ADB:Arnoldi, Ernst Wilhelm

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Artikel „Arnoldi, Ernst Wilhelm“ von August Beck in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 1 (1875), S. 589–591, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Arnoldi,_Ernst_Wilhelm&oldid=- (Version vom 16. September 2019, 09:27 Uhr UTC)
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Arnoldi: Ernst Wilhelm A., geb. 21. Mai 1778 zu Gotha, † daselbst 27. Mai 1841, war der Vater des deutschen Versicherungswesens. Sein Vater, Inhaber eines Colonialwaarengeschäfts, ließ ihm aus Abneigung gegen das Gymnasium Privatunterricht ertheilen, der aber sehr mangelhaft war; doch kam er frühzeitig in die Lehre nach Hamburg, wo er in dem Geschäfte „Johann Gabe u. Comp.“ sein Wissen erweiterte und sich Gewandtheit und Charakterfestigkeit aneignete. Auf den Wunsch seines Vaters kehrte er im J. 1799 in das elterliche Haus zurück und wurde 1803 Theilnehmer am väterlichen Geschäfte. Sein Streben war fortan nur auf das allgemeine Beste gerichtet; was er einmal für zweckmäßig und gut erkannt hatte, das führte er mit Hintansetzung seiner eigenen Interessen durch. Schon 1803 errichtete er zu Remstedt bei Gotha eine Farbenfabrik; 1808 eine Fabrik zu Elgersburg, in welcher Gefäße aus einer [590] steingutartigen Masse gefertigt werden, von Apothekern und Chemikern sehr geschätzt. Die damalige französische Zwingherrschaft war allerdings diesen Unternehmungen nicht günstig. Sobald aber die Jahre der Prüfungen für das Vaterland vorüber waren, wendete sich sein regsamer Geist zunächst dem Gedanken zu, die schmerzlichen Wunden zu heilen oder wenigstens zu lindern, die der Krieg auch dem gothaischen Lande geschlagen hatte. Zur Linderung der durch eine Mißernte in den Jahren 1816 und 1817 hervorgerufenen Noth schaffte er Massen russischen Getreides bei, und lenkte dadurch die Aufmerksamkeit seiner Mitbürger auf sich. In Folge dessen ward er von der Krämer-Innung zum Vorstande gewählt. Als Krämermeister fand er vielfach Gelegenheit zur Beseitigung alteingeschlichener Uebelstände und Mißbräuche. Unter dem Namen „Innungshalle“ gründete er einen Verein, welcher den gesammten Handelsstand von Gotha umfaßte. Das sogenannte neue Rathhaus wurde im J. 1820 zu einem sehr billigen Preise (8000 Thaler) für die Kramerinnung angekauft, daselbst eine Bibliothek und ein Waarencabinet, sowie ein Lesezimmer mit politischen und Fachzeitungen eingerichtet, in welchem allabendlich die Vereinsgenossen zur Unterhaltung zusammen kamen. Um den jungen Handlungslehrlingen eine zweckmäßigere Ausbildung als zeither zu verschaffen, rief A. im März 1818 eine Handlungsschule ins Leben, welche die erste dieser Art in Deutschland, seitdem das Vorbild von mehr als 40 ähnlichen Lehranstalten in Deutschland geworden ist. Seine Idee über die „Begründung eines Bundes unter den deutschen Fabricanten“, die er seit dem J. 1817 unablässig verfolgte, fand im J. 1829 durch die Gründung des deutschen Zollvereins ihre Befriedigung. In seinem Enthusiasmus schrieb damals A.: „Heil den edlen Häuptern, welche den von der herrlichsten Glorie umgebenen Handelsvertrag am 27. Mai abgeschlossen. Sie haben ein Werk vollbracht, das Alles überstrahlt, was seit der Reformation Großes in Deutschland geschehen ist. Es ist ebenfalls eine Reformation, deren segensreiche Wirkungen außer dem Gesichtskreise der Gegenwart liegen“. Das schönste Denkmal aber setzte sich A. durch die Begründung der Feuerversicherungsbank und der Lebensversicherungsbank in Gotha. Während vorher Actiengesellschaften feste Prämien erhoben, den Gewinn aber, welcher nach Abzug der Unkosten und der für gezahlte Schäden geleisteten Beträge sich ergab, an die Actionäre vertheilten, hielt A. das Princip der Gegenseitigkeit und Oeffentlichkeit für das Zweckmäßigste und Gerechteste, damit auch der aus dem Geschäfte erwachsende Gewinn wiederum den Versicherten und nicht nur einer Anzahl Capitalisten zu gute käme. Im December 1819 versammelten sich zum ersten Male der Vorstand der beabsichtigten Versicherungsgesellschaft, bestehend aus Abgeordneten der Kaufmannschaften zu Gotha, Arnstadt, Erfurt, Eisenach und Langensalza und am 20. Juli 1820 kam das Verfassungswerk der Feuerversicherungsbank in Gotha zu Stande. Mit dem 1. Januar 1821 begann die Anstalt ihre Thätigkeit. Daß A. sich in seinen Voraussetzungen nicht geirrt hatte, bewies der Erfolg.

Der unaufhaltsam fortstrebende Geist Arnoldi’s faßte nun auch die Gründung einer Lebensversicherungsbank ins Auge, der ersten in Deutschland. Sie wurde nach denselben Grundsätzen errichtet, die sich bei der Feuerversicherungsbank bewährt hatten, und trat am 1. Januar 1829 ins Leben. Mit unermüdlicher Ausdauer hatte A. die vielen Schwierigkeiten, namentlich in Betreff der richtigen Berechnung der Reserven und der Feststellung der Bedingungen für Annahme von Versicherungsanträgen zu beseitigen gewußt. Die Anstalt hat sich bis zu den äußersten Grenzen von Schleswig, sowie nach der deutschen Schweiz ausgedehnt, und seit der Zeit ihres Bestehens unendlichen Segen gestiftet. Als ein Zeichen schuldiger Dankbarkeit erhielt A. im J. 1834 von der Feuerversicherungs-Anstalt für die bedeutenden Opfer an Zeit und Kraftanstrengung und [591] für die unentgeltliche Leitung der Anstalt in den beiden ersten Jahren ihres Bestehens ein Ehrengeschenk von 15000 Thalern. Den zehnten Theil davon gab der verdienstvolle Mann sofort an den Stadtrath ab zur Gründung eines Realgymnasiums (Gymnasium Ernestinum) zu Gotha.

In den letzten Jahren seines Lebens wendete A. seine unermüdete Thatkraft besonders dem Wiederaufblühen der ganz gesunkenen Runkelrübenzucker-Fabrication in Deutschland zu. Das Gedeihen dieses Erwerbszweiges erlebte er aber nicht. Mit dem Erfinder einer neuen Fabricationsmethode, Dr. Zier zu Zerbst, setzte er sich in Verbindung; die Methode leistete jedoch nicht, was versprochen war, und bereitete A., der sie Anderen empfohlen hatte, vielen Kummer. Von Herzog Ernst I. von Coburg und Gotha ward A. zum Rath, dann zum Finanzrath ernannt. In seinem Privatleben war A. einfach, bescheiden und anspruchslos; er half, wo er konnte, durch Rath und That. Seine Untergebenen hingen mit großem Vertrauen und vieler Liebe an ihm. Mit seiner Zeit ging er sehr haushälterisch zu Rathe. Ein Jahr nach seinem Tode wurde ihm in Gotha ein Ehrendenkmal errichtet, zu welchem die Mittel so reichlich zuflossen, daß ein ansehnlicher Theil davon zu einer „Schulstiftung“ verwendet wurde, von welcher alljährlich die Zinsen an seinem Todestage zu Belohnungen, theils in Büchern, theils in Lehrmitteln für Bürgerkinder vertheilt werden, die sich durch Fleiß, Fortschritte und gutes Betragen ausgezeichnet haben.[1]

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 591. Z. 21 v. o.: Inzwischen erschien: A. Emminghaus: E. W. Arnoldi, Leben und Schöpfungen eines deutschen Kaufmanns. Weimar 1878. [Bd. 8, S. 794]