ADB:Wilcken, Friedrich

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Artikel „Wilken, Friedrich“ von Adolf Stoll in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 236–241, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wilcken,_Friedrich&oldid=- (Version vom 25. Juni 2019, 10:04 Uhr UTC)
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Wilken: Friedrich W., deutscher Geschichtsschreiber, besonders des Zeitalters der Kreuzzüge, geboren am 23. Mai 1777 zu Ratzeburg, † am 24. December 1840 zu Berlin. – In dürftigen Verhältnissen als ältester Sohn des Regierungspedellen und -Canzlisten Chr. E. Wilken aufgewachsen und als Freischüler im Domgymnasium unterrichtet, bezog er zu Ostern 1795 zum Studium der Theologie die Universität Göttingen. Vom elterlichen Hause gar nicht und von seinem Pathen, dem Landdrosten Grafen von Kielmannsegg, nur spärlich unterstützt, wußte er sich dort unter Beihülfe Heyne’s, der ihm einen Freitisch gewährte und ihn in sein Seminar aufnahm, und des Orientalisten J. E. Eichhorn unter heißem Bemühen bis zur Beendigung seiner Studien zu erhalten, die sich indessen unter dem Einfluß von Schlözer und Spittler allmählich und immer entschiedener dem Gebiete der Geschichte, besonders der orientalischen, zuwandten. Am 4. Juni 1798 erhielt er einen Preis für seine alsbald auch im Drucke erschienene „Commentatio de bellorum cruciatorum ex Abulfeda historia“ und war vom Jahre 1800 an als Repetent in der theologischen und als Privatdocent in der philosophischen Facultät, sowie auf der Universitätsbibliothek thätig, wobei seine Hauptstudien dauernd der Geschichte der Kreuzzüge und der persischen Sprache und Geschichtslitteratur galten. Nachdem seine Berufung an die Universität Jena, die ihm 1803 die Doctorwürde zuerkannt hatte, an seiner allzugroßen Jugend gescheitert war, übernahm er im selben Jahre die Leitung der Studien des Erbgrafen Georg von Schaumburg-Lippe auf der Universität Leipzig, wo er sich neben seinem Schüler wieder immatriculiren ließ. Hier erschien als die Frucht seiner Studien während der letzten Jahre seine persische Grammatik, die erste, die überhaupt in Deutschland verfaßt worden ist. Auch [237] verlobte er sich in Leipzig mit der anmuthigen und feingebildeten Tochter des Akademiedirectors und Porträtmalers Johann Friedrich August Tischbein. Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in Dresden und kurzem Besuch in der zehn Jahre lang entbehrten Heimath, die er ebenso wenig wie seine Eltern je wiedersah, machte er mit dem Erbgrafen, der seine Studien inzwischen abgeschlossen hatte, noch eine mehrmonatliche Reise im westlichen und südlichen Deutschland und trat dann zu Anfang des Wintersemesters 1805/6 die auf Eichhorn’s und Arnold Heise’s Vermittlung ihm übertragene Professur der Geschichte und der orientalischen Sprachen an der Universität Heidelberg an, welche um diese Zeit von dem trefflichen Markgrafen Karl Friedrich von Baden reorganisirt wurde und für eine Reihe von Jahren eine führende Stellung unter den deutschen Hochschulen einnahm. Bei seiner vielseitigen Bildung hielt er trotz nur mäßiger Vortragskunst doch beifällig aufgenommene und vielbesuchte Vorlesungen über Geschichte, orientalische Sprachen und Litteratur und biblische Exegese. Im Herbst 1806 holte er dann seine Braut heim, mit der er bis zu seinem Tode in glücklichster, mit vier Kindern gesegneter Ehe lebte. Wie die Mutter und die Geschwister seiner Gattin während einer zweijährigen Reise Friedrich Tischbeins nach Petersburg in den Jahren 1806–8 meist auch in Heidelberg lebten, so kam auch Tischbein selbst später wiederholt dorthin und ist im J. 1812 in Wilken’s Hause gestorben. Thibaut und Nägele besonders nahestehend, unterhielt er einen vertrauten Verkehr mit dem großen litterarischen Kreise Heidelbergs, dem damals und in den nächsten Jahren besonders Creuzer, Heise, Boeckh, Paulus, Fries, Hegel, Voß, Görres, Gries, Amalie v. Helvig geb. Imhoff, Helmine v. Chézy, Kohlrausch, Brentano und Achim von Arnim angehörten.

Im Herbst 1808 übernahm W. auch die Verwaltung der sehr vernachlässigten Universitätsbibliothek und hat sich um ihre Neueinrichtung und Bereicherung wesentliche Verdienste erworben. Bald löste er auch Creuzer in der Leitung der fünften Abtheilung der 1808 gegründeten und bald zu großem Ansehen gelangten „Heidelberger Jahrbücher für Litteratur“ ab.

Unter den wissenschaftlichen Werken Wilken’s aus der Heidelberger Zeit nimmt den ersten Platz ein seine umfassende „Geschichte der Kreuzzüge“, von der 1807 der erste, 1813 der zweite Band erschien und von der weiter unten noch zu reden sein wird; mit großem Beifall ward sodann 1809 sein leider unvollendet gebliebenes, schon im Anfang des 12. Jahrhunderts abbrechendes „Handbuch der deutschen Historie“ aufgenommen, welches, das erste seiner Art, neben einem knappgefaßten Text eine streng quellenmäßige Begründung der Thatsachen bot. Eine erste Reise nach Paris im J. 1811, auf der er dauernde litterarische Verbindungen mit dortigen Gelehrten anknüpfte, lieferte ihm werthvolles Material für die Geschichte der Kreuzzüge, welches schon dem zweiten Band seines Werkes zu gute kam. – Das mit großer Stimmenmehrheit für das Jahr 1815/16 ihm übertragene Prorectorat – Rector ist in Heidelberg der Landesherr selbst – gab ihm nicht nur im Mai des Jahres 1815, als im Hauptquartier Schwarzenberg’s sich auch die Kaiser Franz und Alexander, der Großherzog von Baden, Erzherzog Johann und Metternich einfanden, vielfache Veranlassung zur Vertretung der Universität, sondern ließ ihn auch in seiner doppelten Eigenschaft als Prorector und Bibliotheksdirector mit besonderer Lebhaftigkeit den Gedanken aufgreifen und verfolgen, ob nicht zu der Zeit, wo die von den Franzosen in den letzten zwei Jahrzehnten nach Paris zusammengeschleppten Kunst- und Bücherschätze von den rechtmäßigen Eigenthümern von dort wieder zurückgeholt wurden, auch wenigstens ein Theil der einst von Maximilian von Baiern dem Papste geschenkten Bibliotheca Palatina, nämlich 39 infolge des Friedens von Tolentino im J. 1797 von Rom an Frankreich [238] ausgelieferte ehemals Heidelberger Handschriften für die pfälzische Hochschule wieder zurückzugewinnen seien. Nachdem W. diesen von den Mitgliedern der Universität längst *) gehegten und auch von Görres im „Rheinischen Merkur“ lebhaft vertretenen Wunsch aller deutschen Patrioten der badischen Regierung ausgedrückt und diese ihren Gesandten bei den Verbündeten in Paris, Freiherrn v. Berstett, zu nachdrücklicher Vertretung der Angelegenheit angewiesen hatte, erhielt er selbst am 2. September den Auftrag, nach Paris zu reisen, traf schon am 7. September dort ein und entfaltete alsbald zur Erreichung seines Zieles großes Geschick und hingebende Thätigkeit.

Ein von ihm im Namen der Universität verfaßtes, die Reclamation begründendes Memoire blieb trotz der Befürwortung der preußischen Minister v. Altenstein und Humboldt bei den französischen Behörden zunächst wirkungslos. Als W. aber nun hörte, daß der gleichfalls zur Zurückholung der dem Papst entführten Schätze in Paris anwesende und bei den französischen Behörden auf den gleichen Widerstand stoßende Bildhauer Canova auf Betreiben Preußens vom Gouverneur von Paris, dem preußischen General v. Müffling, militärische Mittel zur Durchführung seiner Ansprüche erhalten solle, so faßte er die Hoffnung, der Papst werde zu bestimmen sein, als Gegenleistung für diese preußische Hülfe die 39 pfälzischen Handschriften, die unter den von Rom reclamirten 500 vaticanischen sich befänden, ja vielleicht auch die ganze übrige noch zu Rom befindliche Heidelbergische Bibliothek zurückzugeben. Eilig schrieb er nach Rücksprache mit Humboldt ein neues Memorandum in französischer und deutscher Sprache, in dem er die Ansprüche der Universität auseinandersetzte, und übergab es Berstett zur Uebermittelung an die Minister der vier verbündeten Mächte. Wirklich ließen sich Preußen und Oesterreich zur Unterstützung der Sache bereit finden, und auch Müffling, zuerst durch den späteren preußischen Minister Eichhorn und durch Berstett um seine Mitwirkung ersucht, ließ sich von W. durch mündliche wie schriftliche Auseinandersetzung der Dinge für dieselbe gewinnen und sagte Canova wie dem Papst gegenüber eine Unterstützung der päpstlichen Ansprüche nur unter der Bedingung zu, daß der Papst nicht bloß die 39 pfälzischen, sondern die ganze übrige in Rom aufbewahrte Heidelbergische Bibliothek zurückgebe. So ließ endlich auch Canova, den W. brieflich darum gebeten und zu Dank verpflichtet hatte (durch Mittheilung eines der römischen Abordnung fehlenden Verzeichnisses der von ihr zurückzufordernden Gegenstände, durch welches erst deren genaue Feststellung ermöglicht wurde), sich dazu bestimmen, die 39 Manuscripte bis zum Eintreffen der päpstlichen Genehmigung bei Müffling niederzulegen. W. selbst holte die 38 – der 39. codex war 1797 von den französischen Commissaren der Vaticanischen Bibliothek belassen worden – Manuscripte, von dem österreichischen Major v. Meyer und dem preußischen Lieutenant Wucherer militärisch begleitet, in der königlichen Bibliothek ab und legte sie gegen Quittung bei Müffling nieder. Um die Mitte des October traf W. selbst in der Heimath wieder ein und holte dann im Januar 1816 die nach Eintreffen der päpstlichen Schenkungsurkunde von Müffling nach Frankfurt gesendeten Manuscripte von dort nach Heidelberg. Die in der ganzen Angelegenheit von ihm bewiesene Hingebung und rastlose, geschickte Thätigkeit sah er durch Verleihung des Charakters und Rangs eines Hofraths anerkannt.

Schon im Februar 1816 traf die Nachricht in Karlsruhe und Heidelberg ein, daß der Papst in der That in die Herausgabe von 847 deutschen Handschriften [239] gewilligt habe; W. wurde mit deren Abholung aus Rom beauftragt und trat bereits am 25. Februar seine Reise an; am 26. März traf er in Rom ein. Daß an die Rückgabe der ganzen alten Palatina nicht zu denken sei, konnte W. schon nach dem ersten Besuch bei Cardinal Consalvi und einer Audienz beim Papst Pius VII. erkennen; wiederholte Versuche führten auch nicht zum Ziele; ebenso verzögerte sich die Auslieferung der zugesagten Handschriften bis Ende April; es fehlte unter ihnen Otfried’s hochberühmte altdeutsche Evangelienharmonie; doch hatte W. das Glück, dieselbe unter den lateinischen Manuscripten, wohin sie wegen ihres lateinischen Titels gestellt worden war, zu entdecken und wußte mit Hülfe der preußischen und österreichischen Diplomatie auch ihre Auslieferung zu erreichen; am 17. Mai konnte er endlich die in vier große Kisten verpackten Schätze von Rom abfahren lassen; am 19. verließ er selbst Rom und war am 13. Juni wieder in Heidelberg, wo die Handschriften am 8. Juli gleichfalls glücklich anlangten.

Obwol Wilken’s unbestreitbare Verdienste um die Wiedergewinnung des einzig dastehenden Bücherschatzes der Heidelberger Universität von der badischen Regierung bereitwillig anerkannt wurden, so nahm er doch im selben Jahr einen Ruf nach Berlin an, wo man ihm die Professur der Geschichte und der orientalischen Sprachen an der neubegründeten Universität sowie die Leitung der königlichen Bibliothek antrug. Im Frühjahr 1817 trat er sein neues Amt an und wurde im J. 1819 auch zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften erwählt. In Berlin vollendete er im Laufe der nächsten fünfzehn Jahre sein großes Werk über die Kreuzzüge, von dem der 3. Band im J. 1819, der 7. und letzte im J. 1832 erschien. Daneben veröffentlichte er, 1821 zum Historiographen des preußischen Staates ernannt, vier größere Arbeiten über die Geschichte Berlins im Berliner historisch-genealogischen Kalender von 1820–23. Bis zum Jahre 1821 nahm er auch lebhaften Antheil an dem Stein’schen Unternehmen der Monumenta Germaniae historica. Von Michaelis 1821–1822 bekleidete er das Rectorat der Universität, das infolge der Untersuchungen gegen die Burschenschaft, an denen er Antheil nehmen mußte, eine Quelle vieler Mühen, Sorgen und Aufregungen für ihn wurde; etwa ein halbes Jahr lang, bis zu seiner Erkrankung im J. 1823, fungirte er auch als Professor der Geschichte an der königl. Kriegsschule. Zudem wurde er vom Minister Altenstein mit Abfassung zahlreicher Gutachten beauftragt und durch seine Stellung an der Bibliothek zu einer sehr ausgedehnten Correspondenz genöthigt. So verfiel er wol infolge von Ueberarbeitung, nervöser Ueberreizung und besonders der Gicht, die nach Ausspruch der Aerzte sich auf das Gehirn geworfen, im Frühjahr 1823 einer schweren geistigen Erkrankung. Nachdem eine im Vorsommer begonnene Cur in Marienbad sich als ganz erfolglos erwiesen, wurde er im December der von Dr. Pienitz geleiteten Irrenanstalt Sonnenstein bei Pirna übergeben. Im April als geheilt von dort entlassen und nach mehrmonatlichem Aufenthalt in Dresden im September nach Berlin zurückgekehrt, erlitt er schon im November einen Rückfall in seine Krankheit und mußte abermals nach dem Sonnenstein gebracht werden. Im Juli wieder entlassen, nahm er einen vierwöchentlichen Aufenthalt in Wien, den er zu Studien für sein großes Werk benutzte, verbrachte den Winter 1825/26 mit seiner Familie in eifriger Arbeit in Dresden, sodaß er Frühjahr 1826 den 4. Band desselben erscheinen ließ, und trat dann am 22. April dieses Jahres mit seiner Gattin, seiner ältesten Tochter und seinem späteren Schwiegersohn Moritz Pinder eine langgeplante Reise an, die ihn zu seiner Erholung wie zu Studienzwecken über Wien nach Italien führen sollte. Allein schon zwischen Prag und Wien brach abermals der Wahnsinn bei ihm aus, so daß seine Gattin ihn der Anstalt des Dr. Görgen in Gumpendorf bei [240] Wien übergeben mußte; diesem trefflichen Arzte gelang es, den Kranken so völlig herzustellen, daß er ihn im Juni 1827 in guter körperlicher Verfassung und völliger dauernder Klarheit des Geistes seiner Familie und der Wissenschaft zurückgeben konnte.

Ende März 1829 unternahm W. bei guter Gesundheit zwar noch eine größere Reise nach Paris, London und Oxford, um Bibliotheken kennen zu lernen und sich über den englischen Buchhandel genau zu unterrichten, gab 1829 und 30 auch den 5. und 6. Band seiner Geschichte der Kreuzzüge heraus, die 1832 endlich ihren Abschluß fand, mußte aber von 1831 ab fast alljährlich, vom schwersten Gichtleiden heimgesucht, ein Bad, meist Teplitz, aufsuchen. Nach dem erfolgreichen Gebrauch desselben im Sommer 1835 konnte er im Anschluß an die Cur noch eine Reise nach München unternehmen und entschloß sich auch 1838 nach einer Cur in Wiesbaden noch einmal zu einem sechswöchentlichen Aufenthalt in Heidelberg, war aber durch zunehmende körperliche Leiden in diesen letzten Jahren fast ganz an das Haus und sein Amtszimmer gefesselt. Nachdem er den Sommer 1840 in Suderode am Harz und in Dessau verbracht hatte, kehrte er im October 1840 krank und schwach nach Berlin zurück; hier starb er am 24. December 1840 und wurde am 28. auf dem Dorotheenstädtischen Kirchhofe beerdigt.

Wilken’s Hauptwerk, die „Geschichte der Kreuzzüge“, neben dem auch besonders seine Arbeiten über die Geschichte Berlins und der dortigen Bibliothek und seine noch heute werthvollen Ausgaben mehrerer Werke des persischen Geschichtsschreibers Mirkhond verdienstlich sind, stellt gleichsam die Summe seiner diesem Gebiete zugewandten Lebensarbeit dar und hat auch zur Zeit als noch immer einziges zusammenfassendes Werk über jene Periode seine Bedeutung nicht verloren. Wenn auch der von W. schon 1810 als Jugendarbeit preisgegebene 1. Band dieses Buches, in dem Sage und Geschichte noch nicht scharf geschieden werden, besonders durch Sybel’s im J. 1841 erschienene Arbeit über den ersten Kreuzzug überholt und seitdem veraltet ist, so ringt sich doch schon in den folgenden Bänden der Verfasser mit immer mehr erstarkendem kritischen Sinne zu höherer Klarheit und Sicherheit der Methode durch, sodaß die zweite Hälfte des umfassenden Werkes noch heute als die Grundlage unserer Kenntnisse von jener Zeit gelten kann. Wilken’s eigentliches Verdienst besteht darin, daß er, ausgerüstet mit vielseitigen Kenntnissen, namentlich das Arabische und das Persische völlig beherrschend, durch Hereinziehung auch der morgenländischen Quellen in den Kreis der Forschung die Geschichte jener denkwürdigsten Epoche des Mittelalters auf neue Grundlagen gestellt hat. Seine gründliche Gelehrsamkeit, die Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit seiner Forschung, die, künstlichen Constructionen fernbleibend, alle Angaben quellenmäßig begründet, verbunden mit der Gabe anmuthig-einfacher und klarer Darstellung, die jeden rednerischen Schmuck verschmäht, sicherten ihm in Deutschland für zwei Menschenalter ein überragendes Ansehen und die unbestrittene Herrschaft auf seinem Gebiete. Seine Wirksamkeit als Universitätslehrer, die sich auf fast alle Perioden der Geschichte, auf deren Hülfswissenschaften und die orientalischen Sprachen, sowie auf theologische Disciplinen erstreckte, trat nach seiner mehrmaligen Erkrankung und bei seinem zunehmenden körperlichen Leiden hinter seine bibliothekarische Thätigkeit zurück; auch zog seine nicht sehr ansprechende Lehrart namentlich in dem letzten Jahrzehnt seines öffentlichen Wirkens nur kleine Kreise besonders strebsamer Hörer an, die sich durch den Ernst seiner Forschung und seine eindringende Vertiefung in den Gegenstand derselben für den mangelnden Reiz seiner Vortragsweise entschädigt fanden. Zu diesen gehörten besonders F. W. Barthold, Th. Hirsch, G. Waitz, W. Dönniges, F. Papencordt, Fr. Riedel u. A.

[241] Für die Leitung der Bibliothek, um die er sich nicht bloß durch Abfassung ihrer Geschichte verdient gemacht hat, ließen ihn seine ausgebreitete Gelehrsamkeit und seine Kenntniß alter und neuer, morgen- und abendländischer Sprachen und Litteraturen, sowie ein gewisser praktischer Verwaltungssinn geeignet erscheinen. Früher sehr umgänglich und gesellig, mit vielen hervorragenden Persönlichkeiten Berlins, wie W. und A. v. Humboldt, Buttmann und Böckh, Hegel und Schleiermacher, Ideler und J. Schulze, Lachmann, Gerhardt u. A. näher befreundet, mit allen bekannt, sah er sich im letzten Jahrzehnt seines Lebens durch sein körperliches Leiden auf wenige gesellschaftliche Beziehungen beschränkt und fand, täglich auf eigne Weiterbildung bedacht, sein Glück immer mehr nur im Schoße seiner Familie und in wissenschaftlicher Thätigkeit. In religiöser Beziehung im allgemeinen der Schleiermacherschen Richtung zugethan, ließ er seine religiösen wie seine politischen Ueberzeugungen niemals besonders hervortreten. – Von seinen Töchtern heirathete die älteste den Philologen Moritz Pinder (s. A. D. B. XXVI, 149), die jüngere einen Regierungsrath Dr. med. v. Pochhammer; nachdem sein älterer Sohn Geheimrath Friedrich Franz W. kinderlos verstorben ist, lebt sein Name nur noch in der Familie seines jüngeren Sohnes Sulpiz W. fort. Seine Gattin folgte ihm 1842 in den Tod.

Vgl. über ihn A. Stoll, Der Geschichtsschreiber Friedrich Wilken, in den Programmen des Kgl. Friedrichsgymnasiums zu Cassel von 1894–96, auch in Buchausgabe erschienen daselbst 1896. Letztere enthält neben Porträts von Wilken, seiner Gattin und deren Eltern und Schwester den Nachweis von Litteratur über Wilken (S. 3 u. 215), ein Verzeichniß der Schriften Wilken’s (S. 243–252), je einen Brief J. v. Müller’s, K. L. v. Haller’s und des Freih. vom Stein, und als letzten Anhang Aufzeichnungen seiner Gattin über ihren Vater Joh. Friedr. Aug. Tischbein und ihre eigene Jugendzeit (S. 254 bis 338).

[238] *) In einem mir gehörenden Briefe vom 18. August 1806 theilt Reizenstein bereits Creuzer mit, daß es seinen Bemühungen gelungen sei, verschiedene einflußreiche Persönlichkeiten für die Wiedererlangung der Heidelberger Bibliothek zu interessiren.