Seite:PoincareMechanik.djvu/18

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Gesetzen, über die die Elektrizitätstheorie Näheres lehrt, während die reelle Masse als eine konstante zu betrachten ist. Wenn man daher die Beziehung zwischen der Gesamtmasse und der Geschwindigkeit in Betracht zieht, kann man ersehen, wie groß der Anteil der wirklichen und unveränderlichen Masse ist und wie groß derjenige der scheinbaren Masse von elektromagnetischer Herkunft. Die Hypothese, die man dabei machen muß, ist die, daß alle Projektile, sowohl die von den Kathodenstrahlen wie auch die vom Radium herrührenden, ihrem Wesen nach gleich sind, und daß sie sich nur hinsichtlich ihrer Geschwindigkeit unterscheiden. Wäre diese Hypothese falsch oder doch aus irgendeinem mir unbekannten Zufall unzulässig, dann würden sich die beobachtete Gesamtmasse und die Geschwindigkeit ganz unregelmäßig und unabhängig voneinander ändern. Dasselbe würde also auch bezüglich der beiden Ablenkungen, der magnetischen und elektrischen, der Fall sein, die, wie wir gesehen haben, von dieser Totalmasse und dieser Geschwindigkeit abhängig sind. Würde man die Projektile auf die photographische Platte auffangen, so müßten die Einschlagstellen nach der Entwicklung als kleine schwarze Fleckchen erscheinen. Nehmen wir nun an, daß der photographische Apparat so orientiert sei, daß die magnetische Ablenkung sich in Richtung der Breite, die elektrische sich in Richtung der Länge der Platte abbildet, dann würden sich, wenn die oben genannte Hypothese sich nicht bewahrheiten sollte, die Einschlagstellen auf der Platte nach den Gesetzen des Zufalls verteilen und die ganze Platte ausfüllen. Das ist nun aber keineswegs der Fall, vielmehr sind sie auf einer sehr regelmäßigen Kurve verteilt.

Auf Grund der so sicher gestellten Hypothese gab das Studium der Kurve die gesuchte Beziehung zwischen der Totalmasse und der Geschwindigkeit. Der Versuch wurde von Kaufmann ausgeführt. Das Ergebnis war sehr überraschend. Es zeigte sich nämlich, daß die reelle Masse Null ist, also die ganze Masse des Partikelchens elektrischen Ursprungs ist. Ein solches Ergebnis muß natürlich unsere Anschauungen über das Wesen der Materie vollständig ändern.

Man legte sich alsdann die Frage vor, ob die Beziehung zwischen Masse und Geschwindigkeit wohl identisch sein könnte mit derjenigen, auf welche das Prinzip der Relativität führt. Hierfür war ein sehr eingehendes Studium der betreffenden Kurve erforderlich, und dieses ließ sich nicht im Handumdrehen machen. Der erste Versuch, welchen Kaufmann anstellte, ergab zunächst negative Resultate; als er unter veränderten Bedingungen von Bucherer wieder aufgenommen wurde, führte er zu positiven Ergebnissen, denen beizustimmen sich die meisten Physiker geneigt zeigten.

Was die Ergebnisse dieser Arbeiten in so eigenartigem Licht erscheinen läßt, ist nicht allein der Umstand, daß sie eine vollständige Bestätigung der Lorentzschen Mechanik lieferten, sondern dasjenige, was sie bezüglich der wirklichen Masse der Körper lehren. Diese wirkliche Masse sollte hiernach Null sein. Richtiger gesagt, muß man hier zwei Dinge unterscheiden: die materiellen Moleküle und die eigentlichen Elemente

Empfohlene Zitierweise:

Henri Poincaré: Die neue Mechanik. B.G. Teubner, Leipzig 1911, Seite 18. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PoincareMechanik.djvu/18&oldid=1033547 (Version vom 28.02.2010)