Über die wesentlichen Eigenschaften der Tugenden

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Isaak von Ninive
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Über die wesentlichen Eigenschaften der Tugenden
Untertitel:
aus: Bibliothek der Kirchenväter, Band 38, S. 391–395.
Herausgeber: Gustav Bickell
Auflage: 1
Entstehungsdatum: 7. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Jos. Koesel’sche Buchhandlung
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Kempten
Übersetzer: Gustav Bickell
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Faksimile auf den Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
BKV Erste Ausgabe Band 38 391.png
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[391]
Ueber die wesentlichen Eigenschaften der Tugenden und Anderes.



Die Abtödtung ist die Mutter der Heiligkeit, aus welcher das Kosten der ersten Empfindung der göttlichen Geheimnisse geboren wird, die man ihrerseits die erste Stufe der geistlichen Erkenntniß nennt.

Niemand täusche sich selbst, indem er sich Visionen vorgaukelt![1] Denn eine unreine Seele kann sich nicht in das reine Reich erheben (magst du nun darunter dieses vorbildliche oder jenes wahre[2] verstehen) und sich nicht mit den heiligen Geistern vereinigen; sondern die unselige wird für das zukünftige große Gericht aufbewahrt, nachdem sich die [392] Elemente in Folge der Auflösung der natürlichen Vereinigung wieder mit ihresgleichen verbunden haben.[3]

Durch Thränen und Fasten verleihe dem Glanze deiner Keuschheit, o Bruder, einen strahlenden Schliff!

[4] Wenn nun der gerade Lauf der natürlichen Sphäre aufgehört hat, indem sie zu jener großen Leuchte gelangt ist, von welcher die Sphären der Sterne, deren mannigfaltige Verschiedenheit von einander Paulus[5] in seiner Beschreibung der zukünftigen Auferstehung erwähnt, ihr Licht empfangen, und sich mit deren Strahlen, ich meine aber ohne Verlust ihres eigenen Wesens, vereinigt hat, so wird der Wagen wie mit Zügeln, welche das Erkennen verhindern, festgehalten, und jene Ausstrahlung bringt zwei Quellen mit vielen Ausflüssen aus ihrem Ursprunge hervor.[6] Alsdann kommen auch die Priester aus dem Heiligthum heraus vor die Wolke der Herrlichkeit des Herrn,[7] zur Zeit, da Salomo König über Israel wird, nämlich der aus der Demuth geborene Friede, welcher dem Herrn ein Haus baut und es mit allen heiligen Gefäßen ausschmückt.

Eine geringe um Gottes willen erduldete Drangsal ist vor Gott werthvoller als ein großes Werk ohne Leiden. Denn aus freiwilliger Drangsal geht eine Bewährung der Liebe hervor; aber ein in Bequemlichkeit vollbrachtes Werk kommt aus einer überdrüssigen Gesinnung.

[393] Deßhalb sind die Heiligen durch Drangsale um der Liebe Christi willen bewährt worden, nicht durch bequeme Werke. Denn Werke ohne Anstrengung sind eine Gerechtigkeit für Weltleute, welche durch das Ihrige gerechtfertigt zu werden suchen, aber nicht selbst nach Vollkommenheit streben.

Du aber, o Edler, hast das Leiden Christi in dir gekostet, damit du auch der Theilnahme an seiner Herrlichkeit gewürdigt werdest. Denn es heißt:[8] „Wenn wir mit ihm leiden, so werden wir auch mit ihm verherrlicht werden.“

Der Geist wird nicht mit Jesu verherrlicht, wenn nicht der Leib für Jesum leidet.

Wer aber zugleich die (irdische) Herrlichkeit mit Füßen tritt und die (himmlische) Herrlichkeit an sich reißt, der wird an Leib und Seele verherrlicht werden.

Die Verherrlichung des Leibes ist die demüthige Unterwerfung unter Gott, die Verherrlichung des Geistes das Schauen der Wahrheit über Gott.

Die vollkommene Unterwerfung geschieht auf zwiefache Weise, durch Arbeit und Schmach, damit, während der Körper leidet, auch das Herz mit ihm leide.

Wenn du Gott nicht erkennst, so kann die Liebe zu ihm nicht in dir erregt werden. Wenn du Gott nicht gesehen hast, so kannst du ihn nicht lieben. Alsdann aber hast du Gott gesehen, wenn du ihn erkannt hast; sein Schauen geht seiner Erkenntniß nicht voraus.

Würdige mich, o Herr, dich zu erkennen und zu lieben, nicht mit einer solchen Erkenntniß, welche aus (bloßer) Beschäftigung mit der Lehre entsteht und mit Zerstreuung des Geistes verträglich ist; sondern würdige mich jener Erkenntniß, durch deren Betrachtung der Geist zum Lobpreise deines Wesens angetrieben wird, vermittelst jenes Aufblickes, welcher das Gemüth von der Aufmerksamkeit auf die Welt abzieht!

[394] Verleihe mir, daß ich mich über das freiwillige, Vorstellungen hervorbringende Hinblicken erhebe und in dir erleuchtet werde durch die Macht der Fesseln des Kreuzes, durch jenen zweiten Theil der Kreuzigung des Geistes, welcher darin besteht, daß dieser, insoweit er frei ist, die Thätigkeit seiner Regungen wegen des steten, übernatürlichen Hinblickes auf dich ruhen läßt!

Läutere mich durch deine Liebe, damit ich dir nachfolgend die Welt verlasse!

Erwecke in mir die Betrachtung der Demuth, in welcher du in der Welt gewandelt hast unter der aus unserem Geschlechte angenommenen Hülle, damit ich durch die stete, unvergeßliche Erinnerung an dieselbe die Demüthigungen meiner selbst freudig hinnehme!

Das Aufsteigen zum Kreuze hat zwei Theile. Der erste ist die Kreuzigung des Leibes und der zweite die Erhebung zur Beschaulichkeit. Aber die erstere hängt von der Freiheit, die zweite von der Anstrengung[9] ab.

Der Geist wird nicht unterworfen, wenn nicht zuvor der Leib unterworfen ist. Die Herrschaft des Geistes ist die Kreuzigung des Leibes.

Der Geist kann nicht Gott unterworfen werden, wenn nicht die Freiheit der Vernunft unterworfen ist.

Erhabene Dinge können schwer dem unerfahrenen Kindesalter anvertraut werden, wie es heißt:[10] „Wehe dir Stadt, deren König ein Kind ist.“

Wer sich selbst unterworfen hat, Dem wird bald Alles unterworfen werden.

Wer sich selbst erkannt hat, Dem wird die Erkenntniß aller Dinge verliehen werden.

Denn die Selbsterkenntniß ist die Vollendung der Erkenntniß des Alls; und durch die Unterwerfung deines Ichs [395] unterwirfst du dir Alles. Wenn du die Demuth in deinem Wandel herrschen lässest, so wird dir dein Ich unterwürfig und mit ihm Alles, weil alsdann in deinem Herzen der Friede von Gott geboren wird.

So lange du ausserhalb dieses Zustandes bleibst, wirst du nicht nur von Leiden, sondern auch von Zufällen anhaltend verfolgt werden.

Mit Recht hörst du, o Herr, nicht auf, uns zu demüthigen, weil wir uns nicht selbst demüthigen!

Die wahre Demuth ist die Frucht der Erkenntniß, und die richtige Erkenntniß ist die Frucht der Versuchungen.

(Aus Zingerle, Monumenta syriaca, S. 99–101; vgl. die griechische Uebersetzung, S. 81–84.)




  1. Indem er meint, ohne vorherige Läuterung seiner Seele zu geistlicher Erkenntniß gelangen zu können.
  2. Das vorbildliche Reich ist der Gnadenstand, das wahre die ewige Seligkeit. – Im Griechischen fehlt die Parenthese und der Schluß des Absatzes vom Semikolon ab.
  3. Nachdem der Leib durch seine Trennung von der Seele wieder zur Erde zurückgekehrt ist.
  4. Die griechische Uebersetzung hat den folgenden Absatz wegen seiner Schwierigkeit weggelassen.
  5. I. Kor. 15, 41.
  6. Wenn sich die Seele mit Gott, von welchem alle Erleuchtung ausgeht, vereinigt hat, was aber nicht pantheistisch als ein Aufgehen ihrer Individualität gefaßt werden darf, so verzichtet sie auf das eigene Erkennen und Wollen und gibt sich in vollkommener Ruhe ganz den göttlichen Einwirkungen hin, welche eine doppelte Thätigkeit (wahrscheinlich Abtödtung und Beschaulichkeit) in ihr hervorrufen.
  7. Vgl. III. Kön. 8, 10-12.
  8. II. Tim. 2, 11–12.
  9. Das syrische Wort kann vielleicht auch übersetzt werden: „von der (göttlichen) Gnadenwirkung“.
  10. Pred. Sal. 1, 16.

Anmerkungen (Wikisource)