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daß dieselben offenbar schon zur Zeit des Diokletian und Maximinian bestanden haben müssen. Nun weiß aber Jeder, wie leicht die Römer ihre Legionen aus einem Theile der Welt in den anderen beriefen. Sie führten dieselben je nach Bedürfniß aus dem Abendland in’s Morgenland, und ebenso aus dem Orient in den Occident. Es kann sich also nur darum handeln, ob es glaublich ist, daß unter Maximinian eine ganze Legion, die in die Schweiz beordert wurde, christlich war. Man braucht aber nur die Kirchengeschichte des Eusebius und vor Allem den Anfang des achten Buches zu lesen, um zu erkennen, wie weit um 300 das Christentum im Oriente verbreitet war. Es blühte dort so, daß ganze Landstriche fast nur von Christen bewohnt waren. Wurden in solchen Gegenden Soldaten ausgehoben, so konnte ein christlicher Anführer es ohne viele Mühe so einrichten, daß nur Glaubensgenossen in seine Legion kamen. Die Decimierung und Niedermetzlung einer ganzen Legion aber war bei den Römern keineswegs unerhört. Sie paßt durchaus zum Charakter des rohen Maximinian. Konnte man in Rom unter den Augen des Senates 4000 Soldaten mit dem Beile hinrichten, weil sie bei der Belagerung von Regium ihren Auftrag überschritten und die vornehmsten Bewohner getödtet hatten[1], wer wird es dann unglaublich finden, daß ein Maximinian 6000 Soldaten niedermetzeln ließ, die sich seinem Befehle nicht fügten und seine Götzen verachteten?

2. Durch den Nachweis, daß das Martyrium einer christlichen Legion unter Maximinian nichts Unwahrscheinliches enthält, ist ein Haupteinwurf gegen die ältesten Berichte bei Seite geschafft. Nun behaupten aber die Gegner weiter, diese Berichte enthielten noch viele andere Angaben, die sich mit der Geschichte nicht vereinigen ließen. Sie berufen sich indeß dann immer auf Stellen, die nur in der Überarbeitung der ältesten und echten Acten sich finden. Es liegt aber, wenigstens für diese Arbeit, kein Grund vor, diese Überarbeitungen zu vertheidigen oder für sie einzustehen, indem uns die alten Acten genügen. Erst die interpolirten Acten und die spätern Erzählungen bringen das Martyrium der Thebäer mit dem Aufstande der Bagauden in Gallien in Verbindung, indem sie erzählen, die Bagauden seien gallische Christen gewesen, welche von römischen Steuerbeamten zur Verzweiflung getrieben wurden und in einem blutigen Aufstande das letzte Mittel zur Rettung zu finden wähnten. Maximinian habe in Octodurum seine Soldaten aufgefordert, den Götzen


  1. Acta Sanctorum Octob. V. p. 39 m; Braun, Theb. Leg. S. 35.
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Stephan Beissel: Das Martyrthum des hl. Victor und seiner Genossen. Freiburg im Breisgau: Herder, 1889, Seite 4. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Beissel_Das_Martyrthum_des_hl._Victor_und_seiner_Genossen.djvu/4&oldid=1055360 (Version vom 28.03.2010)