelten Pudelhund mit an des Königs Hof nimmt, wo er als Jäger dient. Die Nelke stellt er in ein Glas voll Wasser vor sein Fenster; wenn er allein ist, gibt er ihr die menschliche Gestalt zurück. Seine Gesellen merken etwas davon und bringen den König dahin daß er die Nelke verlangt, worauf der Jäger sich als sein Sohn entdeckt und alles an den Tag kommt. Hierher gehörig scheint die Redensart unter dem Volk

„wenn mein Schatz ein Nelkenstock wär,
setzt ich ihn vors Fenster, daß ihn jedermann säh“.

Zu vergleichen ist auch das Lied im Wunderhorn (2, 11. 12), wo ein Röslein, in die Kammer eingeschlossen, sich in eine schöne Jungfrau verwandelt. Im Pentamerone ist der Heidelbeerstrauch (1, 2) verwandt.


77.
Das kluge Gretel.

Aus einem im nördlichen Deutschland gewiß seltenen Buche, Ovum paschale oder neugefärbte Oster-Ayr (Salzburg 1700 in 4. S. 23–26) und nach einem Meistergesang in einer Handschrift der Berliner Bibliothek mss. germ. Fol. 23 Nr. 51, die sonst Arnim besessen hat, mit der Überschrift „Inn des Marners Hoff-thon die vernascht maid“ und hebt an „vor kurzen Jarenn sase ein perckrichter im Johanisthal“. Bei Hans Sachs (2, 4, 217b Kempt. Ausg.) die vernascht Köchin. Vergl. Hagens Gesammtabenteuer Nr. XXXVII und Anmerkung Bd. 2. In Paulis Schimpf und Ernst Bl. 65. Wir meinen das Märchen auch schon mündlich gehört zu haben.


[127]
78.
Der Großvater und der Enkel.

So erzählt Stilling das Märchen in seinem Leben (2, 8. 9.) wie wir es gleichfalls oft gehört haben und wie es in dem Volkslied aus dem Kuhländchen (Meinert I. 106) vorkommt. Sonst wird auch gesagt das Kind habe die Scherben von der irdenen Schüssel aufgelesen und sie für seinen Vater aufheben wollen. Ein alter Meistergesang (Nr. 83 in der Handschrift von Arnim) enthält die Fabel ganz abweichend, und gibt eine Chronik als seine Quelle an. Ein alter König hat seinem Sohn das Reich abgetreten, der ihn aber lebenslang erhalten soll. Der Sohn verheirathet sich, und die junge Königin klagt über den Husten des Alten. Der Sohn läßt den Vater unter die Stiege auf Stroh legen, wo er viele Jahre nicht besser als die Hunde leben muß. Der Enkel wird groß, bringt seinem Großvater alle Tage Essen und Trinken, einmal friert dieser und bittet um eine Roßdecke. Der Enkel geht in den Stall, nimmt eine gute Decke, und schneidet sie in Unmuth entzwei. Der Vater fragt, warum er das thue? „Die eine Hälfte bring ich dem Großvater, die andere heb ich auf, dich einmal damit zu bedecken“. Eine davon verschiedene Bearbeitung enthalten „Zwey schöne Neue Lieder“ (Nürnberg Val. Neuber) in der Meusebach. Bibliothek. Sie beginnt

„Zu Rom ein reicher König saß,
als ich etwan gelesen das.“

und schließt

„das niemandts sein Elten verschmeht,
warnt treulich Jörg Brentel von Elbogen.“

Bei Hans Sachs die halbe Roßdeck 2. 2, 107. 108 Nürnb. Ausg. Wunderhorn 2, 269. Auch eine altdeutsche Erzählung, der Ritter mit dem Kotzen gehört hierher, in Laßbergs Liedersaal 1, 585. Eine andere Darstellung in der Kolotz. Handschr. S. 145 und in Hagens Gesammtabenteuer 2, 391; eine dritte von dem Hufferer daselbst 3, 729. Ein altfranzös. Fabliau (Meon 4, 479. 485) weicht nur wenig ab. Der Sohn verstößt auf Antrieb seiner Frau den alten Vater, der bittet um ein Kleid, das schlägt er ihm ab, dann um eine Pferdedecke, weil das Herz ihm vor Frost zittere. Der Sohn heißt [128] sein Kind mit dem Alten in den Stall gehen und ihm eine geben. Der Enkel schneidet sie mitten entzwei, weshalb der Großvater ihn verklagt, der Enkel vertheidigt sich aber bei seinem Vater, er müsse die Hälfte für ihn aufheben, wenn er ihn erst aus dem Haus treibe. Da geht der Sohn in sich und nimmt den Großvater in allen Ehren wieder ins Haus. Einige darnach gebildete Novellen von Niccolo Granucci, Sercambi und dem Abbé Le Monnier weist Hagen nach Gesammtabent. 2, LVII. In Paulis Scherz und Ernst, (1535. Cap. 412 Bl. 77. dänisch „Lystig Skiemt og Alvor“ S. 73) bittet der Großvater um ein neues Kleid, der Sohn gibt ihm zwei Ehlen Zeug, das alte damit zu flicken. Darauf kommt der Enkel weinend und will auch so zwei Ehlen Zeug haben, der Vater gibt sie ihm, und das Kind versteckt sie unter eine Latte am Dach und sagt dann es hebe sie da für seinen Vater auf, wenn der alt werde. Da bedenkt sich dieser eines bessern. Aus einem Gedicht des Walthers ist folgendes anzuführen,

die jungen habent die alten sô verdrungen.
nû spottent alsô dar der alten!
ez wirt iu selben noch behalten:
beit unz iuwer jugent zergê:
swaz ir in tuot, daz rechent iuwer jungen
23, 36.


79.
Die Wassernix.

Aus dem Hanauischen. Es ist eine Verfolgung der Kinder von der Hexe, wie im Märchen vom Liebsten Roland (Nr. 56): zugleich ist sie die Frau Holle, aber die Böse, die den verwirrten Flachs spinnen läßt und statt der Speise Steine zu essen gibt. Über das Ganze vergl. J. Grimm Irmenstraße.


80.
Der Tod des Hühnchens.

Aus Hessen. Etwas abweichend in den Kinderliedern (im dritten Bande des Wunderhorns) S. 232–6. Nach einer bairischen [129] Erzählung, das Hähnl lauft zum Brunnl, sagt „ach, Brunnl, gib mir ein Wässerl, daß mein Hähnl nicht erstickt“. Wässerl sagt „geb dir kein Brunnel, bis du zum Lindl gehst und bringst mir ein Blättl“. Das Lindl sagt „geb dir kein Blättl, bis du zum Bräutl gehst und bringst mir ein Bändl“. Bräutl sagt „geb der dir kein Bändel, bis du zum Säul gehst und bringst mir ein Bürstel“. Säul sagt „geb dir kein Bürstl, bis du zum Müller gehst und bringst mir ein Kleil“. Müller sagt „geb dir kein Kleil, bis du zum Bäurl gehst und bringst mir ein Knödel (Klos)“. Da gibt der Bauer ein Knödel. Nun befriedigt es alle, kommt aber mit dem Wasser zu spät und weint sich todt auf dem Grab. Noch eine andere Erzählung, als Hühnchen soll begraben werden, steigen alle befreundeten Thiere, Löwe, Wolf, Fuchs u. s. w. auf den Wagen. Als er abfahren soll, kommt noch der Floh und bittet um Aufnahme, er sei klein und leicht und werde den Wagen nicht beschweren. Aber das Gewicht war erschöpft und der Wagen versinkt in den Sumpf. Erzählungen aus Schwaben bei Meier Nr. 71 und 80, aus Holstein bei Müllenhoff Nr. 30, aus Siebenbürgen bei Haltrich Nr. 44, aus Norwegen bei Asbjörnsen S. 98. Ueber Hahnenberg und Hahnensumpf hat man eine dänische Volkssage (Antiquariske Annaler 1, 331).


81.
Bruder Lustig.

Einzelne Theile dieser Sage werden auch wieder für sich als besondere Märchen erzählt, und die Zusammenreihung weicht fast immer mehr oder weniger ab. Wir sind hier einer Erzählung gefolgt, welche zu Wien von Georg Paßy aus dem Munde einer alten Frau aufgefaßt wurde und die vollständigste und lebendigste ist; bloß nach einer zwar übereinstimmenden, nur viel geringhaltigern aus Hessen ist der dort fehlende Zug aufgenommen, daß der Bruder Lustig, nachdem er das Herz gegessen, von dem Apostel Petrus durch das Wasser versucht wird, das jenem bis zu dem Mund geht und ihn doch nicht zum Geständnis bringt. Noch ist aus dieser anzumerken daß der Soldat einen leeren Grund, warum das Lamm kein Herz habe, anführt, nemlich es sei ein schwarzes Lamm gewesen. Die Arnimische Handschr. von Meistergesängen enthält (Nr. 232) ein hierher gehöriges Gedicht [130] vom Jahr 1550. Zu dem hl. Petrus kommt ein Landsknecht, sie wollen mit einander theilen was sie erwerben, jener durch Predigen, dieser durch Betteln. Der Landsknecht eilt in ein Dorf wo Kirchweih ist, und erbettelt sich die beiden Ermel voll. Der heil. Petrus heilt den Schultheiß vom Fieber, der ihm dafür dreißig Gulden und einen Käs gibt. Beide kommen im Wirthshaus zusammen, der Landsknecht zeigt seine Eßwaaren vor und fragt den hl. Petrus was er mit Predigen gewonnen? Dieser holt den Käs hervor. „Nur den Käs hast du gewonnen!“ ruft der Landsknecht. Der hl. Petrus bestellt bei dem Wirth ein gebratenes Huhn. Der Landsknecht geht in die Küche und ißt die Leber davon. Wie es auf den Tisch kommt, spricht der hl. Petrus zum Landsknecht „ich glaube du hast die Leber gegessen?“ Dieser vermißt sich daß er sie nicht gesehen habe. Nun zieht der hl. Petrus die dreißig Gulden heraus, theilt sie in drei Theile und spricht „den dritten Theil soll der haben, der die Leber gegessen!“ worauf der Landsknecht alsbald das Geld einstreicht. Viel besser ist die Erzählung in dem Wegkürzer (durch Martinum Montanum. Straßb. o. J. wahrscheinlich von 1551). Der liebe Gott und ein guter Gesell aus Schwaben wandern zusammen. Sie kommen in ein Dorf, wo man zur Hochzeit und zugleich für einen Todten läutet. Der liebe Gott geht dahin, der Schwabe dorthin. Der liebe Gott erweckt den Todten, wofür ihm hundert Gulden gegeben werden, der Schwabe schenkt auf der Hochzeit ein, dafür erhält er am Ende einen Kreuzer. Zufrieden mit seinem Lohn geht er fort und wie er von weitem den lieben Gott sieht, hebt er sein Kreuzerlein in die Höhe und prangt damit. Der liebe Gott lacht darüber und zeigt ihm den Sack mit hundert Gulden, der Schwab, ganz behend, wirft sein Kreuzerlein darunter und spricht „gemein! gemein! wir wollen gemein mit einander haben!“ Darauf wird das Lamm geschlachtet, der Schwabe ißt das Leberlein davon und sagt hernach „bei Gott, es hat keins gehabt!“ Sie kommen in ein anderes Dorf, wo wieder für eine Hochzeit und für einen Todten geläutet wird. Der Schwab will nun den Todten lebendig machen und die hundert Gulden verdienen, sagt wenn er es nicht vollbringe, sollten sie ihn aufhenken ohne Urtheil und Recht; aber der Todte regt sich nicht. Nun soll er gehenkt werden, der liebe Gott kommt und sagt wenn er gestehe daß er das Leberlein gegessen, so wolle er ihn erretten. Aber der Schwabe besteht darauf das Lamm habe keins gehabt. Der liebe Gott sagt „ich will den Todten [131] lebendig machen und dich erledigen, wenn du die Wahrheit sprichst“. Der Schwab aber ruft „henkt mich! henkt mich! es hat keins gehabt!“ Wie der liebe Gott sieht daß er nicht zu bewegen ist, so macht er den Todten lebendig und befreit den Schwaben. Darauf theilt er das Geld in drei Theile, alsbald ruft der Schwab „bei Gott und allen Heiligen, ich habs gefressen!“ Eine andere Erzählung im Büchlein für die Jugend Nr. 9. S. 180–186, bei Pröhle Kinderm. Nr. 16, bei Meier Nr. 10. 62 und 78. Croatisch in Vogels Großmütterchen S. 27. Darauf bezieht sich das Sprichwort „der Schwabe muß allezeit das Leberle gefressen haben“, das im Zeitvertreiber (1668) S. 152 und in Berkenmeyers Antiquarius (Hamb. 1746) S. 549 angeführt wird. Auch eine Anspielung bei Keisersberg „das Leberlin aus dem Braten ziehen“, und bei Fischart im Flohhatz 35b.

aber ich bin unschuldig dessen,
doch muß das Leberle ich han gessen,
und muß gethan han die großt Schmach.


82.
De Spielhansel.

Aus Weitra in Deutschböhmen. Eine abweichende Erzählung aus dem Münsterischen theilen wir gleichfalls in der dortigen Mundart mit. Hans Lustig was en rieken Mann, he het all sien Vermögen in Karten verspielt, nu mot he erme Dage lieden. Et begann, dat use Herrgott un sünte Peter up Erden göngen, se keimen auk vör sine Döhr un klopten an un seden „guten Owend, Hans Lustig, könn wi wull bie di herbergen?“ „Worüm nig?“ seg Hans Lustig, „wenn ji mit dat Minige tofrerden sied: men ick un mine Frau hebbet nix anders asse enen Schauf Strauh, wenn ji darup liggen willt, den könn ji wull kriegen“. „Worüm nig?“ sede usse Herrgott un Petrus. Se sedden sick hen un führden von ollen Tieden. Herr Petrus segt „wi hebbet Dorst, Hans Lustig, hahl us ’ne Kruke met Beer, hier hest du Geld“. Dat was sien Lewen. Wu he an dat Wertshues kam, da hörde he dat Kartenspielen, do spielde he wier met; in en Augenblick was sien Geld wier verspielt. „Wu sall ick dat macken?“ dacht he, „wu krieg ick nu Beer för de Lüde, de sittet in Huse un sint so dörstig?“ [132] He geit no Hues un segd he wör dedahl (auf die Erde) fallen, un siene Krucke wör intwe gohn. do seg Petrus „vör düt Moel, will ick ju no emol Geld giewen, nu müge ji seihn dat ji ’ne Krucke kriegt, wi sind erschrecklich dörstig“. „Wu will ick dat macken“, denkt he, „wenn se wier an’t Kartenspielen sind?“ He geit met sine Krucke weg un stopt sick de Ohren to, dat he dat spielen nig hört, un kümmt glücklick met sien Beer to Huse. Asse usse Herrgott un Petrus nu drunken hebt, do krieget he auk Hunger. „Wu sall ick dat anfangen?“ seg die Frau, „ick hebbe kien Mehl, ick mot von Aske enen Pannkoken backen.“ Do settet se sick tosamen un eiten wat, Hans Lustig kührt men ümmer von Kartenspielen, dat das so lustig genk; so kührt he so lange bes öhr de Schlop kümmt. Usse Herrgott un Petrus goht up ene Schauf Strauh liggen, un Hans Lustig un sine Frau bie dat Füer. Det Morgens, wu se upstohet, dat usse Herrgott un Petrus weg willt, do giffet he Hans Lustig drei Dehle, een Spiel Karten, wenn he dermet spielt, dann gewinnt he alles: un en Wörpel, wenn he domet wörpelt, so gewinnt he auck alles: un ene Figgeline, wenn he an to spielen fänk, dann sitt alles faste. Hans Lustig spielet wier lustig derup los, he gewinnt alles; he köfft sick wier Hues un Hoff; sine Karten un sine Figgeline dregt he ümmer bie sick. Endliks werd he krank, do kümmt de Daut un seg „Hans Lustig, du most sterwen“. „O“, seg he, „du gute Daut, plück mi doch no ene Beere ut den Baum, de vör mine Döre steiht“. Do de Daut in den Baum sitt, fänk Hans Lustig an sine Figgeline to spielen, do sitt de Daut in den Baum faste. He spielt wier lustig in Karten un Wörpels, do stervt ene von sine Verwandten, nu mot he nafolgen. Wi de erdet is, do beddet Hans Lustig een so’n andächtig Vader Unser. „So“, seg de Daut, „do hebbe ick uplueret, dat du dat bedden söst, nu most du deran“. Hans Lustig sterpt un klopt an en Himmel. „Well is dervör?“ „Hans Lustig“. „Du most no de Helle“. Wi he vör de Helle kümmt, klopt he an. „Well is dervör?“ „Hans Lustig“. „Wat wust du hier macken?“ „In Karten spielen“. „Wor wust du denn üm spielen?“ „Üm Seelen“. Hans Lustig spielet un gewinnet hunnert Seelen. He nimmt se up’n Nacken un klopt an de Himmelsdöhre. „Well is dervör?“ „Hans Lustig met hunnert Seelen, nig ene weiniger“. „No, goh men wier weg“. Kümmt wier vor de Helle un klopt an. „Well is dervör?“ „Hans Lustig, wi willt wier spielen um Seelen“. He gewinnt wier hunnert Seelen, [133] geit der wier met no den Himmel un klopt an. „Well is dervör?“ „Hans Lustig met twe hunnert Seelen, nig ene weiniger oder mehr: o lotet mi doch emoel in en Himmel kieken.“ Do mackt Petrus den Himmel los un do schmit Hans Lustig sin Spiel Karten der in. „O lotet mi doch mien Spiel Karten wier kriegen“, segt he; hennig settet he sick up sine Karten bes to düsse Tied. Daß diese böhmische und niederdeutsche Erzählung mit dem vorhergehenden Märchen vom Bruder Lustig zusamenhängen, die letztere selbst schon dem Namen nach, ist deutlich. Es gehört in diesen Kreis eigentlich auch jenes von dem Jungen der ausgeht das Fürchten zu lernen (Nr. 4). Eine hessische Erzählung aus den Schwalmgegenden verbindet alle drei. Ein armer Soldat der die Wandernden aufnimmt und sein schwarzes Brot mit ihnen theilt, erhält dafür einen Geldbeutel der nicht leer wird, dann einen Ranzen in den alles hinein muß, was er hinein wünscht, und zum dritten die ewige Seligkeit. Der Soldat kommt in ein Dorf, wo getanzt wird, die schöne Wirthstochter schlägt ihm einen Tanz ab, er geht verdrießlich weg und begegnet dem Teufel. Der verspricht ihm des Mädchens Herz zu ändern, so daß es ihn heirathen werde, dafür solle er sich ihm verschreiben und nach zehn Jahren sein Eigenthum sein. Der Soldat geht es ein, heirathet das Mädchen, lebt ein paar Jahre vergnügt und hat Geld so viel er wünscht. Da fällt es ihm ein daß ihm der König keinen Gnadensold gegeben, den er doch verdient habe, und geht ihn darum Rede zu stellen. Die Wachen wollen ihn nicht einlassen, aber er wünscht sie jedesmal in seinen Ranzen und prügelt sie durch. Der König bewilligt ihm nun gern bei ihm in seinem Schloß zu leben, mit ihm zu essen und zu trinken, doch hoft er heimlich ihn los zu werden und überredet ihn daß er eine Nacht in einem verwünschten Schloß, in dem noch jeder umgekommen ist, zuzubringen bereit ist. Nun geht das Märchen über in jenes, wo einer das Fürchten lernt (s. die dortige Anmerkung). Er bezwingt alle Gespenster, indem er sie in seinen Ranzen wünscht. Damit befreit er das Schloß und entdeckt einen großen Schatz, den er mit dem König theilt. Als die zehn Jahre herum sind, kommt der Teufel, der Soldat gibt ihm sein Kind und erhält noch zehn Jahre. Als diese herum sind, kommt der Teufel wieder, aber der Soldat wünscht ihn in seinen Ranzen und hat ihn nun gefangen. Er läßt in einer Scheune von sechs Bauern auf ihn los dreschen und geht, damit noch nicht zufrieden, in eine Schmiede, [134] wo die Schmiedegesellen den Ranzen ausglühen und durchhämmern müssen. Der Teufel ist so zerschlagen daß er gern verspricht nicht wieder zu kommen, um nur frei zu werden. Indes merkt der Soldat sein herannahendes Ende, er ordnet an daß ihm der Geldbeutel und Ranzen mit in den Sarg gelegt werden. Als er nach seinem Tod vor den Himmel kommt, will ihn der hl. Petrus nicht einlassen, ihm sei zwar die Seligkeit versprochen, aber er habe sich mit dem Teufel verbunden. Der Soldat geht vor die Hölle, der Teufel erschrickt und will ihn auch nicht einlassen. Er geht wieder zum Himmel und bittet den hl. Petrus die Thüre zu klaffen, damit er nur einmal hineinschauen könne. Jetzt wirft er seinen Ranzen hindurch, wünscht sich hinein und ist nun im Himmel. Das Aushämmern des Teufels, dessen hier schon gedacht wird, führt zu einer andern Bildung der so weit verbreiteten Sage, wonach ein Schmied der Träger derselben ist. Zuerst eine Erzählung aus Tachau in Deutschböhmen nach der besonderen dortigen Mundart. Wöi (wie) der Hr. Jesus nuch mitn hl. Peita (Petrus) af der Welt imgonga is, sau’s (sind sie) a (auch) in a Dorf kumma, wau’s lata (lauter) reich Bauen gebn haut. Sie geihn von Huef zu Huef un begehrn a Herbirg, un überoll schlogens ihnen d’ Thuer voa (vor) der Nasen zou. Endle kummens a zu’n Schmied, der wor a lustiga Vuegl un niet hart (sehr) frum; haut’s oba (aber) denna (dennoch) einlaua. Sie hom gessen un trunken, un wöi’s fröich san afgstonden, so sogt der Hr. Jesus dem Schmied er soll si drei Dinga asbetn, oba a sein arme Seel niet vergessen un eppa (etwa) lata zeitliche Sochen begehrn, daß’n niet e mol der Teufel mögt huln (holen). „Dafür loß der Herr no mi (nur mich) sargen“, sogt der Schmied, „un weilt’s sua gout sad’s (seid) un wollts mie drei Wünsch derfüllen, so wünsch i holt z’erst, daß ma Karstenbam (Kirschenbaum) dras (draußen) in Garten immafurt Karsten trägt, un wer affe (hinauf) steigt, nimma unte koa (kann), bis i’s schoff (schaffe, zulasse). Offa (ferner) wünsch i, daß, wer si’in mein Sessel dau (da) setzt, nimma afstehin koa, bis i’s will. Un z’letzt soll koina as (aus) meina Schmiedtoschen kinna, wer e mol einkrochen is“. Der Hr. Jesus thouts wos er versprochen haut, un drauht (droht) ’n Schmied mit der Höll, weil er sua leichtfirti is, un geiht mit’n Hl. Peita furt. Der Schmied lebt lusti zou, bis endle sein Zeit as is, daß er starben soll. Dou kinnt der Teufel in sein Stuben un sogt’n daß er mit ihn in d’ Höll geihn mouß. „No, weils [135] scho sain mouß“, sogt der Schmied, „so will i mit enk (euch) geihn, oba (aber) sads so gout un steigts dras af mein Karstenbam affe un reißts Karsten o (ab), daß me af’n Weg wos z’ essen hobn“. Der goute Teufel steigt mie nix die nix afn Bam, pflockt Karsten un koa nimma unte. Dou locht’n der Schmied as un loßt’n Teufel af’n Bam sua long zoppeln, bis er’n verspricht, daß er’n nimma mitnehma will in d ’Höll, er soll’n noa (nur) von Bam unte laua. Der Schmied loußt’n as un der Teufel geiht heim in d’ Höll un erziehlt woi’s ’n ganga haut. Uiber a Weil kinnt a andera Teufel in d’ Schmied un sogt’n er sell noa glei mit ihn geihn un niet denken daß ern a sua oanföien koa (anführen könne) wöi ’n ersten. „Ho ho!“ sogt der Schmied, „s mou jo niet glei san (gleich sein), warts noa, bis i mi zomgricht (zusammengerichtet, zugerichtet) ho, setzts enk dawal (dieweil) af’n Sessel durt“. S’ loußt si der Teufel a wieder oanschmiern, setzt si in Sessel un koa nimma afstein, bis er’n, wöi der vori (vorige), verspricht daß ’r aloinz hoim will in d’ Höll. Wöi der Teufel a wieder zun Luzifer kinnt un koin Schmied mitbringt, wird der böis, schändt (schilt) die Teufel as (aus) un sogt „eiza (jetzt) will i selba geih’n und’n Schmied bringa, mochts noa (nur) d’ Höllthür dawal (dieweil) af, bis i mit ihn kum“. Der Luzifer kinnt zu’n Schmied un will’n glei oapocken un fortföien (fortführen). Der Schmied sogt „och, Herr Luzifer, i wa (wäre) jo glei mit’n Teufeln ganga, wenn i mi niet gschamt heit. Sogts noa selbe obs niet a Schond is, wenn d’ Leut schaua daß mi der Teufel hult. I will jo rech gern in d’ Höll geihn, oba daß ’s d’ Leut niet sehrn, so kreicht’s dou in ma Schmiedtoschen ein, i nim enk am Bugel (auf den Buckel) un trog enk in d’ Höll, dietz werd’s a sua möid sau, un geschehrn (geschehen) koa enk a nex drin“. Der Luzifer denkt „s is woua, as dere (dieser) Schmiedtoschen koa i, wenn i will, dei (die) dehalt mi niet (hält mich nicht fest)“. Er kreicht ein, der Schmied nimmt’n am Bugel, un wöi er durch d’ Wirkstod geiht, nimmt er en’n Berlik (den größten Schmiedhammer) mit un marschirt imma furt, den Weg zu der Höll, woi ’n der Luzifer as der Toschen oasogt (ansagt). Wöt’s niet goua (gar) weit von der Höll san, legt der Schmied d’ Toschen af’n Stoa (Stein), nimmt sein Berlik un haut koziämmerle af’n Luzifer zou. Der schreit Zitter a Mord, will imma asse un koa niet. Oba der Schmied schert si nex drim, un wöi stirker der schreit, wöi stirker schlägt der draf lous. Endle, wöi der Schmied denkt [136] daß ’r gnoug haut (hat), mocht er d’ Schmiedtoschen af un loßt ’n as. Der Luzifer springt, was er koa, af d’ Höll zou, der Schmied mit’n Berlik nau. D’ Teufel, wöi sie’n Luzifer schreie heien (hören) un lafen sehrn (sehen), derschrecken un lafen in d’ Höll; der Luzifer hinten dran un röift’n Teufeln sie sellen noa gschwind hinter ihn d’ Höllthür zoumachen, daß der Schmied niet nau eine koa. Ve (vor) Schrecken wissen döi niet wan’s ’n Riegel von der Höllthür hinthoun hoben, un gschwind steckt ene (einer) sa (seine) longa Nosa statt’n Riegel für. Der Schmied denkt, weil’s mi niet in d’ Höll einlaua, sua geih i holt in Himmel. Er puscht (klopft) on der Himmelthür oa, un wöi der heili Peita zu der Thür naussieht un den lausen (losen) Schmied dras derblickt, will er d’ Thür wiede zouschlogen: oba der Schmied drängt si dazwischen ein un bittn hl. Peita er möcht’n noa an Anblick eine schaue laua. Der hl. Peita laußt’n bißl ein un sogt er sell si glei wieder assepocken (hinauspacken). Jo, wöi der Schmied emol drin is, wirft er san Schurzfell nieda, setzt si draf un sogt „eitza sitz i af mein Hob un Gout, i will sehrn, wer mi asse thout.“ Dou sitzt er nu imma: nu, ma Löiba (mein Lieber), wöi wer’n wir uns wunern emol, wenn mie (wir) affe kumme un der Schmied wird nu durt sitzen. Eine andere Erzählung aus Hessen enthält folgendes. Der Schmied ist durch sein lockeres Leben ganz arm geworden, geht in den Wald sich an einen Baum zu hängen, aber ein Mann mit einem langen Bart, in der Hand ein großes Buch, tritt ihm entgegen und sagt „schreib deinen Namen dahinein, so soll dir’s zehn Jahre lang wohlgehen, hernach bist du mein.“ „Wer bist du?“ fragt der Schmied. „Ich bin der Teufel.“ „Was kannst du?“ „Ich kann mich groß machen wie eine Tanne und klein wie eine Maus“. „So thus, daß ichs sehe“. Der Teufel zeigt sich groß und klein, und der Schmied schreibt sich in das Buch. Von nun an hat dieser Geld im Überfluß, der Teufel kommt nach ein paar Jahren, ist zufrieden mit ihm und schenkt ihm einen ledernen Sack, mit der Eigenschaft, daß was hineinkommt nicht wieder heraus kann, bis es der Schmied selber heraus holt. Nach zehn Jahren erscheint der Teufel sein Eigenthum wieder in Empfang zu nehmen. Der Schmied zeigt sich bereit, geht mit hinaus, verlangt aber daß der Teufel, zum Beweis daß er der rechte sei, sich in großer und kleiner Gestalt vor ihm zeige. Als er sich nun in eine Maus verwandelt, packt ihn der Schmied, steckt ihn in den Sack und prügelt ihn so gewaltig daß er [137] gern das Blatt mit des Schmieds Namen aus dem großen Buche ausreißen will, wenn er nur wieder von ihm aus dem Sack genommen wird. Voll Ärger geht er in die Hölle zurück, und der Schmied ist frei. Er lebt nun vergnügt, so lang Gott will. Als er krank wird und seinen Tod merkt, befiehlt er daß ihm zwei gute lange spitze Nägel und ein Hammer mit in den Sarg gelegt werden. Als er drüben anlangt, klopft er an die Himmelsthür, aber der Apostel Petrus will ihn nicht einlassen, weil er mit dem Teufel im Bund gelebt habe. Der Schmied dreht sich um und geht nach der Hölle, aber der Teufel begehrt ihn nicht, er fange doch nur Spectakel an. Nun wird der Schmied bös und lärmt, ein Teufelchen wird neugierig und steckt die Nase ein wenig aus der Thüre: der Schmied packt es geschwind daran und nagelt es mit dem einen seiner Nägel an das Höllenthor. Das Teufelchen kreischt wie ein Krautlöwe, es kommt ein zweites und guckt, das packt der Schmied beim Ohr, holt den andern Nagel und nagelt es bei das erste. Nun schreien die zwei so entsetzlich daß der alte Teufel selbst gelaufen kommt: bei dem Anblick wird dieser so bös daß er vor Bosheit zu weinen anfängt, zum lieben Gott läuft und ihn bittet den Schmied zu sich zu nehmen: er nagle ihm die Teufel an den Nasen und Ohren an, daß er nicht mehr Herr in der Hölle sei. Will der liebe Gott und der Apostel Petrus den Teufel los werden, muß er den Schmied in den Himmel nehmen; da sitzt er nun in guter Ruhe. Eine dritte Erzählung aus dem Hanöverischen hat wieder ihr eigenthümliches. Zu einem Schmied der so arm geworden daß er kein Eisen und keine Kohlen mehr hat, kommt ein Reiter und will das Pferd beschlagen haben; der Schmied sagt er wolle nur erst im nächsten Dorf Kohlen und Eisen borgen. „Fehlt dir weiter nichts“, sagt der Reiter, „so will ich dir bald geholfen haben, unterschreib nur dies Blatt mit deinem Blut“. Der Schmied nimmt es ohne Umstände an, geht damit in die Stube, ritzt sich den Finger und unterschreibt. Als er wieder herauskommt, ist der Hof voll Eisen und Kohlen. Er beschlägt das Pferd, worauf der Mann wieder fortreitet, er aber bekommt große Kundschaft und wird bald wieder ein wohlhabender Mann. Danach einmal reitet einer auf einem Esel herbei und läßt den beschlagen. Als es geschehen ist, sagt der Fremde „Geld habe ich nicht, aber wünsch dir drei Dinge, so sollen sie erfüllt werden“. Nun wünscht sich der Schmied einen Stuhl, worin jeder der sich hineinsetzt, sitzen bleibt, einen Birnbaum von dem niemand der hinaufgestiegen [138] ist, ohne sein Geheiß wieder herabkann, und einen Sack mit ähnlicher Eigenschaft. Der Mann auf dem Pferd war der Teufel, der auf dem Esel aber der heilige Petrus gewesen. Wie jener nun kommt, das unterschriebene Blatt zeigt und den Schmied als sein Eigenthum holen will, läßt dieser ihn auf den Stuhl niedersitzen und peitscht ihn, bis er zum Fenster hinausfliegt. Den zweiten Teufel lockt er auf den Birnbaum, den dritten in den Sack und jagt sie beide mit Schlägen fort. Als der Schmied merkt daß sein Tod sich nähert, läßt er sich sein Schurzfell umbinden. Er klopft an das Höllenthor, aber die Teufel wollen ihn nicht: er kommt vor den Himmel, der Apostel Petrus will ihn auch nicht, doch läßt er ihn hineinsehen. Da wirft der Schmied sein Schurzfell in den Himmel, setzt sich darauf und sagt er sitze auf seinem Eigenthum von dem ihn niemand vertreiben könne. Eine vierte Darstellung der Sage aus dem südlichen Deutschland enthält folgendes Buch, Sittlich und Seelen nutzlich Reiß nach Bethlehem von R. P. Attanasy von Dilling (Sulzbach 1700 in 4) S. 153 (mitgetheilt in den Curiositäten von Vulpius 3, 422–425). Der Hr. Christus und der hl. Petrus kehren bei einem Grobschmied ein. Das alte Weib desselben bewirthet sie nach ihren Kräften, dafür wünschen ihr die Scheidenden alles Gute und versprechen ihr das Himmelreich. Indessen will der Hr. Christus dem Mann auch sich dankbar erzeigen und ihm vier Wünsche erfüllen. Nun wünscht sich der Schmied erstlich daß von dem Birnbaum hinter seinem Hause niemand gegen seinen Willen herab könne, zweitens daß von seinem Schmiedstock niemand der darauf sitze, ohne seinen Willen aufstehen, und zum dritten daß aus seinem alten Feuerrohr niemand ohne seinen Willen wieder heraus dürfe. Der hl. Petrus zürnt über diese Forderungen und hatte geglaubt der Schmied werde sich das ewige Leben ausbitten; auf seine Ermahnungen wünscht sich dieser aber zum vierten daß seine grüne Kappe ihm immer eigenthümlich verbleibe und daß, wenn er sich darauf niedersetze, keine Gewalt ihn davon vertreiben könne. Als nun der Tod zu dem Schmied kommt, lockt er ihn auf den Baum und läßt ihn nicht eher herab als bis er ihm noch zwanzig Jahre Frist verspricht. Das zweite Mal setzt er ihn auf den Schmiedstock und erhält noch einmal zwanzig Jahre. Zum dritten Mal kommt der Teufel, den läßt er in das Feuerrohr fahren, hämmert ihn dann mit seinen Gesellen nach Herzenslust, so daß der Teufel schreiend verspricht er wolle in Ewigkeit [139] nichts mit dem Schmied zu schaffen haben. Endlich kommt der Schutzengel des Schmieds und führt ihn zur Hölle. Der Teufel guckt aus dem Fensterlädlein, schlägt schnell zu und will nichts von ihm wissen. Nun gehn sie vor den Himmel, der hl. Petrus will aber den Schmied auch nicht einlassen. Dieser bittet „laß mich nur ein wenig hineinschauen, daß ich sehe wie es drinnen zugeht“. Kaum aber ist die Thüre offen, so wirft er seine Kappe hinein, spricht „es ist mein Eigenthum, ich muß sie holen“. Drinnen aber setzt er sich auf die Kappe und bleibt nun im Himmel. Eine fünfte Erzählung aus dem Münsterschen macht die Sage zu einer örtlichen und läßt den Schmied zu Bielefeld leben. Der Schluß hat hier nur einige besondere Züge, als nämlich der Schmied auch von den Teufeln abgewiesen ist, geht er zum zweitenmal vor den Himmel und stellt sich vor das Thor zuzuschauen wie die Seligen von dem hl. Petrus eingelassen werden. Es kommt ein Reiter mit Stiefeln und Sporn und will geradezu hinein, der Apostel aber sagt ihm „glaubst du daß man mit Stiefeln und Sporn in das Himmelreich dringt, du mußt noch warten“. Darauf erscheint eine fromme Jungfrau, der öffnet der hl. Petrus gleich das Thor; der Schmied benutzt die Gelegenheit und wirft sein Schurzfell hinter drein. „Was wirfst du das schmutzige Schurzfell in den Himmel?“ sagt der Apostel. „Ich wills wieder herausholen“, spricht der Schmied, „wenns euch zu schlecht ist“. Wie er aber einmal im Himmel ist, breitet er es hinter die Thüre aus und setzt sich drauf. „Nun sitze ich auf meinem Eigenthum und gehe davon nicht herab“. Spricht der Apostel „er hat doch den Armen mit seinem Reichthum viel Gutes gethan, so mag er da hinter der Thüre sitzen bleiben“. Eine sechste Erzählung aus dem Paderbörnischen spricht gleichfalls von den Schmiedken von Bielefeld. Der Teufel muß sich vor ihm groß machen wie ein Elephant und klein wie eine Maus, und so packt und steckt er ihn in seinen Handschuh, aus dem er nicht wieder heraus kann, und hämmert ihn auf dem Ambos. Die Teufel wollen ihn hernach nicht in die Hölle einlassen und halten ihr Thor mit Eisenstangen zu, der hl. Petrus versagt ihm auch den Himmel, nun schwebt er zwischen Himmel und Hölle, wie der Spielhans. Es folgt siebentens die Sage von dem Schmied zu Jüterbock, welche in dem stellenweise recht lebendigen Deutschfranzos (Leipz. Ausg. von 1736 S. 110–150. Nürnb. 1772 S. 80–95) sehr gut dargestellt ist. Der fromme Schmied von Jüterbock trug einen [140] schwarz und weißen Rock und hatte eines Abends einen heiligen Mann gern und freudig geherbergt, der ihm vor der Abreise gestattete drei Bitten zu thun. Er bittet erstlich daß seinem Lieblingsstuhl hinter dem Ofen die Kraft eigen sei jeden ungebetenen Gast auf sich festzuhalten, bis er selbst ihn loslasse. Zweitens daß sein Apfelbaum im Garten die daraufsteigenden gleicherweise fest halte, drittens daß aus seinem Kohlensack keiner herauskomme, den er nicht selbst befreie. Nach einiger Zeit kommt der Tod, geräth auf den Sessel und muß, wenn er herunter will, dem Schmied noch zehn Jahre schenken. Als diese Frist verlaufen ist, kommt der Tod wieder und steigt auf den Apfelbaum. Der Schmied ruft seine Gesellen herbei, die ihn mit Stangen jämmerlich zerschlagen. Diesmal wird er nur unter der Bedingung frei, daß er den Schmied ewig will leben lassen. Betrübt glieder- und lendenlahm zieht der Tod ab, begegnet unterwegs dem Teufel und klagt dem sein Herzeleid, der ihn auslacht und meint mit dem Schmied bald fertig zu werden. Der Schmied verweigert aber dem Teufel Nachtlager: wenigstens werde die Hausthür nicht mehr geöffnet, er müsse denn zum Schlüsselloch einfahren. Das ist dem Teufel ein leichtes, allein der Schmied hatte den Kohlensack vorgehalten, bindet ihn zu, sobald der Teufel darin ist, und läßt nun auf dem Ambos wacker zuschmieden. Als sie sich nach Herzenslust müde geklopft und gehämmert haben, wird der bearbeitete arme Teufel wieder befreiet, muß aber zu demselben Loch hinaus seinen Weg nehmen, wodurch er hereingeschlüpft war. Achtens, eine ähnliche Sage vom Schmied zu Apolda (vergl. Falk’s Grotesken 1806. S. 3–88.) der unsern Herrn sammt St. Petrus über Nacht bewirthet und drei Wünsche frei erhält. Er wünscht erstlich daß dem der in seine Nägeltasche fahre, die Hand stecken bleibe, bis die Tasche zerfalle. Zweitens daß wer auf seinen Apfelbaum steige, darauf sitzen müsse, bis der Apfelbaum zerfalle. Drittens desgleichen, wer sich auf den Armstuhl setze, nicht eher aufstehen könne, bis der Stuhl zerfalle. Nach und nach erschienen drei böse Engel die den Schmied wegführen wollen, die er sämmtlich in die gestellten Fallen lockt, so daß sie von ihm ablassen müssen. Endlich aber kommt der Tod und zwingt ihn zum Mitgehen, doch erhält er die Gunst, daß sein Hammer in den Sarg gelegt wird. Als er sich der Himmelsthür naht, will sie Petrus nicht aufthun, da ist der Schmied her, geht in die Hölle und schmiedet einen Schlüssel, verspricht auch im Himmel mit [141] allerhand Arbeit nützlich an Hand zu gehen, St. Georgs Pferd zu beschlagen u. dgl. und wird zuletzt eingelassen. Neuntens eine Erzählung aus der Wetterau, die Professor Wigand mitgetheilt hat. Der Schmied lockt den Teufel auf einen Birnbaum von dem er ihm ein paar schöne gelbe Birnen herabholen soll, wo er aber fest gehalten wird; um herabzukommen, muß er dem Schmied noch zehn Jahre versprechen. Als der Teufel dann wieder erscheint, bittet ihn der Schmied ihm erst aus dem Nagelkasten einen Nagel zu holen, womit er noch etwas festnageln will. Aber die Hand des Teufels bleibt in dem Kasten haften, und er kommt nicht los bis er dem Schmied noch zwanzig Jahre zusagt. Als auch diese Zeit abgelaufen ist und der Teufel sich zeigt, nöthigt ihn der Schmied auf einen Sessel, von dem er nicht aufstehen kann, bis er den Schmied ganz frei gibt. Hierauf entweicht der Teufel und nimmt das ganze Dach des Hauses mit. Endlich zehntens eine baierische, von Schmeller (Mundarten Baierns 493–96) und Panzer (zur deutschen Mythologie S. 94) mitgetheilte Sage erzählt von dem Schmied von Mitterbach: dieser hält sich einen Kirschenbaum aus, von dem niemand wieder herab kann, einen Sessel, worauf jeder muß sitzen bleiben, wenn er es nicht anders will, endlich einen Beutel, aus dem niemand gegen seinen Willen heraus kann. Hierher gehört noch ein Märchen bei Kuhn Nr. 8, bei Colshorn Nr. 89, bei Pröhle Kindermärchen Nr. 15 und 16, bei Zingerle S. 43, ein niederländisches in Wolfs Wodana Nr. 2 (vergl. die Anmerk. S. 54), ein norwegisches bei Asbjörnsen Nr. 24. Kopitar erzählte nach Jugenderinnerungen aus Krain eine Sage von Sveti Korant. Dieser hatte einen gefeiten Baum, wer darauf stieg konnte nicht wieder herab, womit er lange den Tod foppte. Als er endlich starb, wollte ihn der Teufel nicht in die Hölle lassen, sondern hielt die Thüre zu, aber seine, die Nägel an des Teufels Fingern standen hervor. Korant, der Schmied, bog sie um und nagelte sie fest, so daß der Teufel ai! ai! schrie. Darauf gieng er zum Himmel, wo ihn Petrus auch nicht einlassen wollte. Korant aber sieht seinen Mantel liegen, den er einst einem Armen geschenkt hatte, springt darauf und ruft „ich bin auf meinem Grund und Boden“. Vergl. Keller in der Einleitung zu Li romans des sept sages CLXXXIII folg. und zu Diocletian bei Hans von Bühel S. 54.

Zu der vorhin angeführten mündlichen Erzählung aus Hessen stimmt am meisten das gedruckte Volksbuch mit dem Titel „das [142] bis an den jüngsten Tag währende Elend“, wie es scheint aus folgendem französischen übersetzt, Histoire nouvelle et divertissement du bon homme Misère (Troyes. chez Garnier). Wiederum aber deuten manche Umstände auf einen italienischen Ursprung des letzteren, oder wenigstens hat sie de la Rivière in Italien erzählen gehört. Die Apostel Peter und Paul gerathen bei schlimmem Wetter in ein Dorf, stoßen auf eine Wäscherin, die dem Himmel dankt daß der Regen kein Wein sondern Wasser sei, klopfen bei dem reichen Mann an, der sie stolz abweist, und kehren zu dem armen Elend ein. Dieser thut nur den einen Wunsch mit dem Birnbaum, den ihm gerade ein Dieb bestohlen hatte. Der Dieb wird gefangen und sogar noch andere Leute, die aus Neugierde aufsteigen, um den Jammernden zu befreien. Endlich kommt der Tod, und Elend bittet ihn daß er ihm seine Sichel leihe, um sich noch eine der schönsten Birnen mitzunehmen. Der Tod will als ein guter Soldat seine Waffen nicht aus der Hand lassen und die Mühe selbst übernehmen. Elend befreit ihn nicht eher als bis er ihm zusagt er wolle ihn bis zum jüngsten Tag in Ruhe lassen, und darum wohnt Elend noch immer fort in der Welt. Ein Bruchstück aus einem Märchen der Maingegenden kann hier angeführt werden, weil es in gleichem Geiste ist. Der Teufel kommt und will einen der sich ihm verschrieben und dessen Zeit herum ist, abholen; er bringt zugleich eine Menge mit alten Schuhen geladener Wagen herbei. „Was soll das?“ fragt der Mensch. „So viel Schuhe haben meine Geister in deinem Dienst zerrissen, jetzt aber bist du mein“ antwortet der Teufel. Aber der Mensch verlangt die Handschrift zu sehen, um sie selbst anzuerkennen, der Teufel tritt näher, sie zu zeigen, da fährt jener schnell mit dem Munde herzu, beißt hinein und verschluckt sie; dadurch wird er frei. Endlich ist noch zu bemerken, daß Coreb und Fabel in dem lustigen Teufel von Edmonton (Tieck altengl. Theater 2) offenbar die Personen unseres Märchens sind.

Hier ist ein recht vollständiges Beispiel von der Ausbreitung und lebendigen Mannigfaltigkeit einer Sage. An dem Alter darf man nicht zweifeln und denkt man sich unter dem Schmied mit seinem Hammer den Gott Thor, unter dem Tod und Teufel einen plumpen ungefügen Riesen, so gewinnt das Ganze eine wohlgegründete altnordische Ansicht. Auch bei den Griechen finden sich Hinweisungen darauf, der listige Schmied ist auch der listige Sisyphus einer Sage, [143] welche der alte Pherekydes aufbewahrt hat und die dem Sänger der Ilias muß bekannt gewesen sein. Zeus, zornig über den alten Sisyphus, sieht sich die Gelegenheit ab ihn mit starken Banden zu fesseln, und es kann nun niemand sterben; s. Welker zu Schwenks etymol. mytholog. Andeutungen S. 323, 324. Gruber Mytholog. Wörterb. 3, 522. Vergl. auch die jüdische Tage von David und dem Tod bei Helvicus 1, Nr. 12. Offenbare Verwandtschaft hat das Märchen von dem Armen und Reichen (Nr. 87. Vergl. die Anmerkung). Dort thut ein frommer und ein böser die beseligenden und verderblichen Wünsche; hier wird das Mittel bezeichnet, der Schmied ist gut und bös zugleich, geistlich und weltlich, darum er einen schwarzen und weißen Rock trägt. Er bewirthet den Herrn in seiner Armuth mit Freuden, stopft sich die Ohren zu, um nicht zum zweitenmal das zu einem erquickenden Trunk bestimmte Geld zu verspielen und ist von Herzen gut, von Wandel aber leichtsinnig. Darum wird er endlich noch in den Himmel eingelassen, oder im härteren Fall zwischen Hölle und Himmel gestellt. Dieser Schluß knüpft das Märchen an die Sage von den Landsknechten, die im Himmel kein Unterkommen finden können, welche Frey in der Gartengesellschaft (Nr. 44) und H. Kirchhof im Wendunmut (1, Nr. 108.) erzählen. Die Teufel wollen sie nicht, weil sie das rothe Kreuz in der Fahne führen, und der Apostel Petrus läßt sie auch nicht ein, weil sie Bluthunde, Armeleutmacher und Gotteslästerer wären. Der Hauptmann aber wirft dem Petrus seine Verrätherei an dem Herrn vor, daß dieser schamroth wird und ihnen ein Dorf Beiteinweil (Warteinweil) zwischen Himmel und Hölle anweist, wo sie sitzen, spielen und zechen. Mit welcher Sage dann wieder viele andere von St. Petrus und den Landsknechten zusammenhängen. Wie der Spielhansel zu den Himmelsstürmern gehört, ist in Wolfs Zeitschrift für deutsche Mythologie 2, 3 nachgewiesen. Einen Sessel, von welchem der welcher sich darauf gesetzt, nicht wieder aufzustehen vermag, kennt schon die griechische Sage, Hephästus habe einen solchen für die Hexe geschmiedet; s. Gruber Mytholog. Wörterbuch 2, 57 Anmerk. Die List die der Schmied gegen den Teufel anwendet um ihn zu fangen, indem er ihn die Gestalt einer Maus anzunehmen bewegt, kommt ebenso im Märchen von dem Geist im Glas (Nr. 99) und in dem französischen Blaubart vor.

[144]
83.
Hans im Glück.

Aus mündlicher Überlieferung mitgetheilt (von Aug. Wernicke) in der Zeitschrift Wünschelruthe 1818 Nr. 33. Man erinnert sich dabei jenes Schwankes zwischen Block und dem Schneider Bock (Wunderhorn 2, 347), der sieben Ehlen Tuch kauft zu einem Rock, dann solls ein Wamms geben, dann ein paar Hosen, Strümpfe, Handschuhe, Däumling, endlich einen Gürtel, aber auch diesen bekommt Block nicht heraus. Mit einem andern Schluß, wonach dem Hans der Handel zum Glück ausschlägt bei Zingerle S. 152. Norwegisch bei Asbjörnsen S. 105. Auch ein cornwall. Märchen von Ivan gehört hierher (s. unten).


84.
Hans heirathet.

Aus Prätorius Wünschelruthe S. 148. 149. Die Prahlerei mit dem schönen Heller des Bräutigams haben wir öfters als einen Scherz erzählen hören. Die Frage „bist du auch auf der Hochzeit gewesen?“ und die Antwort darauf ist aus mündlicher Überlieferung zugefügt; dergleichen Scherze werden vielfach, wo sie passen, zum Schluß der Märchen gebraucht.


85.
Die Goldkinder.

Aus den Schwalmgegenden in Hessen. Im Grunde die Sage von den beiden Brüdern (Nr. 60), doch mit einer eigenthümlichen Einleitung welche es mit dem Märchen von dem Fischer und seiner Frau verbindet (Nr. 19). Eine andere Erzählung aus Thüringen bei Sommer S. 113. Die Anmerkungen zu Nr. 60 gehören auch hierher. Die wunderbare Geburt, die vollkommene Ähnlichkeit der Brüder bleibt auch in dieser Erzählung. Das Messer das dort zum [145] Zeichen in den Baum gestoßen wird, ist hier eine Lilie, wie in dem Märchen von den drei Vügelkens (Nr. 96); vergl. die dortigen Anmerkungen. Doch finden wir in einem indischen Volksliede einen ähnlichen Glauben und Gebrauch. Der Mann muß kurz nach seiner Heirath seine junge schöne Frau verlassen. Er pflanzt ein Kewra (Spicanard, Lavendel) in den Garten und heißt sie darauf achten, so lang sie grüne und blühe, gehe es ihm wohl, welke sie aber und sterbe ab, so sei ihm ein Unglück begegnet; s. Broughton selections from the popular poetry of the Hindoos (Lond. 1814) S. 107. Auch in dem persischen Tutinameh (Ikan Nr. 4), die Frau gibt dem Mann einen Blumenstrauß mit auf den Weg, so lange er sich frisch zeigt, ist sie ihm treu geblieben, welkt er, so hat sie eine Untreue begangen.


86.
Der Fuchs und die Gänse.

Aus dem Paderbörnischen. In einer hübschen Fabel bei Burkard Waldis Nr. 87 bittet die Gans erst noch einmal nach Herzenslust tanzen zu dürfen, wie bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 3. Auch im siebenb. Sachsen wird es erzählt, bei Haltrich Nr. 20. Es ist ein Vexiermärchen, das man auch statt des gewöhnlicheren vom Schäfer erzählt, der viel hundert Schafe über einen breiten Fluß setzen will in einem kleinen Nachen, wo jedesmal nur ein einziges Platz hat. Dieses hat bekanntlich in dem Don Quixote 1. Cap. 20. Cervantes vortrefflich angebracht, und Avellaneda in seiner Fortsetzung (Cap. 21) durch ein ähnliches von Gänsen die über eine schmale Brücke gehen, überbieten wollen. An sich ist es viel älter, schon Petrus Alfonsi erzählt es in der Disciplina clericalis S. 129, und Schmidt gibt in den Anmerkungen weitere Nachweisungen. Man findet es in dem altfranzösischen Castoiement (Méon fabliaux 2, 89–91) und in den novelle antiche Nr. 30. Zu vergleichen ist auch ein artiges plattdeutsches Gedicht in Haupts Zeitschr. 5, 469–512. Eine ähnliche Sage liegt in dem Redner Demades des Aesop (Furia 54. Coray 178) zu Grund. Noch gehört das Sprichwort hierher „wenn der Wolf (das ist hier der Fuchs) die Gänse beten lehrt, frißt er sie zum Lehrgeld (Sailer S. 60)“, [146] und aus dem Wartburger Krieg (MS. 2,5a), wo Ofterdingen spricht (sie) hânt gense wân, sô si den wolf erkennent unde wellent ûz den ziunen gân.


87.
Der Arme und Reiche.

Aus der Schwalmgegend in Hessen. Ein altdeutsches Gedicht (Hagens Gesamtabenteuer Nr. 37 und Anm. 2, 253) erzählt das Märchen folgender Gestalt. Ein Mann lebt mit seiner Frau in großer Armuth, und sie thun beide vielfache Gebete zu Gott um weltlichen Reichthum. Da schickt Gott endlich einen Engel herab, der ihn vermahnt nicht um etwas zu bitten, das Gott ihm ebenso mit Recht versage als er es andern gewähre. Der Mann aber läßt nicht ab „ich bete so lange“, spricht er, „bis Gott Gnade an mir erzeigt und meinen Willen thut“. Der Engel antwortet „da du weder dem obersten Gott noch mir glauben willst, so versuche dein Heil, bleibst du hernach arm, so bist du selbst Schuld daran; dir sollen nämlich drei Wünsche gewährt sein (habe drîer wünsche gewalt)“. Der Mann geht zu seiner Frau und beräth sich mit ihr, „was soll ich wünschen? einen Berg von Gold, oder einen Schrein voll Pfennige die nicht abnehmen, wieviel ich davon brauche?“ Die Frau verlangt einen Wunsch für sich, „du hast genug an den zweien, du weißt wohl daß ich meine Beine so viel darum gebogen, und Gott hat es sowohl meines als deines Gebets wegen gewährt“. „Das ist billig, einer von den Wünschen sei dein“ antwortet der Mann. Da spricht die Frau „so wünsch ich daß ich das beste Gewand jetzt an meinem Leibe hätte, wie es noch an keinem Weibe in der Welt gesehen worden“. Kaum hat sie den Wunsch ausgesprochen, so ist er erfüllt. Der Mann wird aufgebracht darüber und ruft „so wollt ich daß das Gewand in deinem Leib wäre!“ Alsbald ist der Wunsch in Erfüllung gegangen. Die Frau fängt an zu schreien und schreit mehr und mehr, daß die Bürger es hören und herbeigelaufen kommen. Sie zücken Messer und Schwert und drohen ihm den Tod, wenn er das Weib nicht wieder von der Qual befreie. Da spricht er „so wolle Gott daß sie sanft von dem Ungemach erlöst werde und gesund sei wie vorher.“ Dieser dritte Wunsch geht nun auch in Erfüllung, und [147] der Mann ist arm wie zuvor, und obgleich die Frau unrecht gehandelt hat, wird er doch ausgescholten und ihm die Schuld gegeben. Ja, er wird nun gehöhnt und aller Welt zum Spott, so daß er Gott um den Tod bittet und aus Kummer stirbt. Hierauf bezieht sich wohl eine Stelle bei Reinmar von Zweter (M.S. 2, 145.) unde het ich drîer wünsche gewalt, wie gerade dieselben Worte in der Erzählung vorkommen. Kirchhof theilt im Wendunmut (1581. 1, 178. 179) das Märchen mit, wie es ihm in seiner Jugend die spinnenden Mädchen erzählt haben. Vor alten Zeiten kamen der hl. Peter und der hl. Paulus Abends spät in ein Dorf und baten vor einem Haus um Herberge. Aber der Mann war geizig und die Frau noch viel mehr, und sie wurden kurz abgewiesen. Nebenan wohnte ein Armer mit vielen Kindern, den jammerten die beiden Fremdlinge, und er ließ ihnen durch seine Frau sagen sie möchten bei ihm einkehren und mit dem verlieb nehmen, was Gott bescheren würde. Sie traten also in das kleine Haus ein und übernachteten darin. Den folgenden Morgen, als sie weiter ziehen wollten, sprach der hl. Paulus zu dem hl. Peter „dieser fromme Mann hat es gut gemeint und uns nach seinem Vermögen gut gehalten, wir sollten uns dankbar erweisen.“ Petrus rief also den Mann und die Frau und gab ihnen Gewalt dreimal zu wünschen was sie wollten, es sollte geschehen. Als die Heiligen fort waren, berathschlagten die Armen was sie sich wünschen sollten, und wurden eins sie wollten von Gott begehren erstlich daß ihr armes Häuschen mit allem was darin wäre, von Stund an verbrenne, zweitens daß ein neues an seiner Stelle stehe, in dem, so lange sie lebten, nichts von allem, dessen sie bedürftig wären, mangele, es sei Speise, Trank, Geld, Hausrath etc. Diese zwei Bitten wurden gleich erfüllt. Drittens baten sie nach diesem Leben ewig im Himmelreich bei Gott zu sein. Über diese plötzliche Veränderung der Armuth in Reichthum verwunderte und freute sich jedermann im Dorf, nur nicht der Geizige. Seine Frau sprach „führt das Wetter wieder einmal die beiden Alten hierher, so sollten sie sich an uns wenden: wir sind eines neuen Hauses eben so werth als die Bettler.“ Der Mann hatte dazu auch wohl Lust, wollte aber keine Unkosten daran wenden. Nicht lange darnach, als der Reiche mit seinen Knechten früh ins Holz gefahren war, kamen Petrus und Paulus wieder in das Dorf. Die Frau lief gleich auf sie zu und lud sie in ihr Haus. Die Heiligen sagten daß [148] sie diesmal hier nicht übernachten wollten, also keiner Herberge bedürften, aber die Frau nöthigte sie herein, sie möchten doch einen Bissen bei ihr essen, damit sie ihren Weg desto besser vollbringen könnten. Wollten sie Ruhe haben, so mußten sie es annehmen. Nach der Mittagsmahlzeit dankten sie und sagten wenn sie wiederkämen, wollten sie es miteinander vergleichen. Die Frau dachte „jene haben sie nur einmal gespeist und dafür ein neues Haus bekommen, ich aber soll sie zweimal füttern, das ist mir ungelegen“. Sie sprach also „liebe Freunde, wollt ihr etwas geben, so thuts, es ist mir jetzt so lieb als auf eine andere Zeit.“ Paulus sagt „Bruder Petrus, gib ihr auch dreier Wünsche Gewalt, wie der andern Frau, das ist es doch was sie verlangt.“ Also that es Petrus, und die Heiligen giengen fort. Kaum sind sie ihr aus den Augen, so wünscht sie daß ihr Haus und all ihre Habe bis auf den Grund abbrenne, was sogleich geschieht. Indessen kommt ihr Mann über Feld herangefahren, und als er sieht daß sein Haus in Flammen steht, läuft er herbei und ruft „Feuerjo, Feuerjo, liebe Freunde, helft löschen.“ Die Frau, zornig darüber daß er löschen will, schreit „ei ruf daß dir der Brand in Ars fahr!“ Alsbald geschieht es, und zwei Wünsche sind angelegt. Der arme Mann mit dem Feuer im Hintern leidet große Pein: kein Löschen will helfen und niemand vermag den Brand herauszuziehen. Wollt ihn die Frau am Leben behalten, so mußte sie mit dem dritten und letzten Wunsch ihn wieder davon befreien. Ein östreichisches Märchen, worin die drei Wünsche dem Armen ebenfalls zum Glück ausschlagen, findet sich bei Ziska Nr. 3 mit der Überschrift „tausendfache Vergeltung“, bei Meier in zwei Märchen getheilt Nr. 40 und 65. Lehmann im erneuerten polit. Blumengarten (Frankf. 1640) gedenkt der Sage auf eine etwas derbe Weise S. 371. „Oft geschiehts, daß ein Mensch gut Glück hat, aber keinen Segen dabei, wie das Weib, dem St. Peter drei Wünsch zu ihrer Wohlfahrt erlaubt; denn sie wünscht ihr zuerst ein schön gelb Haar, zum andern eine Bürst“. Nun thut der Mann der Bürst wegen einen bösen Wunsch, dessen Erfolg er durch den dritten wieder aufheben muß. Diese Darstellung, wo dem Armen die Wünsche misrathen, nähert sich wieder dem Märchen vom Spielhansel (Nr. 82), und bloß diesen Theil erzählt Perrault (les souhaits ridicules) und die Beaumont (2, 74) nach ihrer Weise; ganz gemeiner Art ist das altfranzösische Fabliau von den quatre souhaits de S. Martin (Méon 4, [149] 386) und die Erzählung in dem Συντίπας, die Keller in der Einleitung zu Li romans des sept sages CLXXXI anführt. Bei Hebel im Schatzkästlein (S. 117), so gut sonst die Erzählung, ist in der Sage selbst schon vieles ausgefallen. Die Frau wünscht sich, ohne an die Gabe zu denken, als sie mit dem Mann beim Feuer sitzt, ein gebratenes Würstlein. Es kommt, der Mann wünscht in der Übereilung daß ihr die Wurst an die Nase angewachsen wäre, und muß nun den dritten Wunsch thun, daß sie von da wieder herabfalle.

Der erste Theil unseres Märchens, die bescheidenen Wünsche der Frommen, bei denen Gott gewohnt hat, enthält offenbar die uralte Sage von Philemon und Baucis (Ovid. met. 8, 617; vergl. die Anmerkung von Voß zu seiner achtzehnten Idylle, der noch andere anführt). Auch die Indier haben sie in eigenthümlicher Gestalt. Der Bramine Soodam und dessen Weib leben in größter Armuth, ohne daß dadurch sein Vertrauen zu Gott geschwächt wird. Sein Geschäft ist das Gebet, und dabei bemerkt er nicht daß die Arbeit seiner Frau nicht mehr zureichen will ihnen das tägliche Brot zu verschaffen. Eines Tags erinnert sie ihn daß Chrisnen auf der Schule und beim Lernen sein Gefährte gewesen und räth ihm nach Dwarka zu gehen, weil Chrisnen gewiß, wie er das Elend bemerke, ihm abhelfen werde. Soodam entschließt sich endlich dazu und als Geschenk nimmt er, was er vermag, ein wenig Reis mit, der mühsam in sein durchlöchertes Kleid gebunden wird. Chrisnen, der Mensch gewordene Gott, empfängt den Braminen mit Ehrbezeugungen und als einen alten Freund, forscht selbst nach dem üblichen Geschenk und nimmt das armselige mit Zufriedenheit an; ja er thut ein Korn davon in seinen Mund und theilt das übrige aus. Vergnügt über einen solchen Empfang nimmt der Bramine nach drei Tagen wieder von Chrisnen Abschied, wundert sich aber sehr ohne ein Zeichen von dessen Großmuth entlassen zu werden. „Vielleicht“, denkt er bei sich, „will Gott daß du arm bleiben sollst“, unterwirft sich willig und geht ruhig heim. Aber wie erstaunt er, als er anlangt! Chrisnen hatte seinem himmlischen Baumeister aufgetragen ein prächtiges Haus zu bauen, das steht vor ihm, mit allem Zubehör und allem was zu einem bequemen Leben erforderlich ist, ausgerüstet. Anfangs glaubt er sich verirrt zu haben, aber seine Frau mit vielen Dienern kommt ihm entgegen und benachrichtigt ihn von der Freigebigkeit des Gottes. So erzählt Polier (Mythologie des Indous 2, 66–70), [150] und man wird die Ähnlichkeit mit dem Märchen nicht verkennen, die Armuth und Frömmigkeit des Mannes, wozu der Gegensatz in der Frau angedeutet ist, die Reichthümer wünscht und ihn zu der Reise nach Dwarka antreibt: die Zusammenkunft mit dem Gott Chrisnen (obgleich diesmal umgekehrt der Arme gegangen kommt) der seine arme Gabe gern empfängt und davon ißt. Endlich der daraus fließende Segen, namentlich das neuerbaute Haus. In einer chinesischen Sage aber ist der ganze Gegensatz und dieselbe Folge unseres Märchens enthalten. Fo gieng oft auf die Erde herab, die Herzen der Menschen zu prüfen. Es trägt sich zu, daß er zur Nachtzeit in schlechtem Gewand vor die Hütte einer Wittwe kommt und als ein Unglücklicher und Verirrter Herberge begehrt. Die Frau bewirthet ihn freundlich und bereitet ihm eine Schlafstätte. Fo legt sich bald zur Ruhe, sie beleuchtet den Schlafenden mit der Lampe und sieht daß er kein Hemd anhat, auch sein Kleid zerrissen ist. Da schließt sie ihren Kasten auf und schneidet aus grobem selbstgesponnenem Linnen ein neues Hemd, näht es die ganze Nacht hindurch und Morgens früh reicht sie es dem Gast, welcher dankbar die Gabe annimmt und spricht „Gott lohne dir was du an mir thust, wenn ich geschieden bin, dann müsse dein erstes Beginnen nicht aufhören, bis die Sonne sinkt“. Als der Gast fort ist, will sie die Rolle Linnen wieder in den Kasten legen, und indem sie denkt, wie viel Ellen es noch sein könnten, beginnt sie an ihrem Arm zu messen, und die Rolle wickelt sich immer auf, ohne dünner zu werden, und so mißt sie bis die Sonne untergeht, da liegt die ganze Stube voll Linnen, und sie ist eine reiche Frau geworden. Dankbar und voll Freude erzählt sie ihrer Nachbarin von dem Glück, das ihr widerfahren. Diese ist geizig und will desselben theilhaftig werden, darum stellt sie sich, die sonst niemals den Armen etwas gegeben, an ihre Hausthür, um den fremden Gast, wenn er vorübergienge, einzuladen. Nicht lange, so kommt er, wird mit offenen Armen von ihr empfangen, köstlich bewirthet und Morgens ihm ein feines Hemd angeboten statt des groben, das er an seinem Leib trägt. Fo dankt und verläßt das Haus mit denselben Worten, wie bei der ersten. Freundlich begleitet sie ihn eine Strecke und berechnet schon den unendlichen Reichthum, als sie in Gedanken an einen stehen gebliebenen Eimer stößt. Und weil gerade ihr Schwein grunzt, denkt sie „das Thier bekommt doch den Tag über mein Messen kein Futter, du willst ihm wenigstens das [151] Wasser vorschütten“. Aber sie gießt und kann nicht aufhören, der Eimer wird nicht leer, und sie muß den langen Tag ewig Wasser gießen bis Sonnenuntergang, so daß die ganze Gegend überschwemmt wird und die Nachbarn spöttisch den Schaden vergütet haben wollen. In der Frau Naubert Volksmärchen 1, 201–209 wird diese chinesische Erzählung schön ausgeführt und dem segensreichen Leinwandmessen ein unseliger Spinnenwebwachsthum entgegen gestellt. Ähnliches kommt in einem Märchen vor, das wir in Hessen gehört haben. Ein wandernder Handwerksbursch wird von einer reichen Frau, die er um eine Gabe anspricht, abgewiesen und aus Spott zu einer armen Nachbarin geschickt. Diese nimmt ihn auf und wird bei der Abreise von ihm damit begabt daß ihr erstes Beginnen gedeihen solle, so lange sie nicht darin gestört werde. Die Arme mißt Leinwand und mißt immer zu, bis endlich die reiche Nachbarin zur Stube hineinschaut und die Menge Leinwand erblickt; da hört der Segen auf. Sie erfährt die Ursache und bittet ihr den Handwerksgesellen zuzuweisen, wenn er wiederkehre. Über ein Jahr kommt der Wanderer wieder in das Dorf und kehrt bei der Armen ein, die ihn zwar gern aufnehmen will, aber ihm sagt daß ihre reiche Nachbarin ihn beherbergen wolle, bei der er auch sich besser befinden werde. Er geht hin und wird übersorgfältig behandelt. Die Frau sucht das feinste Leinen aus, um es gleich zur Hand zu haben. Sie wird bei der Abreise von dem Wanderer ebenso wie die Arme begabt. Voll Begierde und um ungestört messen zu können, schließt sie die Hausthüre ab, und begibt sich zuvor eilig auf den Abtritt. Hier aber muß sie sitzen bleiben und kann nicht aufhören, der Koth häuft sich auf, sie weiß sich nicht zu retten und schreit in der Noth so laut um Hilfe, daß es endlich die arme Nachbarin hört, zum Fenster einsteigt und zu ihr kommt, worauf ein Stillstand eintritt. Hier ist auch eine äsopische Fabel (im zweiten Anhang zu Phädrus Nr. 111), Mercurius et mulieres, zu erwähnen.

Die Sage überhaupt gehört in den Kreis jener von dem Wandern und Reisen der Götter und Heiligen auf Erden. Wo sie gehen, entspringt den Guten und Reinen Heil, den Bösen, Geizigen, Häßlichen Verderben: das Glück das jenen zu Theil geworden, erbitten sich diese plump zu ihrem Unglück; damit prüfen die Götter zugleich das Menschengeschlecht (vergl. altd. Wälder 2, 25 Anm. 60. Odyssee 17, 485 und das eddische Lied von Rîgr). So gehört auch das [152] Märchen von den drei Männlein im Walde (Nr. 13), der Frau Holle (Nr. 24), der schwarz und weißen Braut (Nr. 135) hierher. Über das endlose Anwachsen der Leinwand und des Wassers vergl. die Anmerkung zu dem Märchen vom süßen Brei (Nr. 103).


88.
Das singende springende Löweneckerchen.

Aus Hessen. Löweneckerchen ist das westphälische Lauberken, nieders. Leverken, altholl. Leeuwercke, Leewerick, Lewerk, Lerk, unser Lerche. Eine andere Erzählung aus der Schwalmgegend hat viel eigenthümliches, wie überhaupt dieses Märchen in den mannigfachsten Abweichungen erzählt wird. Ein Kaufmann will auf die Messe ziehen und fragt seine drei Töchter was er ihnen mitbringen solle. Die älteste will ein schönes Kleid, die zweite ein paar Schuhe, die dritte eine Rose. Die Rose zu verschaffen hält schwer, da es Winter ist. Die Leute als er danach fragt, antworten lachend ob er glaube daß Rosen im Schnee wüchsen. Das thut dem Kaufmann leid, weil die jüngste sein liebstes Kind ist. Auf dem Rückweg gelangt er zu einem Schloß mit einem Garten, in welchem es halb Sommer und halb Winter ist; auf der einen Seite liegt ein tiefer Schnee, auf der andern ist es warm, alles blüht wie im Frühjahr, und eine ganze Hecke von Rosen steht darin. Der Mann geht hinein, bricht eine ab und reitet wieder fort. Bald darauf hört er etwas hinter sich herschnauben, er blickt um und sieht mit Schrecken ein großes schwarzes Thier das ihm zuruft „Gib mir meine Rose wieder oder du mußt sterben.“ Der Mann antwortet „laß mir die Rose, ich will sie meiner Tochter mitbringen, dem schönsten Mädchen von der Welt.“ „Meintwegen“, spricht das Thier, „aber gib sie mir auch zur Frau.“ „Ach ja“, sagt der Mann um das Thier los zu werden, und denkt „es wird doch nicht kommen um sie zu holen“; aber es ruft noch hinter ihm nach „in acht Tagen komm ich und hole meine Braut“. Der Kaufmann langt zu Haus an und bringt jeder Tochter das gewünschte. Nach einiger Zeit kommt das Thier und holt seine Braut mit Gewalt. Es bringt sie in das Schloß mit dem Sommer- und Wintergarten, wo alles gar schön und wunderbar ist; das Thier erzeigt sich freundlich und thut ihr alles zu Liebe. Sie essen zusammen, [153] und es will nicht essen, wenn sie ihm nicht vorlegt; so gewinnt sie es allmälig recht lieb. Einmal wünscht sie zu wissen wie es daheim ihrem Vater und ihren Schwestern gehe. Das Thier führt sie vor einen Spiegel, da erblickt sie ihren Vater wie er krank liegt aus Kummer über sie, und ihre Schwestern die weinen. Das Herz wird ihr schwer und sie bittet das Thier nach Haus gehen zu dürfen. „Ja“, sagt es, „doch versprich mir in acht Tagen wieder hier zu sein“. Das thut sie und eilt heim zu ihrem Vater, aber der Kummer hatte schon zu sehr an seinem Herzen gefressen, so daß er, nachdem er noch die Freude gehabt sie zu sehen, stirbt. Da trauert sie und weint, und als sie an das Thier denkt, sind längst acht Tage herum. Sie eilt ängstlich hin, wie sie ankommt ist alles verändert, die Musik still, das Schloß ganz mit schwarzem Flor behängt und der Sommergarten von Schnee bedeckt. Das Thier selbst ist fort, sie sucht es aller Orten, aber sie kann es nicht finden. Voll Leid darüber geht sie in den Garten und sieht einen Haufen Kohlhäupter, die sind schon alt und faul. Sie legt sie herum und wie sie ein paar umgedreht hat, sieht sie ihr liebes Thier unten wie todt liegen. Sie lauft, schöpft Wasser und gießt das über es hin, da erholt es sich, springt auf und verliert seine alte Gestalt, so daß ein schöner Königssohn vor ihr steht. Nun ist alles in Freuden, der schwarze Flor wird abgerissen, die Musikanten spielen, der Sommergarten blüht wieder, und beide feiern ihre Hochzeit. Eine dritte Erzählung ist aus dem Hanöverischen. Eines Königs drei Töchter werden krank und um zu genesen, sollen sie Wildpret essen. Der Jäger wird in den Wald geschickt, kann aber nirgend ein Stück finden. Da sieht er zuletzt einen Raben, und weil er denkt „das ist auch Wildpret“, legt er an, der Rabe aber ruft „Jäger, schieß nicht, denn wo du mir eine von den Königstöchtern versprichst, will ich dir Wild verschaffen, so viel du verlangst“. Der Jäger geht und meldet es dem Könige, der spricht „du kannst’s dem Raben immer versprechen, gehalten brauchts doch nicht zu werden“. Der Jäger verspricht also dem Raben die Königstochter, der ihm Wild herbeijagt, so viel er schießen will. Die drei Königstöchter essen davon und werden gesund. Es wird ein großes Fest angestellt. Abends, wie ein Fenster offen ist, kommt der Rabe herein und verlangt die versprochene Braut. Der König will sie nicht geben, doch sagt er endlich „ich will meine Töchter fragen ob eine Lust hat deine Frau zu werden“. Die älteste und die zweite [154] sagen nein, die jüngste sagt „ja, ich will mit dem Raben gehen, wenn mich meine Kamerfrau begleiten darf“. Der Rabe willigt ein, nimmt die Königstochter unter den einen Flügel, die Kamerfrau unter den andern und bringt sie in ein prächtiges Schloß. In der Schlafkamer der Königstochter hängt ein Spiegel, darin kann sie alles sehen was in ihrem heimatlichen Schloß geschieht, nur darf sie nicht die Kamerfrau hineinblicken lassen. Die Königstochter trägt darum allzeit den Schlüssel bei sich, einmal aber läßt sie ihn stecken, die Kamerfrau geht hinein und schaut in den Spiegel. Der Rabe zerreißt sie dafür und sagt zur Königstochter „nun mußt du fort, mußt sieben Jahre dienen und für sieben Mägde Arbeit thun“. Und dann erzählt er ihr noch es würde eine alte Frau ihr begegnen, mit der müsse sie die Kleider tauschen und dann würde sie an ein Haus kommen, und eine Frau werde herausschauen und sie schelten, aber sie solle nicht darauf achten. Hierauf zog er sich eine Feder aus, gab sie ihr und sprach „wenn dir eine Arbeit zu sauer wird, so nimm sie hervor und sprich auf des Raben Geheiß soll es geschehen! und die Arbeit wird gethan sein“. Aber sie muß ihm auch Treue geloben. Nun geht sie fort, vertauscht ihre schönen Kleider mit den schlechten des alten Weibes und kommt vor das Haus, wo die böse Frau herausschaut. Die Königstochter bietet ihr Dienste an, jene antwortet „ich habe sieben Mägde gehabt, wie willst du mit deinen zarten Händen die Arbeit thun?“ „O doch, ich will es versuchen.“ Zuerst soll sie einen Stall rein machen, aber bald hat sie Blasen in den Händen, da nimmt sie die Feder und spricht „auf des Raben Geheiß soll der Stall so rein sein wie er es nie gewesen.“ Alsbald ist die Arbeit geschehen. So hat sie sieben Jahre da gedient, und was ihr zu schwer ward, mit Hilfe der Rabenfeder vollbracht. Diener und Knechte im Haus die wegen ihrer großen Schönheit sich zu ihr drängten und sie plagten, hat sie geneckt. Einmal spricht der Kutscher „darf ich heut Nacht zu dir kommen?“ „Ja“, antwortet sie; als sie ihn aber kommen hört, holt sie die Feder und spricht „auf des Raben Geheiß soll er auf den Hof gehen und eine Stunde lang sich aus und anziehen und dann kommen und für das Vergnügen danken“. Wie sie alle nach der Reihe zu Narren gehalten hat, thun sie sich zusammen und wollen sie mit Ruthen schlagen, aber sie nimmt die Feder und spricht „auf des Raben Geheiß sollen sie sich ausziehen und einander bis aufs Blut hauen und [155] dann kommen und sich dafür bedanken.“ So hat sie Ruhe, bis die sieben Jahre herum sind, da kommt ein Königssohn in aller Pracht gefahren und holt sie ab; das war der Rabe, dessen Verwünschung nun ihr Ende erreicht hatte. In der jungen Amerikanerin (1, 30–231) ist das Märchen schlecht benutzt. Das Thier ist ein Drache, aus dessen Garten (es ist darin kein Winter) der Vater sich eine Rose bricht und dafür seine Tochter versprechen muß. Die Tochter geht selbst in des Drachen Schloß, der stellt sich dumm und ungeschickt. In der Nacht aber träumt sie von einem schönen Jüngling und allmälig gewöhnt sie sich an ihn, so daß sie ihn endlich lieb gewinnt. Sie besucht ihre Eltern und kommt zurück durch Hilfe eines Rings der ein- und auswärts gedreht wird. Endlich gesteht sie ihm in einer Nacht daß sie ihn lieb habe, da ist er am Morgen ein schöner Jüngling und sein Zauber gelöst. Es entdeckt sich auch, daß sie nicht des Kaufmanns Tochter sondern von einer Zauberin untergeschoben ist.

In der Leipziger Sammlung ist es das siebente Märchen (S. 113–130), in dem Büchlein für die Jugend Nr. 4. Aus Schlesien in Wolfs Zeitschrift 1, 310, aus Tirol bei Zingerle S. 391, aus Schweden bei Meier Nr. 57; verwandt ist das Märchen vom Eisenofen (Nr. 127) und die dort in der Anmerkung noch mitgetheilten. Auch das singende und klingende Bäumchen in der Braunschweiger Sammlung ist hier anzuführen, wie die drei Thiere bei Musäus. Schwedisch der Graumantel (s. unten), niederländisch in der Wodana Nr. 3. Ungarisch bei Gaal Nr. 15. Im Pentam. haben mehrere Ähnlichkeit, das Zauberkästchen (2, 9), Pintosmauto (5, 1) und der goldene Stamm (5, 4). Bei der Aulnoy der blaue Vogel (Nr. 3), der Widder (Nr. 10) und die grüne Schlange (Nr. 15). Aus den Märchen der Frau von Beaumont gehört das eine von der Schönen und dem Thier in dem 5ten Gespräch hierher. Endlich ist noch auf ein aus der heutigen indischen Volkssage genommenes Märchen von des Holzhauers Tochter hinzuweisen, das im Anhang zu Somadeva mitgetheilt wird 2, 191. 211.

In diesen vielfachen Auffassungen wird immer das aus dem Apulejus so bekannte Märchen von der Psyche ausgedrückt. Das Herz wird geprüft und vor der Erkenntnis in reiner Liebe fällt alles Irdische und Böse nieder. Unsere Erzählung stimmt auch darin, daß Licht das Unglück bringt und die alles entfesselnde Nacht den Zauber [156] jedesmal löst. Schön ist hier daß die Unglückliche durch die Welt zieht und die ganze Natur um Beistand bittet, endlich auch die Gestirne, die in alten Formen und Sprüchen reden. Ihre Thätigkeit und Mitgefühl erscheint auch in der Erzählung von der Eva in Rudolfs Weltchronik (Cass. Hdschr. Bl. 21a). Sie bittet Sonne und Sterne, wenn sie zum Orient kommen, dem Adam ihre Noth zu sagen und sie vollbringen es. Wie das Mädchen bei Sonne, Mond und Wind Hilfe sucht, so sucht in einem ungarischen Märchen (Molbechs udvalgte Eventyr Nr. 14) der dem seine Frau geraubt ist, erst bei dem Sonnenkönig, dann bei dem Mondkönig, endlich bei dem Sternenkönig Beistand, und Ähnliches erzählt ein serbisches Märchen bei Wuk Nr. 10. Auch sind in dieser Beziehung Rhesas litthau. Volkslieder nachzusehen S. 291. Die Federn und die herabfallenden Blutstropfen erinnern an den Volksglauben von den Federnelken, deren eine Gattung im Herzen einen dunkeln Purpurflecken hat, das, sagt man, sei ein Tropfen Blut welchen der Heiland vom Kreuz habe hineinfallen lassen. Ferner, die Federn sollten den Weg weisen, der Blutstropfen wohl die Gedanken an den Verzauberten erhalten, und so führt es zu der Sage von den Blutstropfen, über welche Parcifal nachsinnt, und die ihm seine Frau ins Gedächtniß rufen; s. altd. Wälder Bd. 1, 1. Rosen im Winter erinnern an ein Lied des Kuhländchens, wo auch drei Rosen an einem Zweig gewachsen, blühend zwischen Weihnachten und Ostern verlangt werden (Meinert I. 95): das Hegen und Brechen der Blumen an die Rosengärten der Zwerge, die von muthwilligen Helden zertreten werden, wofür die Zwerge schwere Strafe fordern.


89.
Die Gänsemagd.

Aus Zwehrn. Dies schöne Märchen stellt die Hoheit der selbst in Knechtsgestalt aufrecht stehenden königlichen Geburt mit desto tiefern Zügen vor je einfacher sie sind. Was ihr die Mutter zum Schutz mitgab (aus den Blutstropfen sprechen auch sonst noch Stimmen s. der liebste Roland Nr. 56. Vergl. auch Cl. Brentano’s Gründung Prags S. 106 und Anmerk. 45.) hat sie unschuldig verloren [157] und der gezwungene Eid drückt sie nieder: aber noch weiß sie windbannende Zaubersprüche und mit stolzdemüthigen Gedanken wird sie jeden Morgen unter dem finstern Thor durch das Gespräch mit dem auch im Tod treu bleibenden Pferde erfüllt. Redende kluge Rosse kommen sonst noch vor (vergl. Ferenand getrü Nr. 126); in dem abgehauenen Kopf (wie in Mimers) wohnt die Sprache fort. Selbst aus dem Tacitus (Germ. 10) läßt sich schon anführen proprium gentis equorum praesagia ac monitus experiri – hinnitus ac fremitus observant. Es ist merkwürdig, daß die alten Norden von geopferten Pferden die Häupter aufzustecken pflegten, womit man den Feinden schaden zu können glaubte (Saxo Gramm. 5, 75; vergl. Suhms Fabelzeit 1, 317). Bei den Wenden herrschte ähnlicher Gebrauch, man wollte mit den aufgesteckten Häuptern Seuchen abhalten (Prätorius Weltbeschr. 2, 163). Bekannt ist auch daß man Menschenköpfe auf die Zinnen oder Stangen steckte (Haupts Zeitschrift 3, 51 Anmerk.); ein Todtenkopf der singt in der Eyrbyggia Sage 219. Ausgebreitet ist der Zug von den goldenen und silbernen Haaren der Schönheit, ein Zeichen königlicher Abkunft (Nr. 114); so auch das Kämmen derselben, wie sich die Sonne gleichsam beim Scheinen strählt. Die unglücklichen Königstöchter kämmen und spinnen eben so häufig als sie Vieh hüten. Kürdchen kann aus Conrädchen zusammengezogen sein, aber auch an Hirt, Chorder, Horder erinnern. In den Reimen ist etwas abgebrochenes, in gangest, statt gehest, ganz das nordische ganga (wie hangest für hähest); man hört auch

o Folle (Fohlen), da du hangest,
o schönes Mädchen, da du gangest,
wüßte das die Mutter dein,
ihr Herz zersprang zu Stock und Stein.

Sich schnatzen, von den Haaren gesagt, heißt sie flechten (zu der nordischen Form snua, wenden, winden, schnüren), so ist auch Schnatz das geflochtene Haar, die Braut geht im Schnatz zur Kirche (s. in Estor’s teutscher Rechtsgelahrth. von Hofmann Thl. 3 das oberhessische Wörterbuch, und Schaum braunfelsische Alterthümer S. 45; in der Wetterau wird das Wort überhaupt vom Sonntagsputz gebraucht). Sich aufsetzen und Aufsatz wird gleichfalls vom Schmücken und Ordnen des Haars gesagt. Räthsel gebrauchte die [158] Erzählerin weiblich, wie das frühere Rätersch bekanntlich auch vorkommt.

Bei einer eigentlichen Erörterung des kerlingischen Mythus von Bertha, Pipins verlobter Gemahlin, die durch ihre Dienerin verdrängt wird und in der Mühle spinnt und webt, würde sich ausführen lassen daß unser dem Hauptinhalt nach sichtbar damit zusammenkommendes Märchen, doch noch alterthümlicher, schöner und einfacher ist. Man sehe Fr. Wilh. Val. Schmidts reichhaltigen Aufsatz im 3ten Band von Bojardos Roland S. 1–42. Besonders merkwürdig in dieser Beziehung ist der Name Falada (die mittlere Sylbe kurz), weil Rolands Pferd, Valentich, Falerich, Velentin, in den Heimonskindern Pfälz. Hs. 68a Volatin heißt, und das Pferd Wilhelms von Oranse bei Türheim Volatin, Valatin, Valantin. Schwedisch in den Volkssagen und Volksliedern bei Afzelius 1. Ungarisch bei Molbech S. 387. Albanesisch bei Hahn 2, 165. 166. Das russische Märchen von Bulat (Dietrich Nr. 10 vergl. Nr. 5) beruht auf derselben Sage, nur auf einen Jüngling angewendet. In dem Pentamerone die zwei Kuchen (4, 7).


90.
Der junge Riese.

Aus der Leinegegend. In diesem Märchen zeigt sich unverkennbar eine Verwandtschaft mit der Sage von Siegfried, dessen gewaltige Riesennatur in seiner Jugend und überhaupt in seinem Leben die Gedichte ähnlich beschreiben. Er fängt die Löwen, bindet sie an den Schwänzen zusammen und hängt sie über die Mauer (Rosengarten 3. Siegfr. Lied 33). Deutlicher ist sein Arbeiten beim Schmied, dem er hier eben so ungefüg zuschlägt (Lied. 5), der, wie Reigen, goldgierig ist und aus Geiz alles allein besitzen will; ferner die Hinterlist des gleichfalls habsüchtigen Amtmanns, der ihn los sein will, welche jener des Reigen entspricht, so wie die gefährliche, verwünschte Mühle dem Drachennest, wohin er, der den Schrecken nicht kennt (was besonders die nord. Sage hervorhebt, denn Brunnhild hatte gelobt keinem andern sich zu vermählen als einem ganz unerschrockenen; s. Sigurdrifa’s Lied) furchtlos geht und siegreich zurückkommt. Der Riese erscheint ganz in den Sitten welche die alten Gedichte [159] beschreiben, eine Eisenstange ist seine Waffe, und er versucht die Kraft am Ausreißen der Bäume (s. Anmerk. zu den altdän. Liedern S. 493). Ein russisches Lied in Fürst Wladimirs Tafelrunde zeigt in Tschurilo einen ähnlichen Helden (s. unten), und im persischen neigt sich Guschtasp dahin (Firdusi von Görres 2, 246 ff.). Auch Rustem reißt einen Baum aus der Wurzel und trägt ihn als Stock (das. 1, 186). Das unschädliche Herabwerfen der Mühlsteine erinnert lebhaft an Thors Abenteuer mit Skrimnir (Dämis. 38), wie diese wieder an die böhmische Sage vom Riesen Scharmack. Die Erziehung bei Riesen ist gleichfalls ein alter bedeutender Umstand: bei diesen oder bei kunstreichen Zwergen wurden die Helden in die Lehre gethan, wie Sigurd bei Reigin und Widga (Wittich) in der Wilk. S. Ebenso ist es ein alter Zug daß der Riese den Jungen selber säugt, was auch in Nr. 92 vorkommt. In der Floamanna Sage wird erzählt daß Thorgil um sein zartes Kind, dessen Mutter ermordet war, zu ernähren, sich in die Brustwarzen schneiden ließ. Zuerst kam Blut, dann Molken, endlich Milch, womit das Kind gesäugt wurde (s. dänische Übersetzung von B. Thorlacius S. 94). Von einem Manne der sein Kind selbst gesäugt hat mit Milch s. Humboldt relation historique 3, c. 4. Siegfried und der Eulenspiegel berühren und nähern sich einander, welches unser Märchen vollkommen zur Gewisheit erhebt, und man darf den jungen Helden darin so gut einen edleren Rieseneulenspiegel als einen spaßhafteren gehörnten Siegfried nennen (ähnliche Helden sind Simson und Morolf und vor allen Gargantua nach den ächten Volkssagen von ihm; s. Mémoires de l’acad. celtique 5, 392). Beide Eulenspiegel und Siegfried wandern in die Welt aus, nehmen Dienste und mishandeln in ihrem Übermuth die bloß menschlichen Handwerker; namentlich ist wichtig daß Eulenspiegel dem Schmied sein Geräth verdirbt und als Küchenknecht bei den Braten gestellt wird, den er abißt wie Sigurd das Drachenherz das er dem Reigen braten soll; er geht auf den Harz, fängt Wölfe, um die Leute damit zu schrecken, wie Siegfried den Bären (Nibel. 888–89). Schon in der Sprache ist der Diener ein Schalk, und der Hofdiener fällt mit dem Hofnarren zusammen. Soini, der finnische Rieseneulenspiegel hieß gerade auch Kalkki (Diener). Drei Nächte alt, trat er sein Windelband auf und man sah daß ihm nicht zu trauen war, also wurde er ausgeboten. Ein Schmied nahm ihn in seinen Dienst, dem sollte er sein Kind hüten, [160] aber er griff dem Kind die Augen aus, tödtete es nachher und verbrannte die Wiege. Drauf setzte ihn der Schmied über einen Zaun den er flechte sollte, da holte er Fichten im Wald und flocht sie mit Schlangen zusammen. Nun mußte er Vieh weiden, die Hausfrau aus Rache backte ihm einen Stein ins Brot, so daß er sich sein Messer stumpfte: erzürnt rief er Bären und Wölfe, daß sie die Heerde fräßen. Aus den Kühbeinen und Ochsenhörnern aber machte er sich Blashörner und trieb die Wölfe und Bären statt der andern Heerde heim. Der nordische Grettir, als er Gänse und Rosse hüten soll, spielt ähnliche Streiche (bernskubraugd Kinderstreiche). Das Heldenmäßige bricht in der Jugendroheit und Nichtachtung des gewöhnlichen Menschentreibens hervor, wie auch Florens im Octavian dem Clemens die Ochsen verschleudert.

Eine Erzählung aus Hessen ist viel unvollständiger, hat aber ihr eigenes. Kürdchen Bingeling hat an seiner Mutter Brust sieben Jahre getrunken, davon er so gewaltig groß geworden und so viel hat essen können daß er nicht zu ersättigen ist; alle Menschen aber hat er gequält und genarrt. Nun versammelt sich die ganze Gemeinde, will ihn fangen und tödten, er aber merkts, setzt sich unter das Thor und sperrt den Weg gerade wie Gargantua den Berg Gargant nicht weit von Nantes schaft, so daß ohne Hacken und Schippen kein Mensch durchkann, und er ruhig weiter geht. Nun ist er in einem andern Dorf, aber noch derselbe Schlingel, und da macht sich wieder die ganze Gemeinde auf, um ihn zu greifen, er aber, weil kein Thor da ist, das er verrammeln kann, springt in einen Brunnen. Jetzt stellt sich die Gemeinde herum und rathschlagt, sie beschließen endlich ihm einen Mühlstein auf den Kopf zu werfen. Mit großer Mühe wird einer herbeigeholt und hinabgerollt, wie sie meinen er sei todt, kommt auf einmal der Kopf aus dem Brunnen, den hat er durch das Loch des Steins gesteckt, so daß dieser ihm auf den Schultern hängt, wobei er ruft „ach! was hab ich einen schönen Dütenkragen!“ Wie sie das sehen, rathschlagen sie von neuem, und schicken dann hin und lassen ihre große Glocke aus dem Kirchthurm holen, und werfen sie auf ihn hinab, die sollte ihn gewiß treffen (ebenso beim Riesen Scharmack). Wie sie aber meinen er liege unten erschlagen und gehen auseinander, kommt er auf einmal aus dem Brunnen gesprungen, hat die Glocke auf dem Haupt, ruft ganz freudig „ach, was eine schöne Bingelmütze!“ und lauft davon.

[161] Hieran schließt sich ein Lied vom starken Hans von Wezel in der Zeitschrift Prometheus von Seckendorf und Stoll 1, S. 79. Er begibt sich zu einem Schmied in die Lehre und schlägt auf den Ambos einen Probeschlag, daß dieser in den Boden fährt. Dann reißt er Eichen mit den Wurzeln aus, wirft Wagen und Gespann übers Thor in den Hof. Endlich begegnet er dem Teufel, der gerade sich damit die Zeit vertreibt Steine in die Luft zu werfen; er sagt er werfe sie den Engeln nach, um sie zu vertreiben. Hans will mit ihm in die Wette werfen, und der Teufel geht darauf ein. Es wird ausgemacht daß wenn der Teufel verliere, er sich von dem Orte entfernen müsse und ein Kreuz daselbst errichtet werde. Der böse Feind wirft ein Felsenstück, wie eine Kirche groß, erst am Abend kommt es wieder, so hoch hat er es geworfen. Hans faßt einen dreimal größern Stein und wirft in Gottes Namen. Sie warten drei Tage, der Stein kommt nicht wieder herab. Da sucht der Teufel danach und findet ihn endlich oben auf dem Mond, wo er liegen geblieben ist. Auch in Schlesien erzählt man von dem starken Hans (neues Jahrbuch der Berliner Gesellschaft 1, 288. 290). In Holstein von dem Hans mit der eisernen Stange (Müllenhoff S. 437). Im Harz Johannes der Bär oder Martisbär (Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 29). Bei Kuhn und Schwarz Nr. 18.

Eine Erzählung aus Zwehrn hat andere Abenteuer in der Mühle. Wie er hinein kommt, lauft eine Katze auf ihn zu und fragt „was willst du hier?“ „Malen will ich.“ Da kommt noch eine und sagt „wir wollen uns an ihn machen“, eine dritte ruft „ja das wollen wir“. Aber der junge Riese packt sie und schmeißt sie todt. Darauf geht er in eine andere Mühle, da kommen Gespenster auf ihn und rufen „wir wollen den Trichter abnehmen und ihn schleifen“. Aber er faßt sie selbst und schleift sie auf den großen Mühlsteinen. Endlich geht er in eine dritte Mühle, da springen wieder zwölf gräuliche große Katzen auf ihn zu und umringen ihn, dann machen sie ein großes Feuer an, setzen Wasser auf und sprechen „in dem Kessel sollst du nun sieden.“ „Meintwegen“, sagt er, „aber macht euch vorher einmal lustig, balgt und beißt euch“. Da fangen sie an sich zu balgen und beißen, er aber merkt auf, und wie das Wasser siedet, hebt er den ganzen Kessel ab, schüttet ihn über sie aus und brüht sie alle todt. Endlich aus einer magdeburger Erzählung ist anzumerken, daß der Furchtlose, wie der große Christoph, [162] in die Hölle zum Teufel geht und ihm darin dienen will. Da sieht er viele Töpfe stehen und schmoren, worin gefangene Seelen stecken. Er hebt alle Deckel auf und läßt sie heraus; worauf ihn der Teufel sofort Dienstes entläßt. Nach einer Bemerkung v. d. Hagens in den Wiener Jahrb. 12, Anzeigeblatt S. 58 ist der größte Theil des Märchens auch in der Ukermark im Brandenburgischen bekannt, wo der Riese Knecht Sülwendal heißt. In einer Überlieferung aus dem Zillerthal bei Zingerle S. 220 der starke Hansl, der auch unter Nr. 166 in einer Überlieferung aus der Schweiz auftritt. Ebenso wird in Jütland von dem starken Hans erzählt, wie Peter Iversom in seiner Schrift über das jütländische Volk bei Riba (herausgegeben von C. Molbech S. 28. 29) bemerkt. Seine Gutmüthigkeit ist so groß als seine Stärke. Der Herr bei dem er dient, will ihn gern los sein, seine Tochter muß einen goldenen Ring in einen tiefen Brunnen werfen, und der soll sie zur Gemahlin haben, der hinab steigt und ihn wieder herauf holt. Der starke Hans ist bereit dazu, während er aber unten ist, läßt der Herr einen großen und schweren Mühlstein herbei bringen und in den Brunnen hinabwerfen. Doch glücklicherweise fällt er so, daß das Loch, das mitten im Mühlstein ist, gerade auf den Kopf von Hans kam und der Stein auf seinem Hals sitzen bleibt. Ein andermal zwingt er den Teufel und seine Gesellen für ihn in der Mühle zu mahlen. Niederländisch in der Wodana Nr. 1. S. 47. Serbisch der Bärensohn (s. unten) vollständig, mit trefflicher Steigerung des Ungeheuern bei Wuk Nr. 1.


91.
Dat Erdmänneken.

Aus dem Paderbörnischen. Eine andere Erzählung aus der Gegend von Cöln am Rhein weicht in einigem ab. Ein mächtiger König hat drei schöne Töchter, einmal, bei einem herrlichen Fest, gehen sie in den Garten spaziren und kommen Abends nicht wieder. Als sie am andern Tag auch noch ausbleiben, läßt sie der König durchs ganze Reich suchen, aber niemand kann sie finden. Da macht er bekannt wer sie wiederbringe, solle eine zur Gemahlin haben und Reichthümer dazu für sein Lebelang. Viele ziehen aus, aber umsonst, zuletzt machen sich drei Ritter auf den Weg und wollen [163] nicht ruhen als bis es ihnen glückt. Sie gerathen in einen großen Wald, wo sie den ganzen Tag hungrig und durstig fortreiten, endlich sehen sie in der Nacht ein Lichtlein das sie zu einem prächtigen Schloß leitet, worin aber kein Mensch zu sehen ist. Weil sie so hungrig sind, suchen sie nach Speise, einer findet ein Stück Fleisch, es ist aber noch roh. Da spricht der jüngste „geht ihr beide und schaft einen Trank, ich will derweil das Fleisch braten“. Also steckt er den Braten an einen Spieß, und wie er brutzelt, steht auf einmal ein Erdmännchen neben ihm mit einem langen weißen Bart bis an die Knie und zittert an Händen und Füßen. „Laß mich beim Feuer meine Glieder wärmen“, spricht es, „so will ich dafür den Braten wenden und mit Butter begießen“. Der Ritter erlaubt ihm das, nun dreht es flink den Braten, aber so oft der Ritter wegsieht, steckt es seine Finger in die Bratpfanne und leckt die warme Brühe auf. Der Ritter ertappt es ein paarmal und sagt es sollts bleiben lassen, aber das kleine Ding kann nicht und ist immer wieder mit dem Finger in der Pfanne. Da wird der Ritter zornig, faßt das Erdmännchen beim Bart und zaust es, daß es ein Zetergeschrei erhebt und fortlauft. Die zwei andern kommen indes mit Wein, den sie im Keller gefunden haben, und nun essen und trinken sie zusammen. Am andern Morgen suchen sie weiter und finden ein tiefes Loch, „darin“, sagen sie, „müssen die Königstöchter verborgen sein“ und losen wer sich soll hinunterlassen, die beiden andern wollen dann den Strick halten. Das Los trift den welcher mit dem Erdmännchen zu thun gehabt hat. Es dauert lang, bis er auf Grund kommt, und unten ists stockfinster, da geht eine Thüre auf und das Erdmännchen, das er am Bart gezogen, kommt und spricht „ich sollte dir vergelten was du mir Böses gethan, aber du erbarmst mich, ich bin der König der Erdmännlein, ich will dich aus der Höhle bringen, denn wenn du noch einen Augenblick länger bleibst, so ists um dich geschehen“. Der Ritter antwortet „sollt ich gleich Todes sterben, so geh ich nicht weg, bis ich weiß ob die Königstöchter hier versteckt sind“. Da spricht es „sie sind in diesem unterirdischen Stein von drei Drachen bewacht. In der ersten Höhle sitzt die älteste und ein dreiköpfiger Drache neben ihr, jeden Mittag legt er seine Köpfe in ihren Schoß, da muß sie ihn lausen, bis er eingeschlafen ist. Vor der Thüre hängt ein Korb, darin liegt eine Flöte, eine Ruthe und ein Schwert, und die drei Kronen der Königstöchter liegen auch darin, den Korb mußt du [164] dir erst wegtragen und in Sicherheit bringen, dann fasse das Schwert, geh hinein und hau dem Drachen die Köpfe ab, aber alle drei auf einmal, verfehlst du einen, so wachsen alsbald die andern wieder, und es kann dich nichts mehr retten“. Dann gibt er ihm auch eine Glocke, wenn er daran ziehe, wolle er ihm zu Hilfe eilen. Nach der ältesten erlöst er auch die zweite die ein siebenköpfiger, und die dritte die ein neunköpfiger Drache bewacht. Dann führt er sie zu dem Eimer worin er herabgelassen war, und ruft seinen Gesellen zu sie sollten wieder hinaufwinden. Also ziehen sie die drei Königstöchter nach einander in die Höhe. Wie sie oben sind, werfen die zwei Treulosen das Seil hinunter und meinen er solle in der Tiefe umkommen. Er zieht aber das Glöckchen, da erscheint das Erdmännchen und heißt ihn auf der Flöte pfeifen, und wie er das thut, kommen aus allen Ecken viel tausend Erdmännchen herbeigelaufen. Da heißt sie ihr König eine Treppe für den Ritter machen, und sagt ihm oben solle er nur mit der Ruthe aus dem Korbe auf die Erde schlagen. Also legen sich die kleinen Männer aufeinander und bilden eine Treppe, worauf der Ritter hinaufgeht, oben schlägt er mit der Ruthe, da sind sie alsbald wieder verschwunden. Eine dritte Erzählung aus dem Hanöverschen enthält folgendes Besondere. Die drei Königstöchter kommen beim Baden fort. Statt des Zwergs erscheint hier den Dreien welche ausgehen die Königstöchter zu suchen, ein Alter, den der Dritte, als er Essen von ihm fodert, einen Keil aus dem gespaltenen Holz ziehen heißt. Wie sich der Alte nun bückt, so zieht jener die Axt heraus und klemmt ihn mit dem Barte fest, der in die Spalte hineinhieng. Der Alte reißt sich den Bart mit Gewalt aus und lauft fort; sie folgen seiner blutigen Spur und gelangen auf diese Weise zu der Erdhöhle, worin die Königstöchter sitzen. Als der dritte allein zurückgeblieben ist und auf einer Flöte bläst, kommt ein schöner Mann, der bringt ihn durch einen langen Gang die Höhle heraus, gibt ihm die Kleider, in welchen die drei Königstöchter gestohlen waren, und die sie mitzunehmen vergessen hatten, und sagt ihm, er solle zum Hofschneider gehen, sich als Geselle bei ihm verdingen und, wenn eine von den Königstöchtern das Brautkleid bestelle, das ihrige bringen, so würden sie ihn erkennen. Das führt er aus, jede Königstochter verlangt ein Kleid so gemacht wie das worin sie ist gestohlen worden. Der Geselle versprichts zu liefern, lebt aber mit dem Meister lustig, und als dieser Abends endlich [165] an die Arbeit will, sagt er zu ihm er solle sich nur schlafen legen, er wolle das Kleid schon in der Nacht fertig machen. Die zwei ältesten merken nicht darauf, aber die dritte erkennt ihr Kleid, läßt den Gesellen kommen und hört nun daß er ihr Erretter ist und vermählt sich mit ihm. Mit dieser Entwickelung, nur daß sie zusammenhängender dargestellt wird, stimmt eine vierte, sonst mit der Paderbörnischen übereinkommende Erzählung aus Steinau im Hanauischen. Das kleine graue Männchen unterwirft sich dem dritten Königssohn nicht eher als bis er es zwischen zwei Eichstöcke geschraubt hat. Darauf entdeckt es ihm den Aufenthalt der Königstöchter die von drei Riesen in einer Höhle gefangen gehalten werden. Er wird hinabgelassen, zwei Löwen werden durch vorgeworfenes Fleisch beschäftigt; er findet die älteste, die aber erst seine Stärke versucht, indem er einen Eisenstab aufheben muß. Der Riese nähert sich, sie versteckt den Königssohn unter ihr Bett, macht jenen mit süßem Wein trunken, so daß er einschläft, und winkt dann dem Versteckten, der mit dem Eisenstab auf einen Hieb dem Riesen den Kopf entzwei schlägt. Auf dieselbe Weise werden die andern Riesen getödtet und die drei Jungfrauen befreiet. Sie ziehen ihre seidenen Oberkleider aus und schenken sie ihm, gleichfalls ihre goldnen Ringe vom Finger. Als er hernach unten eingesperrt ist, kommt ein Zwerg mit einer großen Schramme auf dem Backen; es ist das graue Männchen das er zwischen die Eichstöcke geschraubt hatte. Es zeigt ihm eine Oeffnung, wo ein tiefer Bach fließt: er setzt sich in ein Schifflein und gelangt wieder an das Tageslicht. Er wird ein Schneidergesell, und als die Königstöchter Kleider verlangen, schickt er ihnen die seidenen Oberkleider die sie ihm geschenkt hatten. Dann geht er zu einem Goldschmied, und als sie Ringe verlangen, schickt er gleichfalls die goldenen die er von ihnen in der Höhle bekommen hat. Sie werden dadurch aufmerksam, alles kommt an den Tag, die zwei bösen Brüder werden in einen Sack voll Schlangen eingenäht und in den Abgrund geworfen. Verwandt ist der starke Hans Nr. 166. Eine in Schweden aufgefaßte Erzählung stimmt ganz mit der deutschen (s. unten). Ungarisch bei Gaal Nr. 5.

Sichtbar ist in unserm Märchen ein Zusammenhang mit der Erlösung der Kriemhild vom Drachenstein. Wie dort verschwindet sie nach der Cöln. Erzählung bei einem Fest, ohne Zweifel als Raub des Drachen. Die beiden andern Schwestern sind Ausdehnungen der [166] einen mythischen Gestalt, eben so ist unter den Dreien die sie zu befreien ausziehen, der jüngste der eigentliche und einzige. Das Erdmännchen ist Euglin und Alberich, den sich der Held gleichfalls durch Gewalt erst geneigt macht (nach der Cöln. Erzählung zieht er ihn am Bart, wie in den Nibel. 466, 3), und dann auch entdeckt es erst den Aufenthalt der drachenbewachten Königstochter (Lied von Siegfried 57. 58), der unter der Erde ist (Lied 99). Es folgt die Erlösung wie dort, indem die Drachen welche auf dem Schoße der Jungfrau ruhen (Lied 21), getödtet werden. Die Hilfe des Königs der Erdmänner entspricht jener, die Euglin (Lied 151) und vorher (beim Kampf 89) dem Siegfried nach dem Streit mit dem Riesen leistet; auch indem er ihm Essen bringt (Lied 119). Sie sind ihm überhaupt wie dort unterthänig.


92.
Der goldene Berg.

Nach der Erzählung eines Soldaten. Eine andere abweichende aus Zwehrn, ein Fischer soll die Fische liefern die er schuldig ist, und kann keine fangen. Da kommt der Teufel und er verschreibt ihm für reichen Fischfang seinen Sohn. Am andern Tag führt er ihn hinaus auf eine Wiese, wo ihn der Teufel holen will, aber der Jüngling nimmt die Bibel mit, macht einen Kreis und setzt sich hinein, so daß der Böse sich ihm nicht nähern kann. Der Teufel heißt ihn die Bibel hinwerfen, aber er thut es nicht, da wirft der Teufel ihm den Stuhl um, so daß der Kreis zerbrochen wird und schleppt ihn eine Ecke mit sich; aber jener läßt die Bibel doch nicht fallen, und der Böse muß endlich von ihm weichen. Der Jüngling geht fort und kommt in ein großes Haus, darin ist eine Stube, in der es niemand aushalten kann, er aber legt sich da schlafen. Nachts kommt ein Diener ohne Kopf, der deutet ihm an es sei eine verwünschte Königstochter in dem Haus, die solle er erlösen, das könne er aber, wenn er sich vor nichts fürchte. Bald kommen Gespenster, die kegeln und packen ihn, ballen ihn zusammen und nehmen ihn zur Kugel und werfen ihn nach den Kegeln. Wies aber vorbei ist, erscheint ein Geist und bestreicht ihn mit Öl, und er ist wieder frisch wie vorher. Die zweite Nacht kommen die Gespenster abermals, werfen Ball mit [167] ihm, daß ihm alle Glieder knacken und brechen, und wie sie aufhören sagen sie „Morgen, wenn du noch da bist, sollst du in Öl gesotten werden“. Aber er hat doch keine Furcht, und der gute Geist kommt und heilt ihn wieder. In der dritten Nacht machen die Gespenster ein großes Feuer an, setzen einen Kessel mit Öl darüber und sagen „wenn das siedet, so werfen wir dich hinein“. Und über ein Weilchen, als es zwölf schlägt, sagen sie „jetzt ists Zeit!“ fassen ihn und werfen ihn nach dem Kessel, aber er fällt neben hin und aller Spuk ist vorbei. Es steht aber eine nackte Jungfrau neben ihm, die dankt ihm und sagt „ich bin eine Königstochter, du hast mich erlöst und sollst mein Gemahl werden“. Da reist er fort, sie aber läßt sich überreden und verlobt sich mit einem andern, der eines Königs Sohn ist. Der junge Fischer begegnet auf dem Weg zweien, die schlagen sich um einen Stiefel, wenn man den anzieht, macht man hundert Stunden mit einem Schritt. Da sagt er zu ihnen „den Streit will ich brechen, stellt euch gegeneinander, wem ich den Stiefel zuwerfe, der soll ihn haben“. Sie drehen sich um, er aber zieht den Stiefel an, thut einen Schritt, und ist hundert Stunden von ihnen weg. Eben so erwirbt er einen unsichtbar machenden Mantel. Nun zieht er fort und kommt in die Stadt, wo die Königstochter eben ihre Hochzeit feiern will. Er geht mit seinem Mantel in das Zimmer und stellt sich hinter sie, niemand kann ihn aber sehen. Und wie sie essen will, hält er ihr die Hand, da erschrickt sie, blickt sich um, und er streift den Mantel ein wenig vom Kopf, so daß sie ihn erkennen kann. Da geht sie mit ihm hinaus, und er räth ihr dem Königssohn zu sagen wenn man den alten Schlüssel wieder gefunden, bedürfe man des neuen nicht. Wegen der Theilung der Wundersachen vergleiche das Märchen von den zertanzten Schuhen Nr. 133 nach der in der Anmerkung mitgetheilten paderbörnischen Erzählung, wo Löwe und Fuchs sich um solch einen Mantel und Stiefel streiten, ferner in der Erfurter Sammlung das Goldei, wo sich dreie in einen Wunschmantel nicht zu theilen wissen. Zank der Riesen über den Besitz von Mantel, Stiefel und Schwert auch in einem schwedischen Märchen bei Cavallius S. 182. Bei Pröhle Kinderm. Nr. 22 streiten zwei um einen Reisesattel, der jeden durch die Luft trägt. Noch merkwürdiger aber ist die Übereinstimmung mit einem tartarischen Märchen, das in den Relations of Ssidi Kur vorkommt, auch im Quarterly review 1819. 41, 106 mitgetheilt ist. Der Sohn des Chans [168] ist mit einem treuen Diener auf der Fahrt und gelangt in einen Wald, da findet er Kleine die mit einander streiten. „Was habt ihr vor?“ fragt er. „Wir haben eine Kappe in dem Wald gefunden, und jeder will sie behalten“. „Wozu dient die Kappe“. „Sie hat die Eigenschaft daß der welcher sie trägt, nicht gesehen wird, weder von Gott, noch von den Menschen, noch von den bösen Geistern“. „Nun geht alle bis ans Ende des Walds,“ sagt der Chanson, „ich will die Kappe nehmen und sie dem geben, der in dem Wettlauf siegt und zuerst hier anlangt“. Wie sie aber weg sind, setzt der Chanson die Kappe auf den Kopf seines Dieners, und wie die Kleinen wieder kommen, ist sie verschwunden und sie suchen vergeblich darnach. Der Chanson zieht weiter mit seinem Diener und kommt wieder in einen Wald, wo böse Geister sich um ein paar Stiefel zanken, wer die anhat, befindet sich gleich in dem Land, in welches er sich wünscht. Der Chanson heißt auch diese weggehen und herbeilaufen, wer zuerst anlange, solle die Stiefeln haben. Allein er gibt sie seinem Diener unter das Kleid, der die Kappe aufthut, wie also die Geister zurückkommen, sind die Stiefel verschwunden. In einer Erzählung der 1001 Nacht (10, 302) wird um eine unsichtbar machende Kappe, eine Trommel und ein Bett gestritten. Zu vergleichen ist ein indisches Märchen bei Somadeva 1, 19. 20 (vergl. Berlin. Jahrb. für deutsche Sprache 2, 265), ein arab. in der Fortsetzung der 1001 Nacht 563–624 (s. Val. Schmidts Fortunat S. 174–178), ein norweg. bei Asbjörnsen S. 53. 171, ein ungarisches bei Mailath und Gaal Nr. 7.

Das vorangehende, die Verschreibung des Kindes an den Teufel in Unwissenheit und Übereilung ist eine häufige Einleitung der Märchen (s. Anmerk. zu Nr. 55), hier christlich gestellt. Die Übereinstimmung mit Siegfried fängt erst da an, wo der Jüngling, wie er (Wilk. S. Cap. 140. 141, welche diesen Umstand allein hat) auf dem Wasser fortgetrieben wird. Die Königstochter die er befreit, ist nach der deutschen Sage Kriemhild auf dem Drachenstein, sonst aber, besonders nach der nordischen Sage, Brünhild, denn für Gudrun (d. i. Kriemhild) thut er dort, wie in den Niebelungen, nichts. Der Drache der sie gefangen hält, kommt darin vor, daß sie selbst in eine Schlange verwandelt worden. Das Überwinden der Gespenster durch Schweigen ist ein alter bedeutender Zug (s. altdän. Lieder S. 508). Der Goldberg den der Held gewinnt, ist der Berg mit dem Goldschatze, der Hort, welchen, nach dem Lied, Siegfried auch im [169] Drachenstein erwirbt; sogar die Wünschelruthe des Horts (Nibelungen 1064) kommt hier als Wunschring vor. In seiner Verkleidung als Schäfer, wodurch er unerkannt eingehen kann, noch bestimmter hernach in seiner Unsichtbarkeit durch den Mantel in seiner Verwandlung in eine Fliege (wie Loki sich verwandelt, auch der indische Hanuman dringt so zur Sita, Polier 1, 350) erscheinen die unsichtbar machenden Kräfte der Tarnhaut (Nibel. 337) und die Vertauschung der Gestalt in der nordischen Sage. Am merkwürdigsten ist die fast ganz mit der alten dunkeln übereinstimmende und sie aufklärende, umständlichere (Nibel. 88–96) Erzählung von der Theilung des Schatzes; dort sind, wie hier, Nibelungs Recken uneinig und rufen ihn als Schiedsmann herbei. Der Wunderdegen ist das herrliche Schwert Balmung. Er bekommt es gleichfalls voraus und geht nun, ohne zu theilen, mit dem erworbenen fort. Jene Wunderkraft des Schwerts ist bedeutend, denn wie alle Köpfe vor ihm fallen, so erstarren alle Lebendige vor dem Aegirshelm (Hildegrein), der nach der nordischen Sage ebenfalls zu dem Hort gehörte. In seinem Verhältnis zur Königin scheint auch das mit Brünhild durch; sie weiß, wie in der nordischen Sage, daß er unglücklich wird, wenn er von ihr geht, und ihre Verbindung mit ihm hat etwas geheimes. Sie entdeckt es unbesonnen, wie Siegfried der Kriemhild den früher gewonnenen Gürtel Brünhildens gegeben hat (Nibel. 793), und daraus entsteht Unglück, so wie ihre zweite Vermählung (mit Günther) vorkommt. Er ist ihr „Erlöser“, den sie hernach doch verderben will. Wie er hier die Geister besiegt, ist er in der nord. Sage durch die Flammen geritten, in der Wilk. Sage (Cap. 148) sprengt er blos gewaltsam die Thore; er war vom Schicksal dazu bestimmt und erwartet.


93.
Die Rabe.

Aus der Leinegegend. Eine andere im einzelnen abweichende Erzählung bei Zingerle S. 239. Auch hier kommt die Befreiung der Brünhild vor. Zuerst wie in dem vorigen (doch aus einer ganz andern Quelle geflossenen) Märchen der Zank der Riesen über ihre Schätze, nur nicht so deutlich. Das goldne Schloß auf dem Glasberg [170] ist der Flammensaal der nordischen Sage, geradezu übereinstimmend mit dem altdänischen Lied (Altdänische Lieder u. Märchen S. 31 und Anmerk. S. 496. 497), wo Bryniel auf dem Glasberge sitzt, welchen nur ein besonderes Pferd (Grani) besteigen kann. Die Verwandtschaft und Vertauschung der Flamme und des schimmernden Glases liegt sehr nah. Der Schlaftrunk vor dem sie ihn warnt und der ihn überwältigt, ist der Vergessenstrank der nordischen Grimhild.

Eine Annäherung zu den sieben Raben (Nr. 25) ist sichtbar und doch besteht dieses Märchen für sich. In einem der Braunschweiger Sammlung, das sonst ganz anders ist, kommt S. 226 ff. vor, wie die Verwünschte dreimal vorbei fährt und der Ritter der zu ihrer Erlösung wachen soll, weil er aus einer Quelle getrunken, an einer Blume gerochen, einen Apfel genossen, eingeschlafen ist; sie legt ihm jedesmal ein Geschenk zur Seite, ihr Bild, eine Bürste die Geld schafft, ein Schwert mit der Inschrift „folge mir“. Auch ist die Farbe ihrer Pferde jedesmal, wie hier, verschieden. Übrigens beweist diese Gestaltung den näheren Zusammenhang mit dem vorangehenden Märchen vom goldenen Berg, denn der Ritter hat auch vorher die Verzauberte aus ihrer Schlangengestalt durch Schweigen bei furchtbaren Gespenstern erlöst. Über das Kundgeben durch das Werfen des Rings in den Weinbecher vergl. Hildebrands Lied S. 79.


94.
Die kluge Bauerntochter.

Aus Zwehrn. Hier hat sich deutliche Spur der alten Sage von Aslaug, Tochter der Brünhild von Sigurd, erhalten. Wiewohl eine königlich geborne, die durch Unglück in die Hände von Bauern gerathen ist, nicht ausdrücklich genannt, zeigt sich doch klar dasselbe Verhältnis. Sie ist über ihren Stand und ihre Eltern weise, und der König wird, wie Ragnar auf Kraka (so heißt Aslaug als Bäuerin), durch ihre Klugheit aufmerksam gemacht. Um sie zu prüfen, legt er ihr gleichfalls ein Räthsel vor, das sie durch ihren Scharfsinn glücklich und rasch löst. Der Inhalt des Räthsels selber stimmt nah zusammen, und es sind nur verschiedene Äußerungen desselben Gedankens. [171] Der nordische König verlangt von Kraka (Ragnar Lodbroks S. Cap. 4) sie solle kommen „gekleidet und ungekleidet, gegessen und ungegessen, nicht einsam und doch ohne jemands Begleitung“. Sie wickelt sich, wie hier, nackt in ein Fischgarn, darüber her ihr schönes Haar, beißt ein wenig in einen Lauch (Zwiebel), so daß man den Geruch davon empfindet, und läßt ihren Hund mitlaufen. Zu vergleichen ist ein ähnliches Räthsel in andern Erzählungen[5], so daß es überhaupt als ein altes Volksräthsel erscheint.

Auch in der fortwährenden Klugheit und wie sie sich des Königs Liebe wieder zuwendet, der die Bäuerin zurückschicken will, gleicht sie der Aslaug. Ragnar war in Schweden beim König Eistein, dessen schöne Tochter Ingeborg ihm gefiel, auch seine Leute rathen ihm eines Bauern Tochter nicht länger bei sich zu haben. Als er aber [172] nach Haus gekommen ist, und beide zu Bett gegangen sind, kennt durch ihre Vögel (Raben, Geist) Aslaug schon sein Vorhaben, entdeckt ihm ihre königliche Abkunft und gewinnt dadurch wieder seine Neigung. Cap. 8. Unser Märchen findet sich bei Colshorn Nr. 26, bei Zingerle S. 160 und bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 49. Auch in Norwegen ist es nicht unbekannt, wie Asbjörnsen in einem Reisebericht vom Jahr 1847 S. 2 bemerkt. Verschieden in der Ausführung, aber verwandt ist ein serbisches Märchen bei Wuk Nr. 25. Tendlau in den jüdischen Sagen S. 54 erzählt daß eine Frau bei der Scheidung das Beste im Haus mitnehmen sollte, sie ließ den Mann, als er trunken war, in ihres Vaters Haus tragen.


95.
Der alte Hildebrand.

Aus dem Österreichischen, wo er auch der alte Ofenbrand heißt. Eine andere Erzählung aus Deutschböhmen hat einige geringe Abweichungen. Die Frau will Anfangs den Mann mit der Butte auf dem Rücken durchaus nicht einlassen, sie hat ihre Laden geschlossen und sagt ihr Mann sei nicht daheim. Aber jener hat durch einen Spalt den Herrn Pfarrer in der Stube sitzen gesehen und spricht endlich „so mag der ehrwürdige Herr drinnen ein gut Wort für mich einlegen“. Da erschrickt die Frau und läßt ihn ein. Der Mann stellt die Butte an die Wand, legt sich oben auf den Ofen und thut als schliefe er. Nun deckt die Frau den Tisch, bringt Essen und Trinken und macht sich mit dem Herrn Pfarrer lustig. Endlich langt die Frau einen großen Becher herbei und spricht „wer jetzt trinkt, soll erst einen Reim machen“. Der Pfarrer fängt an

„ich hab einen Boten ausgesandt, Alleluja!
auf Padua in Wällischland, Kyrieeleison!“

dann die Frau

„ich habe ihm drei Gulden Geld gegeben, A.!
und zwei Laib Brot daneben, K.!“

Nun soll der Mann mit der Butte auch singen, er weigert sich, endlich singt er

„Dort steht meine Butte an der Wand, A.!
Drin sitzt der alte Hildebrand, K.!“

[173] Dann öffnet er die Thüre an der Butte, der alte Hildebrand steigt zornig heraus und hebt an

„Jetzt muß ich aussesteigen, A.!
kann ja nimmer drinne bleiben, K.!“

und jagt sie mit Schlägen fort. Hiermit stimmt auch eine Erzählung aus Hessen. Die Frau will ihren Mann, den alten Hildebrand, gern los sein, weil er klein und schwarz ist; sie schickt ihn daher ins Tellerland, und der Pfarrer gibt ihm sein Pferd und hundert Thaler auf den Weg. Sein Gevattersmann begegnet ihm, öffnet ihm die Augen und nimmt ihn in der Kötze mit zurück. Er fragt die Frau wo ihr Mann sei, sie antwortet

„ich hab meinen Mann wohl ausgesandt
in das Tik-Tak-Tellerland.“

Der Pfarrer sagt

„Ich hab ihn gegeben ein braunes Pferd
und hundert Thaler auf den Weg“.

Da fängt der Gevatter an

„ach du lieber Hildebrand,
in der Kötze an der Wand“.

Nun regt sich der alte Hildebrand und spricht

„ich kann nicht länger stille schweigen,
ich muß aus meiner Kötze steigen.“

Ohne Zweifel hängt aber dieser Schwank mit der Sage von dem alten Hildebrand und Frau Ute zusammen; er ist der herumgewanderte, heimkehrende, der seine Hausfrau bald treu, bald treulos findet, gerade wie Ulysses nach einigen Sagen auch von der Penelope betrogen wird; vergl. über diese Zusammenstellung das Hildebrandslied S.77. So auch im Märchen von der Frau Füchsin hat der unter der Bank liegende, alte listige Fuchs einmal blos die Freier, ein andermal Frau und Freier fortzutreiben, und es ist auch hiermit ein Zusammenhang nicht zu verkennen. Vergl. Münster. Sagen S. 215. Meier Nr. 41. Pröhle Kinderm. Nr. 63.

[174]
96.
De drei Vügelkens.

Drei Stunden von Corvei westlich liegt der Keuterberg, Köterberg, Teuteberg (übereinstimmend mit dem nicht weit davon anhebenden Teutoberger Wald), auf dessen Gipfel sich die Corveischen, Hanöverschen und Lippischen Gränzen berühren. Er ist von beträchtlicher Höhe und mag leicht mehr als vierzig Stunden im Umkreis beherrschen, tiefer ist er mit Wäldern bewachsen, die Kuppel selbst ist kahl, hier und da mit großen Steinen besäet, und gewährt dürftige Weide für Schaafe. An ihn haben sich natürlich viele Sagen geknüpft und durch ihn erhalten. Rings um den Berg liegen sechs Dörfer, aus einem derselben ist das Märchen ganz in der Mundart mit allen ungleichen zwielichtigen Formen aufgenommen (nur die Schriftsprache hat eine einzige bestimmte, die lebende so häufig mehrere zugleich) z. B. sehde und segde, graut und grot, bede und beide, derde und dride. Teite für Vater, das alte Tatta, wird nur in diesen sechs Dörfern gesagt, sonst immer Vaer. Der Eingang hängt noch mit folgender Sitte zusammen, wenn die Kinder, auf den verschiedenen Seiten des Bergs das Vieh hütend, sich etwas sagen wollen, ruft eins „hela!“ oder „helo! helo! höre mal!“ Dann antwortet das andere von drüben „helo! helo! wat wust du?“ „helo! helo! kumm mal to mie herover.“ „Helo! helo! ick kumme glick.“ Vergl. darüber auch Steinen in der westphäl. Geschichte 1, 57. Andere Auffassungen der Überlieferung in Wolfs Hausmärchen S. 168, bei Meier S. 72 und bei Pröhle Kinderm. Nr. 3.

Unser Märchen stimmt sagenmäßig mit dem der 1001 Nacht von den zwei Schwestern, die auf ihre jüngste eifersüchtig sind (7, 277 folg.); die arabische Erzählung ist nur mehr ausgedehnt, die deutsche einfacher und auch wohl schöner; beide haben ihre Eigenthümlichkeiten und beweisen ihre Selbständigkeit damit. Aus jenem allgemein zugänglichen Buch wäre Auszug und Zusammenstellung bis ins Einzelne überflüssig. Der Derwisch, welchem der Prinz erst Bart- und Augenhaar abschneidet, eh er redet (eins mit dem Gespenst in deutschen Sagen, welches stillschweigend rasiert sein will), ist [175] hier die hilfreiche alte Frau; sie geht fort und ist erlöst, gleichwie jener stirbt, nachdem er seine Bestimmung erfüllt hat.

Aber nicht blos als arabisches auch als altitalienisches erscheint dieses merkwürdige Märchen bei Straparola (4, 3); eine äußere Ableitung von dorther wendet entscheidend der Umstand ab, daß Straparola längst vor dem Übersetzer der 1001 Nacht lebte. Manches ist bei ihm sogar besser, den Kindern fallen, wenn sie gekämmt werden, Perlen und Edelsteine aus den Haaren, wodurch ihre Pflegeeltern reich werden, dort im arabischen heißt es nur einmal (S. 280) „die Thränen des Kindes sollten Perlen sein“, aber der mythische Zug selbst ist schon untergegangen und hat nur diese Spur hinterlassen. Die Wunderdinge, welche im italienischen verlangt werden, das tanzende Wasser, der singende Apfel und der grüne Vogel kommen mit der 1001 Nacht überein; aber abweichend und begründeter ist, wenn die Schuldigen von welchen die Kinder ins Wasser geworfen waren, bewirken daß die Schwester ihre Brüder zu dem gefährlichen Unternehmen reizt, weil sie hoffen diese sollten dabei umkommen: in der 1001 Nacht bleibt es unerklärt warum die Andächtige die Neugierde der Schwester rege macht. Dagegen kommt das Verbot sich nicht umzusehen ohne Noth bei Straparola vor, da die Strafe in Stein verwandelt zu werden nicht darauf steht. Mit dem italienischen stimmt bis auf Kleinigkeiten und Ausschmückungen bei der Aulnoy la Belle-Etoile (Nr. 22). Eigenthümlich ist das ungarische (bei Gaal Nr. 16), wo alles Böse von der Schwiegermutter ausgeht.

Wichtiger als diese Abweichungen der arabischen und italienischen Sage unter sich, ist es anzuführen wie unsere deutsche in einigem mit dieser, in anderm mit jener übereinkommt: der sicherste Beweis ihrer Unabhängigkeit, wiewohl schon jeder der die Gegend kennte, wo es aufgenommen ist, überzeugt sein würde daß jene fremden Erzählungen niemals dorthin gelangt sind. Mit Straparola stimmt daß die Kinder einen rothen (goldenen) Stern auf der Stirne (altes Zeichen hoher Abkunft, Flamme auf dem Haupt)[6] [176] mit zur Welt bringen, wovon die arabische Erzählung nichts weiß. Mit dieser dagegen daß keine böse Stiefmutter, wie bei Straparola, mitwirkt, sondern bloß die Schwestern, ferner, daß die Kinder in drei Jahren nach einander, nicht auf einmal zur Welt kommen, und sich die beiden ersten Male der König besänftigt. Eigenthümlich dem deutschen und schön ists, daß aus dem Wasser jedesmal, wie das Kind hineingeworfen ist, ein Vögelchen aufsteigt, welches andeutet daß der Geist das Leben bewahrt (denn die Seele ist ein Vogel, eine Taube), wie im Märchen vom Machandelboom (Nr. 47); darauf beziehen sich auch die Worte im Vers[7] „zum Lilienstrauß“. Sie wollen sagen das Kind war zum Tode bereit (d. i. todt), bis auf weitern Bescheid (Gottes) aber ist es gerettet; die Lilie lebt noch, denn die Lilie ist auch der unsterbliche Geist; s. das Märchen von den zwölf Brüdern Nr. 9, wo statt der Lilie die ihr gleichstehende weiße Studentenblume, Narcisse, verwandelter Jüngling, vorkommt, und das Volkslied im Wunderhorn, wo aus dem Grab, darin Vater, Mutter und Kind liegen, drei Lilien aufsprießen. Das Goldwasser und tanzende Wasser ist hier richtiger Wasser des Lebens, das öfter in den Mythen (auch in rabbinischen findet es sich) gesucht wird; es wird auch in der 1001 Nacht gemeint, da die Prinzessin durch Wasser, das sie gleichfalls oben bei dem Vogel gewinnt, die schwarzen Steine zu Prinzen wieder belebt, wie hier den schwarzen Hund; viel natürlicher ist es endlich daß es angewendet wird, um die unschuldige Mutter die im Kerker saß, wieder gesund zu machen. Zum Ganzen vergl. das folgende Märchen.


97.
Das Wasser des Lebens.

Nach einer hessischen und paderbörnischen Erzählung. In jener kommt die erlöste Prinzessin gar nicht vor, und es wird zum Schluß gesagt daß der König, um den Schuldigen aus seinen drei Söhnen zu erforschen, drei Decken machen läßt, eine goldene, eine silberne und eine gewöhnliche: wer über die goldene reiten werde, sei der [177] unschuldige, und das ist dann der jüngste. In der paderbörnischen, die überhaupt viel unvollkommener ist, gibt den drei Prinzen die zusammen reisen, statt des Zwergs ein Fischer Auskunft. Sie können in das verzauberte Schloß nicht eher gelangen, bis jeder drei Federn von einem Falken hat, der alle drei Tage dreimal geflogen kommt und jedesmal eine fallen läßt. Im Schloß müssen sie mit einem siebenköpfigen Drachen kämpfen; wer ihn nicht in drei Tagen besiegt, der wird in Stein verwandelt, wer ihn aber tödtet, bekommt das Wasser des Lebens. Sie gelangen mit den Falkenfedern ins Schloß, der Kampf wird angeordnet, die Königstochter und der Hof, alles ganz schwarz gekleidet, sehen zu. Die beiden ältesten können dem Drachen nichts anhaben und werden zu Stein; nun kommt der jüngste daran, der in einem Schlag die sieben Köpfe abhaut. Die Prinzessin gibt ihm also das Lebenswasser, und auf seine Bitte den Brüdern das Leben wieder. In einer dritten Erzählung aus dem hanöverschen verschiedenes Eigenthümliche. Die beiden ältesten Söhne verthun auf der Reise ihr Geld und stehlen in der Stadt, wo sie bleiben mußten, einen Schatz, werden aber ergriffen und ins Gefängnis geworfen. Nun zieht der jüngste Sohn aus. Er kommt in jene Stadt und hört daß zwei Diebe sollen gehängt werden, da bittet er bis zu seiner Wiederkunft damit zu warten, reitet weiter und gelangt in einen Wald, wo das Pferd nicht mehr fort kann. Er steigt ab und findet ein Haus, davor liegt ein Riese der fragt was er suche. „Das Lebenswasser, weißt du nicht, wo es zu finden ist“. „Nein“, antwortet der Riese, „aber vielleicht wissens meine Hasen und Füchse“. Da pfeift er, und alsbald kommen von allen Seiten Hasen und Füchse gelaufen, über dreihundert. Der Riese fragt ob sie nichts von dem Wasser wüßten, aber keiner kennt es, da spricht er „wissens die nicht, so wirds wohl mein Bruder wissen, der wohnt dreitausend Meilen von hier, aber ich will dich hintragen lassen“. Ein alter Fuchs muß den Königssohn auf den Rücken nehmen und in wenig Augenblicken bringt er ihn zu seines Herrn Bruder. Dieser ist noch viel größer, weiß aber auch nichts von dem wunderbaren Wasser. Da ruft er sein Feuer und fragt es darnach, und dann seine Winde, aber keiner kennt es, nur der Nordwind der zuletzt noch kommt, der sagt „ja ich weiß, wo es zu holen ist“. Der Nordwind muß den Königssohn zu dem Schloß bringen und zwar zwischen elf und zwölf Uhr, wo das Schloß allein zu sehen ist, denn hernach versinkt es ins Wasser. Auch sagt er ihm [178] alles was geschehen würde und was er zu thun hätte. Er kommt in eine prächtige Stube, darin liegt eine schöne Königstochter und schläft, darauf in eine andere noch prächtigere, darin schläft auch eine schöne Jungfrau, endlich in die dritte, die prächtigste, darin liegt die allerschönste und schläft. Da schreibt er auf ein Blatt seinen Namen und Tag und Jahr und legt sich dann zu ihr ins Bett, und als er wieder aufwacht, nimmt er drei Schlüssel unter ihrem Kopfkissen und geht in den Keller hinab und füllt drei Flaschen mit dem Wasser. Nun steigt er eilig hinauf, und wie er zum Thor hinaus ist, so schlägts zwölf Uhr und das Schloß verschwindet. Der Nordwind, der auf ihn gelauert hat, trägt ihn zurück zum alten Fuchs, und dieser wieder zu seinem Pferd bei dem ersten Riesen. Nun reitet der Königssohn in die Stadt und will die Diebe sehen aufhängen, da erkennt er seine Brüder und kauft sie los. Jetzt folgt übereinstimmend der Verrath der Brüder. Die Königstochter schreibt einen Brief und verlangt den zum Gemahl welcher bei ihr gewesen sei. Die beiden andern melden sich nach einander, aber sie merkt an ihren Reden daß sie die rechten nicht sind. Der jüngste wird nochmals von ihr gefordert, und es kommt an den Tag daß er noch lebt. Er geht in den Lumpen die er hat tragen müssen, zu der schönen Königstochter, die ein Söhnlein geboren hat und ihn mit Freuden empfängt.

Die Verwandtschaft mit unserm vorigen Märchen Nr. 96, wie mit Nr. 57, mit dem arabischen und italienischen fällt sogleich in die Augen: am reinsten ist die Sage hier in dem Umstand, daß Lebenswasser gesucht wird, um einen alten kranken König zu heilen. Im trojanischen Krieg Konrads von Würzburg gebraucht Medea um den Vater des Jason zu verjüngen, Wasser aus dem Paradies (V. 10651) lieht von golde rôt (10658); darin kocht sie den Zaubertrank. Zu Stein werden, ist in der paderbörnischen wie in der arabischen Erzählung Strafe dessen der nicht siegt. Im plattdeutschen kommt es eigentlich nicht vor, doch der schwarze Hund (denn es sind schwarze Steine in der 1001 Nacht), nach welchem man sich ebenfalls nicht umsehen darf, deutet offenbar darauf; er wird auch hernach in einen schönen Prinzen, wie jene Steine verwandelt. Zugleich gibt dieses zu Stein werden, wozu in der 1001 Nacht kommt daß die Brüder ihrer Schwester ein Zeichen zurücklassen, namentlich der älteste ein Messer, das bei seinem Leben glänzend, bei seinem Tod sich blutig zeigen wird, eine unleugbare Grundähnlichkeit und Verbindung mit Nr. 60. Hierher gehört [179] in der Erfurter Sammlung das Märchen von der Königin Wilowitt, in Wolfs Hausm. S. 54 die Königstochter im Berge Muntserrat, ein dänisches bei Etlar S. 1, ein serbisches bei Wuk Nr. 2, ein schwedisches bei Cavallius S. 191.


98.
Doctor Allwissend.

Aus Zwehrn. Es ist auch im plattdeutschen ein sehr gutes ähnliches Märchen unter dem Volk, das uns aber nicht vollständig konnte erzählt werden. In der Abendzeitung 1819 Nr. 171 steht eine gereimte Erzählung nach einer andern dürftigeren Uberlieferung. Ein hungriger Köhler hört daß dem König ein Schatz gestohlen ist und erbietet sich den Dieb zu entdecken. Der Köhler soll drei Tage lang gespeist werden, hat er es aber dann nicht heraus, so soll er an den Galgen. Wie nun der erste Tag herum ist und der letzte Trunk ihm gebracht wird, spricht er „das wäre der eine!“ und so weiter am zweiten und dritten Tag. Die Diener welche die Diebe sind, glauben sich gemeint und entdecken die That. Eine abermals verschiedene Erzählung in der Zeitschrift der Casseler Bote 1822 Nr. 51, wo der Allwissende Felix Gritte heißt. In der Wetterauer Mundart von Weigand aufgefaßt in Mannhardts Zeitschrift für deutsche Mythologie 3, 36–46 mit einigen Erweiterungen und Zusätzen: ein Fuhrmann, als Mönch verkleidet, bringt einen gestohlenen Ring zum Vorschein. Verwandt ist ein italienisches Märchen bei Straparola (13, 6) und ein persisches in Kisseh-Khun S. 44. Achmed der Schuhflicker macht sich zum Astronomen und entdeckt wer den Rubin aus des Königs Krone gestolen hat.


99.
Der Geist im Glas.

Aus dem Paderbörnischen. Als Appenzeller Volkssage, angewendet auf den Doctor Paracelsus, wird sie recht gut im Morgenblatt [180] (1817 S. 231) erzählt. Paracelsus geht einmal im Wald, als er seinen Namen rufen hört: die Stimme kommt aus einer Tanne, in welche der Teufel durch ein kleines Zäpflein mit drei Kreuzen eingekerkert ist. Paracelsus verspricht zu befreien, wenn er ihm eine Arznei verschaffe die alle Kranken heile, und eine Tinctur die alles in Gold verwandele. Der Teufel sagt ihm das zu, Paracelsus nimmt das Federmesser, faßt damit das Zäpflein und bringt es mit Mühe heraus. Eine häßliche schwarze Spinne kriecht hervor, die am Stamm hinunterlauft; aber kaum berührt sie den Boden, so verschwindet sie, und es richtet sich, wie aus der Erde steigend, ein langer hagerer Mann auf mit schielenden rothen Augen in rothem Mantel. Er führt den Doctor auf einen hohen, überragenden Felsen und mit einer Haselruthe die er unterwegs abgebrochen, schlägt er gegen das Gestein. Der Fels spaltet sich krachend in zwei Stücke und der Teufel verschwindet, bald tritt er wieder hervor und reicht dem Paracelsus zwei kleine Gläser, das gelbe enthielt die Goldtinctur, das weiße die Arznei. Dann schlägt er abermals an den Felsen, worauf dieser sich augenblicklich wieder zusammenschließt. Sie gehen nun beide zurück, der Teufel will gen Inspruck, den der ihn gebannt hatte, zu holen. Paracelsus hat Mitleiden mit dem Banner und denkt ihn zu retten. Wie sie wieder zu der Tanne gelangen, rühmt er den Teufel, daß es ihm möglich gewesen sich in eine Spinne zusammenzuziehen. Der Teufel spricht „ich will vor deinen Augen das Kunststück freiwillig machen“, verschwindet und kriecht als Spinne in das bekannte Löchlein hinein. Blitzschnell drückt der Doctor das Zäpflein, das er noch in Händen behalten, wieder drauf, schlägt es mit einem Stein fest und kritzt mit seinem Messer drei frische Kreuze darüber. Wüthend schüttelte der Teufel die Tanne wie ein Sturmwind, daß die Zapfen haufenweis auf Paracelsus herabprasseln, aber die Wuth ist umsonst; er steckt fest und hat wenig Hoffnung loszukommen, denn der Wald darf wegen der Schneelawinen nicht abgehauen werden, und ob schon er Tag und Nacht ruft, so wagt sich doch eben deshalb niemand in diese Gegend. Paracelsus fand die Fläschchen bewährt, und ward dadurch ein berühmter und angesehener Mann. Beim Fischer (Nr. 19) ward schon die Übereinstimmung unseres Märchens mit einer Erzählung der 1001 Nacht (1, 107) bemerkt, hier ist sie von einer andern Seite noch deutlicher und der lebendige Zusammenhang beider [181] Sagen unläugbar. Dieses Märchen ist also ein merkwürdiges Gegenstück zu dem Simeliberg (Nr. 142), der Harzsage von der Dummburg (Otmar 235), die sich ebenfalls in der 1001 Nacht (6, 342) findet, und zu dem von den drei Vügelkens (Nr. 96). Auch das ungarische Märchen der Weltlohn bei Gaal Nr. 11 gehört hierher. Das Einschließen des Teufels (denn ein böser Geist ist es, wie in der orientalischen Erzählung) in eine Flasche, kommt mehr vor, z. B. in der Sage vom griechischen Zauberer Savilon (Zaubulon, Diabolo), wo Virgilius ihn befreit (s. Reinfr. von Braunschweig. Hanöv. Hs. Bl. 168–171 und Dunlop bei Liebrecht S. 186. 187) und im Galgenmännlein. Die List, wodurch er bezwungen wird, ist dieselbe, wodurch der unerschrockene Schmied (Anmerkung zu Nr. 81) sich befreit.


100.
Des Teufels rußiger Bruder.

Aus Zwehrn. Andere Erzählungen bei Müllenhoff Nr. 592, Meier Nr. 74, Zingerle Nr. 18, Pröhle Kinderm. Nr. 71. Die alte Sage von dem Bärenhäuter, welche schon im Simplicissimus (3, 896) erzählt wird: als eine Österreichische in J. F. hor. subseciv. 4, 355 folg., daraus in Happels relat. curios. 2, 712. In einer österreichischen Stadt soll auch noch sein Bild sich finden; vergl. Arnims Tröst Einsamkeit und seine Erzählung „Isabelle von Ägypten“. Dort überläßt ihm der Wirth eine seiner Töchter, wegen der künstlichen Bilder die der Geist für ihn gemalt hatte. Die Idee eines Bärenhäuters gibt schon Tacitus (Germ. 31) an, et aliis Germanorum populis usurpatum raro et privata cujusque audentia apud Chattos in consensum vertit, ut primum adoleverint, crinem barbamque submittere nec nisi hoste caeso exuere votivum obligatumque virtuti oris habitum. ignavis et imbellibus manet squalor. Auch Baldurs Rächer wäscht sich nicht die Hand, kämmt sich nicht das Haar, bis er Baldurs Feind in die Flammen getragen (Völuspâ 33). Der junge Harald Haarfager thut nach Snorri das Gelübde sich nicht eher das Haar zu schneiden und zu kämmen als bis er sich gang Norwegen unterworfen habe; vergl. P. E. Müller über Snorris Quellen S. 14. 15. Merkwürdig die gar nicht christliche Ansicht [182] der Hölle, worin der Soldat Musik lernt, wie diese in den Venusberg lockt; er selbst dient dem Teufel nur eine Zeit, ist dann frei und glücklich. Die Sage geht gewis weit in das Alterthum zurück. Auch in Irland taucht sie auf, in den Briefen eines Verstorbenen kommt (1, 139) folgende Stelle vor, „ich bemerkte in Irland ein kirchenartiges Gebäude auf der Spitze eines hohen Berges und fragte den Küster was das bedeute.“ Er erwiderte in holperichem englisch dies sei das Tabernakel des Königs, und wer sieben Jahre lang sich weder waschen noch die Nägel abschneiden, oder den Bart scheeren wolle, dem sei es erlaubt dort zu wohnen, und nach dem siebenten Jahr habe er das Recht nach London zu gehen, wo ihn der König ausstatten und zum Gentleman machen müsse. Dies tolle Märchen glaubte der Mann im vollen Ernste und schwur auf seine Wahrheit. Verwandt ist eine Sage in Harsdörfers Mordgeschichten (Hamb. 1662) S. 672. Der Teufel kommt in Gestalt eines Jünglings zu einem frommen Mann der drei Töchter hat, und will eine davon heirathen. Der Vater aber antwortet ihm sie seien schon an Gott Vater, Sohn und hl. Geist bei der Taufe versprochen. Doch zwei davon gewinnt der Teufel, indem er ihnen große Schätze, Wohlleben und Herrlichkeit anbietet, so daß sie von ihm einen Treuring annehmen; die dritte aber weist ihn ab. Das verdrießt den Teufel und er verklagt sie und den Vater, indem er aber die Anklage von seinem Zettel ablesen will, kommt eine Taube geflogen und zerreißt ihm den Zettel. Da wird er hinweggestoßen zu den zwei Töchtern die ihn zu lieben versprochen, und fällt mit ihnen in die Hölle. Vergl. das folgende Märchen.


101.
Der Grünrock.

Aus dem Paderbörnischen. Eine selbständige Abweichung der vorigen Überlieferung. Der Teufel erscheint hier in der Sage welche Hebel (Alleman. Gedichte 50) erzählt, als ein Grünrock (Weltkind): wer sich ihm ergibt braucht auch nur in die Tasche zu greifen, so hat er einen Thaler.

[183]

102.
Der Zaunkönig und der Bär.

Aus Zwehrn. Ein schönes in den Kreis von Reinhart Fuchs gehöriges Thiermärchen. Zaunkönig, Sperling und Meise drücken eine Idee aus, die kleine List siegt über die große, und darum muß selbst das ganze, vom Fuchs angeführte Thiergeschlecht dem kleinen Geflügel weichen, wie im Märchen vom Gevatter Sperling (Nr. 58) der Fuhrmann dem Vogel. Der Zaunkönig ist der herrschende, weil die Sage das kleinste wie das größte als König anerkennt. Dies ist wieder der Gegensatz der listigen Zwerge zu den plumpen Riesen, wie man schon zwerghaften kleinen Leuten den Unnamen Zaunschliffer zu geben pflegt. Ähnlich wird in Tuhti Nameh (Fabel 8, bei Iken Nr. 32) das mächtige Thier von dem kleinen bestraft. Ein Elephant wirft einem Sperling die Eier aus dem Nest, indem er sich an dem Baum, worauf jenes gebaut war, heftig reibt. Der Vogel verbindet sich mit einem andern, Langschnabel genannt, einem Frosch und einer Biene zur Rache. Die Biene setzt sich dem Elephant ins Ohr und quält ihn durch Sumsen so lange bis er wüthend wird. Dann kommt Langschnabel und bohrt ihm mit dem spitzen Schnabel die Augen aus. Einige Tage nachher, als der blinde Elephant von Durst gequält vor einem Abgrund steht, fängt der Frosch an zu quaken, der Elephant meint es sei ein Teich da, und stürzt sich hinab. Verwandt ist der Krieg der Wespen und Esel bei Barachja Nikdani (Wolfs Zeitschrift 1, 1) und das Negermärchen bei Kölle von dem Hahn und Elephant (Nr. 7). Zu vergleichen ist auch der alte Sultan Nr. 48 und der Krieg zwischen den Thieren auf der Erde und in der Luft nach der Erzählung der siebenbürgischen Sachsen bei Haltrich Nr. 43.


103.
Vom süßen Brei.

Aus Hessen. Einmal die uralte Fabel vom Krüglein das nie versiegt, und das nur die reine Unschuld in ihrer Gewalt hat; zu vergleichen ist die indische Erzählung von dem Kochtopf, in den man [184] blos ein Reiskorn zu thun braucht, der daraus unaufhörlich Speise kocht (Polier 2, 45). Dann die Sage vom Zauberlehrling (aus Lucians φιλοψευδὴς) in Göthes Lied; wiewohl sie eine Darstellung ohne gleichen dort erhalten hat, so tritt doch die eigentliche tiefe Mythe nicht so klar hervor und der Nachdruck ruht auf der Herrschaft des Meisters. Brei wie Brot als ursprüngliche einfache Speise, bedeutet überhaupt alle Nahrung (vergl. Aristophanes Frösche 1073). Sonst war es in Thüringen gebräuchlich zur Fastnacht Hirsenbrei zu essen, weil man glaubte daß dann durchs ganze Jahr kein Mangel entstehen könnte; s. Prätorius Glückstopf S. 260. So stiftet auch die weise Frau zur Belohnung der Arbeiter ein Fest des süßen Breies. Hier ist anzuführen ein norwegisches Märchen bei Asbjörnsen Thl. 2 von der Mühle, die alles malt.


104.
Die klugen Leute.

Aus Hessen. Mit mancherlei Abweichungen bei Zingerle S. 75 der Bauer und die Bäuerin, bei Pröhle Nr. 50 vom langen Winter, bei Meier Nr. 20 und S. 304. 305 der Himmelreisende, bei Müllenhoff Nr. 10. Norwegisch bei Asbjörnsen 1, Nr. 10. Wallachisch bei Schott Nr. 43. Hierher gehört der Schwank von dem fahrenden Schüler im Paradies bei Hans Sachs 3. 3, 18. Nürnb. Ausg.

In den bisherigen Ausgaben findet sich hier das Märchen von den treuen Thieren, das aber, seiner genauen Übereinstimmung wegen, die Relations of Ssidi Kur muß zur Quelle gehabt haben, wiewohl die Gesta Romanorum (s. unter Nr. 9) und der Pentamerone 3, 5 und Meier Nr. 14 ein verwandtes enthalten.


105.
Märchen von der Unke.

I. Aus Hessen und an mehreren Orten gehört. Die Ringelnatter (coluber natrix) ist gemeint, die sehr gerne Milch trinkt und nicht giftig ist; vergl. Schuberts Naturgeschichte S. 196. Ein [185] ähnliches Märchen bei Ziska S. 51. Offenbaren Zusammenhang damit hat eine Erzählung der Gesta Romanorum Cap. 68 (unten Nr. 11). Ein Ritter wird arm und ist darüber traurig. Da fängt eine Natter die lang im Winkel seiner Kammer gelebt hatte, zu sprechen an und sagt „gib mir alle Tage Milch und setze sie mir selbst her, so will ich dich reich machen“. Der Ritter bringt ihr nun alle Tage die Milch, und in kurzer Zeit wird er wieder reich. Des Ritters dumme Frau räth aber zum Tod der Natter, um der Schätze willen, die wohl in ihrem Lager sich fänden. Der Ritter nimmt also eine Schüssel Milch in die eine Hand, einen Hammer in die andere und bringts der Natter, die schlüpft aus ihrer Höhle, sich daran zu erlaben. Wie sie nun trinkt, hebt er den Hammer, trifft sie aber nicht, sondern schlägt gewaltig in die Schüssel; worauf sie alsbald forteilt. Von dem Tag an nimmt er an Leib und an Gut ab, wie er vorher daran zugenommen hat. Er bittet sie wieder um Gnade, aber sie spricht „meinst du ich hätte den Schlag vergessen, den die Schüssel an meines Hauptes statt empfangen hat? zwischen uns ist kein Friede.“ Da bleibt der Ritter in Armuth sein Lebelang. Dieselbe Sage in Mones Anzeiger 1837 S. 174. 175. Auch gehört hierher eine andere aus der Schweiz von der Schlangenkönigin (Deutsche Sagen 1, 220). Ein armes Hirtenmädchen wird glücklich, weil es eine Schlange die verschmachten will, mit Milch labt.

II. Aus Hessen. Nach einer andern Erzählung hatte auf einem Bauernhof die Tochter des Hauses das Geschäft die Kühe auf dem Felde zu melken, welche sie deshalb gewöhnlich unter eine Schattenhütte oder in eine Scheune trieb. Als sie einmal melkte, kroch eine große Schlange unter den Dielen hervor. Das Mädchen füllte ein Tröglein, in welches sie oft Milch für die Katzen goß, mit Milch und stellte es der Schlange hin, welche es völlig austrank. Dies wiederholte sie täglich, auch im Winter. Als das Mädchen Hochzeit hielt, und die Gäste fröhlich bei Tisch saßen, kam die Schlange unerwartet in die Stube und legte vor der Braut zum Zeichen ihrer Erkenntlichkeit eine kostbare Krone von Gold und Silber nieder. Damit stimmt eine Überlieferung aus Tirol bei Zingerle S. 106 und nah verwandt ist das Märchen von der Schlangenkönigin bei Vonbun S. 21. 22. In der Niederlausitz (Büschings wöchentliche Nachrichten 3, 343. 345) glaubt man es gebe einen Wasserschlangenkönig welcher eine Krone auf dem Haupte trage, die nicht nur an [186] sich köstlich sei, sondern auch dem Besitzer große Reichthümer zuwende. Jemand wagt es und breitet an einem sonnigen Maitag vor dem Schlosse zu Lübenau auf einem grünen Platze ein großes weißes Tuch aus, denn der Schlangenkönig legte gern seine Krone auf reinliche weiße Sachen, um dann mit den andern Schlangen zu spielen. Kaum ist das Tuch gebreitet, so zeigt sich der Konig, legt seine Krone darauf und zieht dann mit den Schlangen fort zum Spiel. Jetzt kommt der Mann (zu Pferd, um schnell entfliehen zu können) leis herbei, faßt das Tuch worauf die Krone sich befindet, an den vier Zipfeln und jagt fort. Er hört das durchdringende Pfeifen der Schlangen hinter sich, entkommt aber durch die Schnelligkeit seines Rosses auf das Pflaster der Stadt. Bei dem Besitz der köstlichen Krone wird er bald steinreich.

III. Aus Berlin.


106.
Der Müller mit dem Kätzchen.

Aus Zwehrn. In eigener Zierlichkeit das Märchen von dem glücklich gewordenen Dummling (s. Anmerkung zu Nr. 63). Die andern Müllersburschen bringen absichtlich und aus großer Verachtung des Dummlings lahme und scheele Pferde, wie die zwei ältesten Königssöhne grobe Leinwand und häßliche Weiber.

Eine andere Erzählung aus dem Paderbörnischen enthält manches Besondere. Der Müller schickt seine drei Söhne aus, wer das beste Pferd bringe, solle die Mühle haben. Der jüngste, der Dummling, begegnet einem grauen Männchen, dient ihm beim Holzhacken ein Jahr treu und ehrlich und erhält dafür das schönste Pferd. Die Brüder begegnen sich auf dem Heimweg, und da von jenen der eine ein blindes, der andere ein lahmes Pferd hat, packen sie den Dummling und stecken ihn in einen Kalkofen. Das graue Männchen kommt aber herzu, zieht ihn heraus und salbt ihn, so daß er Leben und Gesundheit wieder erhält; auch sein Pferd wird ihm wieder gegeben. Er kömmt damit zu dem Vater, dieser gibt ihm aber die Mühle doch nicht, sondern sagt der solle sie haben, der ihm das beste Hemd bringe. Der Dummling erlangt das Hemd, die Brüder aber binden ihn an einen Baum und schießen ihn todt. Das graue [187] Männchen bringt ihn wieder ins Leben, als er aber mit dem Hemd nach Haus kommt, haben seine Brüder dem Vater gesagt er stehe mit dem Teufel im Bund. Der Vater behauptet sie müßten nochmals ausgehen, und wer das beste Brot heimbringe, solle die Mühle erhalten, denn über Brot habe der Teufel keine Gewalt. Dem Dummling begegnet im Wald ein altes Mütterchen, er theilt sein Essen mit ihr, und es gibt ihm dafür eine Wünschelruthe. Den andern Tag, als er auf einer Brücke steht und hungerig ist, hält er die Wünschelruthe über das Wasser, so kommt ein Schildkrötchen heran. „Was kann mir das helfen“ denkt er, legt das Thierchen aber doch auf die Brückenmauer. Als er fort geht, ruft es ihm nach „nimm mich mit! nimm mich mit!“ Er steckts in die Tasche, als er hernach von ungefähr hineingreift, findet er ganze Geldrollen darin. Nun geht es ihm wohl, er hält das Schildkrötchen in Ehren, miethet sich in einem Wirthshaus die schönste Stube, legt es da in ein Bett und zieht fort das beste Brot zu suchen. Nach einem Jahr kommt er zurück ohne es gefunden zu haben; wie er nach dem Schildkrötchen sieht, so hat es zwei weiße schöne Füße bekommen. „Ei was ist das!“ denkt er, deckts aber warm zu. Eines Abends, als er so im Bett liegt und nachsinnt wie er doch das Brot noch erlangen wolle, sieht er im Schatten als stände da jemand und knätete Brot in einer Mulde. Nachts träumt ihm es wäre daraus das beste Brot geworden, und wie er am andern Morgen aufwacht, liegt auch wirklich das schönste Brot vor ihm. Er bringt es heim, und alle müssen ihm den Sieg zugestehen. Da kehrt er zu seinem Schildkrötchen zurück und sieht im Bette eine wunderschöne Königstochter liegen und das Schildkrötchen daneben. Sie sagt ihm sie sei von ihrer Mutter verwünscht worden und er habe sie erlöst. Darauf verspricht sie ihm seine Gemahlin zu werden, aber zuvor müsse sie heim zu ihrem Vater. „Geh nur immer nach Haus“, spricht sie, „wenn du den ersten Kanonenschuß hörst, so ziehe ich mich an, beim zweiten steige ich in den Wagen, beim dritten sieh dich um nach sechs weißen Pferden, damit komme ich gefahren“. So trifft alles ein, sie halten Hochzeit und leben lange vergnügt. Da begegnet es ihm unglücklicherweise daß er das Schildkrötchen, das die Königstochter sorgfältig aufbewahrt, ins Feuer fallen läßt, darüber wird sie so bös daß sie ihm ins Gesicht spuckt. Er wird sehr traurig und geht gleich fort und gräbt sich fünf und zwanzig Klafter tief unter der Erde eine [188] Höhle, darin will er sein Leben zubringen, und läßt die Inschrift darüber aushauen „hier unten soll mich niemand finden als Gott allein“. So lebt er viele Jahre im Gebet. Der alte König aber wird krank, zieht umher, sucht alle Ärzte und braucht alle Mittel, aber umsonst. Da kommt er zufällig zu dieser Höhle und alsbald ist er gesund. Er sieht sich um, liest die Inschrift und läßt nachgraben, bis sie endlich zu der Höhle gelangen. Er will aber von unten nicht herauf, nur zu Gott will er; doch bewegt ihn der alte König endlich daß er mit heraufsteigt. Da entdeckt sichs daß es sein Schwiegersohn ist, er versöhnt ihn mit seiner Tochter und sie leben noch lange vergnügt. Bei Zingerle S. 171. Bei Colshorn Nr. 15. Schwedisch in einem Volkslied (s. unten) und bei Cavallius S. 300. Französisch bei der Aulnoy la chatte blanche (s. unter Nr. 19). Polnisch bei Lewestam S. 101. Albanesisch bei Hahn 2.


107.
Die beiden Wanderer.

Nach einer Erzählung aus dem Holsteinischen, die besser und vollständiger ist als die in den früheren Ausgaben unter dem Titel die Krähen sich befindet und einer Überlieferung aus dem Meklenburgischen folgte. Bei Pauli in Schimpf und Ernst Cap. 464 eine einfache Darstellung. Ein Diener wird von seinem Herrn an einen Baum gebunden: böse Geister, die sich Nachts da versammeln, sprechen daß ein Kraut welches unter dem Baum wächst, das Gesicht wieder gebe. Nachdem er sich geheilt hat, macht er damit eines reichen Mannes Tochter wieder sehend und erhält sie mit großen Gütern zur Ehe. Sein voriger Herr will sich auch solchen Reichthum verschaffen, geht zum Baum, wo ihm des Nachts die Geister die Augen ausstechen. In der Braunschweiger Sammlung (S. 168–180) mit dem unsrigen übereinstimmender, aber schlecht erneuert. Krähen die, auf dem Baume sitzend, von Augen aushacken sprechen, auch in Helwigs jüdischen Legenden Nr. 23, hier, indem sie dem Blinden sagen was er thun soll, gleichen sie den Vögeln die dem Sigurd guten Rath geben (s. Fafnismâl und Anmerk. zu Str. 32). Der frischgefallene Thau der das Gesicht wieder gibt, ist das Reine, das alles heilt, der Speichel, womit der Herr dem Blinden das Gesicht wieder gibt, und [189] das unschuldige Kinder- oder Jungfrauenblut, wodurch die Miselsüchtigen genesen; vergl. Altd. Wälder 2, 208 und armer Heinrich S. 175 ff. In der Braunschweiger Sammlung kommt das Märchen S. 168–180 vor, in dem Büchlein für die Jugend S. 252–263. Bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 1. Dänisch bei Molbech Nr. 6 mit eigenthümlichen und guten Abweichungen. Norwegisch bei Asbjörnsen Bd. 2. Böhmisch bei Gerle Bd. 1, Nr. 7 St. Walburgis Nachttraum oder die drei Gesellen. Ungarisch bei Gaal (Nr. 8) die dankbaren Thiere, bei Mailath die Brüder (Nr. 8), bei Stier die drei Thiere S. 65. Serbisch mit einer eigenthümlichen Einleitung bei Wuk Nr. 16. Im Heftpeiger des persischen Dichters Nisami kommt eine offenbar verwandte Erzählung vor, welche Hammer in der Geschichte der schönen Redekünste Persiens (Wien 1818) S. 116. 117 aus der Handschrift bekannt gemacht hat. Chair wird von einem treulosen Reisegefährten Scheer, den er für seinen Freund hält, erst seines Vorraths an Wasser, dann auch seiner Augen beraubt und mishandelt. So bleibt er liegen, bis ein schönes kurdisches Mädchen ihn findet, verpflegt und heilt. Der Jüngling heilt die Tochter des Wesirs und Sultans und läßt sichs wohlgehen, bis er eines Tages seinem alten Gefährten begegnet, dem er verzeiht, der aber von einem Kurden getödtet wird.


108.
Hans mein Igel.

Aus Zwehrn. Ganz übereinstimmend ward es auch in dem an Steiermark gränzenden deutschen Ungarn gehört. Eine andere Erzählung in Pröhles Märchen für Kinder, der Zaunigel Nr. 13. Bei Straparola (2, 1) König Porc, doch hier besser, fantastischer und ursprünglicher, nur sollte Hans (der wie der Finkenritter reitet) noch einem König den Weg gezeigt haben und betrogen sein, damit er erst, wie bei Straparola, das drittemal erlöst würde. Nach Straparola bei der Aulnoy le Prince Marcassin Nr. 24. Igel, Stachelschwein und Schwein sind hier eins, wie Porc und Porcaril: ein nichtwachsendes Kind heißt in der Gegend von Preßburg Igel, Nigel (Presb. Idiotikon im ungar. Magaz. Bd. 4). Unten in einer andern [190] einfachen, aber auch guten Darstellung (Nr. 144) ist es ein Esel. Diese beiden Märchen machen mit Nr. 1. 88. 127 eine Reihe naher Verwandtschaft aus, an welche sich wieder andere in entfernterer schließen; vergl. die dortigen Anmerkungen. Über die zum Grund liegende Idee eine Anmerkung zu den altdän. Liedern. S. 528. 529.

Leute welche Gott zu ungestüm um Kindersegen anflehen, werden oft in den Märchen mit solchen Misgeburten bestraft, die sich hernach, wenn die Eltern gedemüthigt sind, noch in Menschen verwandeln; vergl. Rosenöl 1, 210–213 die Geschichte Salomons und der ägyptischen Königstochter. Die Rückkehr des Kinds ins väterliche Haus ist wie jene des jungen Riesen in Nr. 4. In einem Tiroler Märchen bei Zingerle S. 173 statt des Igels eine Schlange, wie im Pentamerone (2, 5) und in einem ungar. Märchen bei Gaal Nr. 14. In den irischen Elfenmärchen Nr. 5 der Sackpfeifer. In einem Volkslied vom Jahr 1620 heißt es

ach, lieber Igel, laß mich leben,
ich will dir meine Schwester geben.

Das scheint sich auf unser Märchen zu beziehen.


109.
Das Todtenhemdchen.

Aus Baiern. Der Glaube daß Thränen, dem Todten nachgeweint, auf die Leiche im Grab niederfallen und ihre Ruhe stören, erscheint auch in den Liedern des Kuhländchens (Meinert 1, 13), dann in der Edda im zweiten Helgelied (Str. 44), so wie in dem dänischen Volkslied vom Ritter Age und der Jungfrau Else. Bei Müllenhoff S. 144 zwei Sagen, eine aus Helmold 1, 78. Ein ähnliches, wie es scheint, wahrhaftes Ereignis erzählt Schubert in Knapps Christoterpe (1835) S. 278. Vergl. die Zusammenstellungen von W. Wackernagel in den Altdeutschen Blättern Nr. 174 folg. und Anm. S. 197.

[191]
110.
Der Jud im Dorn.

Eine mündliche Erzählung aus Hessen leitet anders ein. Der Vater entläßt seine drei Söhne die auf drei Wegen in die Welt ziehen. Dem einen begegnet der gute Geist und schenkt ihm die drei Wünsche. Er wünscht einen Hut der aus der Irre auf den rechten Weg führt, einen Wünschring, eine Geige die alles zum Tanzen zwingt. Darauf die Begebenheit mit dem Juden und dem Richter. Endlich wünscht er sich an den Scheideweg mit seinen Brüdern zusammen und macht sie alle reich. Diese größere Verwickelung scheint aber den Eindruck mehr zu schwächen und eine andere ganz einfache mündliche Erzählung aus dem Paderbörnischen und die alten gedruckten Bearbeitungen, welche hier zu Grund liegen, wissen nichts davon. Albrecht Dieterich Historia von einem Bauernknecht und München, welcher in der Dornhecke hat müssen tanzen s. l. 1618. 8. (auf der Göttinger Bibl.), ein Lustspiel das aber vermuthlich im 16. Jahrh. verfaßt ist. Etwa gleichzeitig damit J. Ayrers Fastnachtsspiel von Fritz Dölla mit der gewünschten Geigen im opus theatricum Bl. 97–101. Bei Dieterich heißt der Bauernknecht ebenfalls Dulla (der Name erinnert an Till oder Dill Eulenspiegel, den lustigen Schalksknecht; vergl. das schwed. und altnord. Wort thulr homo facetus, nugator Spielmann), auch sonst stimmen beide sehr zusammen, so daß sie aus einer Quelle schöpfen konnten, schwerlich aber sich gegenseitig benutzt haben. Die Wünsche sind wie hier, statt des Juden haben beide einen klosterentlaufenen Mönch. Bei Dieterich hält er die erwähnte Kunst des Knechts für Prahlerei und spricht „in jener Hecke sitzt ein Rab, trifst du den mit deiner Armbrust, so zieh ich mich nackend aus und hol ihn hervor“. Bei Ayrer schießt er einen Vogel vom Baum; vom Kleiderausziehen ist keine Rede. Nach Albr. Dieterich die dänischen Reime om Munken og Bondedrengen (Nyerup Morskabsläsning 239–241). Eine Anspielung auf unser Märchen findet Wackernagel in dem Wachtelmäre; s. Maßmann Denkmäler 1, 112.

Die Sage vom Tanzen in den Dornen ist sehr verbreitet und greift in das Märchen vom Liebsten Roland (Nr. 56) ein. Für die mündliche Überlieferung wird eine von Otmar in Beckers Erholungen [192] (1797) aufgezeichnete Erzählung wichtig, wo sie aber sehr entstellt und in falschen Ton versetzt ist. Ein auf Tod und Leben gefangener Zauberer hat einen nie fehlenden Pfeil und schießt damit einen Falken aus hoher Luft, der in Sumpf und Dornen fällt. Die Häscher sollen ihn darin suchen, er hebt nun den Schwabentanz zu pfeifen an und sie müssen tanzen, und danach tanzt das ganze Gericht und alles Volk; so wird er von seiner Hinrichtung befreit. Die letzte Bitte und die Rettung aus dem Tod durch Blasen und Spielen kommt häufig vor (s. oben Nr. 30 das blaue Licht), von Arion bis auf Gunnar der durch Harfenschlag die Schlangen abhält. Die Kraft Tanz zu erregen, lag auch in Oberons Pfeife, besonders merkwürdig ist das Beispiel in der Herrauds ok Bosa Saga (S. 49–51), wo gar Tische, Stühle, Messer und Becher mit tanzen müssen. Vielleicht stammt selbst das Wort Geige von dem dort auch vorkommenden Gygiarslag (Zauberschlag von Gygur Zauberin, Riesin). Ein Lied das jeden tanzen macht, Menschen und Pferde, s. Mambriano 3, 62. 63 und Ginguené 259. Man hat vom Fandango eine ähnliche Erzählung, Pabst und Cardinäle die ihn verdammen wollen, müssen ihn anheben und freisprechen.


111.
Der gelernte Jäger.

Nach zwei Erzählungen aus Zwehrn, in der zweiten (übrigens aus einem andern Munde) ist der Sache nach einiges abweichend. Der Schütze, als er in den Thurm, wo er die Schildwache durch einen Schlaftrunk erst eingeschläfert hat, eingedrungen ist, findet in dem ersten und zweiten Zimmer die Kamerjungfrau der Königstochter schlafend in ihrem Bette. Er küßt jede, geht aber weiter und kommt in das dritte Zimmer, wo die Königstochter selbst liegt, aber nackt; er nimmt ein goldenes Halsgehänge, einen Ring und ein Taschentuch von dem Tisch als Wahrzeichen weg und legt sich dann zu ihr. Sie schläft fort und erwacht auch nicht als er wieder weggeht. Als sich hernach zeigt daß sie schwanger ist ohne zu wissen von wem, läßt sie ihr erzürnter Vater ins Gefängnis werfen; ein gemeiner Diener gibt sich an, und sie soll ihn heirathen. Darauf wird sie in das Wirthshaus gesetzt. Das übrige stimmt wieder. Eine [193] dritte Erzählung aus Hof am Habichtswald hat denselben Inhalt; Nebenzüge darin sind daß bei der schlafenden Königstochter ein Kelch gestanden, aus welchem der Jäger erst zwei Züge thun mußte, um die Kraft zur Führung des Degens zu erlangen. Nach drei Jahren kommt er zurück und in das Wirthshaus, wo die Königstochter sitzt, und das die Überschrift hat „hier zehrt man umsonst, muß aber seinen Lebenslauf erzählen“. Sie hört nun daß er der Vater des Kindes ist, das sie geboren hat, und als sie die Wahrzeichen gesehen, entdeckt sie sich. Aus einer vierten, gleichfalls hessischen, ist anzumerken daß der kunstreiche Schütze mit einem Pfeil dem Riesen gerade in den rechten Daumen schießt.

Die Schützenkünste erinnern sehr an An Bogsweigr (Sagenbibliothek 2, 542), er schießt gleichfalls einem ein Stück Fleisch aus der Hand; zu vergleichen sind die deutschen Sagen 1, Nr. 255. 256 und 257. Das Aufschneiden und Trennen der Kleider der schlafenden Königstochter erinnert an das Zerschneiden des Panzers (slita bryniu) der Brynhild durch Sigurd. Das Zungenausschneiden kommt oft vor, der Hauptmann ist der Truchseß im Tristan. Am Ende geht das Märchen in den König Drosselbart (Nr. 52) über.


112.
Der himmlische Dreschflegel.

Aus dem Paderbörnischen. Eine Erzählung aus dem Münsterischen hat eine andere Einkleidung. Der König läßt bekannt machen wer am besten zu lügen wisse, solle seine Tochter haben. Die Hofleute versuchens nach der Reihe, machens aber alle zu fein und können keine tüchtige, ungewaschene Lüge aufbringen. Da stellt sich ein armer Bauernjunge vor den König und erzählt „Herr König, in unserm Garten stand einmal ein Kohlkopf der ward groß und immer größer, und fieng an in die Höhe zu schießen, daß er endlich bis an den Himmel rührte. Daran stieg ich hinauf, um einmal in den Himmel zu sehen. Nun war eben das Himmelsthor offen und ich sah eine solche Pracht und Herrlichkeit daß ich geradezu hineinspringen wollte, aber es fuhr mir vor der Nase zu, und ich blieb in den Wolken hangen. Ich ließ mich zwar an einem Strick herunter, aber der brach auf der Hälfte des Wegs, und ich fiel herab und gerade in einen Kieselstein, [194] doch besann ich mich bald, lief heim, holte ein Beil und hieb mich wieder los“. „Das heißt aufgeschnitten“, sagte der König, „das sind ja die gröbsten Lügen die ich mein Lebtag gehört habe“. „Destobesser“ antwortete der Bauer, „so ist euere Tochter mein“. Dem König ward Angst und er gab ihm ein groß Stück Geld, um ihn los zu werden. Das war dem Bauer eben recht, denn er hatte schon gesehen daß die Königstochter trübe Augen hatte und gewaltig häßlich war. Münchhausen hat den Schluß unseres Märchens gekannt und in seinen Reisen (S. 53) benutzt. Die meisten dieser volksmäßigen Lügen sind nicht von diesem erfunden, sondern uraltes Gut, und brauchen nur in einem andern Ton erzählt zu werden, um in weitverbreitete Mythen einzugreifen, z. B. das Winden eines Seiles aus Spreu ganz übereinkommend mit dem vinda or sandi síma (Harbardsl. 17), „vinde Reb af Sande og med de Reb op til Maanen löbe“ (Danske Viser 1, Nr. 43 und Anmerk.) und dem latein. ex arena funem nectere, ähnlich der aus Wasser und Wein gedrehten Peitsche; s. Wunderhorn 2, 411 das Dietmarsenlied. Ganz in diesem Geist und ohne Zweifel aus einem Volksmärchen stammend ist was Calderone in der großen Zenobia dem Persius in den Mund legt (Gries 1, 46. 48). Er sollte Trauben für das Heer in einem Weinberg holen, wo jede Beere so groß als ein Faß war. Um sich vor dem Hüter des Bergs, einem Riesen, zu verbergen, machte Persius listig eine Beere hohl und verkroch sich in die Schaale. Der Riese aber bekam Lust zu essen, nahm gerade die Beere, in welcher jener saß und schluckte ihn halbgekaut hinunter. Doch weil er glaubte der Mensch sei der Kern der Beere, spie er ihn wieder aus, so daß er in einem Bogen bis zum Heer funfzig Meilen weit geflogen kam. Um auf den Wall zu gelangen, zog er nun mit einem Strick den Gipfel einer davor stehenden Tanne herab, setzte sich darauf, ließ die Schlinge nach, und ward so auf den Wall hinauf geschnellt. Ein Lügenmärchen schon im Modus florum aus dem 10. Jahrhundert in Eberts Überlieferungen 1, 79. Norwegisch bei Asbjörnsen S. 284, serbisch bei Wuk Nr. 1, slavonisch bei Vogl Nr. 2, wendisch bei Haupt Nr. 2. Vergl. das englische Märchen von Jack und dem Bohnenstengel (s. unten), auch die rabbinischen Mythen bei Helwig Nr. 2 und 3.

[195]

113.
De beiden Künigeskinner.

Aus dem Paderbörnischen. Sehr eigenthümlich, gut und vollständig aufgefaßt. Verwandt mit dem Löweneckerchen (Nr. 88) wegen des Überbietens der falschen Braut, wegen der Verfolgung mit dem Fundevogel (Nr. 51) und dem Liebsten Roland (Nr. 56), auch wegen des Vergessens mit letzterm. Zu vergleichen ist der Orangenbaum und die Birne bei der Aulnoy (Nr. 8). Über die Aufgaben vergl. altd. Wälder 1. Heft 4. Merkwürdig ist der Ausdruck „Arweggers herut“, denn in den eddischen Zwergnamen (Dvergaheiti) kommt auch Aurvagur vor, wenn gleich eine Variante und die Völuspâ „Aurvangur“ lautet. Der frühwachende ist arvakur, ein Stier- und Pferdenamen (Sigurdrifa Str. 17). Vielleicht gibt aber das angelsächsische die beste Auskunft, wonach Arwegger so viel als Ohrwürmchen wäre, eine scherzhafte Benennung der Zwerge, wegen ihrer kleinen krabbelichten Gestalt. Dort nämlich heißt earwigga vermis auricularis, engl. earwig. Im Ungarischen ist das Märchen von der gläsernen Hacke sichtbar verwandt (s. unten).


114.
Das kluge Schneiderlein.

Aus der Schwalmgegend in Hessen. Ganz im Geist des tapfern Schneiders (Nr. 20); das Rathen des Gold- und Silberhaars kommt auch sonst vor. Eine abweichende Erzählung die manches Eigenthümliche hat, in Pröhles Märchen für die Jugend (Nr. 28). In der Bukowina der Zigeuner und der Bär; s. Wolfs Zeitschrift für deutsche Mythologie 1, 360.


115.
Die klare Sonne bringts an den Tag.

Aus Zwehrn. Eine andere Erzählung aus Schwaben bei Meier Nr. 13 und bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 43. Ein [196] tiefes, herrliches Motiv ist hier bürgerlich ausgedrückt. Niemand sah der Mordthat zu, keines Menschen Aug, aber doch die Sonne (Gott), das himmlische Auge. Man hat noch andere Sagen von der Sonne, wie sie sich verhüllt und nicht zuschauen will, wenn eine Mordthat geschehen soll, vergl. Odyssee 20, 356 und das eddische Solarlied 23. Beim Boner (Beispiel 61) kommt dieselbe Sage mit einer anderen Wendung vor. Der König verspricht dem Juden der viel Gold bei sich trägt, Geleit durch einen unsichern Wald. Der Schenk wird dazu aufgeboten, aber diesen treibt die Goldgier selbst zum Mord. Der Jude, als er das Vorhaben merkt, spricht „die Vögel, die hier fliegen, werden den Mord offenbaren“. Der Schenk lacht darüber, und als er das Schwert gezogen hat und ein Rebhuhn daher kommt, spricht er spottend „Jude nimm wahr, das Rebhuhn wirds offenbaren.“ Darauf mordet er ihn, nimmt das Gold und geht heim. Nicht lange, so wird dem König ein Rebhuhn aufgetragen, der Schenk denkt dabei an des Juden Wort und lacht. Der König fragt nach der Ursache, der Schenk offenbart seine That und kommt an den Galgen. Vergleiche Liedersal 2, 601. 602, altd. Blätter 1, 117–119. Hulderich Wolgemut erzählt die Fabel in seinem erneuerten Äsopus (Frankfurt 1623) 2, 465. 66 zwar übereinstimmend mit Boner doch nicht unmittelbar nach ihm. In den Kranichen des Ibycus liegt wieder dieselbe Idee. Daß die Worte eines Sterbenden Gewalt haben, wird schon in Fafnismal als alter Glauben bemerkt. Das Sprichwort „es wird nichts so fein gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen“ (schon im Boner 49, 55 und bei Otaker 663) ist auch hier zu bemerken.


116.
Das blaue Licht.

Aus dem Meklenburgischen. Die Pfeife woraus der Soldat raucht, ist wohl aus einer Flötenpfeife entstanden, welcher die Erdmänner sonst zu gehorchen pflegen, wie in Nr. 91. Das blaue Licht ist ein Irrwisch, dän. Vättelys (Geisterlicht) und Lygtemand, der Herr des Zwergleins. Schärtlins Ausruf war „blau Feuer!“ welche Worte sich auch mehrmals bei Hans Sachs finden. Ähnlich ist die Sage von Albertus Magnus der Nachts die Tochter des Königs [197] von Frankreich in sein Bett holte. Der Vater ließ ganz Paris weiß anstreichen, seine Tochter aber mußte die Hände in rothe Farbe tauchen und das Haus in das sie gebracht wurde damit bezeichnen. So wird der Thäter entdeckt und soll gerichtet werden, aber durch einen Knäuel Garn in welchem Zauberkräfte stecken, entkommt er; s. Görres Meisterlieder S. 195–208. Bei Pröhle Kinderm. Nr. 11 und 67. Dänisch bei Andersen das Feuerzeug Bd. 1. Ungarisch das Tabackspfeifchen bei Gaal Nr. 1.


117.
Das eigensinnige Kind.

Hessisch. Das Herauswachsen der Hand aus dem Grabe ist ein weit verbreiteter Aberglaube und gilt nicht blos von Dieben sondern auch von Frevlern an gebannten Bäumen (Schillers Tell Act 3. Sc. 3) und von Vatermördern (Wunderhorn 1, 226). In Paulis Schimpf und Ernst ist noch eine andere Erzählung von einem Arme der aus dem Grabe hervorreckt (dän. Ausg. S. 218). Es ist nur eine bloße Veränderung der nämlichen Idee, wenn aus dem Hügel und Mund der begrabenen Blumen oder beschriebene Zettel, ihre Schuld oder Unschuld anzuzeigen, hervorwachsen.

Es ist auch Sage und Glaube daß dem welcher seine Eltern schlägt, die Hand aus der Erde wachse: so ist der Fuchsthurm auf dem Hausberg bei Jena der kleine Finger eines versunkenen Riesen der Hand an seine Mutter gelegt hatte.


118.
Die drei Feldscheerer.

Aus Zwehrn. Mit einigen Abweichungen bei Zingerle S. 82. Die Gesta Romanor. (deutsche Ausgabe 1489 Cap. 37, lat. Cap. 76) enthalten ein ähnliches Märchen. Zwei geschickte Ärzte wollen, um allen Zank zu schlichten, ihre Kunst an einander erproben: der sich geringer zeigt, soll des andern Jünger werden. Der eine zieht durch Hilfe einer edlen Salbe ohne Schmerz und Verletzung dem andern die Augen aus, legt sie auf den Tisch und setzt sie eben so leicht [198] wieder ein. Der andere will dasselbe Kunststück auch vollbringen, zieht jenem mit seinen Salben die Augen heraus und legt sie auf den Tisch. Als er sich aber bereitet sie wieder einzusetzen, kommt ein Rabe durch das offene Fenster, holt schnell ein Auge weg und frißts. Der arbeitende ist in Noth, denn kann er das Auge nicht wieder einsetzen, wird er dem andern unterthänig. Da schaut er sich um und erblickt eine Ziege, dieser nimmt er eilends das eine Auge und setzt es seinem Gesellen für das fehlende ein. Als er ihn fragt wie es ihm vorkomme, antwortet er, Verletzung und Schmerz habe er nicht gespürt, aber eins seiner Augen schaue immer über sich zu den Bäumen (wie nämlich die Ziegen nach dem Laub thun), das andere unter sich. Verwandt ist eine altdeutsche Erzählung wie ein künic îsan einer katzen ouge gewan (pfälz. Handschr. Nr. 341 Bl. 274. 275, auch in einer Handschr. zu Wien s. Schlegels Museum 4, 416. Nr. 138). Der König hat ein Auge verloren, ein Meister erbietet sich ihm ein Thierauge dafür einzusetzen. Der König wählt ein Katzenauge das bei Tag und Nacht sehen könne, der Meister setzt es ihm geschickt ein und wird reichlich belohnt. Wenn nun aber der König bei Tisch oder sonst wo sitzt, so schaut das Katzenauge nur nach den Mäusen in den Winkeln und unter den Bänken sich um, Menschen sieht es nicht an; darüber ist der König höchst ärgerlich. Im isländischen heißt ein solcher Katzenäugiger freskr von fres Kater (s. Biörn Haldorson freskr und ófreskr). Das Einsetzen anderer Augen und eines anderen Herzens kommt merkwürdig auch in dem altschottischen Lied von dem jungen Tamlane vor (Ministrelsy of the scottish Border 2, 200). Das Zauberweib, als er aus ihrer Gewalt befreit ist, spricht zu ihm „hätte ich das gewußt, ich hätte dir deine beiden Augen herausgenommen und dir zwei vom Baum eingesetzt, und ich hätte dir dein Herz von Fleisch genommen und dir eins von Stein eingesetzt“; was auch heißen kann „ich hätte dich in einen Baum und in Stein verwandelt, dir das Leben genommen.“ Das erinnert an Hrugnirs steinernes und das seinem Bruder Mokurkalfr eingesetzte Pferdeherz: an den Teufel der den Geisen ihre Augen ausstach und seine eigenen ihnen einsetzte (s. des Teufels Gethier Nr. 148), endlich ist aus Wolframs Wilhelm (1, 146) eines Bildes zu erwähnen, wie Venus dem Tibald sein Herz ausschneidet und das der Arabele hineinlegt. Hans Sachs (2. 4, 148 Kempt. Ausg.) hat einen dem Märchen ähnlichen, nur etwas bäurischen Schwank. Einem Bauern wird [199] vom Doctor der Magen gereinigt und von einem Raben unversehens weggeholt. Der Doctor heilt ihm dafür einen Saumagen in den Leib. Vergl. Fischarts Geschichtsklitterung (1590) S. 74.


119.
Die sieben Schwaben.

Nach einer Erzählung in Kirchhofs Wendunmut (1, St. 274) und einem Meistergesang aus der Handschrift die Arnim besessen hat, (vergl. das daraus entstandene Lied im Wunderhorn 2, 445); an beiden Orten sind es neun Schwaben. Endlich nach einem fliegenden Blatt aus Nürnberg bei Fr. Campe, worauf die sieben Schwaben abgebildet sind und ihre Unterredung in Reimen mitgetheilt ist. Eyering erzählt in seinen Sprichwörtern 2, 227 die Geschichte mit dem Hasen. Dieser läuft vor ihnen über das Querfeld daher, und sie halten ihm den Spieß vor. Der vorderste heißt Ragenohrlin und der letzte der sieben ermuntert ihn zum Vorgehen, aber er antwortet

Ja stündestu he forn als ech,
du würdest nichten also sprech
„Gangk, Ragenohrlin, gangk ran“,
ich must gleichwol zum ersten dran
und wann er mich dan brecht umbs Leben,
so würd ir all die Flucht thun geben.

Zu Wien sind ihrer drei mit dem langen Spieß vor dem Hasen an ein Haus gemahlt, dabei die etwas veränderte Unterschrift

„Veitla, gang du voran,
denn du hast Stiefel an,
daß er dich nit beißen kann.“

S. Tartarus und Elysium von Falk 1806 Nr. 10. Neuerdings ist erschienen „die Geschichte von den sieben Schwaben“ mit zehn lithographischen Darstellungen Stuttg. 1832. 4. Vergl. das altenglische Gedicht the hunting of the hase bei Weber 3, 277–290. Ähnlich ist was in einem holländischen Volksbuch „von drei stolzen Westphälingern“ steht. Sie waren ausgegangen und hörten eine Hummel [200] brummen, da meinten sie die Trommel des Feindes zu hören und huben an zu fliehen. Im Fliehen trat der hinterste auf eine Hopfenstange die auf dem Weg lag, daß ihm die Spitze an sein Ohrläppchen traf. Da rief er erschrocken „ich ergebe mich.“ Die vor ihm liefen, als sie das hörten, riefen gleichfalls „wir auch, ihr Leute, Quartier! Quartier!“


120.
Die drei Handwerksburschen.

Nach einer Erzählung aus Zwehrn und einer andern aus der Leinegegend. In der letztern begräbt der Wirth den Getödteten, aber ein Freund desselben kommt, entdeckt das Pferd im Wirthsstall, und sein Hund scharrt unter der Dachtraufe, wo der Ermordete vergraben liegt, einen Arm heraus, dessen Kleidung er wieder erkennt. Eine schwäbische Erzählung bei Meier Nr. 64, eine aus Holstein bei Müllenhoff Nr. 22. Eine andere aus dem Harz bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 169. Bonaventure de Periers († 1544) schrieb eine Sammlung von Erzählungen wahrscheinlich nach mündlichen Überlieferungen, die zuerst Paris 1558, dann mit Anmerkungen von de la Monnoge 1568 und öfter erschien, in der Ausgabe von Amsterdam 1735 (Contes et nouvelles récréations et joyeux devis 3 Bände in 8) 1, 229–232 unter Nr. 22 befindet sich unser Märchen, de trois frères qui cuidèrent être pendus pour leur latin. Sie wiederholen beständig die Worte nos tres clerici, pro bursa et pecunia, dignum et justum est. Im Pfaffen Amis kommt ein Schwank vor, der darauf begründet ist, daß er einen bewegt auf alles nichts zu antworten, als „das ist wahr!“ Hierher gehört ein ungarisches Märchen bei Stier S. 25.


121.
Der Königssohn der sich vor nichts fürchtet.

Aus dem Paderbörnischen; doch ist die Überlieferung schon verwirrt oder getrübt. Das ganze erinnert etwas an die Thaten des [201] Herkules. Die Erlösung der Jungfrau wird ähnlich erzählt in einem Märchen aus Thüringen bei Sommer S. 122, auch gehört Nr. 11 bei Müllenhoff hierher.


122.
Der Krautesel.

Aus Deutschböhmen. Merkwürdig ist die Verwandelung der Menschen in Esel, die man schon aus dem Apulejus kennt. Hierzu stimmt noch näher eine Volksage die Prätorius vielfach gehört hat und in der Weltbeschreibung 2, 452. 455 (vergl. Zeileri epistolae 2, 956 folg. ep. 575) mittheilt. Ein Bürgerssohn aus Brück in Sachsen geht unter die Schweden und liegt eine Zeitlang in einer schlesischen Stadt, wo er eine Liebschaft mit der schönen Tochter einer armen Wittwe anfängt und sich mit ihr verlobt. Als er fortzieht und Mutter und Tochter mit Nachholung vertröstet, merkt jene daß er es nicht aufrichtig meint und spricht „dein Bräutigam wird dich wohl sitzen lassen, ich will ihn dafür zum Esel machen“. Die Tochter antwortet „will er so untreu handeln, so ist er nichts besseres werth“. Der Reiter zieht fort, als er aber ein wenig nachreitet und an einen Strauch kommt, meint er es sei Noth einmal abzusteigen; wie er aber abgestiegen ist, wird er alsbald zum Esel, bleibt auch bei seinem Pferde stehen. Nun kommen andere, behalten das Pferd und verkaufen den Esel einem Müller zum Sackträger. Aber er ist muthwillig und wirft alle Säcke herab, so daß ihn der Müller einem andern Müller verkauft, wo aber der Menschesel sich nicht frömmer verhält, ja er schreit einmal laut und schlägt aus, als der Müller mit der Magd scherzen will, und wird nun weiter und gerade in die Stadt verkauft, wo er zum Esel geworden war. Als er einst mit seinem Sacke an dem Hexenhause vorübergeht und eben Mutter und Tochter vor der Thüre stehen, spricht diese „ei, Mutter, seht da unser Eselchen! könnte der nicht wieder zu einem Menschen werden?“ „Ja“, antwortet die Mutter, „wenn die Lilien blühen und er davon ißt, so kann es geschehen“. Das hört der Esel und als die Lilien blühen und in der Apotheke ein Topf damit angefüllt etwas hoch steht, wirft er im Vorbeigehen seinen Sack zur Erde, springt hinauf, erschnappt die Lilien [202] und wird alsbald wieder zum Menschen, steht aber nackend da. Nun lassen wir die sehr abweichende Erzählung unseres Märchens aus Zwehrn folgen. Drei Soldaten waren so alt und schwach daß sie keine Libermilch mehr beißen konnten, da schickt sie der König fort ohne ihnen einen Gehalt auszusetzen, also daß sie mußten betteln gehen. Sie kommen durch einen großen Wald. Abends legen sich zwei nieder, und der dritte muß Wache halten, damit sie nicht von den wilden Thieren im Schlaf zerrissen werden. Wie jener nun da steht, kommt ein klein Männchen in rothem Kleid und ruft „wer da?“ „Gut Freund“, antwortet der Soldat. „Was für gut Freund?“ „Drei alte abgedankte Soldaten die nichts mehr zu leben haben.“ Da schenkt ihm das Männlein einen Mantel der sah alt aus, aber wenn man ihn umhängte und wünschte etwas, gieng es in Erfüllung; doch soll er es seinen Kameraden erst bei Tag sagen. Eben so erhält der zweite in der nächsten Nacht einen Beutel voll Geld der nicht leer wird; der dritte in der folgenden ein Horn, wenn man darauf bläst, kommen alle Völker zusammen. Nun ziehen sie eine Zeitlang in Wohlleben umher, endlich wünschen sie sich ein Schloß und dann einen Wagen mit drei Schimmeln. Wie das alles beisammen ist, fahren sie zu einem König der nur eine Tochter hat, und geben sich für Königssöhne aus. Der eine spielt mit der Jungfrau, und als sie merkt daß er einen Wunschbeutel hat, so macht sie ihn trunken, bis er einschläft: dann näht sie einen Beutel der jenem ganz gleich sieht und vertauscht ihn damit. Am andern Morgen fahren sie wieder fort, und der Betrug kommt bald an den Tag. „Ach“, ruft er, „nun sind wir arme Leute“! „Laß dir keine graue Haare wachsen“, spricht der andere, „den Beutel will ich bald wieder haben“, hängt den Mantel um und wünscht sich in die Kamer der Königstochter. Die sitzt da und zählt Geld aus dem Beutel. Wie sie den Mann sieht, erschrickt sie gewaltig, schreit „Räuber! Räuber!“ so daß der ganze Hof gelaufen kommt und ihn fangen will. In der Hast springt er zum Fenster hinaus und läßt den Mantel hangen, wie er nun wieder zu seinen Gesellen kommt, haben sie nur noch das Horn, doch damit wollen sie sich helfen. Es wird ein ganzes Heer zusammen geblasen, damit rücken sie in das Königreich und lassen dem König sagen wenn er nicht Beutel und Mantel herausgebe, solle von seinem Schloß kein Stein auf dem andern bleiben. Der König redet seiner Tochter zu, aber diese will erst List versuchen, zieht sich an wie ein armes Mädchen, [203] nimmt einen Henkelkorb an den Arm und geht hinaus ins Lager, allerlei Getränk zu verkaufen; auch nimmt sie ihre Kamerjungfer als Begleiterin mit. Draußen fängt sie an zu singen, so schön daß das ganze Heer zusammenlauft sie zu hören, und die Zelte leer werden; auch kommt der welcher das Horn hat, herbei. Nun gibt sie der Kamerjungfer ein Zeichen, die schleicht sich in sein Zelt, nimmt das Horn und lauft ins Schloß. Mit dem Horn kann die Königstochter leicht das Heer überwältigen und hat alle drei Wunschdinge in ihrer Gewalt. Als die drei Kameraden wieder allein beisammen sind spricht der welcher den Beutel hatte „wir müssen uns trennen, geht ihr dort hinaus, ich will hier hinausgehen“. Also geht er allein, kommt in einen Wald und legt sich unter einen Baum schlafen; wie er wieder aufwacht, sieht er daß es ein Apfelbaum ist voll prächtiger Früchte. Vor Hunger bricht er einen ab und ißt ihn und dann noch einen. Da fängt ihm seine Nase an zu wachsen, wächst und wird so lang daß er nicht mehr aufstehen kann, und wächst durch den Wald und sechszig Meilen noch hinaus. Seine zwei Kameraden gehen aber in der Welt herum und suchen ihn, auf einmal stößt der eine an etwas und tritt auf was weiches. „Ei“, denkt er, „was soll das sein!“ Da regte es sich und war eine Nase. Sprechen sie „wir wollen der Nase nachgehen“, und so kommen sie endlich in den Wald zu ihrem Kameraden, der liegt da, kann sich nicht rühren noch regen. Sie nehmen eine Stange, wickeln die Nase darum und wollen sie in die Höhe heben, aber es wird zu schwer. Da suchen sie im Wald einen Esel, darauf legen sie ihn und die lange Nase auf zwei Stangen und führen ihn fort; und wie sie ein Eckchen weit gezogen sind, ist die Last so groß daß sie ruhen müssen. Da erblicken sie neben sich einen Baum mit schönen Birnen, und hinter dem Baum kommt das kleine rothe Männchen hervor und sagt zu dem Langnasigen „iß eine von den Birnen, so fällt dir die Nase ab“. Das thut er, und die lange Nase fällt ab, und er behält nicht mehr als er zuvor hatte. Nun spricht das Männlein weiter „bereite ein Pulver von den Äpfeln und den Birnen, wer von jenem ißt, dem wächst die Nase, und wer von diesem ißt, dem fällt sie wieder ab. Hernach geh zur Königstochter und gib ihr erst von den Äpfeln und von dem Pulver, so wächst ihr die Nase noch zwanzigmal länger als dir; aber halt dich fest“. Da folgt er dem Rath, geht als Gärtnersbursch an des Königs Hof und sagt er hätte Äpfel wie in der Landschaft keine wüchsen. Die Königstochter [204] kauft und ißt zwei mit Lust davon. Nun fängt ihr die Nase an zu wachsen, so stark daß sie vom Sessel nicht aufstehen kann sondern umfällt. Die Nase wächst aber sechszig Ellen um den Tisch, sechszig um ihren Schrank, hundert ums Schloß und noch zwanzig Meilen zur Stadt hinaus. Der König läßt ausschreiben wer ihr helfen könne, der solle reich gemacht werden. Nun meldet sich der alte Soldat als Doctor und gibt ihr von dem Apfelpulver, da fängt die Nase von neuem an zu wachsen und wird noch zwanzigmal größer. Wie die Angst bei ihr auf dem höchsten Grad ist, gibt er ihr von dem Birnenpulver, da wird die Nase ein wenig kleiner. Aber am andern Morgen, um die Falsche recht in Noth zu bringen, gibt er ihr wieder von dem Apfelpulver, so daß die Nase aufs neue wächst und sie viel mehr zunimmt als sie gestern abgenommen hatte. Er spricht sie müßte einmal etwas entwendet haben, wenn sie das nicht herausgebe, helfe kein Rath. Sie will von nichts wissen, er droht ihr mit dem Tod. Da sagt der König „gib Beutel, Mantel und Horn heraus, die du entwendet hast“. Da muß die Kamerjungfer die drei Stücke holen, und wie sie der Arzt hat, gibt er der Königstochter von dem Birnenpulver die rechte Menge: alsbald fällt die Nase ab und 250 Männer müssen kommen und sie zerstücken. Er aber geht vergnügt mit seinen wiedererlangten Wunschdingen heim zu seinen Kameraden. Mit dieser Erzählung stimmt eine andere in Kleists Zeitschrift Phöbus 1808 S. 8–17. Manches abweichende bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 18.

Es ist hier am deutlichsten die Sage vom Fortunat, die sich auch als eine deutsche ausweist, denn nach dem Volksbuch ist diese Erzählung offenbar nicht gemacht, wo sie viel alterthümlicher und einfacher ist; vergl. Nr. 36 und 54. Der Wünschmantel und das Horn kommen da gar nicht vor sondern ein Hut und ein Seckel. Die Gesta Romanor. (lat. Ausg. Cap. 120, deutsche Ausg. Cap. 8) haben alles noch viel einfacher, im Fortunat wachsen statt der Nasen Hörner, dort entsteht der Aussatz. Eben so kommen in Helwigs jüdischen Geschichten Nr. 38 zwei Äpfelbäume vor, die Frucht des einen macht aussätzig, die des andern heilt. Da die Alten schon, wie wir, mancherlei Sprichwörter von der langen Nase hatten, so mag ihnen auch eine ähnliche Fabel bekannt gewesen sein, z. B. bei Martial nasus qualem noluerit ferre rogatus Atlas. Der D. Faust kann [205] sich auf eine wirkliche Person gründen, um die sich viele ältere Sagen gesammelt haben, aber sein Name ist mythisch, und weil er den Wünschmantel besitzt, heißt er der Begabte, das Glückskind, Wünschkind faustus wie fortunatus. Das gedruckte Buch wurde zuerst im 15. Jahrh. vermuthlich aus Volkssagen spanisch niedergeschrieben, wie schon die Eigennamen darin Andolosia, Ampedo, beweisen. Verwandt ist in der Erfurter Sammlung das Vögelchen mit dem Goldei. Vergl. Fortunatus und seine Söhne von Thomas Decker. Aus dem Englischen mit einem Anhang über das Märchen dieses Kreises von Fr. Wilh. Val. Schmidt. Berlin 1819. Es soll auch ein altfranzösisches Fabliau davon geben.


123.
Die Alte im Wald.

Aus dem Paderbörnischen. Das Ganze hat Ähnlichkeit mit Joringel und Jorinde (Nr. 69). Die Alte ist die Hexe im Märchen von Grethel und Hänsel (Nr. 16), eine Circe welche die Menschen einfängt und in Thiere verwandelt. Die Idee von einem sich belebenden Baum auch in einem Liede des Dürner (M. S. 2, 209a),

Mir getroumte ein troum,
des ist nicht lanc:
kunden gesten disiu mære diu sag ich,
Wie ein rôseboum
hôch unde kranc
mit zwein blüenden esten umbe vienge mich.
Dar under vant ich viôl und der rôsen smac.
daz erschein ich mir,
sò sie nù mac,
daz ir umbevanc mich bindet halben tac,
gestate ichs ir.

[206]

124.
Die drei Brüder.

Aus der Schwalmgegend, doch auch sonst vielfältig gehört, hier am vollständigsten. Es ist ein altes Scherz- und Lügenmärchen und wahrscheinlich sehr verbreitet; in Baiern ist es auch bekannt, wie man aus Schmellers baier. Mundarten (S. 484. 485) sehen kann. Im 16. Jahrh. kam eine Sammlung solcher Scherze in Frankreich heraus von Philipp d’Alcripe (Picard) Herr von Neri (rien) in Verbos (Vertbois), wo dieses sich auch unter andern findet. In der neu eröffneten Schaubühne menschlicher Gewohn- und Thorheiten (o. O. u. J. wahrscheinlich bald nach dem 30jährigen Krieg) werden S. 88–92 ähnliche Aufschneidereien zusammengestellt. Darin heißt es „damit ich allhier jenes vierjährigen Kindes, welches mit einem schweren breiten Säbel so meisterlich fechten können daß ihm in vollem Regen kein einziger Tropfen aufs Haupt gefallen, keine Meldung thue.“ „Item, jener Goldschmied welcher einer Mucken unter jeden Fuß ein güldenes Hufeisen mit 24 Nägeln angeheftet.“ Vergl. das Märchen von den vier kunstreichen Brüdern (Nr. 129).


125.
Der Teufel und seine Großmutter.

Aus Zwehrn. Abweichend ist eine Erzählung aus Deutschböhmen. Die drei Soldaten waren auf ihrer Flucht unter einen Birnbaum gekommen, wo der eine in der Noth ausrief „ich wollte daß uns der Teufel holte!“ Worauf der Teufel sogleich erschien, den Vertrag mit ihnen abschloß und sie aus ihrer Lage befreite. Sie mußten nun ein Jahr in der Hölle bleiben, bis die Zeit kam, wo ihnen der Teufel die Räthsel vorlegen sollte; doch durften sie zuweilen in der Gegend spazieren gehen. Dem Lucifer (der stets zurückbleibt und nur die Teufel, seine Boten, aussendet) war aber gleichfalls nicht wohl dabei zu Muthe, er dachte der Teufel legt den Kerlen keine rechte Räthsel vor und wird von ihnen geprellt. Eines Tages giengen die dreie spazieren, waren betrübt, sonderlich die beiden die [207] nichts gesprochen hatten, warfen dem einen vor daß er sie mit dem leichtsinnigen Wort, das ihm entfahren, ins Unglück gebracht habe. „Du mußt uns nun auch helfen“, sprachen sie, „sonst soll dirs schlimm ergehen.“ „Ei was“, antwortete er, „von den drei Räthseln wird sich eins wenigstens rathen lassen“. Gieng darauf ein wenig allein, die Sache mit sich selbst zu überlegen, und als er einen hohen Birnbaum bemerkte, stieg er hinauf und besah sich die Gegend. Indem erblickt er den Lucifer und den Teufel, die auch spazieren giengen und sich gerade unter den Birnbaum setzten, da auszuruhen. „Hör einmal“, sprach Lucifer, „was für Räthsel hast du wohl, die du ihnen aufgeben willst, mir ist bang, sie rathens: so abgedankte Soldaten sind teufelsklug“. „Da kannst du ruhig sein“, antwortete der Teufel, „das rathen sie nimmermehr. Erstens will ich ihnen eine Bockshaut geben, aber in niederländisch Tuch verwandeln; zweitens will ich auf einem Ziegenbock geritten kommen, der wird ihnen als das schönste Pferd erscheinen; drittens will ich ihnen einen Becher aus Pech zeigen, den sie für den schönsten Goldbecher halten werden“. Da denkt der oben auf dem Baum „jetzt ists schon gut,“ sagt aber den zwei andern nichts davon. Am bestimmten Tag kommt der Teufel, die zwei andern werden richtig von ihm genarrt, aber der dritte sagt ihm ins Angesicht „dein niederländisch Tuch ist eine stinkende Bockshaut: dein Pferd ein alter Ziegenbock, für dich gut, für uns zu schlecht: dein Goldbecher ein alter Pechkübel, weiter nichts. Nun verlang ich Geld von dir Zeit meines Lebens“. Da muß der Teufel im höchsten Ärger Folge leisten und Geld, so viel sie begehren, an den Ort hintragen, wo sie den ersten Vertrag geschlossen hatten. Damit vergleiche man bei Pröhle Kinderm. Nr. 19. Das Märchen ist im Grund ähnlich dem Teufel mit den drei Goldhaaren (Nr. 29), wo ihm das Geheimnis abgelauscht wird wie dem Rumpelstilzchen (Nr. 55) und dem Fischer in der Hervarar Saga S. 182. Die Peitsche ist eine bei Gold anschlagende Wünschelruthe. Das Ganze hat etwas nordisches in seinem Wesen, der Teufel erscheint als ein ungeschickter, überlisteter Jote, vor allem nordisch ist das Räthsel; auch das Verstecken des menschlichen Ankömmlings durch die Riesenfrau, Tochter, ist ein alter Zug (s. Hymisquida Str. 8 Anmerk. 20).

[208]

126.
Ferenand getrü un Ferenand ungetrü.

Aus dem Paderbörnischen, doch scheint dies schöne Märchen nicht vollständig, es müßte im Zusammenhang stehen, wenn der Schimmel zuletzt ein Königssohn wird. Der ungetreue Ferdinand läßt sich mit dem ungetreuen Sibich der altdeutschen Sage vergleichen, der durch falschen Rath Verderben stiftet: der getreue dagegen dem Sohne Ermenrichs, den jener in böser Absicht ausschickt, des Vaters Braut zu holen; die Braut will ihn auch lieber als den alten König. Wegen des Schlusses ist die jüdische Sage in der Anmerkung zum Märchen von der Bienenkönigin (Nr. 62) nachzusehen. Der rothe Faden am Hals des wieder lebendig gemachten ist sagenmäßig; s. Armer Heinrich S. 192. Über das Gevatterbitten vergl. den Gevatter Tod (Nr. 44). Die Flöte die rettet, gleicht Arions Laute, das getreue Pferd dem Bayard, Falada dem Schemik (altdeutsch Scheming Schimmel, isl. Skemmingur) der böhmischen Sage und dem Grani der nordischen. Zu merken sind die Schriften der Königin, entweder gestickte Kleider, wie das isländ. skript und bökur (Bücher, Zeichnungen, Stickereien) oder Runenstäbe; wenigstens ist die gefundene Schreibfeder gewis ein solcher. Die Verse, wie gewöhnlich die Reden der Vornehmen, sind hochdeutsch, das pflegen die Erzähler fast immer so zu halten, wo sie beide Sprachen verstehen, wie dies im Paderbörnischen häufig ist, und die höhere Mundart bezeichnet dann die Sprache der Vornehmen und der Poesie. Im Pentamerone Corvetto (3, 7), bei der Aulnoy la belle aux cheveux d’or (Nr. 2), bei Tabart Fortunio (2, 148) sind verwandt.


127.
Der Eisenofen.

Aus Zwehrn, eine andere abweichende Erzählung aus Cassel. Ein Mädchen war einmal in einem großen Wald mutterselig allein, da kommt ein Schwan gegangen, der gibt ihm ein Knauel Garn und spricht „ich bin ein verzauberter Königssohn, wenn du das Garn [209] abwickelst, an dem ich fortfliege, so kannst du mich erlösen, aber hüte dich daß es nicht entzwei bricht“. Das Mädchen fängt an abzuwickeln, und der Schwan steigt in die Luft: es wickelt den ganzen Tag, so daß das Ende des Fadens schon zu sehen ist, da bleibt er unglücklicherweise an einem Dornstrauch hangen und bricht ab. Das Mädchen weint, und da es Nacht wird, geräth es in Angst, fängt an zu laufen und kommt endlich zu einem Haus dessen Licht es hatte leuchten sehen. Es klopft an, ein altes Mütterchen tritt heraus, „ei, mein Kind“, spricht es, „wo kommst du so spät her?“ Es bittet um Brot und Herberge. „Das ist ein schwer Ding, mein Mann ist ein Menschenfresser, kommt der heim, so frißt er dich, und bleibst du im Wald, so fressen dich die wilden Thiere: doch tritt herein, ich will sehen ob ich dir durchhelfen kann“. Sie gibt ihm ein wenig Brot und versteckt es unter das Bett. Vor Mitternacht, wenn die Sonne völlig untergegangen war, kam jedesmal der Menschenfresser nach Haus, vor Sonnenaufgang gieng er wieder hinaus. Wie er eintritt, spricht er gleich „ich wittre, wittre Menschenfleisch!“ greift unter das Bett und zieht das Mädchen hervor, „das ist noch ein guter Bissen!“ „Ach“, spricht die Frau, „heb dirs zum Frühstück auf, es ist doch nichts da“. Er läßt sich überreden, und schläft ein. Vor Sonnenaufgang kommt die Alte zum Mädchen und spricht „eil dich und lauf fort, da schenk ich dir ein goldenes Spinnrädchen, ich heiße Sonne“. Das Mädchen geht fort, den ganzen Tag bis zur Nacht, da kommt es an ein Haus, worin wieder eine Alte und ein Menschenfresser wohnt, und wo es wie am vorigen Abend hergeht. Beim Abschied gibt die Alte ihm eine goldene Spindel und spricht „ich heiße Mond“. Am dritten Abend wiederum dasselbe Ereignis, die Alte schenkt ihm einen goldenen Haspel und spricht „ich heiße Stern“. Dann sagt sie ihm auch der König Schwan, obgleich das Garn nicht ganz abgewickelt worden, sei doch so weit erlöst daß er seine menschliche Gestalt wieder erlangt habe und in großer Herrlichkeit in seinem Reich auf dem Glasberg sitze, wo er sich verheirathet habe. Heut Abend werde es an den Glasberg kommen, aber ein Löwe und ein Drache liege davor, die solle es mit Brot und Speck besänftigen, welches sie ihm auch noch gibt. Nun geht das Mädchen fort, bis es zu dem Berg kommt, da wirft es den Ungeheuern das Brot und den Speck in den Rachen, damit sie es durchlassen; so langt es bis ans Schloßthor, aber das wollen ihm die Wächter nicht öffnen. Es setzt sich außen hin und spinnt auf [210] dem goldnen Rädchen, die Königin sieht von oben zu und will das Rädchen haben. Das Mädchen verlangt dafür eine Nacht neben dem Schlafzimmer des Königs zubringen zu dürfen. Da singt es nun, als der König im Bett liegt,

„Denkt der König Schwan
nicht an seine versprochene Braut Julian?
die ist gegangen durch Sonne, Mond und Stern,
durch Löwen und durch Drachen:
will der König Schwan denn gar nicht erwachen?“

Aber der König hört es nicht, weil ihm die listige Königin einen Schlaftrunk gemischt hatte. Das Mädchen gibt für die zweite Nacht seine Spindel und für die dritte seinen goldenen Haspel; weil es aber den Betrug gemerkt hat, so bittet es den Diener diesmal dem König den Schlaftrunk mit einem andern zu vertauschen. Als es nun wieder zu singen anfängt, hört es der König, erkennt die Stimme des Mädchens, und am andern Morgen läßt er sich von seiner bisherigen Gemahlin scheiden, schickt sie zu ihrem Vater zurück und vermählt sich mit dem treuen Mädchen das ihn erlöst hat. Diese Erzählung enthält den Theil des Märchens, in welchem es mit dem Löweneckerchen (Nr. 88) und mit dem Schluß der beiden Königskinder (Nr. 113), auch mit Pintosmauto im Pentamerone (5, 3) verwandt ist. Dagegen enthält eine andere, aus den Maingegenden, auf abweichende Art den Eingang unseres Märchens. Ein König verirrt sich auf der Jagd, ein kleines weißes Männchen erscheint und zeigt ihm den Weg, wofür er diesem seine jüngste Tochter verspricht. „In acht Tagen“, ruft es beim Abschied, „komm ich und hol meine Braut“. Den König reut das in der Angst gegebene Versprechen, als der bestimmte Tag kommt, wird die Kuhhirtentochter, mit königlichen Kleidern angethan, in das königliche Zimmer gesetzt. Ein Fuchs kommt und spricht zu ihm „setz dich auf meinen rauhen Schwanz, hurleburlebutz! hinaus in den Wald“. Das Mädchen folgt und der Fuchs trägt es auf seinem Schwanz hinaus. Wie sie auf einen grünen Platz kommen und die Sonne hübsch warm scheint, spricht er „steig ab und laus mich“. Das Mädchen gehorcht. Bei der Arbeit spricht es „gestern um die Zeit wars schöner im Wald“. „Wie bist du in den Wald gekommen“ spricht der Fuchs. „Ei, da hab ich meinem Vater die Kühe gehütet.“ „Also bist du nicht die [211] Königstochter! setz dich auf meinen rauhen Schwanz, hurleburlebutz! zurück in das Schloß!“ Der Fuchs verlangt nun die rechte Braut vom König und will in acht Tagen wiederkommen. Sie geben ihm aber die verkleidete Gänsehirtentochter, doch die verräth sich auch beim Lausen, indem sie ausruft „wo mögen jetzt meine Gänse sein!“ Sie muß wieder auf dem Schwanz des Fuchses zurück, der droht dem König, wenn er nicht die rechte Braut in acht Tagen erhalte. Nun wird sie ihm aus Furcht gegeben. Draußen als sie den Fuchs lausen muß, spricht sie „ich bin eines Königstochter und soll einen Fuchs lausen! säß ich jetzt daheim in meiner Kammer, könnte ich in meinem Garten die Blumen sehen!“ Da erkennt der Fuchs daß es die Königstochter ist und verwandelt sich in das weiße Männchen, bei dem muß sie in einer kleinen Hütte wohnen und den Haushalt führen; das Männchen thut ihr aber alles zu Liebe. Einmal spricht es zu ihr es würden drei weiße Tauben geflogen kommen, die mittelste solle es ergreifen und ihr den Kopf abschneiden, aber ja die mittelste. Das thut es und alsbald verwandelt sich die Taube in einen schönen Königssohn, der sagt daß er durch Bezauberung sieben Jahre lang habe die menschliche Gestalt verlieren müssen und nur auf diese Art Erlösung erlangen können. Andere Erzählungen bei Müllenhoff Nr. 2, bei Colshorn Nr. 20 und bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 4. Das Unterschieben der falschen Braut, die sich zu leicht an ihres Vaters unkönigliches Handwerk erinnert, kommt in der Volsungasage Cap. 21 schon vor; vergl. altd. Wälder 1, 71. Der dunkle und feurige Ofen, worein der Königssohn verwünscht ist, bedeutet ohne Zweifel die Hölle, Unterwelt, den Orcus, wo der finstre Tod haust, aber auch die Schmiedeesse steht. Damit erklärt sich die noch jetzt gebräuchliche Redensart „etwas Geheimes dem Ofen sagen, den Ofen um etwas bitten.“ In andern Sagen ist es Stein oder eine Steinsäule, der man das Geheimnis entdeckt (Büschings Volkssagen S. 66 und 363). Man gräbt auch ein Loch in die Erde und spricht es hinein (Eyering Sprichwörter 1, 290); vergl. Wuk serbische Märchen S. 227. So schwuren die Alten bei der Unterwelt, wo der gerechte Todtenrichter, Höllenrichter wohnt. Deswegen spricht das Gänsmägdlein zum Ofen (Nr. 89 vergl. Erdmännlein Nr. 91) und enthüllt ihm die geschehene Unthat, die sie keinem Menschen offenbaren darf. Auch das Wort Eisenofen ist alterthümlich und nicht sowohl auf einen eisernen zu deuten als auf das alte Eitofan [212] Feuerofen, Camin zurückzuführen (von eit Esse, Feuer). Wie man hier über schneidende Schwerter geht, so in einem ungarischen Märchen über eine Brücke von Rasiermessern; s. Mailath 2, 189.


128.
Die faule Spinnerin.

Aus Zwehrn. Ähnliche Idee im Pentamerone (4, 4) und in einer altdeutschen Erzählung von der Minne eines Albernen (altd. Wälder 3, 160–163 und Hagens Gesamtabenteuer 2, 141). Vergl. die drei Spinnerinnen (Nr. 14) und Cap. 125 in Paulis Schimpf und Ernst (1535. fol.). Der Baum im Wald ist ein Spindelbaum, Spill-Spulbaum, lat. fusarius, franz. fusain von fuseau Spindel, evonymus (Gerberts gloss. theotisca p. 139 Graff Sprachsch. 5, 334), also ein Glück oder Unglück bedeutender Wünschelbaum; vergl. in Biörns isländ. Wörterb. hesputré und hespulägt-tré.


129.
Die vier kunstreichen Brüder.

Aus dem Paderbörnischen. Verwandt mit dem Märchen von den drei Brüdern (Nr. 124), obgleich dem Inhalte nach verschieden. Näher stehn aber die italienischen im Pentamerone (5, 7), bei Mortini Nr. 80 und bei Straparola (7, 5); auch ein ungarisches bei Stier S. 61 gehört hierher und ein russisches bei Dieterich Nr. 3.

In dem persischen Tuhti Nameh hat die vierte Erzählung des Papageien Ähnlichkeit. Es sind drei Jünglinge, wovon der erste mit der Eigenschaft begabt ist, zu wissen wo etwas Verlorenes sich befindet, so wie er auch die Zukunft voraussieht; der zweite hat ein künstliches Pferd von Holz gemacht, womit er nach Gefallen in der Luft herumreiten kann; der dritte ist ein Bogenschütze und sein Pfeil trifft unfehlbar. Sie entdecken durch ihre Künste die schöne Jungfrau, die eine Zauberin auf einen hohen, unersteiglichen Berg gesetzt hat, und führen sie fort, aber es entsteht nun Streit welchem sie angehöre. [213] Vergl. Ssidi Kur und ein Märchen der Neger bei Kölle S. 145.


130.
Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein.

Aus der Oberlausitz. Dies schöne Märchen hat Th. Pescheck in Büschings wöchentlichen Nachrichten 2, 17–26 mitgetheilt, woher wir es entlehnt, doch in unsere Weise umgeschrieben haben. Es wird auch am Rhein erzählt, wo es aber acht Schwestern sind, deren jede ein Auge mehr hat. Zweiäuglein ist das Aschenbrödel und die weise Frau die sich seiner Noth erbarmt, wahrscheinlich seine rechte verstorbene Mutter. Auch der Gang des Ganzen hat offenbar Ähnlichkeit, der Gold und Silber abschüttelnde Baum, der Freier dessen Verlangen die rechte Braut allein erfüllen kann. Das Eingeweide der Ziege welches eingegraben wird und woraus der Wunderbaum sproßt, ist das Herz, das ja auch von jenem Goldvogel (Nr. 60) und dem Krautesel (Nr. 122) genommen wird und das den Reichthum bringt. Die Idee von einem Auge ist häufig und aus dem Märchen von Polyphem bekannt, Odin ist einäugig und die griechische Mythe kennt einen Jupiter mit drei Augen.


131.
Die schöne Katrinelje.

Aus dem Paderbörnischen. Etwas verschieden in Bremen, der Vater Bürstenbinder heißt Ohnethee, der Bräutigam Pichelpachelpaltrie, die Mutter Dorothee, der Bruder Ohnestolz, die Schwester Kieseltraut und die Braut Katherliese. Die Begrüßungen, Fragen und Antworten wie in unserm Märchen, nur die Reime etwas verschieden,

„Wo ist denn die Mutter Dorothee?“
„Sie ist in der Küche und kocht den Thee“.
„Wo ist der Bruder Ohnestolz?“
„Er ist im Stall und hackt das Holz“.

[214]

„Wo ist die Schwester Kieseltraut?“
„Sie ist im Garten und hackt das Kraut“.
„Wo ist die Katherliese?“
„Sie ist im Hanf und pflückt Radiese“.

Hernach geht die Mutter zu der Gevatterin und spricht „guten Tag, Frau Gevatterin“. „Schönen Dank, Frau Gevatterin, wo will sie hin?“ „Noch Witzenhausen (in Hessen), Frau Gevatterin.“ „Was will sie da machen, Frau Gevatterin?“ „Rosmarin holen, Frau Gevatterin“. „Was will sie damit machen, Frau Gevatterin?“ „Weiß sie nicht daß meine Tochter eine Braut ist, Frau Gevatterin?“ „Wen hats denn, Frau Gevatterin?“ „Rath sie einmal, Frau Gevatterin“. „Einen Doctor?“ „Viel besser“. „Einen Professor?“ „Noch besser“. „Wohl gar einen Besenbinder?“ „Sie hats gerathen“. „Was kriegts alle mit, Frau Gevatterin?“ „Eine Metze Hotzeln, eine Metze Schnitzeln, einen Bieterwamsrock, Schürzenfleckeln, einen Heller an baarem Geld. Ists nicht genug, Frau Gevatterin? kostet eine Tochter nicht viel, wenn sie heirathen thut?“ Auch hat man in Bremen noch den Reim

„Bürstenbinders Tochter und Besenbinders Sohn,
die haben sich versprochen, sie wollen einander hon.“
Die Mutter kam gelaufen und schrie im Laufen laut
„Victoria! Victoria! meine Tochter ist ’ne Braut!
und wenns erst zusammen sind und haben dann kein Haus,
so setzens sich ins Körbel ein und gucken oben heraus.“

In dieser Weise abgefaßt ist auch ein Volkslied aus dem Kuhländchen bei Meinert 1, 241. Noch ist zu vergleichen Kuhn Nr. 2.


132.
Der Fuchs und das Pferd.

Aus Münster. Verwandt ist das Ganze mit dem Märchen vom alten Sultan (Nr. 48). Hierher gehört auch die 7te Fabel von dem Wolf und dem Esel in den Extravaganten bei Steinhövel (1487 Bl. 50. 51), abgedruckt im Reinhart Fuchs 424.

[215]
133.
Die zertanzten Schuhe.

Aus dem Münsterland. Der Zug daß der Soldat einen Schwamm unter das Kinn bindet, in welchen er den Schlaftrunk laufen läßt, ist aus einer andern paderbörnischen Erzählung aufgenommen, die noch folgendes abweichende hat. Es sind nur drei Königstöchter, deren Schuhe jeden Morgen entzwei gefunden werden. Wer die Ursache herausbringt, soll die jüngste zur Gemahlin haben, wer es aber nicht vermag, das Leben verlieren. Zwölf sind schon aufgehängt, da meldet sich der Soldat als der dreizehnte. Er schleicht ihnen Nachts durch den heimlichen Gang nach (den unsichtbarmachenden Mantel hat er noch nicht). Die drei Fräulein gehen bis zu einem See, da stehen drei große Riesen, jeder nimmt eine von ihnen auf den Nacken und trägt sie durch das Wasser zu einem kupfernen Schloß. Der Soldat kann nicht nach, da erblickt er einen Löwen und einen Fuchs, die haben einen Mantel und ein paar Stiefeln, wenn man die anthut, so kommt man hin wo man sich hinwünscht. Die beiden streiten sich wer die Wunschdinge haben soll, da spricht er „geht dreißig Schritte weit, dann fangt an zu laufen, wer am ersten wieder hier ist, soll sie haben.“ Kaum sind sie fort, so zieht er die Stiefel an, hängt den Mantel um und wünscht sich zu den drei Königstöchtern. Er setzt sich unsichtbar zu der ältesten und ißt ihr alles vor dem Mund weg. Nach dem Essen fängt der Tanz an, und sie tanzen so lang bis ihre Schuhe Löcher haben, dann tragen die Riesen sie wieder über den See zurück. Er wünscht sich in sein Bett, so daß sie ihn wie in tiefem Schlafe finden. In der zweiten Nacht geht es ebenso, das Schloß ist silbern und der Soldat setzt sich zu der zweiten. In der dritten Nacht ist es golden, und er sitzt bei der dritten, der zugesagten Braut. Am dritten Tag entdeckt der Soldat dem König alles und erhält die jüngste Schwester und nach des Alten Tod das Reich. Eine dritte Erzählung aus Hessen hat viel Eigenthümliches. Eine Königstochter vertanzt alle Nacht zwölf Paar Schuhe, jeden Morgen muß ein Schuster kommen, und zwölf Paar neue anmessen, die Abends abgeliefert werden; dazu hält er zwölf Gesellen. Niemand weiß wie die Schuhe Nachts zerrissen werden. Als eines Abends der jüngste von den Gesellen die [216] Schuhe herbei trägt und die Jungfrau gerade nicht in ihrer Kammer ist, denkt er „du mußt herausbringen wie die Schuhe zerrissen werden“ und legt sich unter ihr Bett. Nachts elf Uhr öffnet sich die Fallthüre, es kommen elf Königstöchter herauf, die küssen sich einander, thun die neuen Schuhe an und steigen dann zusammen hinab. Der Gesell der sich unsichtbar machen kann, geht nach: sie kommen an ein Wasser, wo sie ein Schiffer in seinen Kahn nimmt. Dieser klagt daß das Schiff schwerer sei „ach“ sagen die zwölf Jungfrauen, „wir haben doch nichts mitgenommen, kein Tuch, kein Päckchen“. Sie landen und gehen in zwölf verschiedene Gärten, jeder gehört einer davon; sie brechen die schönsten Blumen und schmücken sich damit. Nun gehen sie zu einem Schloß, wo zwölf Königssöhne sie empfangen und mit ihnen tanzen; alle sind lustig, nur eine nicht, die ist leidmüthig (es ist als habe sie den schönen Schusterbuben gesehen und sich in ihn verliebt). Sie kehren wieder zurück, weil die Schuhe durchgetanzt sind. Oben werfen sie die zwölf Paar zum Fenster hinaus, wo schon ein ganzer Haufen Schuhe liegt. Der Gesell schleicht sich fort, am andern Morgen kommt der Meister und will der Königstochter die neuen Schuhe anmessen, sie liegt aber noch im Bett und heißt ihn wiederkommen. Als er wiederkommt, sagt sie sie wolle keine Schuhe mehr, sie brauche nur ein Paar, das solle er ihr durch seinen jüngsten Gesellen schicken. Der aber sagt „ich gehe nicht, erst ist die Reihe am ältesten.“ Dieser putzt sich und geht hin, sie will ihn aber nicht sondern den jüngsten. Der spricht wieder „ich gehe nicht eher als bis es an mich kommt“. So geht der zweite, dritte und alle einer nach dem andern hin, bis sie den elften auch zurückgeschickt hat. Da sagt der jüngste „soll ich hin, so geh ich wie ich da bin und ziehe keine bessere Kleider an“. Wie er hinkommt, fällt sie ihm um den Hals und sagt „du hast mich von den elfen erlöst, in deren Gewalt ich gewesen und von denen ich gepeinigt worden bin, ich liebe dich von Herzen, du sollst mein Gemahl werden“. Über den Streit bei den Wunschdingen vergl. die Anmerkung zu dem Märchen vom goldenen Berg (Nr. 92). Daß auf das Mislingen der Aufgabe Todesstrafe gesetzt wird, kommt ebenso im Räthsel (Nr. 22) und in den sechs Dienern (Nr. 134) vor. Das Märchen ist auch in Polen bekannt (s. unten). Ungarisch bei Stier S. 51.

[217]
134.
Die sechs Diener.

Aus dem Paderbörnischen. Siehe die Anmerkungen zu dem Märchen von den sieben Gesellen, die durch die ganze Welt kommen (Nr. 71). Zu dem vor dessen Augen alles zerspringt, gehört eine merkwürdige Stelle in der Hymisquida der Edda (St. 12), „entzwei sprang die Säule vor dem Anblick der Joten“. Einer der das Gras wachsen hört auch bei Villemarqué Contes bretons 2, 120.


135.
Die weiße und schwarze Braut.

Aus dem Meklenburgischen und Paderbörnischen. Nach der einen Erzählung wird der Bruder nicht bloß unter die Schlangen gesetzt sondern wirklich umgebracht und unter die Pferde im Stall begraben. Die Ente kommt Abends ans Gatterloch geschwommen und singt

„macht auf die Thür, daß ich mich wärme.
mein Bruder liegt unter den Pferden begraben.
hauet den Kopf der Ente ab!“

Hierdurch wird es besser begründet daß er ihr den Kopf abhaut, weil ihre Lösung daran gebunden war. Am Ende wird der Bruder im Stall ausgegraben und stattlich unter die Erde gebracht; vergl. den singenden Knochen (Nr. 28). Das ganze Märchen liegt einer modernen, schlechten Überarbeitung in den Sagen der böhm. Vorzeit (Prag 1808. S. 141–185) zu Grund. Der Eingang ist von Blumen und Perlenkämmen, wie sonst auch vorkommt. Eigen ist daß die begabte Schönheit vor freier Luft und Sonnenstrahl gehütet werden muß. Unterwegs nun bricht die böse Hexe das Kutschenfenster, daß Luft und Sonne eindringt, da wird sie in eine goldene Ente verwandelt. Ebenso in der Sammlung von Gerle. Mit viel schönen Zügen kommt das Märchen bei der Aulnoy vor, Rosette (Nr. 6). Dagegen hat Blanchebelle in der Sammlung les illustres [218] fées (Cabinet des fées Bd. 5) nur einen schwachen Grund davon. Bei der Marie de France ist der Lai von der Esche (s. unten) verwandt. Am gehaltreichsten und eigenthümlichsten ist das finnische Mädchen aus dem Meer bei Bertram (Nr. 2). Im Pentamerone (4, 7) findet sich ein halb aus diesem, halb aus dem Gänsmädchen (Nr. 89) zusammengesetztes Märchen, wie denn auch unser gegenwärtiges genau an die Fabel von der Königin Berta erinnert. Besonders ist der einfache Gegensatz von Schwärze und Weiße, für Häßlichkeit und Schönheit, Sündlichkeit und Reinheit, zu bemerken, da er an die Mythe von Tag und Nacht (und der Nacht Tochter) denken läßt und Berta (die weiße, biort) schon im Wort den Tag und das Tagesbrehen, des Tages Anbruch, ausdrückt. Indem die ins Wasser Gestoßene als schneeweiße Ente aufsteigt und fortlebt, erscheint sie als Schwanenjungfrau. Ebenso ist die nordische Schwanhild weiß und schön wie der Tag, im Gegensatz zu ihren rabenschwarzen Stiefbrüdern; auch gibt es eine altdeutsche Erzählung von einem weißen und schwarzen Dieterich, Zwillingsbrüdern, und eine schwarze und eine weiße Tochter kommen in einem schwedischen Volkslied (Geyer und Afzelius 1, 81) vor. Der Name Reginer ist vermuthlich schon alt in dieser Geschichte; aus den alten Marschällen, Stallmeistern und Wagenführern sind in der spätern Volksansicht Kutscher geworden wie aus den Helden Soldaten. Darum daß der Bruder bei den Pferden ist und unter ihnen begraben wird, erinnert er an das Roß Falada dessen Stelle er im Märchen vertritt. Der Küchenjung ist wie dort der Hirtenjung. Die Braut fällt ins Wasser, ertrinkt und kommt Nachts zurück sich am Küchenfeuer zu wärmen, weil sie naß geworden ist: gerade so kehren Ertrunkene der altnordischen Sage mit ihren nassen Kleidern nachts heim, setzen sich ans Feuer und winden die Röcke aus Eyerb. Saga S. 274. 276.


136.
Der Eisenhans.

Nach einer Erzählung aus den Maingegenden und in Arnims Märchen Nr. 17; in den früheren Ausgaben „der wilde Mann“ nach einer Überlieferung aus dem Münsterland. Hier tritt ganz eigentlich ein männlicher Aschenputtel auf, von dem schon oben zu [219] Nr. 21 die Rede war. Der schlechte Kittel, weshalb er wie Allerleirauch (Nr. 65) allein schlafen muß, sogar die gemeine Küchenarbeit kommen vor, und eben so kehrt er heimlich nach dem königlichsten Leben in seinen alten Zustand zurück, so daß er nur an einem äußeren Zeichen erkannt wird. In Östreich gibt es ein Märchen von einem Stiefelstoß, der in einen Bär verwandelt, unter der Treppe liegt: wer ins Haus geht, stößt und tritt ihn und putzt sich die Stiefel an seinem Fell ab. Wie hier der wilde Mann so wird nach den jüdischen Sagen Aschmadai mit List gefesselt (Majer mythol. Wörterb. 1, 119. 120). Deutsch kommt das Märchen in der Sammlung von Vulpius vor, bei Müllenhoff Nr. 12, in Wolfs Hausmärchen S. 269, bei Sommer S. 86. 133. 135, bei Zingerle Nr. 28 und 33. S. 198. Norwegisch bei Asbjörnsen S. 74. Dänisch bei Winther S. 31, italienisch bei Straparola 5, 1. Russisch bei Dieterich Nr. 4. Böhmisch bei Milenowski Nr. 6. Überraschend wird von dem berühmten norwegischen König Harald dem haarschönen, nicht bei Snorri sondern in dem Flatöbuch, eine unserm Märchen ähnliche Geschichte erzählt. An dem Hofe seines Vaters war ein Jote gefangen gehalten, weil er den Schatz des Königs bestehlen wollte, Harald als funfzigjähriges Kind befreite ihn, dafür nahm ihn der Jote mit sich und erzog ihn bis zum 15ten Jahr (P. E. Müller über Snorris Quellen S. 13). Das Märchen mag eine alte Grundlage haben und von einem höheren halbgöttlichen Wesen erzählen, das in die Gewalt eines Unterirdischen gerieth und niedrige Arbeiten verrichten mußte bis es wieder zu seiner höheren Stellung gelangte; die goldenen leuchtenden Haare weisen darauf hin.


137.
De drei schwatten Princessinnen.

Aus dem Münsterland. Der Zauber in seiner Entwicklung oder im Gang zu seiner bestimmten Auflösung durch übermächtige Eingriffe gestört, zieht Verderben oder gänzliche Vernichtung nach sich; vergl. die Anmerkung zum Eselein (Nr. 58). Er will heimlich bleiben, scheut Licht, darum sind die drei schwarz und werden allmälig weiß. Vergl. auch die abweichende Erzählung vom Marienkind [220] Nr. 3). Er scheut auch die Rede, und es ist ganz dasselbe, wenn beim Heben des Schatzes das erste gesprochene Wort ihn siebenmal tiefer zu versinken zwingt.


138.
Knoist un sine dre Sühne.

Aus dem Sauerland und in der dortigen Mundart. Wird singend und mit sehr lang gezogenen Silben erzählt. Werrel (Werl) ein Wallfahrtsort in Westphalen, Soist ist Soest. Es wird auch als Räthsel angegeben, und wenn man lang gerathen hat und nach der Auflösung fragt, geantwortet „eine Lüge“. Nach einer andern Erzählung gehen sie, nachdem der Nackende den gefangenen Hasen in die Tasche gesteckt hat, in die Kirche, wo der „böcken Pastor“ und der „hageböcken Köster“ das Weihwasser austheilen. „Darauf keimen se bie een graut graut Waater, dat was so breed dat en Haan daröver schret, do wören drei Schippe up, dat eene was leck, dat andere was leck, dat derde was kien Boaden in. In dat wo kien Boaden was, setten se sick alle drei in, de eene versop, de annere verdrank, de derde kam der gar nig wier ut“. Das Lügenmärchen von den Wachteln hat eine mit unserm Märchen merkwürdig übereinstimmende Stelle. Nach W. Wackernagels Ausgabe,

die hunde sint mit muose behuot,
dâ sint die kirchtüre guot
gemûrt ûz butern, got weiz!
und schînet diu sunne alsô heiz,
daz schadet in niht umbe ein hâr.
ein eichîn pfaffe, daz ist wâr,
ein büechîn messe singet.
swer dâ ze opfer dringet
der antlaz im geben wirt,
daz im der rücke geswirt,
den segen man mit kolven gap.
ze hant huop ich mich herap:
von dem antlaz ich erschrac.
siben wachtel in den sac!

[221] Noch anderwärts Beziehungen darauf,

mîn houpt wart mir gezwagen
mit hagenbuochner lougen.

 Liedersaal 3. 553, 80.

drî knütele eichen
ze guoter mâze wol gewegen,
die wâren dô der beste segen.

 Hagen und Büsching Grundriß. S. 345.

Auch bei Chaucer (the poetical works Bd. 4.) the Coke’s tale of Gamelyn V. 996

Gamelyn sprenith holi watir
all with on okin spire.

Die Wachteln bedeuten Lügen, wie man noch heute hört „er lügt in seinen Sack“; s. Haupts Zeitschrift 4, 578. Zu vergleichen ist noch das Märchen vom Schlauraffenland und das Dietmarsische Lügenmärchen (Nr. 158 und Nr. 159).


139.
Dat Mäken von Brakel.

Aus dem Paderbörnischen. St. Anna nämlich ist die Schutzpatronin von Brakel und ihre Capelle liegt nicht weit von der Stadt. Mudder ist aus dem Hochdeutschen herübergekommen, Möhme aber der gemeine Ausdruck. Man hat dort noch einen andern Spottvers,

„O hilge sünte Anne,
help mie doch bald tom Manne!
O hilge sünte Viet,
et is ietz die hogeste Tied!“

St. Vitus ist der Schutzpatron des nahliegenden Corvei. Im Hanöverschen wird erzählt daß, als das Mädchen Gott um ein Zeichen bittet, ein Hirt der das ganze Gebet hinter einer Hecke mit angehört, einen alten Schuh herüberwirft; wofür es Gott freudiglich dankt. Eine ähnliche Geschichte wird von einem Küster in einem nordholländischen Dorfe Wormer in den Oudheden van Zaanland, [222] Stavoren, Vronen en Waterland door Hendrik Soeteboom (Amsterdam 1702) 1, 376. 377 mitgetheilt. Ein Bäcker in dem Dorf war dafür bekannt, daß er sein Brot zu leicht machte, und verlor deshalb seine Nahrung. Er gieng nun oft in die Kirche und verrichtete vor der Jungfrau Maria die mit dem Jesuskind im Arm an einem Pfeiler stand, seine Andacht und bat sie um ihre Hülfe, damit seine Nahrung wieder besser würde. Der Küster der das bemerkte, stellte sich einmal hinter den Pfeiler, und als der Bäcker wieder sehr eifrig seine Bitte vortrug, rief jener mit einer feinen Kindersprache „Bäcker, ihr müßt euer Brot was schwerer machen!“ Darauf antwortete der Bäcker schnell „schweig, Junge, und laß deine Mutter sprechen“, und gieng damit fort. Von dem hl. Bernhard, Abt von Clairvaux, hat man eine ähnliche Sage (Vorzeit, Taschenbuch 1819). Einmal, als er zu Speier war, gieng er in den Dom um dem Marienbilde seine Verehrung zu bezeigen. Er fiel dreimal vor ihm auf die Knie und brach voll Andacht in die Worte aus „o du huldreiche, du milde, du holdseelige Mutter Gottes!“ Das Bild fieng hierauf an zu reden „sei mir willkommen, mein Bernhard!“ Der Heilige aber, den das verdroß, verwies der Himmelskönigin das Reden mit den Worten „schweig, ein Weib soll nicht reden in der Gemeinde!“ Das Bild ist noch im Dom zu sehen wie die drei metallenen Platten, welche die drei Stellen bezeichnen, wo der hl. Bernhard kniete. Auch eine Sage aus Westphalen gehört hierher. Et was mohl en Meken in Sauste (Soest), dat kneide sick alle Morgen, wenn de Lühe olle uidt de Kerke würen, für dat graute steinerne Herrgottsbild un behede. Da was bei Küster nigelig un gink mohl hinner dat Bild stohen. Da seh dat Meken

„o du graute, leiwe Gott von Sauste,
bescher mie doch usen Knecht den Jausten (Jost)!“

Da seh dei Küster „Meken, du krigst en nu nig!“ Da seh dat Meken „o du graute, leiwe Gott, so boit (beiß) mie doch nig.“

[223]
140.
Das Märchen vom Hausgesinde.

Aus dem Paderbörnischen. Die vielerlei Abweichungen dieses alten Märchens (gleichsam ein Gespräch mit dem Widerhall) anzuführen, würde hier zu weitläuftig sein, noch unpassender die meistentheils in die alte Sprache und Fabel reichenden, immer sehr poetischen Namen zu erklären. Der Hel (Hölle) Saal heißet in der Edda Eliud, ihr Tisch Hungur, ihr Messer Sultur, ihr Knecht Gangläti, ihre Magd Ganglöt, ihre Schwelle Fallandiforrad, ihr Bett Kaur, ihre Decke Blikandibaul, ihr Acker Hnipinn. In der Gothreks Sage sind andere bedeutsame Familiennamen, der Vater Skapnartungur, die drei Söhne Fiolmodi, Ymsigull, Gillingr, die Mutter sammt den drei Töchtern Totra, Snotra, Hiotra, Fiotra und in einer andern Sage der Mann Stedie, die Frau Brynia, die Tochter Smidia, der Sohn Thöllur; man findet in den mythischen Geschlechtsnamen lauter Verwandtschaften. So zählt Vidrich im Lied von Riese Langbein Str. 8. 19. 20 die Namen von Vater, Mutter, Schild, Helm, Schwert und Pferd auf. In einem altdeutschen Gedicht vom Hausrath heißt der Hund Grin, die Katze Zise, der Knecht Wise, das Pferd Kerne, die Magd Metze. Musäus (Volksm. 5, 130) hat aus einem Volkspilgerlied folgende schöne Stelle aufbehalten, „aus welcher Gegend kommt ihr?“ „Von Sonnenaufgang“. „Wohin gedenkt ihr?“ „Nach Sonnenniedergang“. „In welches Reich?“ „In die Heimath“. „Wo ist die?“ „Hundert Meilen ins Land hinein“. „Wie heißest du?“ „Springinsfeld grüßt mich die Welt, Ehrenwerth heißt mein Schwert, Zeitvertreib nennt sich mein Weib, Spätestagt ruft sie die Magd, Schlechtundrecht nennt sich der Knecht, Sausewind tauft ich mein Kind, Knochenfaul schalt in den Gaul, Sporenklang heißt sein Gang, Höllenschlund lock ich den Hund, Wettermann kräht (heißt) mein Hahn, Hupfinsstroh heißt mein Floh. Nun kennst du mich mit Weib und Kind und allem meinem Hausgesind“. Mit einigen Abweichungen in den von F. Pocci und Karl von Raumer herausgegebenen Kinderliedern S. 10. 11, „Widewidewenne heißt meine Putthenne, Kannnichtruhn heißt mein Huhn, Wackelschwanz heißt meine Gans, Schwarzundweiß [224] heißt meine Geis, Dreibein heißt mein Schwein, Wettermann heißt mein Hahn, Kunterbunt heißt mein Hund, Ehrenwerth heißt mein Pferd, Gutemuh heißt meine Kuh, Guckheraus heißt mein Haus, Schlupfheraus heißt meine Maus, Wohlgethan heißt mein Mann, Sausewind heißt mein Kind, Sammettatz heißt meine Katz, Hüpfinsstroh heißt mein Floh, Leberecht heißt mein Knecht, Spätbetagt heißt meine Magd.“ In einem Lied bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 57, Unverzagt heißt meine Magd, Leberecht heißt mein Knecht, Schütteling heißt mein Kind, Zeitvertreib heißt mein Weib, Hinundher heißt mein Pferd, Ruhruh heißt meine Kuh, Jägerlein heißt mein Schwein, Trippeltrappel heißt mein Schaf, Langhals heißt meine Gans, Kückelhahn heißt mein Hahn. Aus dem Paderbörnischen mündlich folgendes, „Wie heißt der Wirth?“ „Schmuckelbart, er steht vor’m Spiegel, putzt seinen Bart“. „Die Frau?“ „Juckelpelz, sie steht hinterm Ofen und laust ihren Pelz“. „Der Koch?“ „Smorlilus, er steht in der Küche und rührt sein Mus“. „Der Soldat?“ „Reicherheld, er sitzt im Wirthshaus und hat viel Geld“. „Der Schreiber?“ „Federkiel, der sitzt am Tisch und schreibt nicht viel“. „Der Knecht?“ „Kinkelwurst, er steht im Keller und löscht seinen Durst“. „Die Tochter?“ „Agnes, sie sitzt in der Kammer und macht die Käs“. „Die Magd?“ „Flederwisch, sie steht in der Stube und scheuert den Tisch“. „Der Junge?“ „Galgenstrick, er steht im Stall und streicht sein Vieh“. Schütze im holstein. Idiotikon (2, 117 und 4, 156) führt an „Hebberecht so heet min Knecht, Snakfordan so heet min Man, Tiedvördrief so heet min Wif, Luusebung so heet min Jung“. In den Kinderliedern (Anhang zum Wunderhorn S. 41–43) „Bibberlein heißt mein armes Hühnelein, Entequentlein die Ente, Wackelschwänzlein die Gans, Schmortopf das Schwein, Klipperbein die Ziege, Gutemuh die Kuh, Guckheraus das Haus, Kegelbahn der Mann, Goldenring das Kind, Hatergsagt die Magd, Haberecht der Knecht, Wettermann der Hahn, Hüpfinsstroh der Floh“. Jung Stilling (Jugendleben 1, 62) führt nur eine Zeile an, „Gerberli hieß mein Hüneli“, und ein holländ. Volkslied beginnt „koekeloery heet myn haan, prys heet myn hennetjen.“ Vergl. auch die Östreichischen Lieder von Schottky S. 40. Wenn der Tanhauser (MS. 2, 67) sein Gesinde Zadel, Zweifel, Schade und Unbereit nennt, so ist das schon der Übergang der epischen Namen in die bewußte Allegorie, wie z. B. in dem [225] Spruch: „Vielborgen hat eine Stiefmutter, heißt Verkaufdeingut, die gebiert eine Tochter, heißt Gibswohlfeil, dieselbige Tochter hat einen Bruder der heißt zum Thorhinaus.“ In der Mitte steht noch das bekannte „Sparebrot (Vater) ist tod, Schmalhans heißt der Küchenmeister“. Einzelne Namen, wie der des Weibes „Zeitvertreib und Leidvertreib“ lassen sich in vielen alten Beispielen darthun, z. B. Morolf 159. 1145. Auch „Ruprecht mein Knecht“ aus dem Wartburger Krieg gehört hierher. Vergl. die Namen die in der schönen Katrinelje (Nr. 131) vorkommen.


141.
Das Lämmchen und Fischchen.

Aus dem Fürstenthum Lippe. Das Ende wohl unvollständig und es schwebte nur vor, die Stiefmutter glaubt das Lämmchen gegessen zu haben und verlangt vom Koch auch noch das Fischlein zubereitet. Der Koch aber, als es anfängt zu sprechen und zu klagen, tödtet es nicht, bringts zum Lämmchen und teuscht die Stiefmutter wieder, deren Bosheit dem Vater zu Ohren kommt und bestraft wird. Vergl. die weiße und schwarze Braut (Nr. 135) und die Anmerkung dazu. Der Eingang vom Abzählen kommt auch in dem Lied der Gräfin von Orlamünde (im Wunderhorn) vor.


142.
Simeliberg.

Merkwürdig daß dieses im Münsterland erzählte Märchen auch am Harz von der Dummburg (Otmar S. 235. 238) oder Hochburg vorkommt und genau mit dem orientalischen von den vierzig Räubern einstimmt (1001 Nacht 6, 345), wo sogar der Felsen Sesam auffallend an die Namen Semsi und Semeli, wie der Berg in den deutschen Sagen heißt, erinnert. Gerade diese Bergbenennung ist uralt in Deutschland, nach einer Urkunde bei Pistorius (3, 642) heißt ein Berg im Grabfeld Similes und in einem Schweizerlied (Kuhns Kühreihen, Bern 1810. S. 20 und Spaziers Wanderungen, Gotha 1790. S. 340. 341) wird ein Simeliberg wiederum [226] erwähnt. Man kann dabei an das schweizerische simel für sinbel, rund denken (s. Stalders Wörterbuch). Bei Meier Nr. 53 Simson thu dich auf. Bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 30 Simsimseliger Berg, wo die Erzählung erweitert ist. Es gibt auch ein ähnliches polnisches Märchen (s. unten).


143.
Up reisen gohn.

Aus dem Münsterland, eine andere Erzählung aus dem Paderbörnischen enthält neue Scherze. Et was wol en dummer Jungen, de däh jummer wat em sine Möhme heiten hadde, men jummers unrecht. As he sick nu vermehet (vermiethet) hadde, segde em sin Heer he mög up’t Feld gahn und säen un seggen dabie „alle Jahre hundertfältige Früchte!“ He gänk hen, do kaimen da grade Luhe met ener Lieke (Leiche) do segde he „alle Jahre hundert!“ As dat de Luhe hören, gaven se em wat drup. He quam to Huus un säe to de Möhme „o Möhme, wo hät mie gahen! ick heve dohn wat mie min Heer heiten hät.“ Do sehde de Moder „häddest mötten seggen sie ruhe in Frieden!“ He gänk wedder hen, darup quam da en Filler her met en daut Perd, do segde he wedder „sie ruhe in Frieden!“ De Filler verstand dat unrecht un gav em wat drup. He gänk wedder na Hues und klaget sine Möhme, da säe se „du hättest müssen sagen weg mit dem Aas!“ He gänk up en andermal wedder up’t Feld, as da grade Hochtitsluhe herkeimen, do fänk he an „weg met dat Aas!“ Se prugelnt en dugent (tüchtig) dur. „O, Möhme“, säg he wedder, „wo ist mie gahen“ un vertelde. Se säg „hättest müssen sagen hier ist Lust und Freude“. He gänk hen, up sinen Wege säh he dat en Hues brenne, do fänk he wedder an „hier ist Lust und Freude!“ Do kregens her un prügeln en, do he dat sine Moder klaget hadde, säe se „hättest müssen einen Eimer voll Wasser nehmen und ausgießen helfen“. Do dachte he, as he da bie de Immenkörbe kam, an den Emmer mit Water un gütt se daut. De Herr van de Immen nahm en Stoek un fegede em dat he leip. „O Möhme, wo schlecht ist mie gahen“. Se säe „hättest müssen sagen gib mir was mit.“ Do quam he mol bie enen Kohstall vorbie, de wurde juste utemistet, do nahm he sinen Petzel af un säe „giv mie wat met“. Ähnlich sind die [227] Volksscherze von dem Harthörigen der alles verkehrt auslegt, oder von der Schneidersfrau welche absichtlich ihres Mannes Worte misversteht, statt Faden Fladen, statt Zwirn Birn kauft u. s. w., worüber im Rollwagenbüchlein eine Erzählung steht. Auch ist der englische Jann Posset (Fastnachtspiel bei Ayrer Bl. 106–114) zu erwähnen, der es seinem Herrn nicht besser macht.

Merkwürdiger Weise stimmen die Streiche, die dem indischen Guru Nudle seine Schüler spielen, zu diesem Märchen. Es sind ihrer fünfe, Dummbart, Stock, Tropf, Duns und Narr. Als sie einmal mit ihrem Meister über einen Fluß gegangen sind, so zählt einer, und da er sich selbst nicht mitzählt, so bringt er nur fünf heraus, und sie glauben einer sei ertrunken. Ein Reisender gibt jedem einen Schlag auf den Rücken und heißt sie zählen, da kommen die sechse wieder zum Vorschein. Gerade so können die im Kreise sitzenden Lalenbürger ihre Beine nicht finden, bis ihnen darauf geschlagen wird. Guru verliert seinen Turban und ist unwillig daß ihn die Schüler nicht aufgehoben haben, „man müsse alles aufheben“ sagt er. Einer lauft zurück, holt den Turban, findet aber auch einen Pferdeapfel, hebt ihn auf und thut ihn in den Turban. Guru gibt den Schülern nun ein Verzeichnis von dem was sie aufheben sollen. Bald darauf fällt er in eine Grube, und nun ziehen sie ihn nicht heraus, weil er nicht im Verzeichnis steht und er muß sich erst unten noch darauf schreiben; geradewie im Jann Posset.


144.
Das Eselein.

Nach einem lateinischen Gedicht in elegischem Silbenmaß aus der zweiten Hälfte des 15ten Jahrhunderts in einer Straßburgischen Handschrift (MSS. Johann. C. 105. 5 Blätter) unter dem Titel Asinarius. Die Erzählung ist wie in dem Raparius (Nr. 146) breit, doch nicht ungefällig. Anfang,

Rex fuit ignotae quondam regionis et urbis,
     sed regis nomen pagina nulla docet.
Is sibi consortem regni talamique sodalem
     sortitus fuerat nobilitate parem.

[228] Schluß

post haec preterea patris sortitur honorem
     sicque regit regum rex duo regna duum.

Über den Inhalt vergl. die Anmerkung zu Hans mein Igel (Nr. 108). Eigentlich müßte nach der Belauschung des geheimnisreichen Zaubers Unglück erfolgen, wenigstens Störung des irdischen Glücks, wie es erfolgt, nachdem Psyche den Amor beleuchtet hat, bei der Melusine, dem Schwanenritter u. a. Bei dem Hans mein Igel ist die Spur in dem Umstand, daß er schwarz wird und erst muß geheilt werden, hier darin zu erkennen daß der Jüngling ängstlich entfliehen will.

ergo gener mane surgit somno satiatus
     pelle volens asini sicut et ante tegi;
quam non inveniens, multo stimulante dolore,
     de sola cepit anxius esse fuga.

Und indem er dem Alten antwortet

     ita faciam tecumque manebo
et precor ut finem dent bona cepta bonum.

Serbisch bei Wuk Nr. 9, wo es eine Schlange ist, die nächtlich ihre Haare abstreift. In einer ähnlichen Erzählung bei Wuk Nr. 10 entsteht wirklich Unheil aus dem Verbrennen des Schlangenhemdes. Ein indisches Märchen das unserm ganz nah kommt, ist in den Altd. Wäldern (1, 165–167) mitgetheilt. Im persischen ist es gleichfalls bekannt, wie Firdusi (Görres 2, 441. 442) zeigt.


145.
Der undankbare Sohn.

Aus Schimpf und Ernst Cap. 413. Ganz in der Art wie Großvater und Enkel (Nr. 78), der zarten Kindheit vor allen nahliegend und eindringlich. Älter und mehr legendenmäßig bei dem Dominikaner Thomas von Cantimpre aus dem 12ten Jahrhundert, der das Märchen als mündliche Überlieferung mittheilt; vergl. Büsching in Schlegels Museum (4, 32. 33), der noch ein anderes Buch [229] anführt, wo es vorkommt. Auch bei Geiler von Kaisersberg Euangelia mit Vßlegung (Straßb. 1517) Bl. 195–196.


146.
Die Rübe.

Schon der äußern Form nach ein altes Märchen, es ist nämlich übersetzt aus einem lateinischen Gedicht des Mittelalters und zwar nach der in Straßburg vorhandenen Papierhandschrift (MSS. Johann. C. 102 aus dem 15. Jahrh.), worin es 392 Zeilen in elegischem Versmaß enthält und Raparius überschrieben ist; eine andere gleichzeitige wird zu Wien aufbewahrt (Denis II. 2. p. 1271. Cod. DLXII. R. 3356). Das Gedicht selbst mag indessen bereits im 14. Jahrh. verfaßt sein, ohne Zweifel nach mündlicher Volkssage, vielleicht eben aus dem Elsaß, denn die große Rübe gehört zu den Volksscherzen, und Fischart in der Vorrede zum Ehzuchtbüchlein gedenkt schon der Rüben zu Straßburg. In dem Volksbuch von dem lügenhaften Aufschneider (auch ins Schwedische übersetzt, Lund 1790) heißt es „als ich nun weiter fortwanderte und nach Straßburg kam, sah ich daselbst auf dem Feld eine solch große Rübe stehen als ich noch niemals eine gesehen, und ich glaube daß einer mit einem Roß in drei langen Sommertagen dieselbe nicht umreiten könne“; auch in dem Lustspiel in straßburgischer Mundart der Pfingstmonat wird (S. 177) das Straßburger Gemüs gerühmt, „Kruttkiph vierdels zentnerschwer und zwölfpfündje Retti“. Dem Märchen selbst fehlt es nicht an merkwürdigen Beziehungen. Von dem misrathenen Versuch den Glückserwerb zu überbieten, da doch das unschuldige Herz fehlt, wird auch in andern Märchen erzählt. Die Erlösung aus dem Sack ist genau die aus dem Brunneneimer in der Thierfabel, wo der Fuchs den dummen Wolf berückt, hinunter ins Himmelreich einzugehen, damit ihn dieser herausziehe. Als sie sich unterwegs in den Eimern begegnen, spricht der Fuchs die bekannten spöttischen Worte „so gehts in der Welt, der eine auf, der andere nieder.“ Dieser Sack und Eimer sind ferner auch die Tonne, worin der kluge Mann von den dummen Bauern ersäuft werden soll (s. Nr. 61 und Scarpafico bei Straparola), der aber einem vorbeigehenden Hirten weiß macht daß wer sich hinein lege zu einer Hochzeit und großen Würde [230] abgeholt werden solle; gerade wie Cassandrin der listige Dieb, als Engel verkleidet, einen Sack des Ruhms vorhält und den Severin hinein kriechen läßt (Straparola 2, 2). In allen diesen Märchen ist der Wünschelsack oder das Glücksfaß von der komischen Seite dargestellt, denn die Sage wandelt gern den Ernst in Schimpf um. An die ernsthafte Seite erinnert aber der Raparius am bedeutendsten: wie hier der Mann am Baum hangend Weisheit lernt, schwebt der nordische Weise in der Luft und lernt alle Wissenschaft (Runacapituli 141. 144)

veit ek at ek hêck vindga meidi â.
natur allar nîo.

(weiß ich daß ich hieng am winddurchwehten Baum
ganzer neun Nächte lang.)
thâ nam ek fravaz ok frôther vera.
(Da begann ich berühmt und klug zu werden.)

Odin setzt sich unter die Galgenbäume, redet mit den Hangenden und heißt darum hangagod (tyrdrottinn). Dieser mythischen Wichtigkeit wegen möge die darauf bezügliche Stelle des Originals zugleich eine Probe des Stils geben,

tunc quasi socraticus hunc laeta voce salutat
     et quasi nil triste perpatiatur ait
„salve, mi frater, hominum carissime, salve!
     huc ades, ut spero, sorte favente bona“.
erigit ille caput stupidosque regirat ocellos,
     ambigit et cujus vox sit et unde sonet.
dum super hoc dubitat utrum fugiat maneatve,
     huc movet ire timor et vetat ire pudor.
sie sibi nutantem solidat constantia mentem,
     dixit „item resonet vox tua, quisquis es hic?“
de sacco rursus auditur vox quoque secundo
     „si dubitas quid sim, suspice, tolle caput;
in sacco sedeo, sedet sapientia mecum,
     hic studiis didici tempore multa brevi.
pape! scolas quaerunt longe lateque scolares,
     hic tantum veras noveris esse scolas.
hic, phas si sit adhuc hora subsistere parva,
     omnia nota dabit philosophia michi,

[231]

ac cum prodiero, puto me sapientior inter
     terrigenas omnes non erit unus homo.
pectore clausa meo latet orbita totius anni,
     sic quoque siderei fabrica tota poli,
lumina magna duo complector vi rationis,
     nec sensus fugient astra minora meos.
sed neque me signa possent duodena latere,
     quas vires habeant, quas et arena maris.
flatus ventorum bene cognovi variorum,
     cuilibet et morbo quae medicina valet[8];
vires herbarun bene cognovi variarum,
     et quae sit volucrum vis simul et lapidum.
septem per partes cognovi quaslibet artes;
     si foret hic Catho cederet atque Plato.
quid dicam plura? novi bene singula jura,
     caesareas leges hic studui varias.
qualiter et fraudes vitare queam muliebres[9],
     gratulor hoc isto me didicisse loco.
hic totum didici, quod totus continet orbis,
     hoc totum saccus continet iste meus;
nobilis hic saccus precioso dignior ostro,
     de cujus gremio gratia tanta fluit.
si semel intrares, daret experientia nosse
     hic quantum saccus utilitatis habet“.

In einem Negermärchen (bei Kölle Nr. 10) steckt der Verstand in einem zugebundenen Sack; ein Wiesel öffnet ihn und nimmt sich davon.


147.
Das junge geglühte Männlein.

Von Hans Sachs erzählt (4. 3, 152. 153. Kempt. Ausg.). Neigt sich zu den Volksscherzen. Das Verjüngen alter Greise sammt [232] dem misglückenden Nachahmen erinnert gänzlich an die griechische Fabel von Medea, Äson und Pelias. Das Märchen auch bei Hans Folz; s. Haupts Zeitschrift 8, 537. Norwegisch bei Asbjörnsen S. 537.


148.
Des Herrn und des Teufels Gethier.

Von Hans Sachs erzählt im Jahr 1557 (Kempt. Ausg. 1. 5, 1006–1007). Die Wölfe als Gottes Hunde stimmen merkwürdig zu den odinischen Hunden (Vidris grey) gleichfalls Wölfen. Über das Einsetzen anderer Augen vergl. die drei Feldscherer (Nr. 118). Die Zeitbestimmung „wenn das Laub abfällt“ d. h. im Herbst, ist noch jetzt in der Schweiz üblich, dort heißt es „bis zur Laubriesete“ (Stalder Idiotikon 2, 159). Ein uralter Grund bricht allenthalben durch diese Fabel.


149.
Der Hahnenbalken.

Von Fr. Kind (Beckers Taschenbuch von 1812) in einem Gedicht erzählt, doch kennen wir es auch nach einer mündlichen Überlieferung aus dem Paderbörnischen, wo indessen die Rache des Zauberers fehlt. Er hatte danach dem Hahn einen Strohhalm ans Bein gebunden, und in den Augen der Menschen schien es ein groß Stück Holz. Doch ein Mädchen das eine Tracht Klee auf dem Kopf hatte, sah daß es nur Stroh war, denn es lag ein doppeltes Kleeblatt unter dem Klee, wodurch es vom Zauber frei gehalten wurde. Das Ganze hat Ähnlichkeit mit Rübezahls Neckereien. Vergl. eine schwäbische Sage in Mones Anzeiger 1835. S. 408. Der oberste Gipfelbalken im Dachwerk heißt Hahnenbalken, weil der Hahn darauf zu sitzen pflegt (hanboum Parzival 194, 7). Schwimmen durch Flachsblüte s. Deutsche Sagen 2, 33.

[233]
150.
Die alte Bettelfrau.

Ein Bruchstück und verworren. Wird in Stillings Jünglingsjahren erzählt, scheint aber ein altes Volksmärchen, wobei die es vortragende Amme oder Mutter den zuhörenden Kindern vielleicht auch den Gang der krummen gebückten Alten mit dem Stock in der wackelnden Hand vormacht. Der Schluß fehlt, vermuthlich rächt sich das Bettelweib durch eine Verwünschung, wie man mehr Sagen von eintretenden pilgernden Bettlerinnen hat, die man nicht ungestraft beleidigt; s. das Bettelweib von Locarno in Heinrich Kleists Erzählungen. Es ist merkwürdig daß der in Bettlergewand verhüllte Odin unter dem Namen Grimnir in die Königshalle einkehrt und ihm die Kleider am Feuer zu brennen anfangen. Der eine Jüngling bringt ihm ein Horn zu trinken, während ihn der andere hatte zwischen die Flamme sitzen lassen. Zu spät merkt dieser des Pilgers Göttlichkeit, will ihn aus der Flamme ziehen, fällt aber in sein eigenes Schwert.


151.
Die drei Faulen.

Nach Paulis Schimpf und Ernst Cap. 243, wie es auch Eyering Sprichwörter 2, 615 erzählt. Die Gesta Romanorum (deutsche Ausgabe Cap. 3. lat. Cap. 91) ändern die Ordnung, so daß der, welcher sich lieber verbrennen will, der erste ist: welcher sich lieber will aufhenken lassen, der zweite: der dritte aber spricht „läge ich in meinem Bett und mir fielen die Dachtropfen in beide Augen, ehe ich mich auf eine Seite wendete, ehe ließ ich mir von den Tropfen die Augen ausschlagen“. In der Bürgerlust Thl. 1. St. 48 wieder andere Beispiele. Drei faule Gesellen stellten mit einander eine Wette an wer unter ihnen der faulste wäre. Der erste sprach „wenn man mir das Essen auf den Tisch setzte, ich möchte nicht essen“. Der andere „und wenn man mirs in den Mund steckte und kaute mirs, ich möchte es nicht hinunterschlucken“. Der dritte wollte vor Faulheit kaum den [234] Mund aufthun und sprach gleichwohl „ach wie mögt ihr reden!“ und dieser behielt, wie billig, das Gewett. Dasselbe erzählt Abraham a St. Clara (Auserlesene Gedanken. Wien 1812. Thl. 1, 150), nur daß der zweite spricht „wenn man mir auch die Speisen mit Gewalt in den Mund steckte, so würde ich sie doch nicht hinunterschlucken“. Mündlich haben wir es auch gehört, drei faule Mädchen sitzen unter einem Nußbaum, das erste spricht, „wenn auch alle die reifen Nüsse herabfielen, ich möchte kein Reis schütteln“. Das zweite, „wenn sie auch da lägen, wer wollte sie aufklauben?“ Das dritte „ach, wer mag davon reden“. Abraham a St. Clara hat aber das Märchen noch einmal ganz anders gefaßt und dem unsrigen ähnlicher (1, 40. 41). Ein menschliches Faulthier hatte drei Söhne und erklärte in seinem letzten Willen denjenigen zum Haupterben, welcher der trägste sein würde. Nach des Vaters frühem Tod werden sie vor Gericht geladen und wegen der Faulheit ins Verhör genommen. Der erste gestand daß wenn sein Fuß auch auf glühenden Kohlen läge, er ihn nicht einmal zurückziehen würde: der zweite erklärte daß er auf der Leiter welche zum Galgen führt, stehen bleiben und selbst den Strang am Halse nicht abschneiden würde und zwar bloß darum, weil er zu träg wäre ein Messer aus der Tasche hervor zu holen. Der Dritte gab vor daß er zu träge wäre, die Augen zu schließen, geschweige die Hand vorzuhalten, wenn es Nadeln regnete und er auf dem Rücken läge. In Kellers Fastnachtspielen S. 86 soll der erben, der am meisten lügt und die größte Faulheit zeigt. Wenn er unter einer Traufe liegt, so läßt er die Tropfen zu einem Ohr herein, zu dem andern heraus fließen. Darauf bezieht sich eine Stelle in Fischarts Flohhatz 48a, wo von einer Faulen gesagt wird „sie wendet sich nicht umb ein Hor wie der dems Wasser Troff ins Or.“ Auch Straparola hat ein gutes Märchen von drei Faulen, das aber in einer vollständigen Ausgabe stehen muß; mitgetheilt ist es von Rumohr in der Sammlung für Kunst und Geschichte 2, 171 folg. Bei Colshorn Nr. 83. Verwandt ist ein indisches Märchen von vier Braminen welche streiten welcher von ihnen der thörichste sei; s. Schlegels Indische Bibliothek 2, 265–268. Auch ein türkisches Märchen gehört hierher, das Moriz Hartmann in Constantinopel erzählen hörte (Kölnische Zeitung 1854 Nr. 175). Einem Mann war die Arbeit so zuwider geworden daß er sich am Ende nicht mehr entschließen konnte den Arm [235] in die Höhe zu heben. Er lag in der Straße, ließ die Sonne auf sich scheinen und hungerte. Da er arm war, auch keinen Sklaven hatte, der ihm einen Bissen in den Mund steckte, so sah er ein daß er vor Hunger elendiglich sterben müßte, doch zog er den Tod der Arbeit vor. Durch die Gasse in der er lag, kam täglich der Henker, wenn er zum Richtplatz gieng. Mehrmals wollte er ihn anreden, aber auch dazu war er zu träge, endlich nahm er sich zusammen und sprach „lieber Henker, ich will nicht arbeiten und lieber sterben, nimm mich mit auf den Richtplatz und richte mich hin.“ Der Henker erbarmte sich sein und nahm ihn mit. Als sie an das Thor kamen, trafen sie den Kapudan Pascha. „Henker, was hat dieser Mann gethan, den du da zum Richtplatz führst?“ fragte dieser. „Nichts hat er gethan“, antwortete der Henker, „aber er ist zu träge zum arbeiten, und weil er Hungers sterben müßte, so hat er mich gebeten ihn hinaus zu führen und hinzurichten. Ich will es ihm zu Gefallen thun, da ich seine Familie kenne“. „Laß ihn los“, sprach der Kapudan Pascha, „ich habe daheim ein großes Magazin von Zwieback, da setze ihn hinein: er kann essen so viel er will.“ Der Träge fragte „ja, aber ist auch der Zwieback schon geweicht?“ „Nein“, antwortete der Pascha. „Also gehen wir unseres Weges“ sagte der Träge zu dem Henker. Fischart im Gargantua 79b erzählt einen andern Fall von dem faulen Heinz, „eben wie jener Knecht, da man ihn früh weckt o de Vägelken pipen schun in den Rörken! oh, lat pipen, sahd he, lat pipen, de Vägelkens hefen klene Höfdken, hefen bale utgeslapen, averst min Höfedken is tomal gar grot, deit ime Noht me to slapen“; vergl. oben die Anmerkung zu Nr. 32.


151. *
Die zwölf Faulen.

Aus Kellers Fastnachtspielen des 15ten Jahrh. S. 562. 566. Vergl. das Märchen von den zwei Knechten aus der Bukowina in Wolfs Zeitschrift 1, 49.

[236]
152.
Das Hirtenbüblein.

Aus Baiern. Ähnliche Fragen in dem altdeutschen Gedichte Strickers vom Pfaffen Amis (98–180). Der Bischof fragt 1) „wie viel des Meeres?“ „Ein Fuder“. „Wer beweist euch das?“ „Heißt alle Wasser erst still stehen, die ins Meer fließen, so will ichs messen und euch zeigen“. 2) „Wie viel Tage sind seit Adam verflossen?“ „Siebene; sind die zu Ende, so heben sie wieder an, und das wird fortgehen, so lange die Welt steht“. 3) „Wo ist die Mitte der Erde?“ „Wo meine Kirche steht, laßt euere Knechte mit einem Seil nachmessen, und reicht es an einem Ende halmsbreit vor, will ich die Kirche verloren haben“. 4) „Wie weit ist von der Erde zum Himmel?“ „So weit ist vom Himmel zur Erde daß ein Mann gar wohl hinaufrufen könnte, steigt hinauf und wenn ihr nicht meinen Ruf hört, so kommt wieder herab und nehmt meine Kirche zurück“. 5) „Wie breit ist der Himmel?“ „Tausend Lachter und tausend Ellen, denn nehmt ihr Sonne und Mond ab und was der Himmel an Sternen hat, und rückt ihn dann überall zusammen, so wird er nicht breiter sein“. Verschieden sind Fragen und Antworten in dem Büchlein für die Jugend S. 91–94 und in einem schwäbischen Märchen bei Meier in der Anmerkung zu Nr. 28. Im Eulenspiegel, der ohnehin mit dem Pfaffen Amis zusammenhängt, kommen (Cap. 28 bei Lappenberg) dieselben Fragen und Antworten vor; jene werden ihm von dem Rector der Universität vorgelegt. Verwandt ist damit das altenglische Lied vom König John und dem Abt von Canterbury (bei Percy 2, 305–311). Der König legt ihm drei Fragen vor, die er in drei Wochen bei Verlust von Land und Leben beantworten soll, 1) Was er, der König, mit der goldnen Krone auf dem Haupt, bis zu einem Pfennig werth sei? 2) wie bald er um die ganze Welt reiten könne? 3) was er gerade denke? Der Abt weiß sich nicht zu helfen, da verspricht ein Schäfer seinen Beistand, kleidet sich als Abt, tritt vor den König und gibt nun die Antworten, 1) da der Herr Jesus für dreißig Silberlinge verkauft worden, sei der König nur neun und zwanzig werth. 2) Wenn er mit der Sonne ausziehe und reite, komme er in vier und zwanzig Stunden um die ganze Welt. [237] 3) Der König denke er sei der Abt von Canterbury und sei doch nur ein armer Schäfer. In Paulis Scherz und Ernst wird erzählt daß dem Abt von seinem Vogt die Fragen vorgelegt worden, 1) wie hoch er ihn schätze? 2) wo die Mitte der Erde und 3) wie weit Glück vom Unglück entfernt sei? Der Hirt kommt in dem Kleide des Abts und antwortet, 1) acht und zwanzig Silberlinge, weil unser Heiland für dreißig verkauft worden und er den Kaiser zu neun und zwanzig schätze; 2) in seinem Haus, wie beim Pfaffen Amis; 3) nicht länger als eine Nachtzeit sei Glück und Unglück von einander entfernt, denn gestern sei er ein Hirt gewesen, heute aber sei er ein Abt. Damit stimmt die Erzählung in Eyerings Sprichwörter 1, 165–168. 3, 23–25. Wir haben auch die Geschichte von einem König von Frankreich gelesen, die erste und dritte Frage war wie im altenglischen Lied, nur die zweite lautete gleich der in unserm Märchen, wie viel Sterne am Himmel seien. Ein Müller der hier die Antwort gibt, nennt eine große bestimmte Zahl und heißt den König nachzählen. Endlich kommt auch im jüdischen Maasäbuch Cap. 126 (in Helwigs jüdischen Historien Nr. 39) die Sage vor. Einem Rath des Königs werden die drei Fragen vorgelegt, wovon die zwei ersten etwas abweichen, 1) wo die Sonne aufgehe, 2) wie weit es vom Himmel bis zur Erde sei (wie beim Amis). Hierauf folgen durch einen Schäfer die schwachen Antworten, die Sonne gehe gen Morgen auf und gen Abend nieder, und vom Himmel sei es gerade so weit zur Erde als von der Erde zum Himmel. In ähnlichem Geiste enthalten auch die Gesta Romanorum zwei Erzählungen; s. unten den Auszug Nr. 14. Abermals eine andere hat der kurzweilige Zeitvertreiber durch C. A. M. von W. (1668) S. 70. 71. Auch in den Novellen des Franco Sacchetti (um 1370) Nr. 4 kommt das Märchen vor; s. F. W. Val. Schmidt in den Wiener Jahrb. 1822 Bd. 22 Anzeigeblatt S. 54–57. Man vergl. Holzmanns indische Sagen 3, 109 folg. und 1001 Nacht 15, 245. Von der Sitte drei Wahrheiten zu sagen, um sich damit aus der Noth zu helfen, handelt P. F. Müller in den Untersuchungen über Saxo Grammaticus S. 145. In einem serbischen Märchen bei Wuk Nr. 45 überlistet ein Hirte den König durch kluge Antworten. Vergl. Schmidt Taschenbuch der Romanzen S. 83 folg.

[238]
153.
Die Sternthaler.

Nach dunkeler Erinnerung aufgeschrieben, möge es jemand ergänzen und berichtigen. Jean Paul gedenkt seiner in der unsichtbaren Loge 1, 214. Auch Arnim hat es in den Erzählungen S. 231. 232 benutzt.


154.
Der gestohlene Heller.

Aus Cassel. Vergl. Altdeutsche Blätter 1, 181.


155.
Die Brautschau.

Aus der Schweiz, mitgetheilt von Wyß in seinen Sagen S. 321. Aus Schwaben bei Meier Nr. 30, bei Müllenhoff S. 413. Etwas ähnliches hat Schütze holst. Idiot. 1, 334. 35. Ein junger Mann besuchte drei Schwestern und fand ihre Wocken voll Flachs. Heimlich steckte er einen Schlüssel in den Flachsüberzug der ältesten und fand ihn am folgenden Tage im Flachs wieder. Eben so giengs ihm bei der zweiten. Die dritte aber sagte ihm am nächsten Tage „se hebben eeren Slötel in minen Wokken steeken laten“. „Du bist die rechte“ sprach er und nahm die Fleißige zur Frau. Ganz anders ist die Weise womit vier Jungfrauen in einer persischen Erzählung (Reise der Söhne Giaffars) geprüft werden. Der einen wirft der Liebhaber Rosenblätter an die Brust, und da ein Rosenästchen dabei ist, das ihr ins Gesicht springt, so stellt sie sich ohnmächtig. Die zweite hält die Hände vor die Augen aus verstellter Schamhaftigkeit, um die Bildsäule eines Mannes nicht zu sehen. Die dritte ruft „Herr, geht weg, denn eure Haare am Pelz stechen mich.“ Die vierte, wie sie in einem See Fische springen sieht, bedeckt ihr Gesicht, weil Männlein unter den Fischen sein könnten.

[239]
156.
Die Schlickerlinge.

Aus dem Meklenburgischen. Gehört zu den Märchen, die auf einfache Art eine alte Lehre geben, wie jenes von der Brautschau (Nr. 155). Das Spinnen ist die eigentliche Arbeit der Hausfrau nach alten Sitten, ihr Leben und Weben.


157.
Der Sperling und seine Kinder.

Aus Schuppii Schriften (Fabelhans. S. 837. 38. Wackernagels Lesebuch 2, 210), steht aber früher schon im Froschmeuseler (Magdeb. 1595 A. a. V.). Weitere Nachweisungen verwandter Sagen in der Abhandlung über Thierfabeln bei den Meistergesängen (Berlin 1855).


158.
Schlauraffenland.

Die Fabel vom Affen- oder Schlauraffenland (s. Glaraff bei Stalder 1, 451; die schlauen klugen sind den dummen Affen, apar ôsvinnir, entgegen gesetzt) steigt ohne Frage in ein hohes Alter auf, da schon das gegenwärtige Märchen aus einem altdeutschen Gedicht des 13ten Jahrhunderts herrührt (Fragmente und kleinere Gedichte S. XIV); vergl. Liedersaal 2, 385. Altd. Blätter 1, 163–167, Haupts Zeitschrift 2, 560. Bald wird sie spaßhaft, wie hier und meistentheils, gewendet, aber im Märchen von dem Zuckerhäuschen, das mit Fladen gedeckt, mit Zimmt gebalkt ist (Nr. 15), erscheint sie in gläubigem Kinderernst, gleichwohl dieselbe, und schließt sich an die noch tieferen Mythen von dem verlorenen Paradies der Unschuld, worin Milch und Honig strömen. Zu der ersten Art blos gehört Hans Sachsens bekannter Schwank (s. Häsleins Auszug S. 391) und Fischarts Anspielung im Gargantua S. 96a, „in dem [240] Land kann ich nicht mehr bleiben, die Luft thut mich in Schlauraffen treiben, drei Meil hinter Weihnacht, da sind die Lebkuchenwände, Schweinebratenbalken, Malvasirbrunnen, Milchramregen, Zuckererbsenhagel: da wird der Spaß bezahlt und der Schlaf belohnt, da gibts Bratwurstzäune, Honiggyps und Fladendächer“. Eben so hat man ein altfranzös. Fabliaux von dem pays de Cocagne (Méon. 4, 176). Im englischen heißt das Land Cockeney; s. Altd. Blätter 1, 369–401. Von Basili in sicilian. Mundart la Cuccagna conquistata. Palermo 1674. Die Beschreibung der alma città di Cuccagna beginnt

Sedi Cuccagna sutta una montagna
di furmaggiu grattatu, et havi in cima
die maccaruni una caudara magna.

Vergl. Fr. Wilh. Val. Schmidt Beitr. zur Geschichte der romantischen Poesie. S. 85. In Östreich wird erzählt daß man durch einen ungeheuer langen Darm schliefen müsse: wer stecken bleibt ist verloren, wer aber glücklich und standhaft sich durcharbeiten kann, wird in ein Land kommen, wo es nichts als Wohlleben und gute Tage gibt (Höfer 3, 92). Auf der andern Seite schlägt das Märchen in vielen Sagen von den unmöglichen Dingen (Nr. 159) und die gleichfalls alte Geschichte vom Finkenritter ein, dessen Fischart mehrmals gedenkt und woran er vielleicht selbst mitgearbeitet hat (über das Volksbuch vergl. Kochs Grundriß 2). Im Bienenkorb (St. 4, Cap. 4) heißt es unter andern „zur Zeit da die Häuser flogen, die Thiere redten, die Bäche brannten und man mit Stroh löschte, die Bauern bollen und die Hunde mit Spießen herausliefen, zur Zeit des strengen Finkenritters“. Manches in der Zusammenstellung dieser unmöglichen Dinge deutet auf geheime, verloren gegangene Berührungen derselben dennoch hin, und es ist hier, wie in den Traumdeutungen, die Reihe solcher ahnungsvollen Verwandtschaften von den rohen und groben Lügen zu unterscheiden. Ein holländisches Volkslied „de droomende Reyziger“, wiewohl modernisirt, hat noch viele alte Strophen und Übereinstimmung mit dem altdeutschen Gedicht, vergl. die Sammlung Toverlantarn S. 91–92. Hierher gehört das Dietmarsische Lied von den unmöglichen Dingen (Nr. 159), Walafrieds Strabo similitudo impossibilium (Canis. 2, 2. p. 241), Stellen bei Tanhauser 2, 66, Marner 2, 172. [241] Boppo 2, 236, Reinmar von Zweter MS. Hag. 2, 206b und die verkehrte Welt in Görres Meisterliedern S. 221. Noch fügen wir ein hierher gehöriges Märchen aus dem Paderbörnischen an. Ick gink mol spatzeiern, da kam ick in grauten Wald, do entmode mie (begegnete mir) so en graut Dinges, dat hadde so en langen, langen Stert, de schlörde wall tegen Ellen da hinner her, da was ick so wellmök (mutwillig) un pecke an den dicken Tost Hore un leit der mie so hinnerher schlüren. Dat dürde nig lange, da keimen wie an en graut Schlot, da gink dat Dinges herinner; ick seg nie (nicht) mol wat et bleif, et gink dür so vele Zimmers un schlürde mick in olle Ecken herümer, dat olle de Brudlacken (Spinngewebe) an mie sitten bleiwen. Up einmol bleif ick in eine Ecke hangen, un ose ick tosach, do hadde ick en grauten Tost Hore in de Hand, de hadde ick den Dinges utritten, da leh ick sei so gigen mie un bleif do sitten, un de Dören wören up einmol olle ümme mick tau, un ick wuste nie wo dat Ding bliefwen was. Up einmol stund do so’n klein Männeken fur mie, dat segde „guden Obend!“ Da seh ick „grauten Dank!“ „Worümme kümm gi hie her!“ Ick seh „für min Plaseier“. Da seh dat Männeken „wat he gi anrichtet, gi hewet usen Heren de Macht benumen.“ „Ick?“ seh ick, „et wulle gor nie nohegiewen, da hewe ick en betten von Schwanz utrieten“. „Dat wert mol en Unglücke beduen, et liegt do un randeirt (ringt) mit den Liewen, et wille olle fingerlank verrecken“. „Wat schert mie den dat, ick wull ment dat ick ut dusen Dinges weder heruter würe“. Da seh dat Männeken „ick sin Künig von 16 Twergen, wat gifst du mie, wenn ick die wedder herut bringen lote? Sei sind olle up Scholen west un hewet olles durstudeiert“. Da seh ick „mine Möhme hät ne Koh un ick hewe ne Siee (Ziege), eint von den Deilen salst du hewen“. Da gingen 8 Twerge mit mie, ose wie fur de Döre keimen, da lag do en grauten Hund, do macken sei en Stock von Höppertänen (Froschzähnen), da schlögen sei em einmol up de Schnute, dat hei wit trüge stauf (zurück stob, fuhr). Da gingen wie ne ganze Ecke Wegs, da keimen wie an en graut Water, da mackten de Twerge en Seil, un dat was macket von Frugenbart (Frauenbart) un Fischhare, un da tröken sei mie mit heröwer. Da gingen wie olltied dür den grauten Wald, un sei wüsten ackrot (accurat) wo ick mit den Dinges her schlürt was. Up den sülvigen Weg was ick bis für miner Möhme Dör, da vertellde ick ur wo ick west was. Da gaf sei mie de Siee, da sette ick [242] de Twerge na de Rige up, de grötesten eist, bis to lest den klenesten, do seiten sei na der Rige ose Oergelpipen, un da gaf ick der Siee en Schub, dat sei da hinnen hönne stauf, un ick hewe sei min lewe Dage nie wier seien. In einer Sammlung Schweizer Kuhreihen (3te Aufl. Bern 1818. S. 77) auch die Reise ins Schlaraffenland. Der Floh kommt ins Schlaraffenland, die Kühe gehen auf Stelzen, die Geiße haben Stiefeln angelegt, der Esel tanzt auf einem Seil, die Bauern haben ihre Weiber feil von Weihnachten bis Mai, die Kühe fliegen ins Storchnest und brüten die Eier. Es war ein heißer Sommer, alles ist erfroren. Stuhl und Bänke schlagen sich, der Schrank schreit mörderlich, dem Tisch graust deshalb, der Ofen spricht zur Thüre „wären wir draußen!“


159.
Das Dietmarsische Lügenmärchen.

Nach Vieths Chronik. Vergl. Alterthumszeitung 1813 Nr. 6. S. 29. Ein altes Gedicht von einem Lügener in einer Wiener Hs. (Nr. 428. St. 181) ist ganz in diesem Geist. Vergl. Kellers Fastnachtspiele S. 93 folg. Ein Odenwälder Lügenmärchen in Wolfs Hausmärchen S. 422, ein holsteinisches bei Müllenhoff Nr. 32, ein schwäbisches bei Meier Nr. 76, wiederum verschieden bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 40, bei Kuhn und Schwarz Nr. 12. Vergl. oben Nr. 138.


160.
Räthselmärchen.

Aus einem Volksbuche mit Räthseln aus dem Anfang des 16ten Jahrhunderts mitgetheilt in Haupts Zeitschrift 3, 34. Die Verwandlung in Blumen auf dem Felde kommt auch im Liebsten Roland vor (Nr. 50) und die Auflösung hier erinnert an die Bienenkönigin die den Honigmund heraus findet (Nr. 62). Andere Räthselmärchen bei Müllenhoff S. 503. 504.

[243]
161.
Schneeweißchen und Rosenroth.

Das Märchen von dem undankbaren Zwerg bei Caroline Stahl, dessen Inhalt unten wird mitgetheilt werden, habe ich benutzt, aber nach meiner Weise erzählt. Der Spruch

„Schneeweißchen, Rosenroth,
schlägst dir den Freier todt“

der aus einem Volkslied genommen ist, findet sich in einer Erzählung von Kind in dem Taschenbuch Minerva für das Jahr 1813 S. 32 und mag sich auf das Märchen beziehen. Hier herrscht die boshafte Natur des Zwergs vor, und der Bär scheint an ihm Rache zu nehmen für die Verwandlung in das Thier.


162.
Der kluge Knecht.

Quelle ist „der 101. Psalm durch Martin Luther ausgelegt“ Wittenberg 1533 in 4. am Ende „durch Hans Lufft 1535“. Bogen G111b. Ohne Zweifel kannte Luther das Märchen aus mündlicher Überlieferung.


163.
Der gläserne Sarg.

Aus einem Roman, „das verwöhnte Mutter-Söhnchen oder Polidors ganz besonderer und überaus lustiger Lebenslauf auf Schulen und Universitäten von Sylvano.“ Freiburg 1728. S. 22. folg. An dem Inhalt ist nichts geändert, aber die breite Erzählung nicht beibehalten; sie beruht gewis auf einer echten Sage, wenn sie auch überarbeitet und einiges zugesetzt ist.

[244]
164.
Der faule Heinz.

Die Grundlage ist genommen aus Proverbiorum copia. Etlich viel hundert lateinischer und deutscher Sprichwörter durch Eucharium Eyering. Eisleben 1601. Bd. 1. S. 70–73. Eine noch ausführlichere Erzählung Bd. 2, 392–394. Der Schluß von der langsamen Schnecke kommt in den Briefen der Elisabeth von Orleans vor, wozu Kellers altdeutsche Erzählungen S. 584 zu vergleichen sind. Eine ähnliche Erzählung findet man im Zeitvertreiber (1668) S. 466. 469. Aber das Märchen war auch im Orient bekannt, man vergleiche Pantchatantra S. 210 und Bidpai (nach der Übersetzung von Philipp Wolf 2, 3), woher es Hans Sachs (4. 3, 54 Nürnberger Ausgabe) genommen hat; es wird da von einem Mönch oder Einsiedler erzählt mit verschiedener Ausführung. Der Mann will von dem Geld für den gesammelten Honig zehn Ziegen kaufen und durch weitere Steigerung endlich ein großes Vermögen erwerben, dann eine schöne Frau nehmen und den Sohn, den sie ihm gebären wird, mit seinem Stab strafen, wenn er nicht gehorcht.


165.
Der Vogel Greif.

Diese vortreffliche Auffassung verdanken wir einem Schweizer Friedrich Schmid, von dem wir sie durch Wackernagel erhalten haben. Sie hat einen eigenthümlichen Inhalt und gehört doch zu dem Teufel mit den drei goldenen Haaren Nr. 29. Näher verwandt ist ihm das Märchen Nr. 13 bei Müllenhoff und ein dänisches bei Etlar S. 129. Von einem Schiff zu Wasser und Lande gibt es, wie jener bemerkt, in Holstein eine besondere Überlieferung, aber auch in Finnland weiß man von einem goldnen Schiff, das von selbst über Land und Meer fährt; s. Schiefner S. 611. Vielleicht sollte ursprünglich der Lauf der Sonne damit angedeutet werden.

[245]
166.
Der starke Hans.

Von einem Schweizer Hagenbach aufgefaßt und von Wackernagel mitgetheilt. Es ist verwandt mit dem Erdmänneken Nr. 91, auch mit einem Märchen aus der Lausitz in M. Haupts Zeitschrift 2, 358–60 und in dem Lausitzischen Magazin von Leopold Haupt 19, 86–90; statt der eisernen Stange trägt der Starke hier einen großen Schmiedehammer. Es ist eine weit verbreitete Überlieferung, man findet sie bei Sommer S. 108, in Stöbers Alsatia 1852. S. 77. 88, bei Meier Nr. 1, bei Müllenhoff Nr. 16, immer mit Abweichungen im Einzelnen, aber die übernatürliche Kraft und eine höhere Natur ist, wie bei Siegfried, nicht zu verkennen. In einem walachischen Märchen bei Schott Nr. 119 geräth die Frau in die Gewalt eines Bären. Aus einer slavonischen Erzählung bei Vogl Nr. 6 gehört nur ein Theil hierher.


167.
Das Bürle im Himmel.

Von Friedrich Schmid in der Nähe von Arau auf das beste erzählt.


168.
Die hagre Liese.

Nach Kirchhofs Wendunmut (Frankf. 1581) S. 131b–132b. Verwandt mit dem faulen Heinz Nr. 164.


169.
Das Waldhaus.

Dies Märchen hat Karl Gödeke zu Deligsen bei Alefeld nach mündlicher Überlieferung niedergeschrieben und uns mitgetheilt. [246] Das Zusammenleben der Menschen und Hausthiere, wie es die alte Thiersage voraussetzt, ist gut geschildert; sie werden wie zur Familie gehörig betrachtet und gepflegt. Verwandelte Menschen darin zu sehen, war erst später Veranlassung, und der Alte, der die Stelle der Frau Holle vertritt, wollte nur das gute Herz des Mädchens prüfen.


170.
Lieb und Leid theilen.

Aus dem Wickrams Rollwagen (1590) Bl. 30b–31, etwas verschieden in dem Zeitvertreiber (1668) S. 415. 416. Ein humoristischer Volksscherz wie in dem Märchen von dem klugen Knecht Nr. 162.

171.
Der Zaunkönig.

Nach einer Auffassung von dem Pastor Mussäus, die in den Schriften des Meklenburger Vereins abgedruckt ist, und nach einer andern von K. Gödeke in Lachendorf aufgenommen. Das Märchen ist weit verbreitet und wird in verschiedenen Erzählungen mitgetheilt, in dem Büchlein für die Jugend (1834) S. 242–248, von Halling in Mones Anzeiger 1835. S. 313, in Kuhns Sagen und Märchen S. 293. 294, von Firmenich in der Mundart des Fürstenthums Calenberg 1, 186, von Pröhle in den Kindermärchen Nr. 64, von Woeste in den Volksüberlieferungen aus der Grafschaft Mark S. 93. Zu dem Eingang des Märchens vergleiche man die Neuen preußischen Provinzialblätter 1, 436 folg. In Wolfs Zeitschrift 1, 2 ist dargethan daß das Märchen schon in der zweiten Hälfte des 13ten Jahrhunderts bei Barachja Nikdani vorkommt. Aber das Alter geht noch weit höher hinauf, wie eine Stelle bei Plinius 10, 74 zeigt, die Maßmann (Jahrbücher der Berliner Gesellschaft für deutsche Sprache 9, 67) nachgewiesen hat, dissident aquila et trochilus, si credimus, quoniam rex appellatur avium; und aus Aristoteles τρόχιλος ἄετῳ πολεμιος. Wie Zwerge oder [247] das kluge Schneiderlein starke Riesen durch List besiegen, so gewinnt hier der kleinste Vogel die Oberhand über den Adler. In einem Negermärchen bei Kölle S. 168 siegt ein Vogel in einem Wettstreit mit dem Elephanten.


172.
Die Scholle.

Wie das vorige, das hier in das Reich der Fische übertragen ist, von Mussäus bekannt gemacht.


173.
Rohrdommel und Wiedehopf.

Ebenfalls von Mussäus.


174.
Die Eule.

Aus Kirchhofs Wendunmut S. 161–163, womit man den Simplicissimus in der Erzählung von der Courage 2, 217 vergleichen muß. Es ist ein guter Lalenbürgerstreich.


175.
Das Unglück.

Aus Kirchhofs Wendunmut S. 176, da es aber aus dem Bidpai (Ph. Wolfs Übersetzung 1, 5) abstammt, so wird dafür in der nächsten Ausgabe das Märchen vom Mond (bei Pröhle Märchen für die Jugend Nr. 182) eingerückt werden. Dieses athmet den Geist der ältesten Zeit und könnte in Kalevala, dem finnischen Epos (Rune 47), vorkommen. Lousi, die auch den Sampo im Kupferberg verbarg, nimmt Sonne und Mond gefangen, und in einem Märchen aus der Gegend von Archangel (Rudbek 2, 1–28. [248] Schiefner 605) sind Sonne, Mond und Morgenroth schon drei Jahre in der Gewalt dreier Drachen. Sie leuchten nur so lange als die welche sie geraubt haben, aus dem Meer ans Ufer kommen, um eine Königstochter in Empfang zu nehmen. Die drei Drachen werden nacheinander von drei kühnen Jünglingen mit Hülfe von Wölfen getödtet, und damit Morgenroth, Mond und Sonne der Welt wiedergegeben.


176.
Die Lebenszeit.

Dieses Märchen erzählte ein Bauer aus Zwehrn bei Kassel auf dem Feld im Jahr 1838. Merkwürdiger Weise kommt es auch bei Babrius vor (Nr. 74, bei Furia 278, Coray 149) mit einigen Abweichungen. Nicht Esel, Hund und Affe treten darin auf, sondern Pferd, Stier und Hund. Sie erscheinen zitternd vor Frost bei dem Hause des Menschen, der ihnen seine Thüre öffnet und an seinem Feuer sich wärmen läßt. Dem Pferd gibt er Gerste, dem Stier Hülsenfrucht, dem Hund Speise von seinem Tisch. Dankbar für die erwiesene Wohlthat, machen sie dem Menschen ein Gastgeschenk, indem sie ihm einen Theil ihrer Lebensjahre überlassen. Das Pferd sogleich, darum ist der Mensch in der Jugend übermütig, dann der Stier, darum müht sich der Mensch in der Mitte des Lebens und sammelt Reichthümer. Der Hund schenkt die letzten Jahre, darum sind die Alten immer mürrisch, schmeicheln nur dem der ihnen Nahrung gibt und achten die Gastfreundschaft gering. Unser Märchen ist bedeutungsvoller an sich und innerlich zusammenhängender als das griechische: die Abgabe der Jahre wird natürlicher begründet, denn man weiß dort nicht wie der Mensch, dessen Alter man nicht erfährt, und dem Muth und Freudigkeit nicht zu fehlen scheint, Gebrauch von dem Geschenk des Pferdes machen soll. Ein hebräisches Märchen in einem Gedicht des Jehuda Levy Krakau Ben Sef (in der Zeitschrift Hamaßef, Königsberg 1788. 2, 388), worin ebenfalls Esel, Hund und Affe erscheinen und einen Theil ihrer Lebensdauer zu Gunsten des dennoch nicht befriedigten Menschen abtreten, weist Gödeke zu Gengenbach S. 588 nach.

[249]
177.
Die Boten des Todes.

Nach Kirchhofs Wendunmut 2, Nr. 123, und daraus auch bei Colshorn Nr. 68. Ferner in Paulis Schimpf und Ernst Cap. 151, im Äsop von Huldrich Wolgemut Fab. 198 und in einem Meistergesang der Colmarer Handschrift (v. d. Hagen Sammlung für altdeutsche Literatur 187. 188). Der letzte Theil auch in dem lateinischen Äsop von Joach. Camerarius (1564) S. 347. 348 und von Gregor Bersmann (1590), doch weder griechische noch römische Fabeldichter wissen etwas davon. Schon im 13ten Jahrhundert war das Märchen bekannt, denn Haug von Trimberg erzählt es im Rener 23666–23722.


178.
Meister Pfriem.

Nach einer Erzählung in der Neusten Kinderbibliothek (Hildburghausen 1827) 2, 143. 144; vergl. Märchenwald von L. Wiese (Barmen 1841). Ich kann eine mindestens dreihundert Jahr ältere Auffassung nachweisen. Im 16. Jahrh. dichtete Martin Heineccius ein lateinisches Lustspiel, das er hernach ins Deutsche übersetzte. Es erschien unter dem Titel Hans Pfriem oder Meister Kecks ohne Angabe des Orts (unter der Vorrede steht 1852) und ward zu Leipzig 1603 und zu Magdeburg 1606 wieder abgedruckt (Gottsched Nöthiger Vorrat zur Geschichte der deutschen dramatischen Dichtkunst 1, 119. 2, 244). In der Vorrede erzählt der Verfasser das Märchen, das seinem Gedicht zu Grunde liegt, und bemerkt am Schluß daß Dr. Luther es gekannt und Wohlgefallen daran gehabt habe, wie man aus seinen Predigten über das 15te Capitel des ersten Briefs an die Corinther sehen könne. Es war vorzeiten ein Fuhrmann, Hans Pfriem genannt, ein seltsam wunderlicher alter Kunde, der seines Kopfs war: meinte jedermann müsse sich nach ihm richten, er aber nach niemand. Nun weil der Hans Pfriem so gar unerträglich und unruhig, ja so gar überklug war, bedurfte man seiner [250] im Paradies nicht, und ward verboten, wenn er stürbe, ihn einzulassen. Er stirbt aber und flickt sich hinein wie er kann, ehe mans innen wird. Da man ihn heraustreiben will, gibt er gute Worte, sagt zu er wolle fromm sein; man läßt es geschehen. Bald aber im Nu, da er allerlei sieht wie man handelt im Paradies, da es alles auf besonders himmlische Weise zugeht, dessen er nichts verstehen noch in seinen Kopf bringen kann, wird er in sich selbst unwillig und wünscht schier er wäre nie hinein kommen. Denn es thut solchen Leuten faul (sie werden ärgerlich), wenn sie Köpflein nicht brauchen sollen (es nicht nach ihrem Kopf geht). Gleichwol verbeißt er des Dinges viel und läßt sich nichts merken, ohne daß er mit sich selbst wundert, wenn er siehet wie die Jungfräulein in Stuben Wasser schöpfen: etliche tragen es in alte löcherige Fässer, die, obgleich es raus läuft, doch allezeit voll bleiben; das kann er nicht verstehen, ist ihm gar seltsam Ding. Dergleichen er sonsten viel mehr siehet und darf es doch nicht tadeln. Eines Males sieht er sie mit einem langen Zimmer (gezimmerten Balken), das sie auf den Achseln tragen zu einem Gäßlein zu, da sie die Quer mit dem Holze hindurch wollen. Das möchte ihm den Tod thun, doch darf es nicht schnappen lassen. Endlich stößt er auf einen Fuhrmann, der mit Pferd und Wagen im tiefsten Schlamm in einem Pfuhl steckte, konnte weder hinter sich noch vor sich: spannte die Pferde zwei hinten und zwei vorne an und hieb darauf. Das konnte Hans Pfriem nicht vertragen, weil es seines Handwerks war: schreit zum Fuhrmann ungestümmlich ein und straft ihn wegen des närrischen Vornehmens, als er meinte: hieß ihn die Pferde zusammen spannen und antreiben; das brach ihm den Hals. Denn alsbald es kund wird, daß er den Vertrag gebrochen und seiner Zusage vergessen hätte, schickte man eilend hin und läßt ihn erinnern daß er das Paradies räume. Da wird er erstlich verzagt, faßt aber hurtig einen Mut und erkühnet: wird frech und trotzig wider alle der Heiligen Seelen, die ihn hinaus zu weisen an ihn treffen. Rückt sämtlichen und sonderlichen ihre Gebrechen auf, damit sie auf der Welt beschrien waren: dem seligen Schächer, so zu der Seiten Christi gekreuzigt ward, wirft er den Galgen vor, der Maria Magdalena ihre Unzucht und die sieben Teufel, Zachäo seine Untreue, Diebstahl und Finanzerei, St. Petro sein Verläugnen, schwören und Meineid und anderes, St. Paulo seine Verfolgung und Gotteslästerung, Moysi [251] seinen Unglauben und Zweifel, dadurch er das gelobte Land verscherzet, ja auch sein Grab, das Gott nicht hat wollen wissen lassen. Mit solcher Weise schützt sich Hans Pfriem und macht aller Heiligen Stimmen an ihm zu Schanden, so daß ihr keiner vermag ihn auszutreiben, sintemal sie alle selbst große Sünder, sowol als Hans Pfriem sich bekennet, gewesen waren. Wie thun sie ihm aber? sie schicken die unschuldigen Kinder an ihn, die Herodes ermordet hatte, als sie in kindlicher Unschuld wären und aller begangenen Sünden frei. Die weiß Hans Pfriem nichts zu zeihen, aber damit er sich noch schütze auch vor ihnen, erdenkt er geschwinde den Rank und theilt ihnen Pfefferkuchen aus, Apfel damit man die Kinder beschweigt, und führt sie hernach mit sich hinaus spazieren, da er ihnen Äpfel und Birn unter ander Obst schüttelt, mit ihnen spielt und kurzweilt, daß sie also vergessen ihn auszutreiben. Hier also weigert sich Pfriem den Himmel zu verlassen und weiß sich geschickt und listig zu vertheidigen, legt aber in den Vorwürfen, die er den Heiligen macht, seine widerstrebende Gesinnung an den Tag. Er ist hier kein Schuhmacher, sondern ein Fuhrmann, und wird in den Personen des Lustspiels als Fuhrpech bezeichnet, Schusterpech wäre an sich angemessener, zu seinem Handwerk paßt auch der Name Pfriem (subula Ahle). In Wolfs Zeitschrift für deutsche Mythologie (2, 2–7) ist nachgewiesen daß er eigentlich zu den Himmelsstürmern gehört.


179.
Die Gänsehirtin am Brunnen.

Nach einer Erzählung von Andreas Schuhmacher in Wien in Kletkes Almanach Nr. 2.


180.
Die ungleichen Kinder Evas.

Nach Hans Sachs, der diese Überlieferung dreimal behandelt hat, zweimal dramatisch im Jahr 1553 (Nürnb. Ausg. 3, 1, 243. 1. 1, 10) und einmal als Schwank 1558 (2. 4, 83), in diesem am [252] besten. Im Ganzen stimmen sie überein; die dramatischen Dichtungen sind umständlicher angelegt und ausgeführt: die Verschiedenheiten werden in Haupts Zeitschrift 2, 258–260 angegeben, wo man noch weitere Nachweisungen findet. Hans Sachs nennt den Philipp Melanchthon und dessen lateinisches Gedicht als seine Quelle, doch von diesem ist das Märchen nicht ausgegangen: in einem Brief an den Grafen Johann IV. von Wied erzählt er es wahrscheinlich nach einer lateinischen Quelle. Von Hans Sachs weicht er in einigen Stücken ab. Kein Engel bringt die Botschaft von Gottes vorhabendem Besuch, sondern Eva schaut zum Fenster aus und sieht ihn mit den Engeln nahen. Sie hatte gerade wegen eines bevorstehenden Festtags die Kinder zu waschen begonnen, war aber noch nicht mit allen fertig geworden. Die ungewaschenen heißt sie also sich in Heu und Stroh verstecken, aber die gewaschenen dem Herrn entgegentreten. Mit ihnen hält nun Gott eine förmliche Kinderlehre. Abel sagt das Credo weitläuftig her, nach ihm werden Seth und die Schwestern geprüft; alle bestehen aufs beste. Dann aber befiehlt der Herr auch Cain und die übrigen herzurufen, deren Abwesenheit dem Allwissenden nicht entgangen war. Cain erscheint trotzig mit Strohhalmen und Heufasern im ungekämmten Haar, er kann das Credo nur verkehrt und verstümmelt herausbringen und äußert sich frech. Darauf läßt der Herr den Abel herantreten, legt ihm die Hände auf und weiht ihn zum Priester, den Seth zum König, den bäurischen Cain aber zum Knecht. Als Eva wehklagt, tröstet sie Gott, reicht den Kindern beim Abschied die Rechte und wird von der Mutter noch eine Strecke weit vom Haus begleitet, bis er sie heimkehren heißt und in eine Wolke gehüllt gen Himmel steigt. Weiter zurück, auf das Jahr 1528 weist eine Erzählung in Agricolas Sprichwörtern (in der plattdeutschen Magdeburger Ausgabe Bl. 127b Nr. 264), die sich mehr zu dem Schwank als zu den dramatischen Gedichten und Melanchthon neigen. Geringer ist eine Darstellung in Georg Rudolpf Widmanns wahrhaftigen Historien von den grewlichen und abschewlichen Sünden, so D. Joh. Faustus hat getrieben (Hamburg 1799) 1, 237. 238. Gleichwol zeigen Abweichungen daß Widmann weder aus Hans Sachs noch aus Melanchthon schöpfte, sondern einem andern schriftlichen oder mündlichen Bericht folgte. Der Herr findet das Haus verschlossen und klopft an; Adam und Eva erschauen ihn durch eine Lücke. Auch bei Melanchthon schaut Eva durch das Fenster und [253] sieht Gott von weitem kommen, während ihn bei Hans Sachs eine Botschaft des Engels verkündigt. Den von Widmann und Agricola vorgegebenen Beweggrund, daß Eva wegen der Menge ihrer Kinder Verweis von Gott fürchtet und einen Theil davon zu bergen sucht, kennen Melanchthon und Hans Sachs nicht; es ist viel mütterlicher daß Eva die schönen ausliest, die häßlichen versteckt. Doch stimmen darin Agricolas und Melanchthons Erzählungen, daß Eva beim Waschen der Kinder für den Festtag von dem Besuch überrascht wird. Bei Hans Sachs läßt erst nach empfangener Botschaft Adam den Befehl zum Scheuern des Hauses, zum Streuen der Maien und Schmücken der Kinder ergehen. Die Catechisation mangelt in der letzten Darstellung ganz, doch wird in ihr das Verstecken und hernach der Unterschied der Ämter mehr im einzelnen ausgeführt. Die Erzählung Eyerings in seinen Sprichwörtern 1, 773–74 stimmt im Ganzen mit dem Schwank des Hans Sachs. Aber es gibt noch ein älteres Zeugnis von dem Dasein des Märchens. Im Jahr 1509 ward zu Freiberg in Sachsen in einem öffentlichen dramatischen Spiel die Geschichte von den Kindern Adams und Evas, wie sie Gott der Herr angeredet und examiniert, dargestellt. Die Nachricht davon ist in der Abhandlung bei Haupt ausführlich mitgetheilt. Dort wird denn auch das Märchen an das eddische Lied von Rigr dem Wanderer geknüpft, unter welchem der Gott Heimdallr zu den drei Menschenpaaren zieht und den Unterschied der Stände begründet. Die uralte Sage trug sich zuletzt auf Adam und Eva über.


181.
Die Nixe im Teich.

Nach einer Erzählung aus der Oberlausitz in Haupts Zeitschrift 2, 257–267. Hier ist es noch eine böse Nixe, während in andern Märchen ähnlichen Inhalts, wie etwa in Nr. 34, der Teufel ihre Stelle vertritt, aber die gutmütige Alte, die der Unglücklichen beisteht, fehlt nicht.

[254]
182.
Die Geschichte des kleinen Volks.

Von Sommer in Halle aufgefaßt S. 81–86. Das Abscheren des Haupthaars und Barts durch Geister kommt auch anderwärts vor, unter andern in einem Märchen bei Musäus. Die Elfen, zumal wenn sie erzürnt werden, geben zur Strafe gern dem Menschen eine häßliche Gestalt und entstellen ihn. Wie hier der Goldschmied seiner Habgier wegen einen zweiten Höcker vorn auf die Brust erhält, so wird in dem irischen Märchen (Nr. 3) dem tückischen Hans Maden noch ein zweiter zu dem, den er schon hat, aufgesetzt, der ihn zu todt drückt. In einer Erzählung aus der Bretagne (bei Souvestre S. 180), die mit der irischen im Ganzen übereinstimmt, wird der Geizige doch nur mit Einem Höcker bestraft.

In der vorigen Ausgabe stand die Erbsenprobe, ist aber herausgenommen, weil sie wahrscheinlich aus Andersen (S. 42) stammt; auch bei Cavallius S. 222 kommt sie vor.


183.
Der Riese und der Schneider.

Bei Ziska S. 9–13. Gehört zu dem tapfern Schneider Nr. 20.


184.
Der Nagel.

Nach einer Erzählung im Büchlein für die Jugend S. 71. 72. Ein ähnlicher Gedanke in einem Spruch bei Freidank 79, 19–80, 1.

ich hore sagen die wîsen
ein nagel behalte ein îsen,
ein îsenz ros, ein ros den man,
ein man die burc, der strîten kan:

[255]

ein burc daz lant betwinget,
daz ez nâch hulden ringet.
der nagel der ist wol bewant
der îsen ros man burc unt lant
solher êren geholfen hât
dà von sîn name sô hôhe stât.


185.
Der arme Junge im Grab.

Nach einer Erzählung im Büchlein für die Jugend S. 71. 72. Zu vergleichen ist Hans in der Schule in Vogls Großmütterchen S. 100–103.


186.
Die wahre Braut.

Aus der Oberlausitz in Haupts Zeitschrift 2, 481–486.


187.
Der Hase und der Igel.

Nach mündlicher Überlieferung in der Gegend von Osnabrück aufgefaßt; näheres darüber in Wolfs Zeitschrift für deutsche Mythologie 1, 381–383. Firmenich hat es aufgenommen 1, 210. 211. Het Wetloopen tüschen den Haasen und den Swinegel up de Buxtehuder heid in Bildern von Gust. Sus. Düsseldorf ohne Jahr; dem niederdeutschen Text ist eine hochdeutsche Übersetzung beigegeben. De Swienegel als Wettrenner. Ein plattdeutsches Märchen, neu illustriert und mit einem Nachwort versehen von J. P. T. Leyser. Hamburg ohne Jahr. In einem hübschen Gedicht erzählt es Klaus Groth im Quickborn S. 185–89. Das hohe Alter des Märchens ist nicht zu bezweifeln, denn ein abweichendes, aber in den Grundzügen mit dem plattdeutschen Märchen zusammenkommendes altdeutsches Gedicht das Maßmann (Haupts Zeitschrift 398–400) bekannt gemacht hat, gewährt [256] eine Auffassung des 13ten Jahrhunderts, wo der listige Fuchs von dem kleinen Krebs betrogen wird. Der Fuchs sieht den Krebs im Grase liegen und spottet seines langsamen Ganges, „wann wollt ihr über die Wiese kommen? Ihr könnt besser rückwärts als vorwärts gehen.“ Der Krebs antwortet stolz er könne besser als die Götter laufen, und bietet ihm einen Wettlauf von einer Meile an, von Lune bis Toskan. Der Fuchs willigt ein, und es wird ein Pfand gesetzt. Der Krebs will etwas voraus geben und hinter dem Fuchs laufen. Dieser kehrt ihm also den Hintertheil zu, und der Krebs packt seinen Gegner, ohne daß dieser es merkt, mit der Scheere an den Schwanz. Der Fuchs läuft was er kann, und als er am Ziel angelangt ist, kehrt er sich um und ruft „wo ist nun der Krebs.“ Dieser der vor ihm steht, antwortet „da bin ich, wie seid Ihr so langsam gelaufen.“ Damit hat der Fuchs die Wette verloren. Wenig abweichend ist eine märkische Sage bei Kuhn S. 243, nur der Schluß wird etwas verschieden erzählt, der Krebs, als sie an dem Ziele nahe sind, kneipt den Fuchs in den Schwanz, so daß dieser wüthend um sich schlägt und jener an das Ziel geschleudert wird, der jetzt als Sieger „Krebsjuchhe!“ schreit. An der Stelle ward nachmals ein Dorf gebaut, das den Namen Krebsjuchhe erhielt, woraus späterhin Krebsjauche entstanden ist. Hier ist das Sprichwort „der Krebs will einen Hasen erlaufen“ anzuführen, das Eyering 2, 447 anführt. Diesem nahe steht wieder ein wendisches Märchen bei Leop. Haupt 2, 160. Der Fuchs kommt zu einem Teich und will trinken. Ein Frosch quackt ihn an und der Fuchs droht „geh weg, oder ich verschlinge dich.“ „Nicht so hochmütig“, erwidert der Frosch, „ich bin hurtiger als du.“ Der Fuchs lacht ihn aus und spricht „wir wollen in die Stadt laufen, da wird es sich zeigen.“ Der Fuchs kehrt sich um und der Frosch springt in seinen Schwanz. Reinhart fängt nun an zu laufen, als er nahe beim Thor ist, dreht er sich um und will sehen ob der Frosch nachkomme: in dem Augenblick springt dieser von dem Schwanz herab und in das Thor hinein. Als der Fuchs sich wieder umgekehrt hat und in das Thor kommt, sitzt der Frosch schon am Ziel und ruft ihm zu „bist du endlich da? ich bin schon auf dem Heimweg und dachte du würdest gar nicht kommen.“

Mit einer andern, aber guten Wendung erzählt Burkard Waldis im Esopus S. 172b (Buch 3, Fab. 70) und daraus Eyering [257] Sprichwörter 3, 154 den Wettlauf zwischen dem Hasen und der Schnecke.

Ein Has belacht ein arme Schneck
und sprach „du liegst so tief im Dreck,
soltest eim Hund also entlaufen,
ja in der Pfützen würdst ersaufen“.
Da sprach die Schneck „weil du nun mich
verachtest so gar jämerlich,
deß ich mich nicht versehen hett,
wil mit dir laufen in die Wett.
Der Fuchs sol stecken uns das Ziel,
zwen Schritt zuvorn dir geben wil,
so sol man sehen heut diesen Tag
was die Schneck und der Has vermag.“
Dem gschahe also, er (der Hase) nam drei Schritt,
da blieb er sitzen, achtets nit.
Ein süßer Traum ihn da ergriff,
wol in die dritte Stunde schlief,
gedacht derhalben „darfst nit Eil,
gehe gmach und nimm dir wol der Weil.“
In dem seumet sich nit die Schneck,
in einem Gang kroch für sich weg,
biß sie zum erst erlangt das Ziel:
da fehlt dem Hasen noch gar viel.
Die Schneck kam bei Scheinen der Sonnen:
da hetts dem Hasen angewommen.

Mancher sich auf sein Sterk verläßt,
ist warlich darumb nit der best:
schläft deste länger, seumet gern;
man sagt „mit Mußen kompt man fern.“

Waldis wird wohl das Märchen nicht aus mündlicher Überlieferung, sondern aus einem ältern Fabeldichter geschöpft haben. Trefflich ist der Zug daß der schnelle Hase, von seiner Sorglosigkeit und seiner natürlichen Neigung still zu sitzen verleitet, einschläft, und die langsame Schnecke Zeit genug hat vor ihm anzulangen. In einer andern Erzählung, bei Waldis S. 306b (4, 79), die in der Entwicklung [258] etwas abweicht, erscheint der Krebs wieder, und wird von dem Hecht seines unbeholfenen Ganges wegen verlacht.

Ein Fischer thet nach Fischen fahrn,
und durch das Wasser zog sein Garn,
daß ers jenseit zum Ufer brächt.
Er fieng ein Krebs, dazu ein Hecht,
da sprang der Hecht je länger je baß:
sprung über, sprung ins grüne Gras.
Der Krebs kroch, wie sie gemeiniglich
zu kriechen pflegen, hinder sich.
Deß lacht der Hecht, sprach „lieber Bruder,
du fehrst nit wol mit solchem Ruder,
dein Fahrt hast übel fürgenommen.
Wenn du dem Unglück wilt entkommen,
so must wie ich mit Springen thun:
mit deiner Weis kompst nit davon,
mit Rücklingskriechen und mit Schleichen
wirstu das Wasser nit erreichen“.
Da antwort im der Krebs sechsfüßig,
„du brauchst dich Fast (du strengst dich gewaltig an) und bist unmüßig
und gar hönisch belachest mich:
bist selb ein größer Narr denn ich;
mit Springen thust dich hoch begeben
in d’Lüft, kanst doch des Lufts nit leben.
Denn, wie ichs sehe, daß dus fürnimpst,
gar langsam zu dein Brüdern kümpst:
je weiter du zu landwert springst,
je mehr du nach dem Unglück ringst.
das Wasser drauß wir sein gefangen,
dem ich mit Unwillen (gegen meinen Willen) bin entgangen,
ich meins Bedunkens recht dahinden
ich hoffe mit solcher Weis zu finden.
Drumb, wenn ichs gleich mit dir versuch,
sprüng auf in d’Luft oder vor mich kruch,
so wird mir doch, wie dir, nit baß,
würd mit dir in der Pfannen naß (gekocht).
Drumb mich dein Gspött nit irren soll,
des Spötters Haus brenet auch einmol“.

[259] Von einem Wettlauf zwischen dem Fuchs und Bären, wobei der Fuchs eine ähnliche List anwendet, ist in der Anmerkung zu Nr. 48 die Rede.


188.
Spindel, Weberschiffchen und Nadel.

Nach dem Büchlein für die Jugend S. 160–166. Es sind Geräthe, womit die Fleißigen zu schaffen haben, die nun, wie gute Geister sich dankbar erweisen und dem Mädchen das Glück zuführen wollen.


189.
Der Bauer und der Teufel.

Nach dem Büchlein für die Jugend S. 249–251. Ausgelassen ist ein schlecht erdachter Schluß, wonach der Teufel und der Bauer versuchen wer am meisten Hitze aushalten kann, dagegen findet sich ein besseres Ende in einer mündlichen Erzählung bei Müllenhoff S. 278. Der Teufel als er sich betrogen sieht, droht übermorgen wolle er kommen, dann solle der Bauer sich mit ihm kratzen. Dem Bauer wird angst, seine Frau aber spricht ihm Muth ein, sie wolle schon mit dem Teufel fertig werden. Der Bauer geht fort und als der Teufel kommt, sagt sie ihm „da hat mein Mann mit dem Nagel seines kleinen Fingers diesen großen Riß quer in meinen schönen eichenen Tisch gemacht“. „Wo ist er denn?“ spricht der Teufel. „Wo anders als beim Schmied? da läßt er sich die Nägel schärfen.“ Worauf der Teufel sachte sich fortmacht. Dänisch bei Thiele 2, 249, wo ein Bergmann auftritt. Dagegen ist es der Bär in einem ehstnischen Märchen (Reinhart Fuchs CCLXXXVIII), der von dem Bauer betrogen wird; hier folgt ein ganz anderer eigenthümlicher Schluß, wonach der Fuchs durch seine Listen es dahin bringt, daß der Bär der dem Mann die Ochsen wegnehmen will, gebunden und getödtet wird. Dänisch bei Thiele 2, 249 vom Bauer und Wald. Französisch bei Rabelais 4, Cap. 45–47. Nach einer arabischen Quelle in einem Gedicht von Rückert S. 75. Nach dem [260] Volksglauben müssen Früchte die über der Erde wachsen in zunehmendem Licht gesät werden, die unter der Erde in abnehmendem. In der Normandie erzählt das Volk noch heute wie sich der heilige Michael mit dem Teufel gestritten habe wer die schönste Kirche erbauen könne. Der Teufel baut eine steinerne, Michael fügt die schönere aus Eis zusammen. Als diese hernach schmilzt, wollen beide den Boden bebauen, der Teufel wählt das obere Kraut, Michael behält das in der Erde steckende. Vergl. Deutsche Mythologie 678. 980. 981.


190.
Die Brosamen auf dem Tisch.

Aus der Schweiz von W. Wackernagel in Haupts Zeitschrift 3, 36. 37.


191.
Der Räuber und sein Sohn.

Nach einer Erzählung in einer Handschrift des 15ten Jahrhunderts, deren Quelle leicht älter sein kann, mitgetheilt von Haupt in den Altdeutschen Blättern, 119–127. Den Hauptinhalt macht die Sage von Polyphem aus, die noch weiter geführt ist. Sie enthält eine treffliche, von der Odyssee, wie von den Darstellungen anderer Völker, unabhängige Auffassung der weit verbreiteten Sage.


192.
Der Meisterdieb.

Nach einer von Friedrich Stertzing in Thüringen aufgefaßten, in Haupts Zeitschrift mitgetheilten Überlieferung. Dergleichen durch die dabei angewandte List entschuldigte Diebsstreiche werden mannigfach verschieden erzählt. Hierher gehört ein Märchen bei Kuhn und Schwarz S. 362, in Wolfs Hausmärchen S. 397, bei Zingerle S. 300, bei Meier Nr. 55. Norwegisch bei Asbjörnsen S. 218. Italienisch bei Straparola 1, 2. In inniger Verwandtschaft damit [261] steht die aus Herodot (2, 121) bekannte Erzählung von dem ägyptischen König Rhampsinit, dessen Schatzkammer von den Söhnen seines verstorbenen Baumeisters bestohlen wird. Nachweisungen von den verschiedenen Darstellungen bei Dunlop (Liebrecht S. 63. 64) und Keller in der Einleitung zu den sept sages CXCIII. und dem Diocletian von Bühel S. 55. Nachzutragen ist ein altniederländisches Gedicht De deif van Brugghe in Haupts Zeitschrift 5, 385–404.


193.
Der Trommler.

Nach einer Erzählung aus dem Eichsfeld, die K. Gödeke mitgetheilt hat. Die Entwickelung ist ähnlich in einem Märchen bei Kühn und Schwarz Nr. 11. S. 347. Das am Ufer gefundene Hemd, das in der Nacht zurückgefordert wird, ist das Kleid einer Schwanenjungfrau.


194.
Die Kornähre.

Aus der Zeitschrift Verein für hessische Geschichte 114. Vergl. Bechsteins Märchenbuch S. 113 und Vonbun S. 23.


195.
Der Grabhügel.

Aus der Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte Bd. 4. Eine andere Auffassung aus Hessen in Wolfs Zeitschrift 1, 246 und abermals eine verschiedene in Pröhles Kinderm. Nr. 18.

196.
Oll Rinkrank.

Aus dem Friesischen Archiv von Ehrentraut 1, 162.

[262]
197.
Die Krystallkugel.

Nach Friedmund Arnim S. 92. Eine andere Erzählung in Pröhles Kindermärchen Nr. 1 nähert sich mehr der Darstellung von Musäus Thl. 1 die drei Schwestern, worüber man die Anmerkung unten nachsehen muß. Im Pentamerone (4, 3) die drei Könige.


198.
Jungfrau Malven.

Nach Müllenhoff Nr. 5. S. 391. Ein durch Gehalt und Vollständigkeit ausgezeichnetes Märchen, worin die so oft vorkommende Erkennung der wahren Braut schön dargestellt ist. Schwedisch bei Cavallius S. 320. Dänisch bei Molbech S. 88.


199.
Der Stiefel von Büffelleder.

Nach Friedmund Arnim S. 22. Eine andere, minder gute Auffassung in Wolfs Hausmärchen S. 65 die schlechten Kameraden.


200.
Der goldene Schlüssel.

Aus Hessen. Ein ähnliches Märchen aus dem Bernburgischen in dem Deutschen Sprachbuch von Adolf Gutbier (Augsb. 1853) 843 Hühnchen findet ein Schlüsselchen im Mist und Hähnchen findet ein Kästchen. Es wird aufgeschlossen, und es liegt darin ein kleines, kurzes, rothseidenes Pelzchen. Wäre das Pelzchen länger gewesen, so wäre auch das Märchen länger geworden.

[263]
Zu den Kinderlegenden.

Die ersten sieben dieser Erzählungen haben wir aus dem Paderbörnischen erhalten durch die Güte der Familie Haxthausen, der wir so manches in dieser Sammlung verdanken. Es sind Märchen auf die heilige Geschichte angewendet, die auf ähnliche Weise von der lebendigen Volksdichtung in manchem einzelnen Glauben fortgebildet wird. So glaubt man jeden Sonnabend scheine einmal die Sonne: alle Freitage nämlich geht die Mutter Gottes durch das Fegfeuer, dann kommen die armen Seelen und küssen den Saum ihres Kleides und weinen so viel auf den Schlepp desselben daß er ganz naß wird. Darum scheint am Sonnabend immer einmal die Sonne, damit er wieder trockne. Um die Zeit, wann Maria übers Gebirge geht, wächst reichlich eine Art kleiner Blumen, die heißen Muttergottespantöffelchen, weil sie damit über das Gebirge geschritten ist. Gott schauet alle Jahre dreimal vom Himmel herab, wen er dann müßig sitzen sieht, der kann auch müßig sitzen so lange er lebt, er hat doch etwas zu leben und braucht nicht für den kommenden Tag zu sorgen: wer aber gerade arbeitet, der muß auch sein Lebtage arbeiten. Darum sagt man „wo einen unser Herr Gott bei sieht, da läßt er einen auch bei.“

1. Der hl. Joseph im Walde ist eigentlich das Märchen von den drei Männlein im Walde (Nr. 13).
2. Die zwölf Apostel. Verwandt mit den Sagen von den in Bergen schlafenden Helden, die erst zu der bestimmten Zeit wieder erwachen; man vergleiche die drei Telle in den deutschen Sagen 1, 297.
[264] 3. Die Rose. Sie wird, zumal die weiße, auch sonst als das Vorbild des Todes, ihr Aufblühen als das Eröffnen des ewigen Lebens betrachtet; vergl. die Sage von dem Dom zu Lübeck in den deutschen Sagen 1, 24.
4. Armuth und Demuth führen zum Himmel. Der geduldige, der unter der Treppe liegende Aschensohn erwirbt sich die ewige Freude des Himmels. Diese Erzählung ist nach der Legende von dem hl. Alexius gebildet, die man aus den Zusammenstellungen von Maßmann am besten kennen lernt.
5. Gottes Speise. Erinnert an ein Lied von zwei unbarmherzigen Schwestern in Brabant. Ähnliches in den Deutschen Sagen Nr. 240, in Wolfs niederländ. Sagen Nr. 153. 362. 363 und bei Müllenhoff S. 145.
6. Die drei grünen Zweige. Auch der Tanhäuser sollte nach dem bekannten Lied seine Sünden gebüßt haben, sobald ein weißer Stecken sich zu belauben anfienge.
7. Mutter Gottes Gläschen. Wie in vielen Märchen wird hier der Lohn der Liebe und Milde gezeigt.
8. Das alte Mütterchen. Aus Hessen, ist mit der Sage von der Geisterkirche (deutsche Sagen 1, 175) verwandt.
9. Die himmlische Hochzeit. Aus dem Meklenburgischen, doch auch im Münsterland bekannt. Hat merkwürdige Übereinstimmung mit einer indischen Sage von einem Götterbild welches verzehrt was ihm ein unschuldiger Knabe vorsetzt (Polier 2, 302. 303). Ähnliches erzählt man in der Schweiz von einem frommen Knaben der im Kloster diente. Er ward geheißen Wasser in einem Sieb zu tragen und weil er unschuldig war, that ers, und kein Tropfe floß durch. Ebenso trägt die indische Mariatale, so lang ihre Gedanken rein sind, ohne Gefäß das zu Kugeln geballte Wasser.
10. Die Haselruthe. Aus den vorarlbergischen Sagen von Vonbun S. 7.

  1. Vorlage: Hung r
  2. d. h. die Waldthiere die in dem Haus wohnten.
  3. Erinnert an das bekannte Todtenreiterlied, das im norweg. Volksreim lautet, maanen skjine, dömand grine, värte du ikkje räd? (Idunna 1812 S. 60); vergl. altdeutsche Blätter 1, 194.
  4. Man hat sie für unecht gehalten, indessen späterhin Caussin de Perceval die arab. Handschrift gefunden, woraus Chavis die Grundlage genommen, die Cazotte überarbeitet hatte. Nach dieser Quelle hat Perceval die Erzählungen in seiner Fortsetzung der 1001 Nacht (gewöhnlich der 8te und 9te Band) mitgethielt (s. die Vorrede zu Bd. 8), allein gerade diese findet sich nicht darunter. Demnach muß sie Chavis aus einer andern, noch nicht wieder entdeckten arabischen Handschrift entlehnt haben, denn daß sie echt ist, leidet keinen Zweifel.
  5. Nemlich Paulis Schimpf und Ernst enthält einen Schwank, wonach einem die Strafe erlassen werden soll, wenn er kommt „halb geritten und halb gegangen, mit seinem größten Feind und seinem größten Freund“. Der Schuldige kommt mit seinem Pferd, indem er den rechten Fuß in den Steigbügel setzt, mit dem andern auf der Erde fortstelzt: mit seiner Frau, die ihn auf eine Ohrfeige gleich als Mörder anklagt (was er ihr fälschlich als ein Geheimnis anvertraut hatte) und sich so als sein größter Feind ausweist: und mit seinem Hund der sein größter Freund ist, weil er, nachdem er ihn geschlagen, auf sein Locken wedelnd zurückkehrt. Auch ein altd. Gedicht (pfälz. Hs. 336 Bl. 190) hat diese Sage behandelt. Hans Sachs erzählt die Geschichte sehr gut und in der Sache übereinstimmend (1560. Bl. 78).
    Abweichend die Gesta Romanorum (lat. Ausg. Cap. 124. deutsche Cap. 124; s. unten Nr. 12.), wo auch die Aufgabe etwas anders lautet, der Schuldige bringt nämlich kein Pferd, sondern legt das rechte Bein auf den Hund, und weil er noch ferner seinen besten Spielmann mitbringen sollte, hat er sein Kind mitgenommen, als welches ihm, wenn es vor ihm spiele, die größte Kurzweil mache. Ferner kommt dasselbe in einer Erzählung der Cento novelle antiche (Torino 1802) S. 163. vor. Wer zu einem bestimmten Tag „seinen Freund, Feind und Spielmann mitbringt“, soll die Gnade des Königs und große Schätze haben. Das wird wie dort aufgelöst, nur daß er halb geritten und halb gegangen kommen soll, fehlt. Hierher gehört ein serbisches Märchen bei Wuk S. 125. 126 und eine Stelle aus Würdtwein (S. 488), „der Sendherr sal kommen mit dritthalben man, mit dritthalben Pferd, und sal nit kommen im Wege oder uswendig des Weges“. Auch die Lalenbürger sollen dem König entgegen kommen, halb geritten und halb gegangen. Die älteste Erwähnung in einer Erzählung bei Ratherius († 975) sermo de octavis paschae. (S. 895b folg. D’Achery spicil.), abgedruckt in Haupts Zeitschrift 8, 21. Vergl. die altdeutschen Blätter 1, 149. 152. Ferd. Wolf über die altfranzös. Heldengedichte S. 133.
  6. Es gibt auch Geschlechter, wo bei jedem Mitglied, wenn es heftig bewegt wird, von Zorn, Schaam, ein scharf gezeichneter rother Blutstreif auf der Stirn sich zeigt; so erzählt es von Pappenheim Schiller in der Gesch. des 30jährigen Krieges.
  7. Dieser Vers geht in andere Volkslieder der dortigen Gegend über.
  8. S. Runacap. 9.
  9. S. Runacap. 24. 25.


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