Seite:Die Rätselbrücke.pdf/20
|
Ich konnte Harst nur beipflichten, erklärte dann aber noch: „Diese merkwürdige Art, Palperlon eine Mitteilung zugehen zu lassen, erscheint mir – wie soll ich sagen – etwas – gekünstelt.“ „Sehr richtig. Dieses Gekünstelte ist auch das, was mich stört. Ebenso die Tatsache, daß Palperlon, für den doch die Papierkugel bestimmt war, noch nicht hier gewesen sein kann. Sonst hätte ja die Papierkugel nicht mehr in der Distel gelegen.“ Er ließ abermals die Augen mißtrauisch über die Brücke und das jenseitige Ufer hingleiten. „Lieber Alter – ich kann nicht behaupten, daß ich mich angesichts dieser Rätselbrücke besonders wohlfühle,“ meinte er dann. „Im Gegenteil, ich wünschte, wir hätten Sululand erst wieder hinter uns! Ich bin noch nie –“ Von rechts her war plötzlich ein gellender Schrei erklungen, ein so schriller, heller Angstruf, daß unsere Köpfe mit einem Ruck herumflogen. Ich muß hier über die[1] Örtlichkeit noch hinzufügen, daß sich rechter Hand von uns eine mit dichtem Gebüsch bewachsene Berghalde hinanzog und daß wir selbst etwas links von der Felszunge standen, während wir nach Osten zu durch ein hohes Distel-[2] und Dornengestrüpp gedeckt waren. Das, was wir nun miterlebten, war so aufregend, ereignete sich so urplötzlich, daß selbst Harst, dem es doch wahrlich nicht an Geistesgegenwart fehlt, minutenlang wie gelähmt am selben Platze verharrte. Aus dem Gebüsch der Berghalde brach ein junges Negerweib hervor, deren knallroter Kattunrock von Dornen völlig zerfetzt war. Wie eine Wahnsinnige raste sie auf die Brücke zu, sprang mit großen Sätzen über die Unebenheiten des Felsens und stieß noch mehrmals dieselben durchdringenden Angstrufe aus. |
Walther Kabel: Die Rätselbrücke. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1920, Seite 20. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_R%C3%A4tselbr%C3%BCcke.pdf/20&oldid=1852327 (Version vom 26.07.2012)