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Liste.png Philon: Ueber das Leben Mosis (De vita Mosis) übersetzt von Benno Badt

ihr hinstrebt. 182 Dies ist der eine Grund; es wird aber noch ein andrer angegeben, der noch bedeutungsvoller als der erste ist. Bei der Mandel ist die Schale bitter und die im Innern wie ein hölzerner Zaun den Kern umgebende Hülle sehr derb und fest, die von beiden eingeschlossene Frucht daher nicht leicht zu gewinnen. 183 Dies stellt er als Sinnbild für die ringende Seele hin, womit er sie zur Tugend anspornen zu müssen glaubt, indem er lehrt, dass ihrer Erlangung Mühe vorhergehen muss: bitter, widerwärtig und hart ist die Arbeit, aus der das Glück erwächst; deshalb ist Verweichlichung zu vermeiden. 184 Denn wer die Anstrengung flieht, [p. 163 M.] der flieht auch das Gute; wer aber standhaft und männlich die Schwierigkeiten aushält, dessen Streben ist auf dem Wege zur Glückseligkeit. Denn in Ueppiglebenden, seelisch Verweichlichten und körperlich infolge täglicher, unausgesetzter Schwelgerei entnervten Menschen kann Tugend nicht wohnen, wegen schlechter Behandlung betreibt sie bei ihrer Herrin, der aufrechten Vernunft[1], ihr Scheiden und zieht von dannen. 185 Aber in Wahrheit sucht die hochheilige Vereinigung von Einsicht, Mässigung, Tapferkeit und Gerechtigkeit[2] die Strebenden und alle die auf, die nüchterner, harter Lebensführung in Enthaltsamkeit und Standhaftigkeit mit Einfachheit und Anspruchslosigkeit sich hingeben, wodurch die bedeutendste unserer Fähigkeiten, die Urteilskraft, zu fester Gesundheit und zum Wohlbefinden fortschreitet, indem sie den schweren Widerstand des Körpers niederwirft, den Trinken und Schlemmen, Geilheit und die anderen unersättlichen Begierden stärken, da sie Wohlbeleibtheit erzeugen, die Gegnerin einsichtigen Sinnes. 186 Vom Mandelbaum sagt man übrigens, dass er, wie er unter den Bäumen, die im Frühling zu knospen pflegen, als erster blühe und so ein froher Vorbote der Fülle von Baumfrüchten sei, so auch als letzter sein Laub abwerfe und so alljährlich sein schönes in Grün prangendes Greisenalter am längsten ausdehne. Beide Eigenschaften stellt er als Sinnbild des Priesterstammes[3]


  1. Stoisch: vgl. Einleit. S. 17.
  2. Die bekannten Kardinaltugenden der griechischen Philosophen seit Sokrates.
  3. [341] Unter diesem Priesterstamm im weiteren Sinne das jüdische Volk zu verstehen, ist nicht nötig, denn nach De special. leg. I § 97 unterscheidet sich der Hohepriester der Juden von den Priestern der anderen dadurch, dass diese nur für Angehörige, Freunde und Mitbürger zu beten und zu opfern pflegen, während jener für das ganze Menschengeschlecht, ja sogar für das ganze Weltall Gebete und Dankopfer der Gottheit weiht. Auch § 168 und § 190 ebendas. wird betont, dass die täglichen Opfer nicht nur für das gesamte Volk (Israel), sondern für das ganze Menschengeschlecht dargebracht werden.
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Philon: Ueber das Leben Mosis (De vita Mosis) übersetzt von Benno Badt. H. & M. Marcus, Breslau 1909, Seite 340. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhiloMos2GermanBadt.djvu/043&oldid=1390568 (Version vom 28.12.2010)