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»Mein gutes Kind,« sagte der Onkel, und in seiner Stimme lag das ganze Mitleid derer, die schon über dem Leben stehen, für diejenigen, die sich noch mitten drin befinden. Vielleicht ahnte der Onkel, wie unsäglich verlassen ich mir in dem Augenblick vorkam, denn es klang auch wie eine Ermahnung in den Worten, ruhig zu sein, alles Exzessive zu bezwingen und wo es nicht vermieden werden kann, es doch still im Innern zu verbergen. Wie eine klassische Gestalt von olympischer Ruhe erschien mir der Onkel, wie ein alter Maharattah-Häuptling, der mir einst in Indien seinen golddurchwirkten Shawl zeigte und mir sagte: »Der schützt vor Sonne und Kälte, vor Wind und Staub, und sein führnehmster Dienst wird einstmals sein, mich im Sterben zu umhüllen, und so meine letzte Todesnot zu verbergen.« Der Onkel besitzt sicher solchen golddurchwirkten Maharattah-Shawl. Man sieht von ihm nur, was man sehen soll – und das ist alles harmonisch verklärt, »lichte Höh«, wie Hanz-Buckau sagt.

Und ich bezwang die Tränen, die mir schon brennend in den Augen standen, deutete auf die Treppe, die die drei Stockwerke hinab in zunehmende Dunkelheit führte und sagte: »Leb wohl, Onkel, jetzt steig ich wie Rautendelein hinunter in den finsteren Schicksalsbrunnen.«

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Elisabeth von Heyking: Briefe, die ihn nicht erreichten. Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin 1903, Seite 168. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Briefe_die_ihn_nicht_erreichten_Heyking_Elisabeth_von.djvu/169&oldid=1203186 (Version vom 18.08.2010)