ADB:Egestorff, Georg

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Artikel „Egestorff, Georg“ von Karl Karmarsch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 5 (1877), S. 657–658, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Egestorff,_Georg&oldid=- (Version vom 19. Juni 2019, 09:46 Uhr UTC)
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Egestorff: Georg E., Großindustrieller, geb. 7. Febr. 1802 zu Linden, einem Vororte der Stadt Hannover, † ebenda 27. Mai 1868. – Sein Vater, Johann E., als Sohn eines armen Fischers 1772 in dem Dorfe Lohnde unweit Hannover geboren, hatte das Böttcherhandwerk erlernt, später nach und nach bei Linden einen Kalksteinbruch, eine Kalkbrennerei und eine Ziegelei, so wie an dem nahen Deistergebirge ein Steinkohlenbergwerk in Betrieb gesetzt. In dieses schon umfangreiche und durch seine Vielseitigkeit verwickelte Geschäft trat der Sohn Georg mit seinem 16. Lebensjahr ein, um die bis dahin sehr vernachlässigte kaufmännische Seite desselben auf seine Schultern zu nehmen. Seiner rastlosen Thätigkeit und eisernen Ausdauer gelang es, die schwere Aufgabe zu lösen. Durch einträchtiges Zusammenwirken von Vater und Sohn wuchs in wenigen Jahren das Geschäft bedeutend und erwarb sich eine angesehene Stellung. Die Zahl der Kalköfen hatte sich bald verzehnfacht; die Ziegelfabrikation wurde durch Errichtung verschiedener neuer Anlagen ausgedehnt; ein Gleiches geschah mit den Kohlenbergwerken, welche durch Erpachtung noch anderer Kohlenfelder um so größern Aufschwung nahmen, als inzwischen die Verwendung der Steinkohle zum Heizen viel allgemeiner wurde und ein eben so großer Theil der Kohlenförderung, wie die eigenen Betriebe gebrauchten, in den Handel überging; neue Kalksteinbrüche wurden angelegt, um ein zu Grundmauerungen trefflich geeignetes Material zu liefern; dazu trat das Unternehmen eines ausgedehnten Handels mit Bau- und anderem Holz. Als nun ferner dem alten E. auf einer [658] Reise nach Bremen die ganze Einrichtung einer Zuckerraffinerie zum Kaufe angeboten ward, brachte er dieselbe an sich, und auch dieses Geschäft – nach Linden versetzt – schaffte glückliche Ergebnisse. Aber nicht allein auf die Erweiterung der vorhandenen Unternehmungen und den Aufbau neuer wurde Bedacht genommen; die bis dahin in sehr mittelmäßigem Zustande befindlichen Wege für den Kohlentransport wurden theils auf eigene Kosten theils durch Egestorff’s Bemühung von Seite der Regierung gebessert; die durch Leine, Aller und Weser nach Bremen führende Wasserstraße wurde fahrbar gemacht, und auf ihr ein lebhafter Schiffsverkehr zwischen Linden und Bremen organisirt; in Bremen selbst wurde eine Commandite des Stammhauses zu Linden begründet. Wiewol nun das väterliche Geschäft geeignet war, dem Sohne Beschäftigung und Lebensstellung genugsam zu gewähren, so befriedigte das alles nicht den Unternehmungsgeist, welcher Georg E. inwohnte. Dieser sann auf Neues, das für seine alleinige Rechnung betrieben werden sollte, nachdem er inzwischen durch Verheirathung einen selbständigen Haushalt begründet hatte. So entstand 1831 die Saline Egestorffshall hinter dem Lindener Berge, die nach Erbohrung einer concentrirten Soole in Blüthe kam. Mit des Vaters Tode, 1834, ging die Last der gesammten Geschäfte auf Georg über, der nunmehr freiere Hand hatte und im J. 1835 eine Eisengießerei in Verbindung mit einer Maschinenfabrik errichtete. Diese, mit etwa 20 Arbeitern begonnen, erfreute sich schnell einer bedeutenden Entwicklung, besonders nachdem im J. 1846 der Bau von Locomotiven für hannoversche und andere Eisenbahnen begonnen war. Zu Ende des J. 1867 waren bereits 324 Locomotiven vollendet und abgeliefert, daneben 650 Dampfmaschinen, Locomobilen und Dampfpumpen, 1200 Dampfkessel etc. angefertigt. Im J. 1839 folgte die Errichtung einer Fabrik chemischer Produkte; 1856 eine Ultramarinfabrik und eine Zündhütchenfabrik. Bei Egestorff’s Tode belief sich die Zahl der in seinen industriellen Anstalten beschäftigten Arbeiter auf 2000. Bildeten die bisher erwähnten Unternehmungen theils die Anfänge theils großartige Beiträge zur Entwicklung einer umfangreichen Fabrikindustrie im Lande Hannover und erwiesen sich dieselben mehr oder weniger reichlich lohnend, so wendete der menschenfreundliche Sinn ihres Schöpfers seine Wirksamkeit auch nach anderen Richtungen. Zu jeder Zeit von außerordentlichem Wohlwollen für seine Arbeiter beseelt, richtete er ein ganz besonderes Augenmerk auf das materielle Wohlsein und die geistige Ausbildung derselben. Sehr früh schon gründete er Krankenunterstützungs- und Sterbecassen, die er so ansehnlich dotirte, daß ihre Existenz bei möglichst niedrigen Beiträgen der Arbeiter unter allen Umständen gesichert blieb. Im J. 1855 errichtete er die weit und breit als Muster berühmt gewordene Speiseanstalt (Volksküche) von solchem Umfange, daß darin täglich 3000 Portionen eines kräftigen und wohlschmeckenden Mittagessens um den Selbstkostenpreis von 12 Pfennigen für die Portion verabreicht und in der Anstalt selbst verzehrt werden konnten, wenn der Begehr diese Höhe erlangt hätte. Daran schloß sich ein Kindergarten (eine Kleinkinder-Bewahranstalt) für 45–50 Kinder. Im J. 1863 dotirte E. eine Freischule zunächst für 80 Kinder aller Confessionen, indem er das dazu neu hergerichtete Gebäude nebst Einrichtung, so wie das zur Honorirung der Lehrkräfte erforderliche Capital der Schulgemeinde Linden zum Eigenthum übergab.

Max Wirth, Illustrirter deutscher Gewerbskalender für 1869. S. 43–54.