Phidile

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Textdaten
Autor: Matthias Claudius
Titel: Phidile
Untertitel:
aus: ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, Erster und zweyter Theil. S. 34-35
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1774
Verlag: beim Verfasser
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Erscheinungsort: Wandsbeck
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
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Kurzbeschreibung:
Überschriebene e über den Vokalen a, o und u wurden als moderne Umlaute transkribiert.
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[34] Phidile.

Ich war erst sechzehn Sommer alt,
     Unschuldig und nichts weiter,
Und kannte nichts als unsern Wald,
     Als Blumen, Gras und Kräuter.

Da kam ein fremder Jüngling her;
     Ich hatt’ ihn nicht verschrieben,
Und wußte nicht wo hin noch her;
     Der kam und sprach von Lieben.

Er hatte schönes langes Haar
     Um seinen Nacken wehen;
Und einen Nacken, als das war,
     Hab ich noch nie gesehen.

Sein Auge, himmelblau und klar!
     Schien freundlich was zu flehen
So blau und freundlich, als das war,
     Hab ich noch kein’s gesehen.

[35] Und sein Gesicht, wie Milch und Blut!
     Ich hab’s nie so gesehen;
Auch, was er sagte, war sehr gut,
     Nur konnt’ ich nichts verstehen.

Er gieng mir allenthalben nach,
     Und drückte mir die Hände,
Und sagte immer O und Ach,
     Und küßte sie behende.

Ich sah’ ihn einmal freundlich an,
     Und fragte, was er meynte;
Da fiel der junge schöne Mann
     Mir um den Hals und weinte.

Das hatte Niemand noch gethan;
     Doch war’s mir nicht zuwider,
Und meine beyden Augen sahn
     In meinen Busen nieder.

Ich sagt’ ihm nicht ein einzig Wort,
     Als ob ichs übel nähme,
Kein einzigs, und - er flohe fort;
     Wenn er doch wieder käme!

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