ADB:Cremeri, Anton

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Artikel „Cremeri, Anton“ von Egon von Komorzynski in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 47 (1903), S. 553–556, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Cremeri,_Anton&oldid=- (Version vom 21. Oktober 2019, 23:08 Uhr UTC)
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Cremeri: Benedict Dominik Anton C., österreichischer Dramatiker. Ueber Cremeri’s Leben sind uns nur spärliche Nachrichten erhalten. Er wurde am 13. August 1752 in Wien geboren und scheint anfänglich Schauspieler in Ungarn und Siebenbürgen gewesen zu sein. Seine ersten Schriften sind in Temesvar gedruckt. Ende der 70er Jahre kam er nach Linz und wurde dort k. k. Censursactuar, Bibliotheksschreiber und Concipist bei der oberösterreichischen Regierung. Diese Stellung dürfte er bis zum Beginn der 90er Jahre bekleidet haben. Er starb in Wien im J. 1795.

Cremeri’s Schriftstellerei beginnt mit Bühnenstücken der landläufigsten Gattungen. Seine ersten Lustspiele, wie etwa „Man prüfe, ehe man verurtheilet“ (Temesvar 1774) sind Soldatenstücke voll Rührseligkeit und Großmuth; die Intrigue und die Komik liegen in den Händen der Bedienten. Aber gar bald stellt er seine Feder in den Dienst großer Ideen, die in seinem Herzen aufzukeimen beginnen. Seine Broschüre „Ein Paquet für die Fürsten, sonst nützt’s nichts“, die 1779 erschien, ist eine begeisterte Verherrlichung der Ideale der Aufklärung, und verursachte ihrem Verfasser Mißhelligkeiten und Anfeindungen in Menge. Im J. 1779 schrieb er, von dem politischen und gesellschaftlichen Leben, das ihn umgab, angewidert, ein größeres Buch, worin er seine Ideen ausführlich darlegte, und dieses erschien 1781 unter dem Titel „Gutherziges Opfer zur Statistik. Die Regierung und den Adel, die wahre Religion und Irreligion der Geistlichkeit, wie auch das zeitliche und ewige Wohl der Bürger betreffend“. Die zweite Auflage erschien 1784 unter dem veränderten Titel „Sympathien mit Joseph II.“ In diesem Werk verkündete C. bereits begeistert den Josephinismus. Mit flammenden Worten eifert er gegen die Dunkelmänner und unwürdigen Vertreter der christlichen Religion wie gegen die Uebergriffe des Adels und preist das Ideal eines Staates, der nicht von Bürgern bewohnt wird, sondern von Menschen, welche wahre Religion und Tugend beseelt, und die sich willig und freudig von einem aufgeklärten [554] und pflichteifrigen Regenten beherrschen lassen. Mußte seiner Zeit der Autor des „Paquets für die Fürsten“ zittern, „kaßirt zu werden“, wenn man am Throne etwas von seiner Autorschaft erführe, so konnte er nun, da Joseph II. regierte, unbesorgt seine Ideale verkünden. Glühende Verehrung brachte er dem edlen Fürsten entgegen, und nicht genug kann er es rühmen, daß er schon „in Zeiten mit seinem großen Kaiser sympathisirte, in denen noch mancher Große seinen Rosenkranz als sein Hauptgeschäft melgte, sein Skapulier küßte und alles das noch öffentlich verdammte, was er nun im Stillen verdammt“. Das heilige Streben nach vollendeter Humanität, die nationale Gesinnung des Kaisers reißen ihn zu begeistertem Lobe hin. „Sieh, dieß ist ein Monarch!“ so ruft er aus, und: „O Dank Dir Allmächtiger, daß ich unter dieser Regierung gebohren worden!“

Schon 1780 verpflanzte C. diese Ideen auf das eigentliche Gebiet seiner Schriftstellerei, auf das Theater. Das geschah in seinem Buche „Eine Bill an Joseph II. aus der Herzkammer eines ehrlichen Mannes“ (Frankfurt u. Leipzig 1780; wiedergedruckt Linz 1785 u. d. Titel „Fromme Wünsche eine ächte Schaubühne und würdige Schauspieler für dieselbe zu bekommen“). Hier wendet er sich direct an den Kaiser und hält ihm seine wichtigste Aufgabe vor Augen. Der Grundgedanke des interessanten Werkes ist, es sei die erstes Pflicht des Regenten, „die Schaubühne zu gründen und zu besorgen“, um „dem Eindruck des Lasters vorzubeugen, die Seelen der Bürger zu Fertigkeiten in der Tugend zu gewöhnen und die Leidenschaften derselben zu beugen“. Nachdem er das historisch mit vielen Citaten bewiesen hat, entwickelt er dem „Kaiser, der sich als wahrer Deutscher bestrebet, die stolzen Ausländer zu überzeugen, daß Deutsche ihrer entbehren können“, seine Idee einer Reformation des Theaterwesens. Diese gipfelt in vier Postulaten; erstens: aus der Besorgung der Schaubühne soll ein vollkommenes Staatsgeschäft gemacht werden, das auch die Wahl des Stoffes der Stücke „unter Berücksichtigung der Zeiten“ vornehmen muß. Zweitens: alle Schauspieler sollen Staatsangestellte sein. Drittens: man soll „keine fliehenden Truppen auf eines Privatmannes Kosten“ mehr dulden. Viertens: nur, wer genau die erforderlichen Kenntnisse nachweist, soll Schauspieler werden dürfen; „denn wenn es jedem Thoren oder Vagabund freysteht, die Schauspielkunst zu mißbrauchen, so kann sie sich nie emporschwingen, in ihre Rechte eintreten und der Staat etwas von ihr erwarten“. Als unbedingt für den Schauspieler erforderlich bezeichnet C. die genaue Kenntniß der Philosophie, Musik, Physiognomie, Zeichnung, Tanzkunst, Geschichte, Rechtsgelehrsamkeit (damit er wisse, was er durch sein Spiel zu empfehlen, was [z. B. Schlendrian, Chicanen] verächtlich zu machen habe); ferner die wichtigsten „Kunstwörter und Instrumente“ aus der Physik, Naturgeschichte, Mathematik und Litteratur. Die Rechtschaffenheit bezeichnet er als die wichtigste Eigenschaft des Schauspielers. Schließlich soll man die Schauspieler „mit ansehnlichen Titeln der Staatsbedienstungen beschenken, um sie beym Volke in Achtung zu setzen“.

Und von diesen Ideen durchdrungen, gestaltet C. nunmehr seine dramatische Schriftstellerei völlig um. Das Theater ist ihm nun „das vorzüglichste Mittel, den Verstand der Bürger aufzuklären, sie von allen Thorheiten zu reinigen, zu allem Guten geschickt zu machen, alle Tugenden in ihnen zu beleben, und also nothwendig sowohl die allgemeine innere Sicherheit, als Glückseeligkeit zu befördern“. Liebe und Intriguen, wodurch junge Leute verdorben oder zu Bösewichtern gemacht werden könnten, gehören eigentlich nicht in ein Schauspiel; „das sind einzig noch Rudera von den gräulichen Mißbräuchen, unter denen das Theater verwilderte, da es ohne Pflege dem Zufall überlassen

[555] war“. Der „Fürst“, das Ideal des aufgeklärten Monarchen, soll auf der Bühne erscheinen; williger Gehorsam gegen die Gesetze, und die heiligste aller Tugenden, die Menschenliebe, sollen auf dem Theater gelehrt werden. Freilich schrieb er zunächst noch einige Lustspiele, aber, wie er selbst angibt, theils ohne wahren Zweck nur für Volk und Casse, theils um seinen Mitbürgern menschliche Schwachheiten vor Augen zu führen. So entstanden sein „Don Juan oder der steinerne Gast“ (1787), der in Linz ständig am Allerseelentage gegeben wurde, „Mesmer der Zweyte“ (der nach Cremeri’s eigener Versicherung mit Schink’s „Gaßner II.“ gar nichts zu thun hat), „Die Ohnmachten“, die von der Allgemeinen Deutschen Bibliothek (95, 462) eine Posse, „Der Auditor“, der ebenda „ein Schauspiel von sehr abenteuerlicher Zusammensetzung“ genannt wurde. Aber seine Dichtung nimmt mehr und mehr einen ernsten Charakter an. Das Melodrama „Andromeda und Perseus“ (Linz 1783, die Musik von dem Landschaftspauker Georg Druschetzky) ist von einem ganz feierlichen Geist durchdrungen, und die Sprache ist mitunter fast weihevoll. In dem Schauspiel aus der oberösterreichischen Geschichte „Losenstain und Hohenberg“ (Linz 1782) führt er zum ersten Mal die Absicht aus, den Patriotismus von der Bühne herunter zu lehren. „Wir sollen nach dem Beispiel der Griechen aus unserem Theater einen Schauplatz der redenden Toden machen, auf dem die geheiligte Asche unserer Väter uns zur Nachahmung auffordert“. Aus diesem Gedanken ist denn auch das Stück herausgewachsen, das im übrigen ganz mit den Mitteln des Ritterdramas ausgestaltet wurde: mit großem Pomp werden uns Massenscenen, Versammlungen der Stände, Gottesgericht, ein (haarklein beschriebener) prächtiger Aufzug u. s. w. vorgeführt: Losenstain erscheint ganz typisch als „der edle Ritter, der Vertheidiger der teutschen Ehre“. Seinem Schauspiel „Die Kriegserklärung gegen die Pforte“ (1789), das in der Glorificirung eines guten Fürsten gipfelt, legte C. als Grundgedanken die Verse von Gellert unter:

„Belebte jedes Herz der Geist der Menschenliebe,
So wären Neid und Haß noch ungezeugte Triebe“.

Gleichfalls patriotische Absicht liegt Cremeri’s vaterländischem Schauspiel „Ernst Rüdiger Graf von Stahrenberg“ (Linz 1791) zu Grunde, worin uns die Türkenbelagerung und der Entsatz von Wien im J. 1683 vorgeführt wird. Hier verliert sich der Patriotismus gar oft in hohles Pathos. Die Türken nehmen kräftig an der Handlung Theil, werden aber nicht verächtlich gemacht; Kara Mustapha wird zwar als fluchender Heide, aber doch mit Zügen von Muth und Männlichkeit geschildert. Die Geschichte des Bischofs Kollonitz gibt Gelegenheit zu einer weichen Kinderscene. In dem dreiactigen Schauspiel „Der gute Kaiser“, das von C. „nach dem Italiänischen frey bearbeitet“ wurde (Linz 1794), wird ihm Titus zu einer Allegorie Joseph’s II., des idealen Fürsten, der auch zum Schluß den Lieblingsgedanken Cremeri’s ausspricht: „Ein Monarch muß sich stets erinnern, daß er über Menschen herrschet“. Der Zweck seines historischen Dramas „Der Bauernaufstand ob der Enns“ (Linz 1792) ist, wie C. selbst im Vorwort angibt: „die philosophischen Volksverführer in Deutschland zu bekämpfen, und unter dem Volke dem sich immer weiter ausbreitenden Revolutions- und Empörungsgeiste entgegenzuarbeiten“. Das geschieht, indem im Verlauf von vier Acten auf der Bühne die schrecklichen Folgen der Empörung dargestellt werden. Am Schlusse hält dann der Statthalter den Bauern ihre Schuld vor: „Unglückliche! Die ihr vor kurzem Sklaven des nämlichen Lasters waret, und euch in eben dem Augenblicke seine Fesseln von neuem angelegt habt, in welchem ihr sie zerbrochen hattet, sehet die Früchte eurer Empörungen. So zerreißt ihr schon zu wiederholten mahlen [556] die zärtlichsten Bande; zertrettet die glücklichsten Familien, erfüllet das Land mit Jammer und belastet eure Seelen mit den gröbsten Lastern!“ – Die Bauern antworten: „Unsere allgemeine Reue sichert dagegen von nun an sowohl das Eigenthum, wie das Leben unserer Brüder auf ewig!“ und das Stück klingt in den feierlichen Ruf aus: „Fluch jedem Rebellen! – Fluch jeder Empörung!!“

Cremeri’s Dramen sind ohne poetischen Werth. Aber sie zeugen von der Absicht, die Ideen Joseph’s II. zu verbreiten und von der Bühne herab zu predigen. Sie sind zu großem Theil aus jener unmittelbaren Verehrung Cremeri’s für den Kaiser und seine Reformen entstanden, welche sich auch in der Masse von Broschüren und Flugschriften hell und rein wiederspiegelt, die C. gegen das Treiben der Dunkelmänner und ihrer Gehülfen geschrieben hat, und in denen er sich gar oft an die geliebte Person des großen Kaisers direct wendet. Auch in diesen Schriften zeigt sich, wie sehr C. von dem Geiste Joseph’s durchdrungen war, und wie ihn keine Gefahr abschrecken konnte, mit edlem Freimuth das Evangelium der echten Menschenliebe zu verkünden; kein unparteiisch Denkender wird sich dem Urtheil des Lexicographen Wurzbach anschließen, der Cremeri’s Schriften „unsauber“ nennt.

Goedeke² 5, 346. – Wurzbach 3, 26. – Meusel, Gel. Teutschland 1, 296.