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Damit man nun nicht etwa glaube, diese Verschiedenheit Beobachtungsfehlern zuschreiben zu können,[1] so beachte man wohl, daß dieselbe in der Verschiebung der Aequinoctialpunkte ihre jedesmalige Erklärung findet. Da nämlich diese Cardinalpunkte, wie man zu Ptolemäus Zeiten entdeckte, in je einem Jahrhundert um einen Grad fortrückten, so hatte das Jahr damals wirklich die von Ptolemäus ihm zuerkannte Länge. Da sie jedoch in den folgenden Jahrhunderten eine größere Beweglichkeit in retrogradem Sinne entwickelten, so wurde das Jahr um so kürzer, je mehr die Cardinalpunkte sich verschoben. Denn durch ihr schnelleres Entgegenkommen machten sie dem Jahreslaufe ein schnelleres Ende.[2] Es wäre daher richtiger, die Zählung der Jahreslänge auf die Fixsterne zu beziehen. Ich bezog so das Jahr auf den Stern Spica in der Jungfrau und fand die von den alten Aegyptern bereits ermittelte Länge von 365 Tagen, 6 und nahezu 1/6 Stunden.[3] Dieselbe Regel sollte man bei den übrigen Wandelsternen befolgen. Das zeigen uns die Lage ihrer Apsiden[4], wie überhaupt ihre Bewegungsgesetze, ja der ganze Sternhimmel, auf unzweifelhafte Weise.



  1. In der That haben die Beobachtungsfehler der Alten zur Verdunkelung dieser Frage nicht wenig beigetragen. Vgl. M. C. S. 40 ff. u. 121.
  2. Die jährliche Präcession der Aequinoctien, deren letzten Grund erst Newton erkannte, wächst wirklich mit der Zeit, aber nur um etwa 6 Sekunden in 1000 Jahren.
  3. Auf diese Weise erhält man jedoch nicht mehr den Werth des tropischen, sondern den des siderischen Jahres, d. h. die Zeit welche die Sonne braucht, um nach dem Verlassen eines Fixsterns, der mit ihm in Conjunction steht, wiederum zu ihm zurückzukehren. In neuerer Zeit pflegt man dafür 365,2563582 Tage oder 365 Tage, 6 Stunden, 9 Minuten, 9,35 Sekunden mittlerer Zeit anzusetzen, was mit dem angeführten Näherungswerthe gut stimmt.
  4. Apsiden nennt man bekanntlich bei einer Planetenbahn die Endpunkte der Linie, welche durch das Zentrum der Bahn und durch die exzentrisch liegende Sonne gezogen ist. Der Punkt, welcher der Sonne näher liegt, heißt Perihel, der entferntere Aphel. Die Veränderlichkeit dieser Linien war im Allgemeinen zu Coppernicus Zeiten noch wenig bekannt.
Empfohlene Zitierweise:

Nicolaus Copernicus, Adolf Müller (Übersetzer): Nicolai Coppernici de hypothesibus motuum coelestium a se constitutis commentariolus. J. A. Wichert, Braunsberg 1899, Seite 369. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Commentariolus_1899_German_Translation_Adolf_M%C3%BCller.djvu/11&oldid=1384552 (Version vom 22.12.2010)