ADB:Haanen, Rémy van

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Artikel „Haanen, Remy van“ von Árpád Győry von Nádudvar in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 49 (1904), S. 688–689, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Haanen,_R%C3%A9my_van&oldid=- (Version vom 20. November 2019, 03:44 Uhr UTC)
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Haanen: Remy (Remigius) van H., geboren am 5. Januar 1812 zu Oosterhaut in Nordbrabant, † zu Aussee in Steiermark am 12. August 1894. Es war eine echte, rechte Künstlerfamilie, in welcher Remy als jüngstes Kind zur Welt kam. Der Vater, ein bedeutender Kenner von Gemälden und ausübender Künstler hatte seinen Kindern den göttlichen Funken der Kunst vererbt. Sein älterer Sohn Georg Gillis, geboren 1807 zu Utrecht, † zu Wien, war schon in jungen Jahren durch seine Waldlandschaften, Nachtstücke und architektonischen Bilder ebenso berühmt geworden, wie die beiden Töchter Elisabeth verehel. Kiers und Adrienne, welch’ erstere sich durch ihre Genrebilder und ihre seltene Kunst im Silhouettenschneiden, die letztere aber als Blumen- und Früchtenmalerin weithin geachtete Namen gemacht hatten. Beim jüngsten Kinde Remy schien es anfänglich, als wollte die Fami1ientradition nicht zum Durchbruche kommen. Ungern nur führte der Junge den Pinsel und noch mehr schrak die Hand vor dem Meißel zurück. So veranlagt, schickte der Vater den Sechzehnjährigen nach Hilversum, einem Dorfe zwischen Utrecht und Amsterdam, zum Thiermaler Jan van Ravenszwang. Der Einfluß dieses Meisters wie die Umgebung talentvoller Mitschüler, besonders des später so berühmten Landschafters Koekkoek, brachen auf einmal den Bann der Schaffensunlust, und sie wirkten zugleich bestimmend auf die ganze spätere Richtung van Haanen’s. Nach fünf Jahren intensivsten Lernens und Arbeitens in dem kleinen holländischen Dorfe konnte van H. wohlgemuth als Sehender auf die Wanderschaft gehen. Noch bringt er eine Hälfte des Jahres 1834 bei seinen Eltern in Amsterdam zu, dann gehts aber in die Fremde, zunächst an den Rhein, dann mit Ravenszwang nach der Schweiz, Ende 1835 ist er in Frankfurt, 1836 in Stuttgart und München und im Herbst 1837 endlich trifft er in Wien ein, anfangs nur zu vorübergehendem Aufenthalte, in der That aber für die Zeit seines Lebens. Die Donaustadt ließ ihn nun nicht mehr von sich, so oft er auch später auf seinen vielen Reisen – fast bis zu seinem Tode aus ihr flüchten wollte. Wir sehen H. auf Studienreisen nach Frankreich, nach Deutschland und nach Norditalien, wo er das neue Genre seiner Schneelandschaften einbürgerte. Ueberall hatte das Ungewohnte großen Erfolg. Die Galerien erwarben eine nach der anderen die neuartigen Werke des jungen Künstlers. Auch äußere Anerkennung und Ehren blieben nicht aus. Die Akademie di Brera in Mailand ernannte H. im Jahre 1844 zu ihrem Mitgliede; ihrem Beispiele folgte bald die Akademie zu Venedig, im nächsten Jahre [689] die kgl. Malerakademie seines Heimathlandes in Amsterdam, und Sommer 1846 verlieh ihm sein König Wilhelm II. der Niederlande den Orden der Eichenkrone. Die Akademie zu St. Petersburg nahm ihn unter ihre Mitglieder auf, als er 1852 für längere Zeit dahin kam und sein zweimaliger Aufenthalt in London in den Jahren 1866 und 1867 konnte ihn überzeugen, daß die warme Aufnahme, die dem Künstler in allen kunstbegeisterten Kreisen an der Themse bereitet wurde und die durch den Ankauf einer Sammlung seiner Radirungen für das British Museum auch reellen Ausdruck bekam, ebenso aufrichtig gemeint war, als alle früheren Sympathiebezeigungen der Kunstfreunde anderer Länder. In Wien selbst hatte sich H., von seiner künstlerisch schaffenden Thätigkeit ganz abgesehen, ein nie zu vergessendes Verdienst erworben durch hervorragende Antheilnahme an der Begründung des österreichischen Kunstvereins in Wien, des ersten Institutes in Oesterreich, welches den darstellenden Künstlern stetig wiederkehrende Gelegenheit bot, ihre Bilder dem Publicum zur Besichtigung zugänglich zu machen. Er widmete denn auch diesem Kinde seiner Schöpfung durch lange Zeit seine werkthätigste Unterstützung. Seine Studien in Ungarn, speciell im Bakonyer Walde, denen wir so reizende Landschaftsgemälde in den Wiener Privatgalerien verdanken, brachten ihn auch nach Budapest, wohin Fürst Esterházy ihn berufen hatte, um dessen Galerie zu ordnen und zu katalogisiren, jene erste Galerie der ungarischen Hauptstadt, welche der hochherzige Sinn des Fürsten als Grundlage für die ferneren Kunstbestrebungen des Landes dem Gemeinwesen um eine geringe Kaufsumme überlassen hatte. Künstler und Kunstkenner von feinstem Empfinden und tiefen Kenntnissen, war H. der stete Berather nicht allein der Kunstliebhaber Wiens, auch das Ausland erholte sich bei ihm in zweifelhaften Fällen Rath bei Bestimmung von Bildern. Ein gütiges, neidloses Geschick hatte es ihm wie nur wenigen Menschen vergönnt, bis ans Ende seiner Tage der ungeschmälerten Schaffens und auch Sehkraft sich zu erfreuen. Es hat ihm aber auch vergönnt, in seinem zweitgeborenen Sohne Cecil, der ihm aus seiner am 26. März 1842 zu Wien mit Emilie Mayer von Alsó-Rußbach geschlossenen Ehe geboren ward, den heiligen Funken der Kunst fortleuchten zu sehen, und er konnte sich noch voll an dessen künstlerischen Erfolgen erfreuen.

van H. repräsentirt für die Zeit der 40er und 50er Jahre dieses Jahrhunderts in der Kunstwelt Mitteleuropas ein Genre der Malerei für sich. Ungekannt war vor ihm die so unglaublich natürliche Wiedergabe der Landschaft, vor allem aber der Luft in derselben; man möchte sagen, er male den Hauch selbst. Die Virtuosität der Technik in der zartesten Ausführung verblüffte und rief allgemeine Bewunderung hervor. Und hierin war er originär. Ungekannt war aber vor ihm auch die Wahl des Stoffes, den er malte, der Winterlandschaften, also gerade jene Luftstimmungen, wo seine Maltechnik zum vollgültigsten Ausdruck gelangen konnte. Und hierin folgte er mit klugem Sinne dem Beispiele seiner Lehrer und Landsleute, besonders dem im Süden damals wenig gekannten Meister Schelfout. Diese Eigenart seiner Kunst und seiner Sujets mag aber auch Schuld gewesen sein, daß er bei aller Virtuosität stets nur sich malte und entfernt von dem Boden, wo er schauen und malen gelernt, der Kunst keine neuen Seiten abzulauschen verstand. Es ist nur natürlich, daß ein so treffliches Auge und eine so sichere Hand auch die Radirnadel mit Meisterschaft zu führen wußte. So streiten denn auch die Radirungen van Haanen’s, meist Reproductionen seiner eigenen Bilder, mit den Originalen um die Palme der Anerkennung. H. war ein ganzer, wahrer Künstler, und nennt man die besten zur Zeit seines Schaffens, so ist er mitten unter ihnen.