ADB:Dietrich von Freiberg

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Artikel „Dietrich von Freiburg“ von Wilhelm Preger in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 5 (1877), S. 190–192, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Dietrich_von_Freiberg&oldid=- (Version vom 15. Oktober 2019, 12:09 Uhr UTC)
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Dietrich oder Theodorich von Freiburg, Dominicaner, um 1300, ein Zeitgenosse und Geistesverwandter Meister Eckharts. D. ist um die Mitte des [191] 13. Jahrh. in oder bei Freiburg i. Br. geboren und dort in den Dominicanerorden getreten. Seine höhere theologische Ausbildung erhielt er auf der Hochschule seines Ordens für Deutschland, auf dem Studium generale zu Köln. Hier konnte er noch Albrecht den Großen hören, dessen Persönlichkeit und Geistesrichtung von nachhaltigem Einfluß auf ihn war. Im J. 1280 finden wir D. als Lector des Convents zu Trier, 1285 als Prior zu Würzburg. Um 1287 wird er von dem Ordensmeister nach Paris gesendet, um dort die Magisterwürde zu gewinnen und dann dem Herkommen gemäß 1–2 Jahre den einen der beiden Lehrstühle des Ordens an jener Hochschule einzunehmen. Das Ansehen der Dominicaner an der Universität, durch Albrecht und Thomas von Aquino begründet, wurde durch ihn erhalten. In den Verzeichnissen der deutschen Provinzialen seines Ordens, die meist nicht viel mehr als die Namen bringen, findet sich bei ihm die Bemerkung „ein großer Meister“. In einer Coblenzer Handschrift wird von ihm gesagt, daß er „bei seinen Zeiten der größte Pfaffe und der heiligsten Männer einer war, so da auf Erdreich lebeten“. Sein wissenschaftliches Ansehn, der religiöse Ernst seines Lebens und wol auch sein richtiger Blick für die Bedürfnisse der Gemeinschaft führten dazu, daß ihm wiederholt die Leitung der deutschen Ordensprovinz übertragen wurde. Er ist in den Jahren 1293–97 Provinzial von Deutschland, 1304 bekleidete er neben seinem Priorat zu Würzburg das Amt eines der vier Definitoren, welche mit dem Provinzial das Regiment über die Provinz zu führen hatten. Als solcher nimmt er in demselben Jahre an dem Generalcapitel des Ordens zu Toulouse und an der Wahl des Aimerich von Placentia zum Ordensmeister theil. Von Aimerich angeregt, schreibt er in den folgenden Jahren, in denen er die Stelle des Hauptlehrers an dem Studium generale zu Köln bekleidet, seine Schrift „De iride“. Seine Lehren scheinen ihm zuletzt den Verdacht der Ketzerei zugezogen zu haben. Noch einmal finden wir ihn um 1310 als interimistischen Verweser der deutschen Provinz und dann nicht mehr. Er beklagt sich einmal über Verläumdungen in Betreff seiner Lehre. Einige später als begardische Irrlehre bekämpfte Sätze finden sich bereits bei ihm. Diese und andere Umstände lassen vermuthen, daß der im J. 1320 mit Meister Eckhart in Untersuchung gezogene D. von St. Martin unser D. von Freiburg gewesen sei. Dann würde, wie das mehrfach vorkommt, der eine Beiname seine Familie, der andere sein Heimathkloster bezeichnen. Ueber den Ort und die Zeit seines Todes fehlen die Nachrichten. D. hat geistreiche Schriften meist naturphilosophischen Inhalts verfaßt. Seine Darstellungsweise bewegt sich noch ganz in den strengen Formen der Scholastik, aber er ist mit Erfolg bemüht, die Grundanschauungen seiner Theosophie und Mystik mit den Begriffen der damaligen theologischen Wissenschaft zu vermitteln. Er bildet in dieser Hinsicht den Uebergang von der Unterordnung der Mystik unter die Scholastik zu der Selbständigkeit und Freiheit, welche die Mystik mit Meister Eckhart erringt. Die Grundfrage der mystischen Lehre, wie wir zur unmittelbaren Gemeinschaft und zum Schauen der Gottheit zu gelangen vermögen, wird von D. vornehmlich in der Schrift: „De beatifica visione dei per essentiam“ behandelt. Von Pseudo-Dionysius ausgehend, theilt er die Dinge in obere, mittlere und untere, deren Zusammenhang dadurch erhalten oder hergestellt wird, daß jedes niedere Wesen mit seiner höchsten Kraft sich vereint mit der niedersten Kraft des über ihm stehenden Wesens. Das höchste im Menschen ist Gottes Bild, der erkennende Geist. Aber in diesem ist ein zweifaches, ein sich immer gleichbleibendes und ein sich stets neugestaltendes zu unterscheiden. Jenes nennt D., an Aristoteles sich anschließend, die wirkende, dieses die mögliche Vernunft (intellectus agens und intellectus possibilis). Von beiden Kräften ist die wirkende Vernunft das eigentliche Bild Gottes; sie ist ein in sich vollendetes, in sich seliges, [192] sich selbst denkendes Sein, immer thätig, auch wenn wir uns dessen nicht bewußt sind. Sie ist nicht eine und dieselbe in allen Menschen, wie unter anderen Averroës behauptete, sondern ist so vielfach als es denkende Geister gibt. In ihrer Kraft, in ihrem Lichte gestaltet sich unser Geistesleben zur möglichen Vernunft, d. i. zum jeweiligen Einzeldenken. Aber da wir sinnlich sind, so denken wir alles in Formen der Sinnlichkeit, und da wir sündig sind, so vermögen wir uns nicht zu erheben und Gott und die Dinge zu denken, wie es der wirkenden Vernunft gemäß wäre. Diese letztere denkt Gott und die Dinge nicht in vermittelter Weise, sondern in directer unmittelbarer Anschauung ihres eigenen Wesens, das ein Bild Gottes und aller Dinge ist. Da ist es nun die Gnade, die uns von den Einflüssen der Sinnlichkeit und Sünde befreit und uns bis zu dem Punkte zu führen sucht, wo unser inneres Leben ganz von der wirkenden Vernunft überformt wird. Von dieser wirkenden Vernunft gilt es, wenn D. den Menschen in einer Hinsicht schon von Natur selig sein läßt und sagt, Gott vermöchte keinen Menschen selig zu machen durch die Gnade, wenn er nicht schon selig wäre durch die Natur. Es ist dies ein später als begardische Irrlehre angegriffener Satz. Aber er hat bei den Begarden einen anderen Sinn als bei D. Das, wodurch Dietrichs Lehre von der wirkenden Vernunft für die Mystik Bedeutung gewinnt, ist der Umstand, daß er sie als constituirenden und bleibenden Bestandtheil des Menschen selbst erfaßt, und das verstandesmäßige Denken des Menschen oder die mögliche Vernunft für fähig erklärt, unter den Formen der wirkenden Vernunft zu denken. Er hat damit die Kluft auszufüllen gesucht, welche nach der herkömmlichen Annahme zwischen dem übernatürlichen Schauen und dem natürlichen Wissen besteht. Es ist ein Zeichen des Göttlichen mittelst der Kräfte des Menschen und innerhalb des Bereichs derselben möglich, welches dem wahren Wesen der Gottheit einigermaßen adäquat ist. – Ein wenn auch nicht ganz correctes Verzeichniß der Schriften Dietrichs bei Leander Albertus, De viris illustr. ord. praedicatorum. Weiteres über D. in meiner Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter I. 292 ff.