Seite:FFC14.djvu/22

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in ungebundener, bald in gebundener Form abgefasst sind. Aber Märchen und Märchenmotive kommen auch in der sonstigen Literatur vor und die allseitige Erforschung der Erzählungen fordert, dass auch diese literarischen Bearbeitungen in Betracht gezogen werden.

Zuerst seien da die sogenannten Volksbücher erwähnt, von denen einige eine sehr weite Verbreitung fanden. Der Verfasser wählte als Stoff der Erzählung bisweilen ein Märchen. Er konnte ein einfaches Märchen zu einem ganzen Roman entwickeln. Volksbücher wurden in verschiedenen Ländern am Ende des Mittelalters und in der Neuzeit veröffentlicht. Als Beispiel von ihnen erwähne ich das Volksbuch von Fortunatus, seinem Säckel und seinem Wunschhütlein, das wahrscheinlich um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstand und im Laufe der Zeit u. a. ins Deutsche, Italienische, Französische, Spanische, Englische, Holländische, Ungarische, Dänische, Norwegische, Isländische, Irische und Schwedische übertragen wurde. In einigen Sprachen gibt es sogar mehrere verschiedene Übersetzungen.

Einige berühmte Schriftsteller haben ein besonderes Gefallen an den Märchenstoffen gezeigt. Boccaccio schrieb um die Mitte des 14. Jahrhunderts seinen Decamerone (Zehntagewerk), in welchem er nach morgenländischer Art durch eine Rahmenerzählung eine Menge Geschichten verknüpfte, die er jedoch nach seinen Absichten frei bearbeitete. Sein Material schöpfte er augenscheinlich zum Teil aus dem Volksmunde. Bei Boccaccio kommt u. a. das Märchen Die Wette auf die Treue der Gattin vor (Mt. 882). Der Wetter schafft sich betrügerischer Weise Beweisstücke aus der Wohnung der Frau und bezeugt damit ihre Untreue. Der deutsche Meistersinger Hans Sachs (im 16. Jahrhundert) verwendete zuweilen Märchen als Stoff für seine Gedichte. Von seinen Märchen seien erwähnt: Der Gevatter Tod (Mt. 332), Die drei Doktoren (Mt. 660), Die Tiere im Nachtquartier (Mt. 130) und die Geschichte von

Empfohlene Zitierweise:

Antti Aarne: Übersicht der Märchenliteratur. Suomalaisen Tiedeakatemian Kustantama, Hamina 1914, Seite 18. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:FFC14.djvu/22&oldid=1709395 (Version vom 29.10.2011)