RE:Hermesianax 2
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| Bd. VIII,1 (1912), Sp. 823–828 | |
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Geht so die Form auf ältere Vorbilder zurück, so ist die Behandlung im einzelnen aus der Zeit des Dichters selbst zu erklären. H. ist einer der ersten in der Reihe der alexandrinischen Dichter, die zugleich Gelehrte sind, und die mit ihren Forschungen in ihren Gedichten nicht zurückhalten. Vorangegangen war ihm darin sein Lehrer Philitas, wohl der erste ποιητὴς ἅμα καὶ κριτικός (Strab. 657). Als Gelehrte sind beide nicht zu trennen von den peripatetischen Studien ihrer Zeit. Das beweist für H. zunächst seine Chronologie der Dichter und die Ordnung in der Aufzählung der einzelnen Dichtungsgattungen, die er im 3. Buch befolgt (Ellenberger 8). Sodann gefällt er sich wie die peripatetische Biographie des Chamaileon und später des Hermipp (s. d.), in kurioser Textinterpretation. Die Tendenz ist, Näheres zu erfahren von berühmten Männern der Vergangenheit, von denen authentische Nachrichten fehlten. Auf diese Weise bekommt Hesiod die famose Geliebte Eoia (v. 24), wird, insbesondere die Biographie der Lyriker bereichert. Die ‚Interpretation eines anakreontischen Liedes und der Glaube an eine gefälschte Sapphostrophe‘ (Leo Die griech.-röm. Biogr. 106) verleitet sowohl Chamaileon als H. (v. 47ff.) zur Annahme eines Liebesverhältnisses zwischen Anakreon und Sappho. Ist man sich darüber klar, so weiß man auch, daß es einerseits nicht angeht, diese Notiz ernst zu nehmen, wie es Beloch (Rh. Mus. XLV 473) tut, noch auch als von schalkhaftem Humor eingegeben zu betrachten (so Crusius Philol. LV 7; o. Bd. V S. 2282), eine Ansicht, die freilich bis ins Altertum zurückgeht: Athen. 599 d. Speziell alexandrinisch ist sodann die ätiologische Sagenbehandlung des H. Hierher gehört seine Arkeophonsage, die an einen menschenähnlichen Stein auf Kypros anknüpft (Rohde 79), aber auch die Art und Weise, wie er im Athenaiosfragmente die Entstehung der Gedichte eines Hesiod, Homer usw. erklärt (Ellenberger 67). Das αἴτιον ist bei H. immer die Liebe, und durch diese Beschränkung unterscheidet seine Dichtung sich von den Αἴτια des Kallimachos, die durchaus nicht nur erotisch waren (vgl. Rohde 86). Überhaupt hatte ja damals noch nicht die Autorität des Kallimachos alles in ihren Bannkreis gezogen. Für H. gilt das ἀμάρτυρον οὐδὲν ἀείδω noch nicht in unbeschränktem Maße. Pausanias bemerkt zweimal, daß H. willkürlich Sagen umgebildet habe (vgl. Rohde 98, 1), und für die Arkeophonsage können auch wir es noch nachweisen. Hier tut H. den kühnen Schritt, eine Legende, die ursprünglich zeitlos war, an einen historischen Namen und zwar der nächsten Vergangenheit anzuknüpfen, an Nikokreon, den Fürsten von Salamis, während eine ursprünglichere Version derselben Sage bei Ovid. met. XIV 696ff. vorliegt (vgl. Bach 97. Rohde 79). [827] Die späteren alexandrinischen Dichter stehen zum großen Teil unter dem Einfluß des H. Das gilt einmal von der Katalogdichtung (vgl. Rohde 83), vielleicht schon von den Ἔρωτες ἢ καλοί des Phanokles und Ἀπόλλων des Alexander Aitolos, sicher wohl von dem κατάλογος γυναικῶν des Nikainetos und den Ἠοῖοι des Sosikrates von Phanagoria (Susemihl I 381f.). Eine Einwirkung des H. scheint sodann bei Simmias von Rhodos vorzuliegen (Reitzenstein o. Bd. VI S. 86), der Elegiendichter und Epigrammatiker zugleich war, wie denn überhaupt das 3. Buch der ‚Leontion‘ in seinen einzelnen Teilen eine große Ähnlichkeit mit Katalogepigrammen hat (Reitzenstein o. Bd. VI S. 94. 100. Ellenberger 67). Ferner ist von H. nicht zu trennen Parthenios, dessen Ἀρήτη die Λύδη und die Λεόντιον zur Voraussetzung hat (Jacoby Rh. Mus. LX 47), und der in seinen Ἐρωτικὰ παθήματα den Η. benützt und zwar direkt; denn wenn auch (was Bethe Herm. XXXVIII 608ff. zu widerlegen sucht) die Quellenangaben am Rande der Handschrift nicht direkt auf Parthenios zurückgehen (Literatur hierüber bei Christ-Schmid Gr. Lit.-Gesch. II 1⁵ 248, 1), so ist es doch aus verschiedenen Gründen (die Rohde 115, 2 geltend gemacht hat) sicher, daß er den H. tatsächlich herangezogen hat. Schließlich benützt auch Antoninus Liberalis den H. direkt, da die Quellenangabe zu Metam. c. 39 – im Gegensatz zu den meisten anderen – von Antoninus selbst herrührt (so Martini Mythogr. Graeci II 1, 1896, praef. LXI). Über die Sprache des H. handelt Ellenberger 52; dazu die Indices 68. Es zeigt sich, daß der Kolophonier enge Berührungen hat mit der gleichzeitigen Epigrammatik, besonders mit Leonidas von Tarent. Bei Homer, Hesiod und dem Drama macht er starke Anleihen, indem er einmal manche ihnen eigentümliche Wortformen, besonders Glossen herübernimmt, teils auch an Weiterbildungen seine Freude hat. Charakteristisch ist auch, daß er bei der Aufzählung der einzelnen Dichter gerne aus der Diktion dessen schöpft, von dem er gerade spricht. In seinem Versbau fällt die überaus häufige Verteilung von Adjektiv und Substantiv auf das Ende der beiden Halbverse des Pentameters auf. In der Hiatvermeidnng ist er noch lässig. Über anderes vgl. Couat La poésie Al. 96. Nach Schol. Nic. Ther. 3 hat H. auch Περσικά geschrieben. Mit dieser ganz vereinzelten Notiz weiß man nichts anzufangen. Rohde 82, 2 und Susemihl I 187, 69 glauben, daß der Scholiast sich geirrt habe. Eine persische Geschichte wird man dem H. nicht leicht zuschreiben, trotzdem eine solche wohl auch poetische Form haben konnte (vgl. die Αἰτωλικά des Nikandros; Susemihl I 303, 99), eher vielleicht einen historischen Roman, der dann sehr wohl, wie Ruhnken (bei Bach 216) und Bach (103f.) annehmen, die Geschichte der Kroisostochter Nanis, die Sardes an Kyros verrät (Parthen. Erotic. c. 22), enthalten konnte, wie denn Parthenios auch sonst sagengeschichtliche Romane heranzog, so die Τρωϊκά des Kephalon von Gergithes (c. 4 und 34; vgl. Susemihl II 31f.). Wie dem auch sei, an der Notiz des Nikanderscholiasten zu zweifeln, liegt kein Anlaß vor. Übrigens ist es bei einigen Hs.-Fragmenten [828] sehr zweifelhaft, ob sie aus der Λεόντιον stammen, so bei frg. 7 = Paus. VII 17, 5, das über Attis handelt, deshalb, weil es nicht erotisch ist, und bei frg. 10 = Paus. VII 18, 1, wo ein ἐλεγεῖον εἰς Εὐρυτίονα Κέντανρον ὑπὸ Ἑρμησιάνακτος πεποιημένον erwähnt wird; vgl. hierüber Bach 101. Susemihl I 186. Literatur: Rohde Der griechische Roman1 74ff. Couat La poésie alexandrine, Paris 1882, 80ff. Susemihl Geschichte d. griech. Lit. i. d. Alexandrinerzeit I 184ff. Ellenberger Quaestiones Hermesianacteae, Gießen 1907. Romagnoli L’elegia alessandrina prima di Callimaco, Rom 1899, 177. Über H.s Stellung innerhalb der griechischen Elegie s. Crusius o. Bd. VS. 2281f. Fragmentensammlung: N. Bach Philetae Coi, Hermesianactis Colophonii atque Phanoclis rell., Halle 1829. Über weitere Fragmente vgl. Susemihl I 184, 51. II 660. Das größere Fragment ist bei Bach 116ff. (mit lateinischer Übersetzung), Bergk Anthologia lyrica1 110ff., am besten bei Kaibel im Athenaios Bd. III 316. Beiträge zur Kritik und Erklärung: Lennep Animadversiones ad H. bei Bach 207ff. Ruhnken Annotationes ad H. bei Bach 214ff. Schubart De Hermesianactis elegis, Plauen 1858. A. Ludwich Coniectaneorum in Athenaeum fasc. II, Königsberg 1902. W. Headlam Journ. of Phil. 1898, 94f. Ellenberger 26ff. |