ADB:Kohlrausch, Friedrich

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Artikel „Kohlrausch, Friedrich“ von Heinrich Julius Kämmel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 16 (1882), S. 450–452, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kohlrausch,_Friedrich&oldid=- (Version vom 22. Juli 2019, 01:41 Uhr UTC)
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Kohlrausch: Heinrich Friedrich Theodor K., ein um das Schulwesen in Preußen und Hannover hochverdienter Mann, geb. den 5. November 1780 in Landolfshausen bei Göttingen, † den 30. Januar 1865 in Hannover. Schon im dritten Lebensjahre des Vaters beraubt, eines durch eifriges, aufopferndes Wirken ausgezeichneten evangelischen Pfarrers, blieb er mit einer Schwester zunächst unter der Obhut der Mutter in ländlicher Einsamkeit, kam aber 1789 mit den Seinigen nach Hannover, wo er in der sogenannten Hofschule schnell erfreuliche Fortschritte machte, bald auch als Privatlehrer sich versuchte und durch mannigfache Familienverbindungen zugleich äußerlich eine sichere Haltung gewann. Im J. 1799 zur Universität Göttingen übergegangen, wandte er sich besonders theologischen Studien zu, hörte aber auch Geschichte bei Heeren, Mathematik bei Thibaut und selbst Physik und Naturgeschichte blieben ihm nicht fremd. Stärkere Anregungen indeß empfing er nicht; selbst bei Heyne hat er fast gar nichts gehört. Nachdem er dann in Hannover sein erstes und einziges theologisches Examen bestanden hatte, kam er im Frühjahr 1802 als Hauslehrer nach Holstein in die gräfliche Familie Baudissin, mit welcher er die erste Zeit auf dem einsamen Schlosse Rantzau bei Plön, dann aber, zunächst während des Winters 1804–5 in dem vielgestaltigen Leben zu Berlin zubrachte. Er wurde hier durch Fichte’s Vorlesungen, bald auch durch persönlichen Umgang mit diesem charaktervollen Manne für ernstes Studium der Philosophie gewonnen. Aber er hörte auch die Vorträge von A. W. Schlegel und Gall und kam in Hufeland’s Hause noch mit anderen bedeutenden Männern in Verbindung; einst hatte er Gelegenheit, die Königin Luise und die Frau v. Staël bei einem Kinderballe nebeneinander zu sehen. Das fortdauernde Wirken in der Familie Baudissin führte ihn dann auch nach Kiel und Kopenhagen. Später seinem älteren Zögling, dem talentvollen Grafen Wolf Baudissin, dem nachmaligen Shakespeare-Uebersetzer, als Führer beigegeben, sah er im Herbst 1806 Göttingen wieder, wo er Collegien über Geschichte und Statistik, Staatsrecht und Finanzkunde, Litteraturkunde und Jurisprudenz hörte, aber bereits auch die Geliebte seines Herzens heimführte. Nachdem er ein zweites Mal Kopenhagen besucht hatte, begleitete er den jungen Grafen im Mai 1808 nach Heidelberg. wo Heinrich Voß und sein Vater ihm freundlich entgegenkamen, machte von dort aus eine genußreiche Schweizerreise und kam hierauf im October 1808 zum dritten Male nach dem inzwischen unter Fremdherrschaft gerathenen Göttingen, wo Herbart, besonders in seiner pädagogischen Gesellschaft, größeren Einfluß auf ihn gewann. [451] In Folge dieser Anregungen und durch eine directe Aufforderung Niemeyer’s bestimmt, schrieb er damals seine „Geschichten und Lehren des Alten und Neuen Testaments für Schulen“ (29. Aufl. Halle 1880), wogegen er den Plan, nach der Utopia des Thomas Morus über die beste Gestaltung der öffentlichen Verhältnisse eine besondere Schrift (unter dem Titel „Kosmos“) abzufassen, unausgeführt ließ. Aber schon war von Barmen an ihn die Einladung ergangen, dort eine Unterrichts- und Erziehungsanstalt zu begründen, und nach einem in Begleitung des Grafen Baudissin zu Pfingsten 1809 gemachten Besuche in Weimar, wo er mit Goethe und Wieland verkehrte, eröffnete er im Frühjahre 1810 seine schulmännische Thätigkeit. In Barmen blieb er bis zum Februar 1814. Er hatte Knaben und Mädchen der reichen Kauf- und Fabrikherren zu unterrichten oder unterrichten zu lassen; konnte aber vor der Hand nicht daran denken, die Ideen, welche er bei Herbart aufgenommen hatte, zu verwirklichen. Dafür schrieb er in jenen Jahren seinen „Chronologischen Abriß der Weltgeschichte“ (11. Aufl., Leipzig 1837), das „Handbuch für Lehrer höherer Schulen beim Gebrauch der Geschichte“ (Halle 1811, dritte Aufl. 1820), die „Anleitung für Volksschullehrer“ (vierte Aufl., Halle 1837). Nebenbei stärkte er sich in einer platonischen Gesellschaft, zu welcher er mit Freunden zusammengetreten war. Und unter den gewaltigen Wandelungen jener Jahre erhob sich sein Herz: hatte er noch 1811 zu Düsseldorf den Kaiser Napoleon unter glänzenden Festen gesehen, so war er zwei Jahre später in Barmen Zeuge der schmählichen Flucht des Königs Jerome. In solcher Erhebung schrieb er seine „Reden über Deutschlands Zukunft“, bei denen er ohne Zweifel Fichte’s berühmte Reden an die deutsche Nation vor Augen hatte. Ein wesentlich anderer Wirkungskreis eröffnete sich ihm, als er in den Anfängen des J. 1814 nach Düsseldorf gekommen war, um unter der Leitung seines Freundes Kortüm[WS 1] das von den Franzosen versäumte Lyceum wieder aufrichten zu helfen. Aus seinem Unterrichte ging damals die „Deutsche Geschichte“ hervor, die zuerst Elberfeld 1816 erschien, bereits 1818 die dritte Auflage erlebte (16. Aufl. Leipzig 1875), ein Buch, das zumal in seinen letzten Abschnitten die edelste patriotische Erhebung kund gab. Im Anschluß daran standen „Kurze Darstellung der deutschen Geschichte“ und „Bemerkungen über die Stufenfolge des historischen Unterrichts“ (Halle 1818). Es war kein Wunder, daß er jetzt auch durch das Vertrauen des Generalgouverneurs Gruner einem Schulrathe beigesellt wurde, der das Volksschulwesen des früheren Großherzogthums Berg in neue Ordnung bringen sollte. In solcher Thätigkeit gewann er die Kraft zu Größerem. Kaum hatte er einen Ruf nach Mainz abgelehnt, als er aufgefordert wurde, in Münster die Oberleitung des höheren Schulwesens der Provinz Westfalen zu übernehmen. Es waren besonders schwierige Aufgaben, die er hier zu lösen hatte. Zwölf Jahre vielseitiger, mühevoller Arbeit (1818–30) folgten. Als Protestant hatte er auch katholische Schulen unter sich und sah dabei die Vorboten confessioneller Kämpfe heranziehen. Dabei war vieles umzuformen oder fester zu begründen, wie er denn (1829) zwei neue katholische Gymnasien – in Crefeld[1] und Recklingshausen – einzurichten hatte. Seine Inspectionsreisen erwarben ihm allgemeine Anerkennung und durch mancherlei Einrichtungen, z. B. der Directorenconferenzen, gab er weithin belebende und fördernde Anregungen. Um so seltsamer konnte es erscheinen, und es erklärt sich auch nur aus dem trüben Geiste jener Restaurationszeit, daß der tüchtige Mann wegen einzelner Stellen seiner deutschen Geschichte das Mißtrauen der überall nach Demagogen Spähenden auf sich lenkte und erst eine Reise nach Berlin im Sommer 1827 ihm die Möglichkeit voller Rechtfertigung gab. Aber im J. 1830 wurde er, unter Vermittelung seines Freundes Abeken in Osnabrück, nach Hannover berufen, wo er den Vorsitz in [452] dem neuerrichteten Oberschulcollegium zu übernehmen hatte. Es war ihm damit eine noch schwierigere und weiter verzweigte Aufgabe zugefallen. Er fand in den höheren Schulen seines Heimathlandes Zustände vor, die unter ganz verschiedenen Verhältnissen sich gebildet hatten und jetzt nach umfassenden Gesichtspunkten in lebendigen Zusammenhang und feste Uebereinstimmung gebracht werden sollten; er hatte auch bedenkliche Wirren, wie in Ilfeld, zu beseitigen und manche auseinander strebende Kräfte nach und nach auf dieselben Ziele entschiedener hinzuleiten. Während er nun die Einsetzung einer wissenschaftlichen Prüfungscommission erwirkte, suchte er einheitliche Gestaltung auch durch Begründung eines pädagogischen Seminars und durch Anordnung von Maturitätsprüfungen herbeizuführen. Aber vielfach strebte er das Bessere auch langsamer durch Einzelverordnungen zu erreichen. Dabei gaben ihm auch in Hannover zahlreiche Inspectionsreisen die mannigfachste Gelegenheit, Einsicht in die besonderen Zustände und Bedürfnisse der Gymnasien zu gewinnen, wie sie ihm auch den fruchtbarsten persönlichen Verkehr möglich machten. In kleineren Städten half er dem Realunterrichte zu kräftiger Entwickelung, indem er humanistischen und realistischen Unterricht auf gemeinsamer Grundlage in parallelen Classen sich aufbauen ließ, was dann auch in Sachsen Nachahmung gefunden hat. Das Revolutionsjahr 1848 brachte dem Lande die Erschütterungen nicht, welche anderwärts auch für das Schulwesen so umfassende Reformbestrebungen in Bewegung setzten. K. fand gleich anfangs die Mittel, finanzielle Verbesserungen für den Realunterricht, Erhöhung der Lehrergehalte und der Pensionsfonds, wie Aufbesserungen im Turnwesen zu erlangen; er hatte dann im Herbste des unruhvollen Jahres die Genugthuung, eine stark besuchte Lehrerversammlung in Hannover mit Tact und Mäßigung berathen zu sehen, und im December folgte dann eine Conferenz von Vertretern des Volksschulwesens, die besonders mit der Einrichtung der Schullehrerseminarien sich zu beschäftigen hatte und auch nicht ohne Frucht blieb. Andere wohlthätige Anordnungen folgten. Im J. 1855 hatte K. die Freude, das 25jährige Jubiläum des Oberschulcollegiums, wobei ihm eine besondere Auszeichnung zu Theil wurde, mit feiern zu können. Was in dieser Zeit geschaffen worden war, hat er in einer lehrreichen Schrift: „Das höhere Schulwesen des Königreichs Hannover seit seiner Organisation im Jahre 1830“ (Hannover 1855) zusammengefaßt. Vgl. dazu die treffliche Darstellung von Geffers in Schmids Encyklopädie des Erziehungs- und Unterrichtswesens, Bd. III. 281 ff. Wie er auch für die Gewerbschulen des Landes thätig gewesen ist, kann hier nur angedeutet werden. Auch seiner Theilnahme an den Bestrebungen des historischen Vereins für Niedersachsen, – er sah auch eine großartige Sammlung germanischer Alterthümer entstehen – seiner Mitwirkung bei der Herausgabe des von Perthes unternommenen, aber vielleicht zu groß angelegten Werkes „Bildnisse der deutschen Könige und Kaiser“ (1846, in Heften und nicht vollendet), der Biographie von K. Wilh. Kortüm (Berlin 1860) gedenken wir nur noch, um erkennen zu lassen, daß auch der alternde Mann, der im häuslichen Kreise schwere Heimsuchungen erfuhr, sich geistig frisch erhielt. Zur Unterstützung im amtlichen Berufe stand ihm übrigens seit dem Anfange des J. 1849 der Schulrath Schmalfuß an der Seite. Was er gewesen ist in Gesinnung und Streben, wie Großes er für weite Kreise ausgerichtet hat, das hat er selbst noch als Greis dargestellt in den „Erinnerungen aus meinem Leben“ (Hannover 1863). Ueber seinen Aufenthalt im Baudissin’schen Hause berichtet G. Freytag in „Wolf Graf Baudissin, ein Gedenkbuch für seine Freunde. Als Manuscript gedruckt, 1880“, S. 7 ff.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 451. Z. 10 v. u. l.: Coesfeld (st. Crefeld). [Bd. 17, S. 796]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Karl Wilhelm Kortüm (1787–1859), Regierungsschulrat in Düsseldorf.