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Cicero bemerkt ganz richtig, daß zu der Theorie von einer gottbegeisterten Seherin diese verzwickte Technik recht wenig stimme; aber was kam darauf an? Das Kapitol und mit ihm die Sammlung verbrannte im J. 83 v. Chr.; indes da der Staat Sibyllensprüche haben mußte, so wurden neue beschafft, aus Italien und Griechenland und namentlich aus Erythrai, gegen 1000 Verse; die Beschaffung konnte nicht schwierig sein.

Diese römischen Sammlungen von Sibyllinen liegen nun von dem Weg, auf dem wir schließlich zu den vorhandenen kommen, etwas seitwärts ab; ist doch auch die akrostichische Technik in diesen nur ganz schwach vertreten. Voraussetzung für die Entstehung unserer Sammlung ist, daß in der hellenistischen Zeit nicht nur in Rom, sondern auch in Ägypten die Sibylla alle alten Nebenbuhler, wie den Bakis, totgemacht hatte, selbst aber sich im Ansehen behauptete, so daß auch die Fabrikation oder Umformung von Sibyllensprüchen mit Vorteil weiterging. Somit fing jetzt auch das alexandrinische Judentum an, sich für seine Zwecke der monotheistischen Propaganda an der Fabrikation zu beteiligen. Man konnte klein anfangen, mit Interpolation in die vorhandenen Sammlungen; allmählich wuchs dann die Interpolation und drängte das ursprüngliche Heidnische mehr und mehr zurück. Ganz nämlich ist dasselbe auch aus den vorhandenen Sibyllinen nicht ausgetrieben, nur daß unter der jüdischen Redaktion die Namen heidnischer Götter verschwinden mußten. Aber nicht nur Weissagungen über Troja und Helena, genau sich deckend mit den von Griechen erwähnten, finden sich in unserer Sammlung vor (III, 414 ff. und ausgeführter XI, 125 ff.), sondern es citiert auch Strabo wörtlich über die Landaufschüttungen des kilikischen Flusses Pyramos zwei sibyllinische Verse, welche sich ziemlich ebenso hier erhalten haben (IV, 95 f.). Auch anderes von heidnischen Schriftstellern aus den Sibyllensprüchen Citierte findet sich in unseren Sibyllinen mehr oder weniger deutlich wieder. Daß dies nicht bei allem der Fall ist, begreift sich leicht, nicht nur aus den Schicksalen der Sammlung, sondern auch daraus, daß die Redaktoren nur für die damals bedeutenden Länder und Städte Interesse hatten, insbesondere der Jude nur für die, wo es auch reichlich Juden gab; also Griechenland, mit Ausnahme von Korinth, fiel ziemlich aus, während desto mehr Ägypten, Kleinasien, Italien hervortraten. Aber was über diese Länder und vollends über einzelne Städte derselben gesagt wird, mag man im Wesentlichen auf heidnischen Ursprung zurückführen, da doch ein Jude schwerlich das Interesse hatte, ein Orakel über Rhodos oder Kyzikos oder Laodikeia eigens zu fälschen. Jedoch, obwohl diese Abschnitte nicht wenig zahlreich und nicht unbeträchtlichen Umfangs sind: die große Masse des Erhaltenen ist dennoch von Grund auf neu gemacht, sei es von Juden oder von Christen, oder mindestens erst in der Zeit der römischen Kaiser fabriziert und dann etwa von Juden oder Christen umgeformt.

Die jüdische Sibylla nun ist erstlich eine unermüdliche Predigerin für den Monotheismus und gegen den Götzendienst. Solange das Judentum Propaganda trieb, was es in späterer alexandrinischer Zeit und noch zu Christi Zeiten ganz gehörig that, in Ägypten, und wo es sonst hinkam, war dafür die Maske der alten Prophetin ein ganz vorzügliches Mittel, denn die Meisten ließen sich aufs Leichteste täuschen. Die Reden gegen den Götzendienst pflegen sich mit der Weissagung der kommenden Gerichte und insonderheit des Endgerichts zu verbinden; die Sibylla macht es, wie es Paulus und andere Prediger des Christentums gemacht haben, nur daß ihr der Geist und der religiöse Gehalt fehlt. Einen weiteren, reichen Stoff bietet ihr die Weltgeschichte seit Noah, natürlich ins Futurum umzusetzen; denn diese Sibylla ist Noahs Enkelin und Schwiegertochter (III, 826). Es scheint indessen auch von diesen Erzählungen ein Teil heidnischen Ursprung zu haben. Denn was B. III, 97 ff. zunächst berichtet wird, über den babylonischen Turm, der auf Befehl Gottes von den Winden umgeblasen wurde, und über Kronos und Titan und ihren Krieg (108 ff.), wird mit genauem Entsprechen von dem heidn. Historiker Alexander Polyhistor (um 80-40 v. Chr.) aus den Orakeln der Sibylla

Empfohlene Zitierweise:

Friedrich Blass (Übersetzer): Die Sibyllinen. Tübingen: Mohr Siebeck, 1900, Seite 179. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DieSibyllinenGermanBlassKautzsch2.djvu/03&oldid=1959553 (Version vom 24.02.2013)