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Die Thatsache, daß wir die Einheit von Raum und Zeit durch zwei Grundbeziehungen auszudrücken vermögen, nenne ich die Dualität von Raum und Zeit. Diese Dualität ist die Quelle des Dualitätsgesetzes in der projektiven (synthetischen oder neueren) Geometrie. Das wechselseitige Ineinanderspielen des Raum- und des Zeitbegriffes ist der nächste Grund davon, daß wir z. B. parallele Lehrsätze für Punktreihen und Strahlbüschel in der ebenen Geometrie erhalten. Den tiefsten Grund dieser wunderbaren Thatsache kann nur eine allgemeine Theorie der Begriffspaare enthüllen, und ich gedenke eine solche Theorie in meiner »Grundlegung der Philosophie« zu liefern. In dem Zusammenhange der gegenwärtigen Spezialuntersuchung erwächst für uns zunächst die Frage, ob in den allgemein gangbaren populären sowie wissenschaftlichen Anschauungen über Raum und Zeit beide Grundbeziehungen α) und β) des Raum- und Zeitbegriffes in gleicher Weise zur Geltung gelangen, oder ob etwa die eine Grundbeziehung die andere in den Schatten stellt, und was gleichfalls nicht ausgeschlossen ist, ob beide Grundbeziehungen sich wechselseitig beengen und verwirren, so daß unser zeit-räumliches Bewußtsein entweder einseitig entwickelt wäre oder gar an innerlicher Verworrenheit leiden würde? Der Geometer zumindest wird diese Frage für vollauf berechtigt halten, denn er erinnert sich an jene einseitige Raumanschauung, wo die Gerade zwar als Punktreihe, jedoch der Punkt noch nicht als Strahlenbüschel aufgefaßt wurde. |
Menyhért Palágyi: Neue Theorie des Raumes und der Zeit. Wilhelm Engelmann, Leipzig 1901, Seite 10. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PalagyiRaumzeit.djvu/22&oldid=1669664 (Version vom 9.10.2011)