ADB:Gottfried IV. (Herzog von Niederlothringen)

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Artikel „Gottfried IV., Herzog von Niederlothringen“ von Hans Prutz in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 9 (1879), S. 471–473, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Gottfried_IV._(Herzog_von_Niederlothringen)&oldid=- (Version vom 27. Juni 2019, 10:41 Uhr UTC)
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Gottfried IV., Herzog von Niederlothringen, der frühzeitig zum Gegenstand von Sage und Dichtung gewordene Führer der deutschen und lothringischen Theilnehmer an dem ersten Kreuzzuge, dann durch das Zusammenwirken eigenthümlicher Verhältnisse Oberfeldherr des Kreuzfahrerheers überhaupt und nach der Eroberung Jerusalems der erste Herrscher des neu gegründeten Reiches, war in einem nicht näher bestimmbaren Jahre geboren als Sohn des Grafen Eustach von Boulogne und Ida’s, einer Schwester Gottfrieds des Buckligen, des Heinrich IV. befreundeten Herzogs von Lothringen, der der erste Gemahl Mathildens von Tuscien gewesen war. Von diesem, seinem Oheim, adoptirt, erbte G. nach der Ermordung desselben durch Robert von Flandern das Allod desselben und erhielt die Mark Antwerpen zu Lehen. Bis auf den Kreuzzug wissen wir von Gottfrieds Schicksalen nur wenig: denn was später von ihm erzählt wurde, ist meistens phantastisch ausgeschmückt in der Absicht, G. schon in seinen Anfängen als ein auserwähltes Rüstzeug Gottes erscheinen zu lassen; auch die großen Parteigegensätze jener Zeit wirkten dabei mit: die kaiserliche Partei sowol wie die päpstliche suchte den späteren ersten König von Jerusalem als den ihrigen darzustellen, die eine ließ ihn daher Rudolf von Schwaben den tödtlichen Streich beibringen, die andere macht ihn ganz irrthümlich zu einem Bruder der Praxedis, der russischen Gemahlin Heinrichs IV., und stellt seine Kreuzfahrt dar als eine Buße, die er sich für das als Anhänger des Kaisers von ihm der Kirche gethane Unrecht auferlegt habe. Sicher ist, daß G. auf der Seite des Kaisers gestanden, mit demselben in Italien gefochten, sich aber nicht besonders ausgezeichnet hat; der Hauptschauplatz seiner Thätigkeit war naturgemäß seine lothringisch-niederländische Heimath, in deren örtlichen Händeln er sein Gut zu mehren bestrebt war. Mit seinen Brüdern Eustach und Balduin schloß sich G. als der einzige bedeutendere Theilnehmer aus der Reihe der deutschen Fürsten dem ersten Kreuzzuge an. Mit angeblich 70000 Mann brach er Mitte August 1096 auf, zog die Donau hinab, erhielt nach langen Verhandlungen freien Durchzug durch Ungarn, überschritt die Save, ging durch Bulgarien, erreichte die griechische Grenze bei Nissa und langte unter manchen Fährlichkeiten [472] gegen Weihnachten in der Nähe Constantinopels an. Ein Streit mit den Griechen der nach Monate langen Verhandlungen zu offenem Kampfe führte, endete Anfang April 1097 nach anfänglichem Siege Gottfrieds zum Nachtheil desselben: G. mußte schwören, alle einst dem griechischen Reiche gehörigen Städte und Länder, die er in Asien erobern würde, dem Kaiser Alexius zu übergeben und demselben Vasallentreue zu wahren. Mit seinen Lothringern, unterstützt von den italienischen Normannen, ging G. nach der Ueberschiffung nach Asien (8. bis 10. April 1097) über Nicomedien gegen Nicaea, an dessen Belagerung er theilnahm. Nach der Uebergabe der Festung an die Griechen focht G. zwar am 1. Juli 1097 mit in der siegreichen Schlacht gegen Kilidsch Arslan bei Doryläum: den Oberbefehl aber führte und Urheber des Sieges der Christen war nicht, wie die spätere Sage will, G., sondern Boëmund von Tarent. Auch in dem weitern Verlaufe der Kreuzzüge tritt G., wenn wir nicht der legendenartigen Darstellung der späteren Zeit, sondern der geschichtlich beglaubigten Ueberlieferung folgen, in keiner Richtung bedeutend oder gar als tonangebende und leitende Persönlichkeit hervor: als solche erscheint vielmehr namentlich auch während der Kämpfe vor und in Antiochien durchaus Boëmund von Tarent. Während der langen Unterbrechung, welche nach der Zurückschlagung des vor Antiochien erschienenen muhammedanischen Heeres in der Kreuzfahrt eintrat und die Fortsetzung derselben fast zweifelhaft erscheinen ließ, besuchte G. seinen inzwischen in den Besitz des Fürstenthums Edessa gelangten Bruder Balduin in seiner Hauptstadt, und scheint sich erst kurz vor dem endlichen Aufbruche nach Jerusalem (Januar 1099) bei Maara mit dem Hauptheere wieder vereinigt zu haben. Im Februar 1099 finden wir G. mit Raimund von Toulouse, Robert von Flandern u. A. vor der vergeblich belagerten Burg Arkas (im Norden von Tripolis): in dieser Zeit schloß sich ihm der Normanne Tancred an und trat zu ihm in ein besonderes Treue- und Dienstverhältniß, welches der Stellung Gottfrieds wesentlich zu gute kam. Dem Murren des nach Jerusalem drängenden Heeres nachgebend, veranlaßte G. den 15. Mai 1099 die Aufhebung der Belagerung von Arkas. Erst bei dem Angriff auf Jerusalem selbst, angesichts dessen die Kreuzfahrer den 7. Juni angekommen waren, fand G. Gelegenheit, sich hervorzuthun: seit dem 9. Juli hatte er sein Lager auf der östlichen Seite der Stadt aufgeschlagen, dort begann er den 14. Juli den eigentlichen Angriff und drang am Nachmittag des 15. mit den Seinen in die Stadt ein, die gleichzeitig von Norden her durch eine in ihre Mauern gelegte Bresche genommen wurde. Als nach Herstellung der Ordnung in der Stadt die Fürsten des Kreuzfahrerheeres den 23. Juli zu Rathe gingen, wurde die Krone des Reiches, das man zu errichten beschlossen, zunächst dem mächtigsten der Theilnehmer an dem Zuge, dem Grafen Raimund von Toulouse, angeboten, und erst als dieser abgelehnt hatte, trug man sie G. von B. an. Die Tradition ist auch hier ganz legendenhaft gestaltet: die Wahl Gottfrieds soll einstimmig, durch göttliche Eingebung, unter Visionen und Wundererscheinungen vor sich gegangen sein, man stellte sie eben dar als die herrliche Vollendung der großen Verheißungen, die nach anderen legendarischen Traditionen G. schon in seiner Jugend als zu dem Größten und Herrlichsten bestimmt hatten erscheinen lassen. Richtig dagegen ist, daß G. sich nicht „König“, sondern nur „Herzog“ nannte: ob auf den Wunsch der Fürsten, deren Empfindlichkeit allerdings an dem Königstitel leicht Anstoß nehmen konnte, oder aus eigenem Antriebe, muß dahingestellt bleiben. Jedenfalls war die Stellung Gottfrieds in seiner neuen Würde eine sehr unsichere: zu dem Ungehorsam der weltlichen Fürsten kamen die hochgespannten, jede feste staatliche Ordnung in dem neuen Reiche unmöglich machenden Ansprüche des Clerus, der der eigentliche Herr des heiligen Landes zu sein glaubte, endlich die gleich hereinbrechende Gefährdung [473] durch einen übermächtigen aegyptischen Angriff. Den letzteren gelang es G., durch den mit geringer Macht gewonnenen glänzenden Sieg bei Ascalon (den 14. August 1099) glücklich abzuweisen; der anderen Schwierigkeiten dagegen konnte er nicht Herr werden. Durchaus unrichtig ist daher, was die Tradition von dem angeblichen schnellen Aufblühen des Königreichs Jerusalem unter G., von der durch denselben getroffenen Ordnung der Verfassung etc. berichtet; insbesondere haben die auf G. zurückgeführten „Assisen von Jerusalem“ gar nichts mit demselben zu thun, sondern sind etwa 150 Jahre nach seiner Zeit entstanden. Vielmehr stellen sich die Anfänge des christlichen Reiches unter G. sehr kläglich und elend dar, während die sagenbildende Tradition es liebt, die Erfolge und Einrichtungen späterer Zeiten, ja der besten Zeiten auf den nun einmal im Widerspruch mit den historischen Thatsachen zum Helden des ersten Kreuzzugs gestempelten G. zurückzuführen. Namentlich drohten die sich schnell steigernden hierarchischen Ansprüche des Clerus dem Königreiche Gefahr, und gerade gegen diese hat sich G. ganz schwach und haltlos gezeigt: schon am 2. Februar 1100 hatte G. auf Andringen des Patriarchen Dagobert, der behauptete, Jerusalem dürfe keinen weltlichen Herrn haben, der Kirche den vierten Theil des wichtigen Jaffa geschenkt, Ostern desselben Jahres gab er vor dem Clerus und Volk dem Patriarchen Jerusalem selbst mit dem Davidsthurm und sonstigen Zubehör und behielt sich nur die Nutzung vor, bis das Reich durch die Eroberung einiger anderer Städte vergrößert sein würde; für den Fall, daß G. eher stürbe, sollte die Stadt sofort an den Patriarchen kommen. G. wurde damit Vasall des heiligen Grabes und des Patriarchen. Diese Schwäche Gottfrieds ließ das Schlimmste für die Zukunft befürchten und für die Entwicklung des christlichen Reiches im heiligen Lande war danach der am 18. Juli 1100 eintretende Tod Gottfrieds beinahe als ein Glück zu bezeichnen. Beigesetzt wurde G. in der hl. Grabeskirche, an der Außenseite des heutigen „Refectoriums der Griechen“, welche dasselbe (eine von vier kleinen Säulen getragene Steinplatte mit einfacher Inschrift) 1808 bei einem Neubau entfernt haben. Daß G., der im Vergleich mit den bedeutenderen Theilnehmern des ersten Kreuzzugs, besonders Raimund von Toulouse, Boëmund, Tancred u. A., nichts Nennenswerthes geleistet hat, dennoch in der Tradition zu dem alle überstrahlenden Helden desselben geworden ist, erklärt sich einfach daraus, daß G., ohne persönlichen Ehrgeiz und ohne Nebenabsichten, beschränkt festhielt an dem ascetisch-hierarchischen Ursprung des Zugs: dieser beherrscht die Tradition und deshalb erschien G. im Widerspruch mit den Thatsachen der Menge als der geeignetste Repräsentant des Geistes jener Zeit.

Vgl. die Quellen zur Geschichte des ersten Kreuzzugs, insbes. Wilhelm. Tyr. l. I–IX; Godefridi Bullonii Lotharingiae ducis diplomata et epistolae (ganz unkritisch!) in Bd. 155 von Migne’s Patrologiae cursus complet.; Wilken, Gesch. der Kreuzzüge 1. 2; v. Sybel, Gesch. des ersten Kreuzzugs; de Hody, Godefroid de B. et les rois latins de Jérusalem. Paris 1859.