Seite:De Das Todesurteil (Hau).djvu/35
| Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses. |
|
|
|
|
Der Chefarzt und ein Assistenzarzt besuchten mich täglich und studierten an dem Problem herum, ob ich wirklich geisteskrank sei oder nur simuliere.
Das erste Bild, das in meiner Erinnerung steht, nachdem ich wieder zu mir gekommen war: Ich sitze in einem alten Lehnstuhl, in einer Art Nische, hinten und rechts die Zimmerwände, links das Fußende eines schmalen Bettes. In der Wand rechts, hinter einer Glasscheibe, brennt ein Gaslicht. Das Zimmer ist nicht sehr breit, aber ziemlich lang und ungewöhnlich hoch. Es ist angenehm durchwärmt. Hinter einem schwarzen Fenster Nebel oder Dämmerung oder Nacht. Ich sitze da in schokoladefarbenen Pyjamas, apathisch und zufrieden, wundere mich gar nicht darüber, wie ich in das Zimmer komme, auch daß ich im Gefängnis bin, scheint mir natürlich und belanglos. Nur sehr langsam erwacht wieder das Interesse für das, was um mich her vorgeht. Eine große Veränderung ist in mir. Keine Spur mehr von Ungeduld, Spannung, Sorge. Ich habe das Gefühl: das Schlimmste ist vorüber; was jetzt noch kommt, hat wenig zu bedeuten. Daß meine eigene Frau mich für schuldig halten konnte, der Gedanke wäre mir nie gekommen. Das war viel, viel schlimmer als eine Verurteilung durch Richter und Geschworene. Aber es war geschehen. |
Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.. Ullstein, Berlin 1925, Seite 34. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Das_Todesurteil_(Hau).djvu/35&oldid=1183730 (Version vom 27.07.2010)