Seite:Die Sage-Karl Wehrhan-1908.djvu/44

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Solche Analogien zwischen alten und neuen Sagen können leicht vermehrt werden. So soll der abgesondert liegende Hügel der Lykabettos bei Athen von der athenischen göttlichen Jungfrau herrühren, die ihn nicht fallen gelassen haben soll, als sie ihn zur Befestigung der Burg Akropolis herbeitrug. Ähnlich ein Hügel oder Stein bei Brandenburg a. H. im märkischen Lande, der von einer Riesin oder Frau Harke herrühren soll, die hier zur heidnischen Zeit ihr Wesen trieb, wie man erzählt. Sie wollte einen See zudämmen oder den Dom zu Brandenburg zerschmettern, war aber so weit nicht gekommen, und nun liegt der Berg zum ewigen Wahrzeichen dort. Andere Sagen ließen sich noch in Menge dazu mitteilen, so z. B. die Sage von der Entstehung des Bonstapels, eines Berges zwischen Salzuflen und Rinteln, über den gerade die preußisch-lippische Landesgrenze hinzieht. Der Teufel wollte die ganze Gegend eindämmen und so durch Wasser verderben; nur eine Lücke fehlte in dem Damme noch, die jetzt unter dem Namen Porta Westfalika bekannte. Um diese zu verstopfen, holte er einen großen Erdhaufen, mußte ihn aber fallen lassen, und so entstand der Bonstapel.

Sagen, die auch bei Völkern sich finden, die ursprünglich nicht dem gleichen Stamm angehörten, sind schon erwähnt; hier noch einige.

Der Stab, womit Moses dem Felsen Wasser entlockt, erinnert uns an des Bachus Thyrsusstab, mit dem dieser Wein aus dem Felsen schlägt: das Trauerspiel zwischen den feindlichen Brüdern im Paradiese wiederholt sich vor den Mauern des griechischen Theben, aber auch zwischen Typhon und Serapis an den Ufern des Nil. Schilda und Schöppenstädt und alle ähnlichen deutschen Orte haben ihr entsprechendes Ebenbild an dem griechischen Abdera einerseits und dem syrischen Höms (Emesa) andererseits.

Damit ist bewiesen, daß auch bei anderen als den sogenannten arischen Völkern, ähnliche Ideen mythenbildend wirkten.

Die Sage von Barbarossa, dem schlafenden, zur Zeit der Not erwachenden Helden, findet sich auch bei den Persern.

Mit der Tannhäusersage, wo der Papst schwört, dem Ritter zu verzeihen, „bei seinem dürren Stabe, wenn dieser wieder grüne Blätter treibe“ vergleiche man das, was die

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Karl Wehrhan: Die Sage. Wilhelm Heims, Leipzig 1908, Seite 36. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Sage-Karl_Wehrhan-1908.djvu/44&oldid=1139981 (Version vom 12.06.2010)