Sociabilis

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Autor: unbekannt
Titel: Sociabilis
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aus: Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Karlsruhe 408, Blatt 53ra-58va
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Entstehungsdatum: 15. Jahrhundert, Schwaben
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Quelle: Hanns Fischer, Die deutsche Märendichtung des 15. Jahrhunderts. München, 1966; S. 1-19 Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Märe
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[1]

SOCIABILIS
Es was hievor ein ritter vermeßen
zu Swaben uf einer pürge geseßen.
der was ein tugenthaftiger man;
Sociabilis was sein nam.
5
er was seins leibs ein rechter helt,
wan in das lant het erwelt,
das er des landes solt pflegen.
er hieß Sociabilis, der tegen.
wo man zu turnei reit,
10
wie wenig er da<s> vermeid!
er was bereit alzuhant,
wo er stechen <und> turnei vant.
     Eins nachtes er an seinem bette lak
und grosser ruwe pflag.
15
da kwam im in dem slaufe für,
wie vil leise sein kammertür
von einer jungfrauwen wer<d> ufgetan.
in dem slauf er hart <er>kwam.
in daucht, wie es werleich
20
wer eines grafen tochter reich,
geseßen an dem Bodemsee.
im was gewest lange <we>
nach des selben grafen kint,
wan er was ein jüngeling.
25
sie stund gleich für das bette.
sie sprach: „ist iemant, der nu gern hette
ein jungfrauwen an seinem arm,
e ich beginnen von hinnen varn?“
in dem slauf da sprach er:
30
[2] „vil liebe jungfrauwe, geet her,
legt euch zu mir an diz bette!“
sie sprach: „wie gern ir mich hette,
des doch nicht mag gesein,
ir überkumpt dan den vater mein
35
mit gar guter pitte.
höre, es ist nit mein sitte,
als ir habt erdacht hie,
wann ich in keinem bösen willen außgie
dan durch recht abenteur.“
40
sie sprach: „herre, wölt ir zu steur
von mir ein kleinot, das ich han?“ –
„gnade, jungfrauwe, ob mir sein euer herze gan,
so wil ichs von euch gern nemen.
und wölt ir euch <nicht> gestemen,
45
des dünke ich mich gemeit,
jungfrauwe, das sei geseit!“
sie sprach: „ritter hoch gemut,
dunket dich ein küßen gut,
das wil ich dir zu letz lassen.
50
du salt dich fürbaß massen
mangerlei turnei!
merke, wie der rede sei:
ein stete liebe beßer ist,
sammer der heilge krist,
55
dann silber oder golt.
ich sol dir wesen holt.“
ir leip was geziert schon,
und truk uf ein gülden kron.
sie bot im an der selben stunt
60
ein küßen von irem roten munt,
davon er freude gewan.
urlaup sie von im nam.
er sprach: „beite ein kleine weil
(das euch got gebe heil!),
65
ich wil ein pfert heißen bereiten.“
sie sprach: „ich mag sein nit erbeiten.“ –
[3] „so laßt mich doch euwer pfert sein.“
sie sprach: „das mag nit gesein.
ich muß ein an das geferte,
70
es sei senfte oder herte,
es snei oder regen,
des muß ich mich erwegen.“
er sprach: „das sei got gekleit,
mein groß herzeleit,
75
das ir bei mir nicht solt slafen.“
in dem slauf schrei er: „wafen!“
noch sprach sie ein rede zu im:
„lieber freunt, nu vernim:
sein bleipt ungeworben vil,
80
des man doch nicht werben wil,
das doch nicht gar vertürbe,
der es etlich teil würbe.“
die rede im wol zu herzen gie.
die jungfrauwe schied von im hie.
85
des greif er nach ir zuhant,
da im der slaf entwant.
     Da er erwacht und ir nicht envant,
er gedacht herteklich zuhant
und het in seinen sinnen:
90
„got, wie ist diesen dingen?
hat es mir getraumt?“
vil schier er da raumt:
„oder ist es war fürwar?
es steet nimmer ein jar,
95
ich wolle sein an ein ende kumen,
als ich han vernummen
und auch gesehen wol,
das man stechen <und> turn<i>eren sol
in einer stat an dem Podemsee.“
100
im was zu dem turnei wee.
er gedacht, er fünt sein liep alda.
des turnais was er fro.
[4] er bereit sich mit kraft,
Sociabilis, der ellenthaft,
105
mit sein knechten uf die vart:
„ich geschiere nimmer bart
biß an die stunde,
das mir wirt von munde
ein gruß von meinem liep kunt.
110
     Sie kwomen aldar in kurzer stunt
und in kurzer weile
manig große meile,
da der turnei solt geschehen.
er hieß sein knecht spehen,
115
da er an die herbürge kwam,
ob die jungfrauwe lobesam
bei irem vater uf der bürge were.
vil balde bracht er die mere:
„herre, ich wil euch der warheit jehen,
120
ich han sie mit meinen augen gesehen.
sie steet bei andern jungfrauwen
und wöllent den turnei schauwen.“
er hieß sein ros satteln und decken
und mit grünem laube bestecken.
125
er schreib ir ein brief zuhant.
den selben er an sein sper bant;
der was geschrieben von rechter minne.
er sprach: „got grüß dich, keiserin<ne>,
wan ich euch mit treuwen mein
130
vor allen frauwen und anders kein;
und wirt mir nicht in kurzer stunt
ein gruß von eurem roten munt,
so muß ich ligen fürwar tot.
hilf mir, liep, auß aller not,
135
so zurgeet mir mein leit.
fürwar das sei geseit!“
da er ufgesaß,
seins spers er nicht vergaß.
[5] das nam er in sein hant
140
und reit, da er stechen vant.
sie sprach: „volge eins mit sit,
lieber vater, des ich dich bit,
und lade zu hause einen man,
der dort helt uf dem plan!
145
er ist ein gast in disem land.
es were uns ein michel schand,
das sie, vater, zuritten.
du salt in zu hause bitten.
das stet deinen eren wol an.
150
er ist ein erleich man.“
er sprach: „seit das du hast begert,
........................................
........................................“
er hieß satteln ein pfert
155
und reit alzuhant,
da er den ritter vant
halten dort uf dem plan.
er sprach: „herre“ (und reit an),
„ich han mich vermeßen,
160
das ir heut mit mir solt eßen.“
er sprach: „von herzen gern.
ich tun, wes ir nicht wolt enpern.“
er furt in auf die veste.
     Er lud vil der gest<e>,
165
die zum turnei kummen dar.
der nam er allersampt war.
er hieß <sie> wilkummen sein
und hieß dar tragen guten wein
und hieß sie trinken überal.
170
er furt sie hoch auf einen sal,
der uf der pürge was gelegen,
und hieß ir aller schon pflegen.
da das mal wart volbracht,
einer kurzweile wart erdacht
175
e<n>mitten uf dem pallast.
[6] der graf hett mangen gast,
die da raiten und sprungen
und den frauwen zu tanz sungen.
Sociabilis nicht enlie,
180
des grafen dochter er gevie
und furt mit ir einen raien
vor ritter<n> und vor frauwen.
des daucht er sich gemeit.
er hub uf und seit
185
der jungfrauwen here,
wie im getraumet were,
da er an seinem bette lag.
die jungfrauwe sere erschrack:
„sweigt und redet nit vil,
190
wan ich mich sein hil.
vor meinem vater geneme
were es mir leit, das mans verneme,
die rede, die wir treiben.
solt ich bei euch bleiben,
195
das neme ich für alles, das der ist,
sammer der heilig krist.“
die rede geviel dem ritter wol.
er sprach: „solt ich zu einem mal,
jungfrauwe, bei euch allein sein,
200
so were zurgangen mir mein pein.“
die jungfrauwe sprach mit zucht da:
„ich were sein ein teil fro.
got laß euch nimmer ersterben!
ir müßt an meinem vater erwerben,
205
das er mich euch zu aigen geb<e>.
wie gern ich das wolt erleben,
biß ich gefreisch die mere!
so were zurgangen mein swere.“ –
„ich habe sein guten gedingen,
210
ich wolle euch gewinnen.“
da der tanz ein ende nam,
der graf mit seinen rittern kwam
[7] und hieß in ein weil ruw pflegen
und hieß in allen trinken geben:
215
„trinkt, ir hern und ir gest!
das dunket mich das best,
wan der pallast ist so weit;
ir tanzt, das ir müde seit.“
er bat sie alle geleich,
220
beide arme und reich,
das sie sich des flißen
und früwe mit im enbißen,
ee sie dannen würden reiten.
sie sprachen, sie möchten nicht erpeiten,
225
sie müsten früwe von hinnen varen.
er sprach: „got müß euch bewaren
und beleiten hinwieder.“
er hieß in zünden nieder.
die gest sich niederleiten.
230
     Des morgens sie sich bereiten.
Sociabilis der tegen
was sanft gelegen
auf mangem guten pette,
wann es die jungfrauwe geacht hette.
235
von dem grafen er urlaup nam.
die jungfrauwe heimlich zu im kwam.
sie fragt in, wie er hett geslaufen.
„jungfrauwe, wol, von euwern gnaden.“
er kust sie an der selben stunt
240
an iren rosenvarben munt:
„ich enpfilche euch dem höchsten got.“
da hub sich jamer und not,
da es an ein scheiden gie.
die jungfrauwe des nicht enlie,
245
sie schankt im ein vingerlein,
das was rot güldein,
und sie gab ims uf der vart.
der ritter ir lop nicht spart.
er gab ir ein güldein fürspan.
250
[8] urlaup er da von ir nam.
„noch einer rede ich nicht laß.
freunt, vernim mich paß!
ich wil dein uf die nacht warten
in meins vater paumgarten,
255
so soltu <h>erwieder kummen,
als ir wol habt vernumen.“
er sprach: „jungfrauwe, gern,
wol mich euwer vater gewern.“
     Sociabilis der degen gut
260
was frech und hoch gemut.
auf sein ros er da saß.
der jungfrauwen rede er nicht vergaß.
hin zu lande er da kert.
zu hofe was er schon geert.
265
des daucht er sich gemeit
der rede, die die jungfrauwe seit.
da sie die rede het<ten> vernummen,
das er zu lande was kummen,
sein freunde im engegen giengen
270
und in vil gutlich enpfiengen
und fragten in der mere,
wie es im ergangen were.
er sprach: „wol, von gotes gnaden.
ich wart vom grafen zu hofe geladen.
275
er erpot mir groß ere.
er hat ein dochter here;
die ist ein schöne mait.
es reuwet mich nit, was ich leit.“
     Es stund unlang darnach,
280
das er an irem vater besach,
ob er im wölt geben die dochter sein.
er schickt der grefin ein fingerlein.
(was er der jungfrauwen sant,
das ist mir nicht wol erkant.)
285
es daucht den grafen wunderleich mere
[9] und fragt, wer der ritter were.
sie sprach: „das ist Sociabilis,
der hübsch küne degen und wis,
der uns botschaft hat gesant,
290
und ist er auß Swabenlant.
wir enwißen, ob er euch ist bekant.“
da sprach der grafe zuhant:
„ist es der ritter, der nu hie was
bei dem turnei und mit mir aß?“ –
295
„ja, herre, er mag es wol sein
und gert der dochter dein.
also haben wir vernumen
und sein darumb zu euch kummen
und sullen im hinwieder sagen.
300
euwer rede wil er verdagen.“ –
„zwar es mag nicht gesein.
ich wil die dochter mein
besteten nach dem willen mein.
sie muß eins herzogen frauwe sein,
305
als ich mir han gedacht.
(ich<n> weiß, ob es wirt volbracht.)“
da die boten kwomen fru,
der graf sprach den gesten zu.
er sprach: „ir hern und ir gest,
310
es dunket mich das pest,
sagt euwerm herren also,
er solle ein frauwen suchen anderswo,
im möge nicht werden die dochter mein.“
er sant im ein gülden vingerlein
315
und sein freuntschaft damit.
also was der herren sit.
die jungfrauwe het ein brief geschrieben,
das er der reise nicht solt verligen.
den hett sie heimlich gegeben dar,
320
das sein niemant wart gewar.
sie namen urlaup hin zu reiten.
„got müß euch beleiten
[10] und gebe euch sein segen
und müß euwer aller pflegen,
325
wann ich euch des wol gan.
euwer herre ist ein biderb man.“
nicht lenger sie da biten,
mit einander sie da riten
und riten an den stunden,
330
da sie iren herren funden,
und seiten im die mere,
wie es in ergangen were,
und gaben im kleinot und brief.
balde er da in die kempnaten lief
335
und besach, was an dem briefe were.
daran vand er gute mere.
da er den brief gelas,
des zils er nicht vergaß,
das im hett geben die mait.
340
zergangen was im sein leit,
da er an dem briefe hett vernummen,
das er eins nachtes dar solt kummen
und das sie sein wolt warten
in irs vater paumgarten.
345
     Uf hub er sich und reit,
da er vant die schönen mait.
er reit balde und harte.
versperrt was der garte.
da saß sie under einen baum.
350
sie entslief; sie daucht in dem traum,
wie er dar were kummen.
sie hett vil recht vernummen;
er klopft leise an die tür.
da gieng die schöne herfür:
355
„wer hat die tür gerürt
und mein slauf mir zurfürt?“
sie gieng tugentlichen dar
und nam des ritters war.
[11] da sie hett vernummen das,
360
das der ritter kummen was,
sie enpfieng in vil schone
und trug uf ein krone.
sie hieß in wilkum sein.
„genad“, sprach er, „jungfrauwe mein.“
365
zuhant fragt sie in der mere,
wie es im ergangen were.
„es ist mir wol ergangen,
dan mich begond belangen
nach euwerm roten munde.
370
ich gedacht euwer manig stunde.“
sie saßen nieder in das gras.
in wart peiden nie baß,
dan in was die selben nacht.
da wart ir paider wille volbracht.
375
sie schimpften und lachten,
darzu sie manig freude machten.
sie lak die nacht an seinem arm.
ir leip was als weiß als ein harm,
ir har was gel und lank,
380
ir leip klein, ir arm plank.
er nam sie nach seinem gelust
und truckt iren leip an sein prust.
sie hetten ein senftes leben.
kus wart wieder kus geben.
385
es geschach in einem tau kalt,
da pflagen sie freuden manigvalt.
eines nachtes das geschach.
des morgens der tag aufbrach.
des erschraken sie beide so sere,
390
das der nacht nicht was mere.
der ritter stunt auf zuhant,
an so legt er sein gewant.
nu merkent mich eben!
Sociabilis der degen
395
trug ein vingerlein an der hant,
[12] das gab er der frauwen zuhant,
das sie an in gedecht,
ob in got zu lande precht.
sie sprach: „mir geschach nie <so> leide,
400
sol ich mich von euch scheiden.“
urlaup nam sie von dan
von irem herzenlieben man,
der ir des nachtes hett gepflegen.
sie gab im iren heilgen segen.
405
der ritter nit lenger pait,
zuhant er von dannen reit.
     Die jungfrauwe sleich in ir feste,
da sie ir kammern west<e>,
und legt sich nieder vil stille.
410
ergangen was ir wille.
sie gedacht ir hin und here:
„wie ist mir mein gemüt so swere,
das mir ietzunt gering was,
da ich bei meinem liebe saß!“
415
sie was nicht so klug,
das sie west, das sie ein kint trug.
als die jungen maide alle sint,
die des ersten nicht wißen, ob sie tragen kint,
also was der selben maid.
420
ir geschach herzenleid
hernach in kurzen tagen.
sie wart weinen und klagen,
da sie des kindes in ir enpfant.
vor leide sie ir hende want.
425
sie sprach: „herre, dorch deinen dot,
nu hebt sich jamer und not.“
     Eins morgens begond sie weinen.
ir mutter begond über ein zinnen lainen
und sprach alda ir gebet.
430
wie wol sie vernummen hett
ir dochter weinen und klagen,
sie gedacht: „du must mirs sagen.“
[13] irer dochter sie zu ir rief.
sie sweig und tet, als sie slief
435
und als sie es nicht gehört hett.
die mutter gieng für ir pett.
„saga an, was seint deineu lait,
das du so sere hast gekleit,
oder was seint dein swere?
440
treuwen das seint neuwe mere.“
die frauwe wolt nicht gedagen,
sie must ir die warheit sagen.
sie sprach: „du unseligeu haut,
wer het des an dir getraut?
445
und wirt sein dein vater gewar,
er nimpt dir den leip zwor
und leßt dich nimmer geleben.
wer hat dir den rat geben?“ –
„auf mein treuwe, ich enweiß.
450
da Sociabilis mit uns enbaiß
und bei dem stechen was hie,
an dem tanz er bei mir gie.
da erwarb er mich da.“
sie sprach: „ist der rede also?“ –
455
„ja, vil liebe mutter mein!“ –
„sweig und laß es sein!“
(got müß alle mütter behüten,
wan sie alles ding güten!)
     Darnach kwam schier die stunt,
460
das sie des kindes ligen begund.
eines nachtes da die mutter
(und ruwe pflag guter)
bei irem wirt, dem grafen, lak
und großer freuden mit im pflag,
465
da sprach sie: „lieber herre mein,
nu wil ich auf die treuwe dein
dir einer sache verjehen.
das han ich gesehen
und bin sein hart erkummen,
470
[14] da ich die warheit hett vernummen.“
er sprach: „vil liebe frauwe mein,
was mag es gesein?
ist es alt oder neuwe?“
sie sprach: „gebt mir euwer treuwe,
475
ich wil euch die warheit sagen.“
sie sprach mit weinen und mit klagen.
er sprach: „liebe frauwe mein,
nu laß euwer trauren sein!
ich wil euch den zorn ergeben
480
als lange, als ich sol leben.“
die frauwe sprach: „uf mein ait,
unser dochter ein kint trait
bei Sociabilis dem degen.“
er sprach: „wann ist sie bei im gelegen,
485
die unseligeu haut?
wie wenig ich sein hett getraut.
habe sie wol gefarn, das hab ir!
sie muß treuwen von mir.“ –
„wir sullen das kint zu ammen geben
490
und unser dochter laßen leben“,
also sprach ir mutter.
da sprach der vater guter:
„ich laß sie leben wol und we.
sie muß über den Bodemsee.“
495
die frauwe kunt in erbiten nie,
das er die dochter bei im lie.
sie sprach: „es wirt wol geswiegen.“
er sprach: „sie ist erbteils verziegen.“
     Darnach er nit lenger pait.
500
ein gut schiff wart bereit;
darein er sein dochter stieß,
und zwen marner er hieß
sie füren über den praiten see.
secht, da hub sich jamer und wee
505
und vil großeu klage
[15] an dem selben tage
von frauwen und von maiden,
da die jungfrauwe solt von in scheiden.
da die dochter in das schiff kwam,
510
ir kindelin sie mit ir nam.
sie weint sere, das ist war.
die mutter viel in ir har.
da was jamer und not.
der graf den marnern gebot,
515
sie solten sie füren in ir lant.
ein frembde straß wart in bekant.
doch wart ir nicht vergeßen,
man gab ir trinken und eßen,
man legt zu ir gut gewant,
520
da man sie über sewe sant.
in dem schiffe sie da sprach,
da sie die mutter ansach:
„vil liebe mutter mein,
nu hastu große pein
525
durch mein willen erliten.
nu wil ich dich bitten,
das du mir genzlich dorch got
(des bit ich dich ane spot)
vergebest an diser stunde.“
530
die mutter weinen begunde
und klagt ir ungemach sere
umb ir schöne dochter here,
das sie must von hinnen varen:
„kint, got müß dich bewaren!“
535
die marner nicht enließen,
das schiff sie von stat stiessen
all uf dem wilden see.
zuhant wart der grefin wee
von grossem leide, des sie pflag.
540
sie lag wol vierzehen tag,
das sie nicht vil trank noch aß,
biß sie irs leides ein teil vergaß.
     [16] Ob dem schiff was ein schetter.
es kwam ein sturmwetter.
545
den segelbaum sie niederließen.
das schiff sie verr stießen,
das sie dester paß genesen.
sie musten uf dem see wesen
mer dan sieben tag,
550
ee das wetter gelag.
darnach furen sie zuhant
gar in ein frembdes lant.
da ließen sie sich nieder.
sie waren frum und pieder.
555
sie behielt sich an schande,
die jungfrauwe, in dem lande.
     Darnach wart nit lange gespart,
das Sociabilis innen wart,
das er zum turnei solt kummen
560
(das hett er wol vernummen),
den hett man geleit in das lant,
da er sein frauwen innen vant.
nu wart im geseit
umb seiner frauwen leit.
565
(er wont, sie were bei irer grafschaft.)
zum turnei kwam der degen el<e>nthaft.
der was in ein stat geleit;
die was groß und prait.
darinnen des grafen dochter saß.
570
eins dinges sie sich vermaß:
sie wolt mit andern frauwen
gen den turnei schauwen,
als sie doch ie genot det.
da sich der turnei erhaben hett,
575
Sociabilis der degen
was des leibes gar verwegen.
lenger er da nit enpait,
in den turnei er da reit
und sich darinnen vast slug.
580
[17] einer dem andern nicht vertrug.
des grafen dochter da gedacht,
ob got iren herren dar hett bracht.
sie sach dick under die schar
und nam irs herren war,
585
wan sie in vil wol erkant,
wann er sein kleinot aufbant
und seinen schilt <het> in der hant.
sie sach in in dem turnei zuhant.
vor freuden sie da weint,
590
da sie bei den frauwen laint.
die frauwen alle da jahen,
da sie sie also weinen sahen,
was ir were geschehen.
sie wolt es in nicht verjehen.
595
wie kum die frauwe da erbeit,
biß das der turnei zurreit!
sie nam des vil wol war,
da er reit auß der schar,
zu welchem wirt er da kert.
600
da wart ir freude da gemert.
die frauwe des nicht enließ,
wann sie ir spehen hieß,
so sie zu tisch wern geseßen.
eins hett sie sich vermessen,
605
da sie in das schiff trat,
sein vingerlein sie bei ir hett.
sie nam das vingerlein
und zwo kanten mit wein
und hieß dem gast bringen.
610
     Der bot begonde dringen.
er sprach: „das gesegen euch got!
herr, herr gast, das kleinot
das hat euch mein frauwe gesant.“
er gab dem boten ein gut gewant.
615
er sprach: „geselle, beit mein!
ich wil dein geferte sein.“
[18] mit dem knecht er da gieng.
die frauwe den ritter enpfieng.
da sie in von erste ansach,
620
der ritter tugentlich sprach:
„seit tausen<t>stunt got wilkummen!
sagt, wann seint ir herkummen?“
auf hub sie und auch seit.
vergangen was ir paider leit.
625
nicht lenger er da beit,
ein hangenden wagen er hieß bereiten;
darauf des grafen dochter saß.
irs leides sie da vil vergaß.
da er den wirt gewert,
630
er saß auf sein pfert.
von dannen er da vil balde schied
in sein lant und in sein gepiet.
er hieß sein knecht fürreiten
und hieß ein wirtschaft bereiten.
635
er hieß auch daheime sagen,
eins grafen dochter er brecht auf einem wagen,
und das sie nicht vermiten,
das sie früwe gein im riten.
sie riten manig gut pfert.
640
ir decke gieng auf die erd.
     Da er hin heim kwam,
sein frauwen er zu der ee nam
und besaß mit ir das lant,
das da Swaben ist genant,
645
und überwunden ir armut.
     Herre, beschere uns auch das gut,
damit wir sele und leip behalten.
got sal unser aller walten
und sal unser aller pflegen.
650
gib uns dein heilgen segen
und nach disem leben
das ewige leben!
[19] Sociabilis hat ein ende.
der jungfrauwen ellende
655
wolt got nit lenger warten,
die sie in dem paumgarten
hett verdient an irem vater guter
und an ir lieben mutter,
umb das sie in nit gevellig was.
660
doch vergab ir got das.
also müß er uns allen tun
durch sein einigen sun.
des helfe uns der ewige krist,
der aller werlt ein erlöser ist!

Erläuterungen (Wikisource)

Das 664 Verse umfassende Märe Sociabilis wird nur von der um 1430 im schwäbischen Raum entstandenen Handschrift Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Karlsruhe 408, Bl. 53ra-58va (Handschriftencensus) überliefert. Digitalisat: BLB Karlsruhe. Es wird hier nach der Edition von Hanns Fischer, Die deutsche Märendichtung des 15. Jahrhunderts, München 1966, S. 1-19 wiedergegeben (ohne den kritischen Apparat).

Zum Text siehe Hans-Joachim Ziegeler in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Auflage Bd. 9 Lief. 1, erschienen 1993, Sp. 8-10.