Nicolaus Coppernicus aus Thorn über die Kreisbewegungen der Weltkörper/Vorwort

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Nicolaus Coppernicus aus Thorn über die Kreisbewegungen der Weltkörper (1879)
von Nicolaus Copernicus
Vorwort Coppernicus


[V] Die Veröffentlichung einer deutschen Uebersetzung des Werkes „de revolutionibus orbium caelestium" ist der wohlwollenden Theilnahme zu verdanken, welche die Bestrebungen des unterzeichneten Vereins bei Gelegenheit der vierten Säcular-Feier der Geburt von Coppernicus gefunden haben.

Seine Majestät Kaiser Wilhelm gestattete huldvollst, die Subvention, welche Allerhöchstderselbe für die Säcular-Ausgabe des bez. Werkes bewilligt hatte, auch für eine deutsche Uebersetzung verwenden zu dürfen. Sodann erklärte sich der Landtag der Provinz Preussen geneigt, unser unternehmen zu fördern, um dieses neue Ehren-Denkmal des grössten Sohnes unserer Provinz erstehen zu lassen.

Indem wir nunmehr das unsterbliche Werk des Begründers unserer modernen Weltanschauung dem deutschen Volke darbieten, kommen wir gern unserer Dankes-Pflicht nach. Vor Allem haben wir Seiner Majestät, Kaiser Wilhelm, unsern ehrfurchtsvollen Dank öffentlich abzustatten. Als Seine Majestät Allerhöchst Ihre Zustimmung dem Grundgedanken angedeihen Hessen, welcher den Verein bei der Herausgabe einer deutschen Uebersetzung leitete, wurden wir ermuthigt zur Ausführung eines Unternehmens zu schreiten, gegen welches manche Bedenken erhoben waren. Gleicherweise stärkte uns die Subvention des Provinzial-Landtags; der Verein freut sich, indem er dem hohen Landtage seinen Dank ausspricht, öffentlich bekunden zu dürfen, wie die Vertreter unserer Provinz sich jederzeit gern bereit finden lassen, geistige Interessen zu fördern.

[VI] Die Uebersetzung, das Werk langjährigen Fleisses, dankt der Verein einem seiner Ehren-Mitglieder, dem Oberlehrer an der Realschule 1. Ordnung zu Halberstadt, Dr. E. L. Menzzer; von einem andern Ehren-Mitgliede, dem Professor honor. an der Universität Heidelberg, Dr. M. Cantor, ist die Durchsicht des Manuscripts übernommen worden. Die Ueberwachung des Druckes erfolgte durch Oberlehrer Curtze hierselbst, den Herausgeber der Säcular-Ausgabe des Werkes de revolutionibus orbium caelestium.“

Thorn, 19. Februar 1879.
Der Coppernicus-Verein für Wissenschaft und Kunst.
[VII]
Vorrede.




Ein Vater hinterliess seinem Sohne einen Weinberg. Auf dem Todtenbette vertraute er ihm mit absterbender Stimme an, in dem Weinberge liege ein Schatz verborgen, „grabe, wenn Du ihn finden willst…“ Da starb er. Und der Sohn grub und grub. Er arbeitete den ganzen Weinberg um. Einen Schatz fand er nicht, nur der reiche Ertrag des folgenden Herbstes lohnte seine Mühe.

Wer kennt nicht diese Parabel, wen entzückte nicht die sinnig einfache Fassung des Gedankens, dass der Besitz, welchen die Vorzeit ihren Nachkommen überträgt, nur dann von wahrem, unvergänglichen Werthe ist, wenn er stets zu neuer Arbeit Gelegenheit gebend weiter und weiter Früchte trägt, während ein unfruchtbares Gut den Erben oft nur Quelle des Leidens geworden ist.

Die Güter des Geistes sind in diesen Worten gleichfalls gemeint. Eine Entdeckung zeigt ihren wahren Werth grade dadurch, dass sie fortwirkend stets neue Arbeit, neues Mühen, neues Erwerben möglich macht. Der grösste Entdecker ist uns der, welchem die zahlreichsten Nachkommen gefolgt sind, die alle dort ihre Hacke ansetzten, wo der letzt Vorhergehende sie ermattet niederlegte, und die jedesmal neue Früchte ihrer Thätigkeit freudig erndten durften.

Ein solcher Entdecker war Nicolaus Koppernigk.

Den Lesern dieses Werkes, Männern der strengen Wissenschaft, die meist selbst Anspruch auf die Ehre erheben dürfen Nachkommen des Thorner Astronomen in dem hier angedeuteten Sinne zu sein, brauchen wir am wenigsten die Wahrheit unseres Ausspruches zu erweisen. Ist uns doch das Gefühl nie deutlicher gewesen als grade jetzt, wo wir dem ehrenvollen Auftrage des Coppernicus-Vereins für Wissenschaft und Kunst folgeleistend diese kurze Vorrede niederzuschreiben [VIII] im Begriffe sind, dass wir es übernommen haben Dinge zu sagen, welche wir von unsern Lesern uns sagen zu lassen weit eher in der Lage wären. Man erwarte darum von uns keine Auseinandersetzung des Zustand es der Sternkunde, wie er vor, wie er nach Coppernicus sich zeigte. Wir mahnen nur an die Nothwendigkeit dieser Veränderung eingedenk zu sein. Wir fordern unsere Leser auf sich selbst die Frage zu beantworten, ob ohne Coppernicus ein Kepler, ein Galilei, ein Newton, ein Laplace, ein Gauss möglich gewesen wären?

Eine müssige Frage! mag mancher Laie ausrufen, der „schon von der Schule her“ weiss, dass das coppernicanische Weltsystem der ganzen neueren Astronomie zu Grunde liegt. Keine müssige Frage! erwidern wir, die wir aus eigener und fremder Erfahrung die Ueberzeugung gewonnen haben, dass jenes Wissen ein blosses Nachschwatzen zu sein pflegt, während nur die wenigsten Fachmänner das unsterbliche Werk jemals selbst gelesen haben, welches als grundlegend bezeichnet wird.

Wir wollen damit keineswegs einen Vorwurf erheben, der in seiner Allgemeinheit zu Viele träfe, und darum gegen Keinen ganz gerecht wäre. Die wissenschaftliche Thätigkeit unserer heutigen Beobachter und Berechner der Erscheinungen am gestirnten Himmel ist eine viel in Anspruch genommene. Aus historischem Interesse, aus einer gewissen Verehrung gegen die Vorzeit sich der Mühe unterziehen zu sollen das in lateinischer Sprache geschriebene Werk von den Kreisbewegungen kennen zu lernen, das ist eine Anforderung, die nur an die Wenigsten zu stellen sein dürfte. Gilt es bei dem Lesen jenes Werkes doch nicht bloss derjenigen lateinischen Vokabeln sich zu erinnern, welche man einst auf den Gymnasien erlernte. Handelt es sich doch vielfach um lateinische heute vergessene Ausdrucke, über welche die Wörterbücher kaum jemals genügende Auskunft geben.

Um so dankenswerther war es, dass Herr Oberlehrer Dr. Menzzer in Halberstadt der Mühe sich unterzog, die, wie wir nach unseren vorhergehenden Bemerkungen wohl nicht mehr zu sagen brauchen, keineswegs leichte Uebertragung der „Revolutionen“ in die deutsche Sprache zu vollziehen. Wir waren in der Lage den deutschen Text mit dem Originale zu vergleichen. Ein lieber ehemaliger Zuhörer von uns, Herr Fr. Heinze, gegenwärtig Lehrer der Mathematik [IX] an dem Lyceum zu Mannheim, hatte die grosse Güte uns die ganze Uebersetzung vorzulesen, während wir mit dem Urtexte in der Hand folgten. Wir erinnern uns kaum Stellen begegnet zu sein, über deren Meinung die deutsche Ausgabe nicht so deutliche Auskunft gäbe als es überhaupt möglich ist. Wir wünschen mit dieser Erklärung freilich keineswegs die Verantwortung für jedes einzelne Wort zu übernehmen. Herr Menzzer bedarf unserer Rückendeckung nicht, und überdies kann es wohl als ein Ding der Unmöglichkeit gelten, dass in einem Werke von dem Umfange der Revolutionen nicht Mancherlei vorkommen sollte, worüber zwei Leser verschiedene Ansichten sich bilden, selbst wenn beide in der Sprache des Werkes, zu denken, ja sogar zu reden gewohnt wären.

Das Studium des Buches, von welchem an die neuere Sternkunde datirt, ist durch Herrn Menzzers Uebersetzung wesentlich erleichtert, erleichtert auch durch die Anmerkungen, welche in erwünschter Weise beigegeben sind. Müssen wir noch auf die Frage antworten, ob das so erleichterte Studium sich wirklich lohne? ob die Zeit nicht verloren sei, darauf verwandt Dinge zu lesen, welche richtiger, genauer, vollständiger erst von späteren Schriftstellern, als Coppernicus war, zur Erledigung gebracht werden konnten?

Wohl wissen wir, dass vergessliche Undankbarkeit eine vielverbreitete Untugend ist, der nicht bloss unsere Zeitgenossen unterworfen sind. Das Scherbengericht hat stets die grossen Männer um so sicherer verurtheilt, je niedriger die standen, die das Gericht bilden durften. Das Wort hat nicht aufgehört wahr zu sein, es gebe so wenig Leute, die es nicht als eine kränkende Mahnung betrachten, wenn man ihnen einmal begegne, nachdem man in der Lage war, ihnen einen Dienst zu erweisen. Aber dass in den Kreisen der Wissenschaft ähnliche Gefühle auch nur unbewusst vorhanden sein sollten, ist uns nicht fassbar. Wer da wünscht, dass die eigenen Leistungen mit Anerkennung genannt bleiben, wird auch der Vergangenheit die Anerkennung nicht vorenthalten sie wenigstens kennen zu lernen, wenn es ohne grosse Weitläufigkeiten geschehen kann. Auch befürchte kein Fachgelehrter, er werde aus der Durchlesung des Werkes unseres Coppernicus keinen unmittelbaren Nutzen ziehen. Die philosophische Tiefe dieses Schriftstellers verbunden mit meisterhafter Klarheit, die geschickte Anwendung einfachster mathematischer Hilfsmittel bleibt für alle Zeiten lehrreich, und Niemand wird ohne Vergnügen in seiner [X] Darstellung die liebenswürdigste Bescheidenheit sowie die mildeste, den Gegner stets hochstellende Polemik hervortreten sehen.

Coppernicus selbst hatte dabei das volle Gefühl von der Bedeutung des Werkes, an dessen Vorbereitung er ganze 30 Jahre gearbeitet hat. Den meisten unserer Leser ist gewiss ein kleiner Aufsatz zu Gesicht gekommen, der in einer Handschrift vom Ende des sechzehnten Jahrhunderts in der Wiener Bibliothek sich erhalten hat, und den Herr Max. Curtze vor wenigen Monaten in dem Hefte I der Mittheilungen des Coppernicus-Vereins für Wissenschaft und Kunst zu Thorn zum Drucke beförderte. Diese Selbstanzeige, wie der Herausgeber mit Recht das eigenartige Schriftstück nennt, lässt keinen Zweifel darüber, dass Coppernicus wusste, was er später der Oeffentlichkeit übergab. Er sah klar über das Wesentliche wie über das Unwesentliche seiner Leistung, und es verdient vielleicht hervorgehoben zu werden, dass er zu Letzterem beispielsweise die ganze eigentliche mathematische Beweisführung gerechnet zu haben scheint.

Coppernicus hat jene Selbstanzeige mit höchstem Grade der Wahrscheinlichkeit schon vor 1533 verfasst. Aus ihr dürften seine Ansichten zur Kenntniss wenigstens einiger hervorragender Persönlichkeiten gelangt sein lange bevor von einem Drucke des ganzen Werkes die Rede war. Leider wissen wir nicht, wen Coppernicus durch das Vertrauen auszeichnete, mit welchem er seinen grossen Gedanken hier an den Tag legte. Der Niederschrift des Aufsatzes, dem durchsickernden Bekanntwerden seines Inhaltes folgte das Andrängen der Freunde zur Herausgabe der Revolutionen, folgte 1543 diese Herausgabe selbst. Mit der Widmung an einen Papst erschienen, von einem anderen Papste verboten „bis es verbessert worden sei“, bewundert und geschmäht, vielleicht beides, jedenfalls letzteres mehr als gelesen, ist das grosse Werk auch bezüglich dieser äusserlich wechselnden Schicksale merkwürdig wie kaum ein anderes von ähnlich strengem Inhalte. Heute erscheint es zum ersten Male in einer deutschen Uebersetzung.

Der Coppernicus-Verein, entstanden aus der Vereinigung jener Männer, die in Thorn zusammengetreten waren dem grössten Sohne ihrer Heimath ein Denkmal zu setzen, hat die Zwecke seiner Gründer weiter verfolgend bei der vierten Wiederkehr der säcularen Geburtsfeier seines Namengebers eine Prachtausgabe des Originals veranstaltet. [XI] Er hat auch das Erscheinen dieser Uebersetzung wesentlich gefördert, und die Prowe und Curtze, Männer deren Namen man überall begegnet, wo es um das Andenken des Coppernicus sich handelt, haben es an wirksamer Unterstützung nicht fehlen lassen. So möge denn diese Uebersetzung das zu Wege bringen, was mit ihr beabsichtigt wurde: eine immer weitere Verbreitung der Kenntniss von der ganzen Bedeutsamkeit des Verfassers.

Heidelberg, Weihnachten 1878.
Moritz Cantor.
[XII]
Ueber die Orthographie des Namens Coppernicus.




Im ersten Hefte der „Mittheilungen des Coppernicus-Vereins zu Thorn“ habe ich andeutungsweise die Gründe dargelegt,[1] welche mich bestimmten, von der bisher üblichen Orthographie des Namens Coppernicus mit einem P abzugehen und der mit zwei P den Vorzug zu geben. Nachdem der Coppernicus-Verein diese Gründe acceptirt und sich selbst der nämlichen Orthographie sowohl für seinen Namen als für alle von ihm ausgehenden Veröffentlichungen zu bedienen beschlossen hatte, trat an ihn die Nothwendigkeit heran in eingehender Weise seinen Beschluss zu begründen bei Gelegenheit der vorliegenden Uebersetzung, welche das eigenthümliche Schauspiel zeigt, dass Titelblatt und Vorrede eine andere Orthographie für den Autor des Werkes benutzen als Text und Anmerkungen. Der Unterzeichnete hat sich — als Veranlasser des genannten Beschlusses — dem Auftrage gern unterzogen, an dieser Stelle die Gründe ausführlich zu erörtern, welche den Verein bei Annahme dieser Namensform leiteten.

Das Thema bietet eigenthümliche Schwierigkeiten dar. Noch nicht war, wie jetzt, die Orthographie der Namen eine feste; selbst ein und derselbe Mensch schrieb bei verschiedenen Gelegenheiten seinen Namen verschieden — ich erinnere nur an die dreifache Form, in welcher Autographe Melanchthons sich finden: Melanchthon, Melanthon, Melathon — und häufig ist es mehr Sache der Convenienz als der Gewissheit, weshalb man den Namen eines Mannes jener Zeit in einer bestimmten Form schreibt und nicht anders. Bei Coppernicus ist die Sache jedoch nicht so.

Ich werde zu zeigen versuchen, dass diejenigen Koppernigk’s, aus denen unser Astronom entsprosste, dass er selbst und alle Urkunden, die ihn und seine specielle Familie betreffen, mit sehr wenigen Ausnahmen seinen Namen mit dem Doppel-p geschrieben haben. Mag auch die sonstige Form des Namens variiren, in dem Doppel-p sind alle einig.

[XIII] Unsere Untersuchung zerfällt daher, wie aus dem obigen ersichtlich, in drei Theile. Wir haben uns nach der Familie Koppernigk umzusehen, dann 2. zu untersuchen, wie schrieb sich Coppernicus selbst, endlich welcher Namensformen bedienten sich seine Freunde und die Urkunden, die ihn erwähnen.

1. Urkunden, in welchen der Name Koppernigk in irgend welcher Form vorkommt, sind vor der Geburt des Astronomen nicht gerade selten; nicht alle jedoch beziehen sich auf Vorfahren desselben. Das Geschlecht des Thorner Koppernigk’s stammt in seinen ersten Gliedern, welche sich schon 1400 in Thorn nachweisen lassen, aus dem Dorfe Koppernick (jetzt Köpprich) bei Frankenstein in der Grafschaft Glatz; die spätem Glieder desselben, speciell der Vater des Astronomen, sind aus Krakau nach Thorn eingewandert. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht abzuläugnen, dass diese Koppernigk's mit den zuerst in Thorn eingewanderten (um 1400) verwandt, und also in Krakau ebenfalls aus Frankenstein eingewandert sind. Diejenigen Copirnik’s, welche aus dem Dorfe Kopernik bei Neisse stammen, kommen mit Doppel-p geschrieben überhaupt nicht vor. Auf sie beziehen sich die Urkunden, welche Stenzel, Urkunden von Breslau zu den Jahren 1272, 1291, 1296 anmerkt.

Die älteste Urkunde mit der Form Koppirnik findet sich bei Theiner, Monum. Pol. I. 369 zum Jahre 1335. In den Krakauer Acten finden sich nur Formen mit Doppel-p: 1367 Koppernic, 1375 niczco Coppernik, 1395 Niclos Koppirnig lapidum fractor, 1396 derselbe Niclos Koppirnig.[2] In Thorner Acten haben wir 1400 einen Koppernick und 1422 eine Margritte Koppirnickynne und einen Petir Koppirnick von Frankenstein; dann folgt ein Laurentius Koppirnik, endlich 1462 aus Krakau einwandernd Niclos Koppernick, der Vater des Astronomen. Dieser als Rathsherr findet sich von da an bis zu seinem Tode sehr häufig in den Thorner Acten. Ich kann hier jedoch mich kurz fassen und auf die grundlegende Arbeit L. Prowe’s verweisen: Die Thorner Familien Koppernigk und Watzelrode. Es ist danach kein Zweifel, dass in Thorner und Krakauer Acten fast ohne jede Ausnahme der Name der Familie mit Doppel-p geschrieben wird.

2. Gehen wir jetzt auf den Astronomen selbst über. Hier werden wir alle autographen Unterschriften desselben besprechen müssen, denn nur so können wir darüber Gewissheit erhalten, wie er sich in der überwiegenden Mehrheit der Fälle selbst geschrieben hat. Eigenhändige Unterschriften des Coppernicus besitzen wir noch 29. Von einer Anzahl, welche 1854 bei der Herausgabe der Warschauer Edition des Coppernicus noch vorhanden waren, fehlt jetzt alle Nachricht und sie sind in obiger Zahl nicht einbegriffen. Dass nämlich in der Warschauer Ausgabe beabsichtigt war eine Orthographie für den Namen Coppernicus durchzuführen, ist klar, da auch drei Briefe, deren Originale mir vorgelegen haben, und welche alle drei das Doppel-p in der Unterschrift besitzen, doch in dieser Ausgabe mit einem p gedruckt sind. Nur ein im Anhange nachträglich aus Prowe's Mittheilungen aufgenommener [XIV] Brief enthält auch in der Warschauer Ausgabe das Doppel-p. Diejenigen Briefe daher, welche wir nur aus der genannten Ausgabe kennen, mussten als bekannte Autographe gestrichen werden, da aus dem eben genannten Grunde nicht feststeht, ob die Schreibung mit einem p dem Originale angehört oder der gleichmässig durchgeführten Schreibung der Ausgabe.

Die eigenhändigen Unterschriften des Coppernicus habe ich, mit alleiniger Ausnahme der im Reichsarchiv zu Stockholm befindlichen Namenszeichnung unter einem Briefe an Dantiscus, sämmtlich durch Ocularinspection verificirt.

Ich stelle hier die 29 Namensunterschriften zusammen.[3]

1) 1512. 5. April „Nicolaus Coppernic“ wählt Fabian von Losainen zum Bischof von Ermland und unterzeichnet die Articuli iurati.
2) 1512. 26. December. „Nicolaus Coppernick“ (Unterschrift unter einer Urkunde den Petrikauer Vertrag betreffend).
3) 1512. 28. December. „Nicolaus Coppernick“ dgl.
4) 1516. 10 und 11. December. Locatio mansorum per me. „Nic. Coppernic.
5) 1517. Locatio mansorum... per me „Nicolaum Coppernic“ etc.
6) 1518. Locatio mansorum per me „Nicolaum Coppernic“ etc.
7) 1518. 15. März. Ego „Nicolaus Coppernig“ etc.
8) 1518. 27. März. Ego „Nicolaus Coppernig“ etc.
9) 1518. 19. Mai. Ego „Nicolaus Coppernig“ etc.
Zins-
verschrei-
bungen
10) 1518. 22. October. „N. Coppernic“ schreibt aus Mehlsack an das Domcapitel.
11) 1519. Locatio Mansorum per me „nic. Coppernic
12) 1519. 6 Febr. Ego „Nicolaus Coppernic“ etc. Zinsverschreibung.
13) 1519. 12. März. Ego igitur „Nicolaus Coppernic“ etc. Zinsverschreibung.
14) 1523. 13. April „Nicolaus Coppernic“ unterschreibt die articuli iurati des Bischofs Maur. Ferber.
15) 1524. 29. Febr. „Nic. Coppernic“ schreibt an M. Ferber.
16) 1528. (?) 8. April. „N. C(oppernic)“ schreibt an Felix Reich.[4]
17) 1537. 9. August. „Nicolaus Copernicus“ schreibt an Joh. Dantiscus.
18) 1537. 20. September. „Nicolaus Coppernic“ wählt Johannes Dantiscus zum Bischof von Ermland und unterschreibt die articuli iurati.
19) 1538. 25. April. „Nicolaus Copernicus“ schreibt an Dantiscus.
20) 1539. 3. März. „Nicolaus Copernicus“ schreibt an Dantiscus.
21) 1539. 28. September. „Nicolaus Copernicus“ schreibt an Dantiscus.

[XV]

22) 1541. 15. Juni. „Nicolaus Copernicus“ schreibt an Herzog Albrecht von Preussen.
23) 1541. 21. Juni. „Nicolaus Copernicus“ schreibt an Herzog Albrecht.
24) 1541. 22. Juni. „Nicolaus Copernicus“ schreibt an Dantiscus.
25) Namenseinzeichnung in den ihm gehörigen Euklid von 1482 in der Universitätsbibliothek zu Upsala: „N. COPPERNICVS“.
26) Namenseinzeichnung in die Tabule astronomice Alfonsi regis: „Nicolaus Coppernicus.“
27) Einzeichnung in das Λεξιϰον ϰατα Ξτοιχειων des Crestonus: „Βιβλιον Νιϰολάου του Κόπερνιϰου (sic!)“
28) Einzeichnung in die Practica Valesci de Tharanta: „Nicolaj Copphernicj.“
29) Einzeichnung in den Jovianus Pontanus: „Nic. Coppernik.“

Hierzu kommt noch, dass 1. in der von ihm selbst 1509 bei Haller in Krakau besorgten lateinischen Uebersetzung der Briefe des Theophylaktus Simocatta die Ueberschrift des an seinen Oheim Lucas Watzelrode gerichteten Widmungsschreibens lautet:

Ad reverendissimum dnm Lucam episcopum warmiensem
Nicolai coppernici epistola
.“

Auch hier hat er selbst also seinen Namen mit Doppel-p drucken lassen.[5]

2. — Hat der Brief vom 3. Juni 1524 an den Domherrn Wapowski zu Krakau wahrscheinlich auch die Form Coppernicus oder Copphernicus. Die wiener Handschrift hat die zweite Form, die in Strassburg verbrannte, von welcher eine Abschrift in Paris, eine zweite in Krakau existirt, die selbst aber im Jahre 1531 abgeschrieben war, wie es scheint aus dem Originale, hatte die erste Namensform. Ich entnehme diese Nachrichten aus dem schon oben angezogenen Briefe des Prof. Karliński in Krakau.

Betrachtet man die obigen Unterschriften näher, so sieht man augenblicklich, dass, wie schon Prof. Hipler hervorgehoben hat,[6] alle officiellen Unterschriften, d. h. solche, bei denen er amtlich seinen Namen zu unterzeichnen hatte, das Doppel-P haben (Vergl. No. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 11, 12, 13, 14, 18). Nehmen wir zu den 29 im Original vorhandenen Unterschriften noch die im Briefe an Bischof Lucas und die im Briefe an Wapowski hinzu, so haben wir 31 Unterschriften, von denen 23 mit Doppel-p, 8 mit einem p geschrieben sind. Das macht abgerundet in Procenten 741/5% mit Doppel-p, 254/5% mit einem p.

Es ist somit an der Thatsache nicht zu zweifeln, dass Coppernicus selbst sich in überwiegender Majorität (fast im Verhältniss von 3:1) des Doppel-p in seinen Namensunterschriften bedient [XVI] hat; dass diese Form bei officiellen Anlässen aber die allein von ihm gebrauchte Form ist.

3. Diesem Ergebnisse entsprechen auch die Namensformen, welche von den Freunden des grossen Mannes, welche ferner in nicht eigenhändig unterzeichneten Schriftstücken, bei denen er aber als Zeuge aufgeführt ist, oder als Bittsteller, Antragsteller etc. auftritt, gebraucht sind.

Die älteste solcher Notizen, welche Coppernicus selbst betrifft, ist die Einzeichnung desselben in das Album der deutschen Nation zu Bologna von 1496: „Nicolaus Kopperlingk de Thorn“; dann folgt die Einzeichnung in das Verzeichniss der Inhaber der Numerarcanonicate zu Frauenburg: „Nicolaus Coppernik.“ Ich kann natürlich hier nicht in derselben Weise alle diese Namensformen aufführen, sondern bemerke nur, dass nach den Regesten Hiplers[7] während der Lebenszeit des Coppernicus das Doppel-p 69 mal, das einfache p dagegen 9 mal vorkommt. Erst nach dem Tode des Coppernicus schleicht sich, veranlasst durch die nicht von Coppernicus selbst, sondern von Rheticus besorgte Ausgabe der Revolutionen, nach und nach die Schreibung des Namens mit einem p ein. Wie Coppernicus selbst sich drucken liess, wissen wir aus der Uebersetzung des Theophylaktus Simokatta. Alle Urkunden über Coppernicus, seine sämmtlichen Briefe, die von ihm besessenen Bücher u. s. w. sind erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts wieder aufgefunden. Erst seit jener Zeit war es also möglich wirklich eine Entscheidung über die richtige Namensform des Coppernicus zu treffen. Wie dieselbe ausfallen musste, wenn jemand die Sache ernstlich in Angriff nahm, ist nicht zweifelhaft.

Welche Gründe Rheticus veranlassten den Namens seines Lehrers zu verstümmeln, wissen wir nicht. Vielleicht hielt er das Doppel-p in lateinischen Wörtern für nicht gerechtfertigt, dachte also nicht an Worte, wie lippus, cippus, mappa, lippitudo u. s. w.

Fassen wir die Resultate unserer Untersuchung zusammen, so können wir die Behauptung aussprechen:

Sowohl die Familie, aus der Coppernicus entsprang, wie Coppernicus selbst, werden von Urkunden und in eigenhändigen Unterschriften fast ausnahmslos mit Doppel-p geschrieben. Es ist daher die Form Coppernicus für den Namen des Astronomen, die Form Koppernigk für die Familie desselben die einzig berechtigte.
Thorn, April 1879.
M. Curtze.

  1. Mittheilungen des Coppernicus Vereins für Wissenschaft und Kunst zu Thorn. I. Heft: Inedita Coppernicana. Aus den Handschriften zu Berlin, Frauenburg, Upsala und Wien herausgegeben von M. Curtze. Leipzig, 1878. C. A. Koch’s Verlagsbuchhandlung (J. Sengbusch). 3. Bltt, 74 S. 1. Tafel. — Seite 33 Anmerkung.
  2. Diese Notizen sind einem Briefe des Professors Karliński an Prof. L. Prowe vom 3. 1. 79. entnommen. Die letzte hatte schon Prowe in dem unten erwähnten Programme benutzt.
  3. Es ist hierzu die Zusammenstellung in den Regesta Copernicana bei Hipler Spicilegium Copernicanum benutzt worden.
  4. Das in Klammer Stehende ist hier von Coppernicus eigener Hand hinzugefügt, während der Brief selbst Abschrift ist. Vergl. Prowe, Monumenta Copernicana. S. 152.
  5. Auch hier liest die Warschauer Ausgabe „Copernici." Eine weitere Bestätigung dessen, dass aus der Form, in welcher in jener Ausgabe der Name des Coppernicus gedruckt ist, nicht auf die Originalform geschlossen werden darf.
  6. Spicilegium Copernicanum S. 294. Anm.
  7. Spicilegium Copernicanum S. 266 — 292. Siehe auch meine Ergänzungen dazu: Inedita Coppernicana. S. 69 — 70.


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