Melpomene/Band 2/010 Bei dem Grab eines talent- und hoffnungvollen Mädchens, das am Gelenkübel starb

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Autor: Michael von Jung
Titel: Melpomene oder Grablieder
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Erscheinungsdatum: 1839
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Erscheinungsort: Ottobeuren
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Quelle: Erstausgabe, Ottobeuren 1839, Band 2, S. 45–48
Kurzbeschreibung: Sammlung von Grabliedern
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10. Bei dem Grab eines talent- und hoffnungvollen Mädchens, das am Gelenkübel starb.

Melod. II.

1. In diesem düstern Grabe modert
Der Leib von einer Martyrin;
Sie gab, vom Höchsten abgefodert,
Ihr junges Leben willig hin,
Und starb am zwanz’gsten Januar,
Nicht älter als nur sechzehn Jahr.

2. Sie war voll edler Herzensgüte,
Voll Tugendsinn und Folgsamkeit,
Und welkte hin in zarter Blüthe
Noch in der Unschuld weissem Kleid,
Weil sie sich ohngefehr bewegt,
Und so ein Hüfteband verstrekt.

3. Sie konnte also nicht mehr stehen
Auf dem gelähmten Fuß, und ach!
Nur langsam noch auf Krücken gehen,
Und ward am ganzen Leibe schwach,
Weil aus dem ausgedehnten Band
Der Hüfte jede Kraft verschwand.
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4. Man suchte wieder einzulenken
Das ausgestreckte Hüfteband,
Und alle Mittel auszudenken,
Worin man Rettungshoffnung fand;
Man schnitt und brannte bis aufs Bein
Ins kranke Hüftgelenk hinein.

5. Daraus entstanden große Wunden,
Mit namenloser Schmerzenwuth,
Und doch! kein Mittel war gefunden,
Zu dämpfen ihre Leidenglut,
Vergebens schnitt den Wundengrund
Des Arztes Messer öfter wund.

6. So lag sie auf dem Schmerzenlager
Wie auf der Folter ausgespannt,
Und ward wie ein Skelet so mager,
Und jeder Hoffnungstrahl verschwand,
Der freundlich ihr bisher gelacht,
In hoffnungloser Leidensnacht.

7. Sie mußte nun beständig liegen,
Und lag die dürren Lenden wund,
Und ihre Qual und Leiden stiegen
Mit jedem Tag, mit jeder Stund,
Weil sie, von Schmerzen schlaflos, Tag
Und Nacht auf wunden Knochen lag.

8. Es wurden wund sogar die Hände,
Die sie zur Lindrung unterschob,
Sie glich am ganzen Leib am Ende
Dem großen Marterbilde Job,
Den Gott mit tausend Wunden schlug;
Und ach! es war noch nicht genug.
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9. Man hatte, ihre Qual zu lindern,
Ein Mittel noch versucht zuletzt,
Und sie, um ihren Tod zu hindern,
Ins heisse Jordanbad[1] gesetzt;
Allein die Absicht war verfehlt,
Und sie umsonst noch mehr gequält.

10. Doch litt sie alle diese Schmerzen
Mit wahrhaft christlicher Geduld,
Und bath, mit liebevollem Herzen,
Um Gottes weise Vaterhuld,
Und trug der Schmerzen höchste Wuth
Drei Jahre lang mit Heldenmuth.

11. So schwand der Hoffnung letzter Schimmer,
Die sie zu der Genesung trug;
Vergebens war ihr Klaggewimmer,
Bis ihre letzte Stunde schlug,
Und nur der bittre Tod allein
Erlößte sie von ihrer Pein.

12. Am Ende kam die Todeskunde
Von Gott in ihr entzücktes Ohr,
Sie sagte ihre Sterbestunde
Nach vier und zwanzig Stunden vor,
Und wirklich, wie gesagt ihr Mund,
Kam pünktlich ihre Todesstund.

13. In ihren abgezehrten Gliedern
War stumpf die Schmerzempfindungskraft,
Und in den welken Augenliedern
Versiegt der bittre Thränensaft;
[48] Sie hob den ausgeweinten Blick
Voll Sehnsucht nach dem Himmelsglück

14. Noch nahm sie auf die große Reise,
Entflammt in heisser Liebe Glut,
Die einzig wahre Seelenspeise
In des Erlösers Fleisch und Blut:
So schlief im Arm des Todes ein
Die Josephine Löwenstein.

15. Drum tröstet euch an ihrem Grabe,
Ihr Eltern und Geschwistrigen!
Und denkt, daß sie gefunden habe
Die wahre Ruh in jenen Höhn,
Wo Gott der Tugend ihren Lohn
Ertheilt an seinem Gnadenthron.

16. Ihr Beispiel aber soll uns lehren
Im Leiden voll Geduld zu seyn,
Und keine Zuversicht zu nähren,
Als nur auf Gottes Huld allein,
Die allen frommen dort verleiht
Die ewige Glückseligkeit.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Das Jordanbad ist ein Heilbad bei Biberach an der Riß.