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des Lebens, die Fahrt begannen, die wir damals hüteten, als das kostbarste, was wir mit uns nahmen, als unseren höchsten Besitz. Es war, als gehörten uns seltene, goldige Samenkörner, aus denen ein märchenhafter Garten erstehen sollte, voll schöner, noch nie dagewesener Blumen. Aber statt einen Garten anlegen zu können, haben wir im Laufe der Reise die Samenkörner alle allmählich am Wege verloren, die einen früh, die anderen spät. Manche sind verschwunden, ohne daß wir es selbst recht merkten, wie Träume, die beim Erwachen verweht sind, niemand weiß wohin, die Erinnerung an sie sogar ist tot. Um andere haben wir gekämpft und wollten sie durchaus festhalten, sie sollten ja zum stolzesten oder liebsten Schmuck des künftigen Gartens werden – und wir haben sie doch hingeben müssen, haben auch sie verloren, in bitterem, alle Freude vernichtendem Schmerz.

In den Mühen und Sorgen des täglichen Lebens, die uns wie Opium vom Schicksal gegeben werden, um die größeren Leiden zu vergessen, denken wir kaum all des vielen Verlorenen. Aber an den Abenden langer Reisetage, wenn das Buch der Hand entgleitet und wir müde aus dem Fenster hinausstarren, wenn der Zug durch weite Ebenen braust und sein Schatten, riesengroß verlängert, über der wehenden Grasfläche neben uns dahineilt,

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Elisabeth von Heyking: Briefe, die ihn nicht erreichten. Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin 1903, Seite 36. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Briefe_die_ihn_nicht_erreichten_Heyking_Elisabeth_von.djvu/37&oldid=1196741 (Version vom 11.08.2010)