Seite:Die Sage-Karl Wehrhan-1908.djvu/23

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Da ist es zuweilen der Aufschrei des oft hartbedrängten und von den allzugestrengen Herren argbedrückten Landvolkes, der uns entgegentritt. Wer kennt nicht die Sage vom hartgeschmiedeten[1] Landgraf Ludwig zu Thüringen und Hessen? Da er anfänglich ein gar milder und weicher Herr, huben seine Junker und Edelinge an, stolz zu werden, verschmähten seine Gebote und drückten und schatzten die Untertanen aller Enden. Einmal verirrte sich nun der Landgraf auf der Jagd, kam zu einer Waldschmiede und bat um Obdach unter dem Vorgeben, er sei des Landgrafen Jäger. Der ihn erkennende Schmied sagte: „Pfui des Landgrafen! wer ihn nennet, sollte allemal das Maul wischen, des barmherzigen Herrn!“ Ludwig schwieg und der Schmied sagte zuletzt: „Herbergen will ich euch heunt; in der Schuppen, da findest du Heu, magst dich mit deinem Pferde behelfen; aber um deines Herren willen will ich dich nicht beherbergen!“ Die ganze Nacht hämmerte nun der Schmied mit seinen Gesellen und sprach bei jedem Schlag: „Landgraf, werde hart! Landgraf, werde hart wie dies Eisen!“ Dann erzählte er dem Gesellen laut von der Not des Volkes, von der Bosheit der Beamten und Junker, die ihren Herren nur Metz nennten; der Fürst und seine Jäger treibe die Wölfe ins Garn, die Amtleute aber die Goldfüchse (Goldmünzen) in ihre Beutel; und so ging es die ganze Nacht weiter. Der Landgraf konnte nicht schlafen, faßte alles wohl zu Herzen und half seinem Volke, indem er es von den Bedrückern befreite.

In anderen Sagen wird das Volk mehr von der schalkhaft-listigen Seite geschildert: Der Bauer Hans von Leimbach[2] lädt den Landgrafen von Hessen zur Hochzeit seines Sohnes ein. Gegen Lieferung eines Scheffels Dukaten wird ihm die Gunst gewährt, mit der Landgräfin selbst einen Tanz zu machen. Bei der Zahlung bringt er aber nur ein silbern Maß von Dukaten und sagt zu dem erzürnten Grafen, des Bauern Dukatenmaß sei kein Weizenmaß. Des Grafen Zorn verkehrt sich in helles Lachen, er behält den Bauern lieb, lädt ihn oft an seinen Hof und läßt ihn auch einstens seine Hofmusik hören. Der Bauer schüttelt den Kopf und sagt, er habe zu Hause noch viel schönere Hofmusik


  1. Ludwig Grimm, Deutsche Sagen II Nr. 556 (vergl. die Anmerkungen dazu.)
  2. Vgl. Muth, Die deutsche Sage. Frankf. a. M. 1888. S. 233, 234.
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Karl Wehrhan: Die Sage. Wilhelm Heims, Leipzig 1908, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Sage-Karl_Wehrhan-1908.djvu/23&oldid=1136977 (Version vom 8.06.2010)