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guter Bissen gefunden wird. Die Henne „wiederholt, wenn sie ein Ei gelegt hat, einen und denselben Ton sehr oft und schliesst dann mit der Sexte höher, welche sie für lange Zeit aushält“;[1] und hierdurch drückt sie ihre Freude aus. Einige gesellig lebende Vögel rufen offenbar einander zu Hülfe, und da sie von Baum zu Baum flüchten, wird der Schwarm durch stets einander antwortende zirpende Rufe zusammengehalten. Während der nächtlichen Wanderungen der Gänse und anderer Wasservögel kann man hoch über unsern Köpfen sonore Ausrufe von der Spitze des Zugs her in der Dunkelheit hören, denen dann Ausrufe von dem Ende des Zuges antworten. Gewisse Ausrufe dienen als Warnungssignale, welche, wie der Jäger auf Kosten seiner Zeit erfahren hat, sowohl von einer und derselben Species als auch von andern sehr wohl verstanden werden. Der Haushahn kräht und der Kolibri zirpt im Triumph über einen besiegten Nebenbuhler. Indessen werden der echte Gesang der meisten Vögel und verschiedene fremdartige Laute hauptsächlich während der Paarungszeit hervorgebracht und dienen entweder nur als Reize oder bloss als Lockruf für das andere Geschlecht.

Die Naturforscher sind in Bezug auf den Zweck des Singens der Vögel sehr getheilter Meinung. Seit Montagu’s Zeiten haben wenige noch sorgfältigere Beobachter gelebt als er, und derselbe behauptet, dass „die Männchen der Singvögel und viele andere im Allgemeinen nicht die Weibchen aufsuchen; sondern ihr Geschäft im Frühlinge besteht im Gegentheil darin, sich auf irgend einen weit sichtbaren Punkt niederzulassen und dort ihre vollen liebeathmenden Töne erklingen zu lassen; das Weibchen erkennt diese aus Instinct und begibt sich darauf nach dem Flecke hin, um sich ihren Genossen zu wählen“.[2] Mr. Jenner Weir theilt mir mit, dass dies in Bezug auf die Nachtigall sicher der Fall ist. Bechstein, welcher während seines ganzen Lebens Vögel hielt, führt an, „dass der weibliche Canarienvogel immer den besten Sänger sich wählt und dass im Naturzustande der weibliche Finke unter Hunderten von Männchen dasjenige sich auswählt, dessen Gesang ihm am besten gefällt“.[3]



  1. Daines Barrington, in: Philosophical Transactions, 1773, p. 252.
  2. Ornithological Dictionary. 1833, p. 475.
  3. Naturgeschichte der Stubenvögel. 1840, S. 4. Auch Mr. Harrison Weir schreibt mir: „Mir ist gesagt worden, dass die am besten singenden Männchen zuerst einen Genossen erhalten, wenn sie in demselben Zimmer gezüchtet worden sind.“
Empfohlene Zitierweise:

Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl, II. Band. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1875, Seite 47. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAbstammungMensch2.djvu/61&oldid=1670515 (Version vom 10.10.2011)