ADB:Gleichen-Rußwurm, Wilhelm Friedrich Freiherr von

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Artikel „Gleichen-Rusworm, Wilhelm Friedrich von“ von Paul Ascherson in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 9 (1879), S. 226–228, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Gleichen-Ru%C3%9Fwurm,_Wilhelm_Friedrich_Freiherr_von&oldid=- (Version vom 23. November 2019, 02:22 Uhr UTC)
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Gleichen: Wilhelm Friedrich v. G. genannt Rusworm (Rußworm), geboren zu Baireuth am 14. Januar 1717, gestorben in Greiffenstein ob Bonnland bei Hammelburg in Franken den 16. Juni 1783. Wegen Mißhelligkeiten seiner Eltern (der Vater war markgräflicher Geheimer Rath und Oberjägermeister) wurde er schon in früher Jugend aus deren Hause entfernt, zu Verwandten und Freunden gesandt, so daß seine Erziehung noch mehr vernachlässigt wurde, als es sonst bei seinen Standes- und Zeitgenossen gewöhnlich [227] war. 1728 kam er als Page an den Hof des Fürsten von Thurn und Taxis in Frankfurt, zwei Jahre später als Cadet nach Dresden, wo er zuerst eine Art von wissenschaftlichem, freilich sehr ungeordnetem Unterricht empfing. Wegen eines Duells mit tödtlichem Ausgang, bei dem er als Secundant betheiligt war, mußte er zuerst in weiblicher Kleidung aus der Stadt entfliehen, und wanderte zu Fuß in die Heimath, wo er 1734 als Fähnrich in die markgräflich baireuth’schen („hochfürstlich brandenburgisch-culmbach’schen“) Truppen eintrat, wo er allmählich bis zum Oberstlieutenant avancirte. Seine militärische Tüchtigkeit und seine angenehme Persönlichkeit erwarben ihm die Gunst seines Landesherrn und dessen Gemahlin, Sophie Wilhelmine, der geistreichen Schwester Friedrichs ll. von Preußen. Im Sommer 1741 vom Markgrafen in das Lager vor Brieg gesendet, wußte er sich selbst die Achtung des großen Königs zu erwerben. Neben seinem militärischen Dienste wurden ihm bald auch Hofämter übertragen, namentlich die Aufsicht über den Marstall und das Gestütwesen. 1748 ererbte er von seiner Mutter, einer geborenen v. Rusworm, mit mehreren anderen das Gut Greiffenstein in Unterfranken, welches von nun an sein Lieblingsaufenthalt wurde. Die so gewonnene ökonomische Unabhängigkeit, die Freude am Landaufenthalt und der Ueberdruß am Hofleben bestimmten ihn, 1756 sich aus seinem Militärdienste und seinem Hofamte (Reise-Oberstallmeister und zweiter Chef des Oberstallamtes) zu verabschieden, ohne indeß die Gunst seines Fürsten zu verscherzen, welcher ihm eine Pension und 1759 den Geheime Raths-Titel verlieh, und ihm auch später in so dringender Weise den Antrag machte, als Kammerpräsident wieder in seine Dienste zu treten, daß G. nur durch eine kleine Intrigue der Annahme dieses Rufes ausweichen zu können glaubte. Nachdem G. Baireuth verlassen, wendete er seine Thätigkeit zunächst der Verbesserung seines unter fremder Verwaltung lange verwahrlosten Gutes zu, dessen Ertrag er bald um mehr als die Hälfte steigerte. Indeß diese Thätigkeit genügte seinem lebhaften Geiste nicht. Durch Selbstunterricht, soweit es die ihm in seiner ländlichen Einsamkeit zugänglichen litterarischen Hilfsmittel zuließen, und durch Reisen suchte er sich die Kenntnisse zu verschaffen, die in seiner Jugend zu erwerben, er keine Gelegenheit gehabt hatte. Ein Zufall, der ihm Ledermüller’s „Mikroskopische Augen- und Gemüthsergötzungen“ in die Hände führte, entschied über seine wissenschaftliche Thätigkeit, die von nun an hauptsächlich mikroskopischen Unternehmungen gewidmet blieb. In zwei umfangreichen Werken: „Das Neueste aus dem Reiche der Pflanzen etc.“, Nürnberg 1764, und „Auserlesene mikroskopische Entdeckungen bei Pflanzen, Blumen und Blüten, Insecten und anderen Merkwürdigkeiten“, Nürnberg 1777–81, sind seine Beobachtungen hauptsächlich niedergelegt, die sich sowol auf das Pflanzen- als auf das Thierreich erstreckten. Die systematische Kenntniß der organischen Schöpfung, oder wie man damals sagte, „Nomenclatur“, zog ihn wenig an, dagegen interessirte ihn im höchsten Maße die Physiologie der Zeugung bei Thieren und Pflanzen. Die Samenthierchen hat er mit besonderer Vorliebe und Gründlichkeit beobachtet, und glaubte auch in dem Inhalt der Pollenkörner bei den Blüthenpflanzen ein Analogon derselben zu finden. „Dabei findet er Veranlassung, sehr zahlreiche kleinere Blüthen vergrößert und zum Theil recht schön abzubilden, in welcher Beziehung seine Werke in ihrer Zeit Vielen gewiß sehr lehrreich gewesen sein müssen. Uebrigens ist Gleichen’s genanntes Buch reich an guten Wahrnehmungen im Einzelnen; er war es sogar, der die Pollenschläuche von Asclepias zuerst sah und abbildete, ohne natürlich ihre Natur und Bedeutung zu ahnen“ (Sachs, Gesch. der Botanik, S. 268. 269. 437, welcher auch ausführt, wie G., mehr aus richtigem Instinct, als auf triftige Gründe gestützt, ein eifriger Verfechter der Sexualtheorie war). Die von ihm angenommenen Spermatozoen [228] der Pflanzen sollten nach seiner Meinung in die Samenkapseln[WS 1] eindringen und sich dort zu Embryonen entwickeln. Die Zeichnungen der schönen Kupfertafeln, welche Gleichen’s Werke begleiten, hat er nach einigen mißlungenen Versuchen selbst angefertigt. In seinen letzten Lebensjahren, als ihm Alter und Krankheit die Sicherheit der Hand geraubt hatten, wendete er sich physikalischen und geologischen Studien zu. Das kurz vor seinem Tode erfolgte Erdbeben in Calabrien interessirte ihn im höchsten Maße, da er 1782 im Archiv der Natur und Physik in Dessau einen Aufsatz über die „Entstehung, Bildung und Umbildung des Erdkörpers“ veröffentlicht hatte. Seine Hauptbeschäftigung legte ihm auch die Construction der Mikroskope nahe, um deren Verbesserung er sich vielfach bemühte („Abhandlung vom Sonnenmikroskop“, 1781). Auch über die Farben des Schattens hat er in den Acta Acad. Erford. 1778 und 1779 geschrieben. G. starb nach achtwöchentlicher schwerer Krankheit, die er mit philosophischer Ruhe ertrug. Wie manche Naturforscher der neuesten Zeit hatte er sich wohl von dem Glauben an die Dogmen der Kirche, aber nicht von dem an Geister emancipirt. Sein Biograph rühmt seine persönliche Liebenswürdigkeit, die Biederkeit und Aufrichtigkeit seines Charakters. Daß er auch bei seinen Standesgenossen allgemein geachtet war, beweist seine 1780 erfolgte Wahl zum „Ritterrath der fränkischen Reichsritterschaft Orts Rhön-Werra“.

M. A. Weikard, Biographie des Herrn Wilh. Friedr. v. Gleichen, 1783. Auszug in den Schriften der Ges. naturf. Freunde in Berlin, V. Theil, 1784, S. 491 ff.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Samenkaspeln