Schneewittchen (Meggendorfer)
aus Wikisource, der freien Quellensammlung
| Textdaten |
|
|
| Autor: |
Lothar Meggendorfer |
| Titel: |
Schneewittchen |
| Untertitel: |
Ein Märchen in zwölf Bildern |
| aus: |
Vorlage:none |
| Herausgeber: |
|
| Auflage: |
|
| Entstehungsdatum: |
|
| Erscheinungsdatum: |
[um 1910] |
| Verlag: |
[Weise] |
| Drucker: |
{{{DRUCKER}}} |
| Erscheinungsort: |
[Stuttgart] |
| Übersetzer: |
|
| Originaltitel: |
|
| Originalsubtitel: |
|
| Originalherkunft: |
|
| Quelle: |
childrenslibrary.org, Commons |
| Kurzbeschreibung: |
|
|
Artikel in der Wikipedia
|
| Eintrag in der GND: {{{GND}}} |
| Bild |
|
[[Bild:|250px]]
|
| Bild |
|
| Bearbeitungsstand |
| fertig |
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
|
| Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe |
| Link zur Indexseite |
|
[U1]
[1]
|
|
Es saß einst eine Königin
Mit gar betrübtem Herz und Sinn,
In ihrem Schloß am Fenster dort
Und stickte eine bunte Bort’.
|
Wie sie so saß und für sich sann,
Sie wußte selbst nicht wie es kam;
Ein Tropfen Blut von ihrer Hand
Fiel nieder auf das weiße Band.
|
Das war so schön, daß sie rief aus:
„O schenk doch in mein einsam Haus
Ein Töchterlein mir, lieber Gott,
Wie hier die Farben: schwarz, weiß, rot!“
|
[2]
|
|
Und sieh, es war noch kaum ein Jahr,
Die Königin ein Kind gebar,
Nannt es „Schneewittchen“ in der Tauf’;
Doch mußt sie sterben bald darauf.
|
Der König nahm die zweite Frau –
Denkt euch einmal den Vogel Pfau,
Dann kennt ihr schon dies stolze Weib
Und ihren liebsten Zeitvertreib.
|
Sie hat ein Spieglein an der Wand;
„Wer ist die Schönste hier im Land?“
So frug sie diesen Zaub’rer oft;
Nur eine Antwort sie erhofft!
|
[3]
|
|
„Die Schönste, Königin, bist du!“
Sprach auch der Spiegel immerzu;
Doch eines Tag’s sagt er zu ihr:
„Schneewittchen ist die Schönste hier!“
|
Da hättet ihr sie sollen seh’n;
Sie wollt vor Wut und Zorn vergeh’n;
Rief ihren Jäger flugs herzu:
„Bring in den Wald das Kind im Nu!
|
Dort stech es ab und bringt mir heim
Ihr Herz, und Goldeslohn sei dein!“
Da führt er fort mit rauher Hand
Das Königskind von diesem Land.
|
[4]
|
|
Und wo der Wald gar dunkel war,
Da wollt’ er, allen Mitleids bar,
Um schnöden Lohn den Mord begeh’n.
Da hat das Kind ihn angeseh’n –
|
Mit einem Blick, der tief ihm drang
Ins Herz, und ihm ward seltsam bang,
Als schaute Gott ihn selber an;
Da hat er nichts dem Kind getan.
|
Er zeigte in den Wald hinein:
„Dort drinnen gibts ein Häuschen klein,
Aus feinstem Zucker aufgebaut,
Gehört dem, der hinein sich traut!“
|
[5]
|
|
So läßt er sie und jagt geschwind
Ein Reh, und tötet’s statt dem Kind;
Bringt heim das Herzchen warm und rot
Und spricht: „Schneewittchen ist nun tot“.
|
– Schneewittchen sah nach langem Geh’n
Ein kleines Häuschen vor sich steh’n;
Nicht größer war’s, ich tu’s euch kund,
Als wär’s für einen großen Hund.
|
Und innen erst, wie war’s da nett!
Schneewittchen suchte gleich ein Bett.
Da standen sieben Stück herum,
Doch mußt’ sie liegen schief und krumm.
|
[6]
|
|
Sie waren ja so furchtbar klein;
Doch trotzdem schlief das Kind gleich ein.
Die Herr’n des Hauses kamen bald,
Klein, wie hier alles, an Gestalt.
|
Sie staunten an, das große Kind,
Befreundeten sich dann geschwind
Und ließen es gar nicht mehr fort;
So blieb es freudig an dem Ort.
|
Jedoch die böse Stiefmama
Erfuhr von diesem Spiegel da,
Die ganze Sache und ging hin
Als Krämerin, mit bösem Sinn.
|
[7]
|
|
Schnürriemen zeigte sie der Maid,
Und rechnet auf die Eitelkeit.
Schneewittchen ließ auch schnüren sich,
Mußt’ es bereuen fürchterlich!
|
Es schnürte ihren kleinen Leib,
So eng und fest, das böse Weib,
Daß aller Atem ihr blieb aus,
Und tot lag sie im kleinen Haus.
|
Doch als die Königin kam heim,
Da sprach der Spiegel wieder: „Nein,
Schneewittchen ist die Schönste hier!“
Da ging sie nocheinmal zu ihr.
|
[8]
|
|
Mit einem Apfel, weiß und rot,
Der mußte bringen sichern Tod.
Voll Gift war nur der rote Teil,
Der weiße war gesund und heil.
|
So bot sie ihn Schneewittchen dar;
Doch vorsichtig jetzt diese war:
„Nein, gute Frau, ich kaufe nicht!“
Da lacht ihr diese ins Gesicht.
|
„Geh’ Närrchen, schau, ich schenk ihn dir,
Eß selbst die weiße Hälfte hier,
Die schöne rote da ist dein!“
Da biß Schneewittchen fest hinein.
|
[9]
|
|
Und fiel zu Boden steif und stumm.
„Ha Mädchen, wie bist du doch dumm,
Hättest du mir nur nicht getraut!“
Lachte die Königin boshaft laut.
|
Zu Haus, das Spieglein an der Wand,
Sprach gleich: „Die Schönste hier im Land
Bist du, Frau Königin, allein!“
Sie nickte: „So muß’s immer sein!“
|
Die Zwerge fanden bleich und fahl
Schneewittchen nun zum zweiten Mal;
Doch diesmal war kein Riemen fest,
Und es blieb tot die Allerbest’. –
|
[10]
|
|
Doch sah das Kind nicht aus wie tot,
Schön lag es da: schwarz, weiß und rot!
Da machten sich die Zwerge auf
Und trugen es den Berg hinauf,
|
In einem Sarg aus hellem Glas
Und hielten so, mit Fuchs und Haas,
Die Totenwacht, Jahr aus und ein,
Beim lieben Pflegeschwesterlein. –
|
Einst kam ein junger Prinz vorbei
Mit seiner ganzen Jägerei.
Der schaute in den Sarg hinein,
„Was ist mit diesem Mägdlein fein?“
|
[11]
|
|
Frug sehr erstaunt die Zwerge er,
Und die erzählten ihm die Mähr.
Er stand erschüttert da und still:
„Auf Erden ich nun nichts mehr will
|
Als dieses liebe Kind anschau’n!
O, wollt ihr mir’s doch anvertrau’n,
Ich gäb euch gern ein ganzes Reich;
Denn nichts kommt seiner Schönheit gleich“.
|
So flehte er die Hüter an,
Bis sie den Willen ihm getan,
Und zog mit Dank und froher Hast
Den Berg hinab, mit seiner Last.
|
[12]
|
|
Ein Träger stieß mit seinem Bein
Beim Geh’n an einen großen Stein,
Da fuhr der Apfel aus dem Mund,
Und Schneewittchen ward ganz gesund.
|
Nun denkt euch einmal diese Freud’,
Vergessen war gleich alles Leid;
Der Prinz rief ganz begeistert aus:
„Ich führ Dich heut noch in mein Haus!
|
Du wirst mein liebes Weibchen sein,
Und alles was du wünscht, sei dein“.
Sie zogen heim mit froher Lust
Und dankten Gott aus voller Brust.
|