Seite:Jahn Das Volksmaerchen in Pommern.djvu/8

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sie diese Epen vortrugen. „Und da ward ein großes Mahl gefeiert,“ sagt der Erzähler, „da gab’s Kälberbraten und Schweinebraten und gebratene Hechte; und Bier und Wein gab’s auch und Branntwein dazu, soviel einer trinken wollte. Mir ist die Kehle auch schon ganz trocken; ich dächte man gäbe mir, daß ich einen heben könnte. Sonst muß die Geschichte hier wohl schon ein Ende haben.“ Selbstverständlich wird ihm sofort die Flasche gereicht, und nachdem sie gekreist hat, geht es fort im Texte, und das Märchen wird zu Ende gebracht. – Die größte Aufregung bemächtigt sich der Zuhörer bei den eingeschalteten und angefügten Liedern. Ist ihnen die Weise geläufig, so singen sie allesamt mit; mindestens aber werden die Kehrverse gemeinsam gesungen. Man sieht es den Leuten an, wie sie mit Leib und Seele bei der Sache sind und in ihren Märchen aufgehen.

Doch ich rede hier immer von Märchen, und dabei wird man das Wort schwerlich im Volke finden können, soweit es nicht durch die Gebildeten hinein getragen ist und dadurch hier und da eine scheinbare Volksthümlichkeit erlangt hat. Man wird diesen Fehler verzeihen müssen, denn man kennt in Pommern keinen allgemeinen Ausdruck, der dem hochdeutschen „Märchen“ entspräche, sondern giebt nur den einzelnen Abarten ihre besonderen Namen. Mit dem Namen Historjen oder Geschichten bezeichnet man die Märchen, in denen von Verwünschungen, erlösten Prinzessinnen, Drachen u. s. w. die Rede ist. Sind die Historjen sehr sentimental, so werden sie auch wohl genannt: „Wunderschöne Historjen, wo die Frauen weinen und die doch gar zu schön sind.“ Zweitens unterscheidet man Kindergeschichten, wozu beispielsweise die bekannten Märchen von Schneewittchen, Dornröschen, vom Machandelbom, vom Fischer und seiner Frau der Grimmschen Sammlung gerechnet werden müßten. Ihre Erzählung übernehmen insgemein die Frauen. Der Märchenerzähler wehrt sie von sich ab mit der Bemerkung: „Ach, das sind ja Sachen, die hörte ich, als ich so klein war.“ Aber auf Zureden erzählt

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Ulrich Jahn: Das Volksmärchen in Pommern. Hessenland, Stettin 1887, Seite 120. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahn_Das_Volksmaerchen_in_Pommern.djvu/8&oldid=1505737 (Version vom 6.03.2011)