ADB:Haarmann, Friedrich Ludwig

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Artikel „Haarmann, Friedrich Ludwig“ von Paul Zimmermann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 49 (1904), S. 690–692, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Haarmann,_Friedrich_Ludwig&oldid=- (Version vom 17. September 2019, 13:43 Uhr UTC)
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Haarmann: Friedrich Ludwig H., Baumeister, † am 26. Juli 1864, wurde am 25. April 1798 in Holzminden geboren. Sein Vater Joh. Christoph H. hatte hier bis zum Jahre 1813 als Oberförster gestanden, war aber nach dem Sturze des westfälischen Königthums nicht sogleich wieder zur Anstellung gekommen. Er begründete daher 1814 in Holzminden eine Steingutfabrik, die später in eine Topffabrik verwandelt wurde; 1817 wurde er dann in demselben Orte als Kammerbaumeister wieder angestellt († am 9. April 1842). Er war seit dem 5. März 1797 mit Johanna Friederike Auguste Klingemann, der Tochter eines Kaufmanns aus Stadtoldendorf, verheirathet, die am 15. December 1857 zu Holzminden gestorben ist. Friedr. Ludwig war das erste Kind dieser Ehe. Er besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und bezog 1816 die Universität Göttingen, wo er im Hinblick auf die Fabrikanlage seines Vaters, Chemie, Mineralogie usw., daneben aber, da er auch das Baufach ins Auge faßte, Mathematik, praktische Geometrie, Technologie u. a. studirte. Als der Vater schon im folgenden Jahre wieder in den Staatsdienst trat, war er genöthigt, die Fabrikgeschäfte ganz zu übernehmen. Doch nur auf kurze Zeit; er konnte sie bald jüngeren Geschwistern überlassen, da innere Neigung ihn zur Baukunst zog. Auf seinen Wunsch, bei einem Zweige des Baufaches zu seiner Ausbildung Anstellung zu finden, wurde er als Volontär dem Kammerrath Krahe in Braunschweig beigegeben, einem sehr tüchtigen Architekten, an dessen Anleitung und Anregung er später stets mit Dankbarkeit gedacht hat. Zwischendurch wurde er auch beim Neubau der Holzmindener Straße, in Wolfenbüttel bei städtischen Bauten, der Demolition der Festungswerke u. a. beschäftigt. Seit April 1821 erhielt er eine jährliche Remuneration, unterm 3. Februar 1824 wurde er als Kammer-Bau-Conducteur in Braunschweig angestellt, aber schon zum 1. September d. J. nach Holzminden versetzt, um unter Aufsicht seines Vaters den Bau der dortigen Kloster- und Stadtschule auszuführen. Er blieb auch die folgenden Jahre zur Unterstützung seines Vaters hier in Holzminden und übernahm nach dessen Pensionirung zum 1. Januar 1835 als Kreisbaumeister selbständig die Bauverwaltung des Weserkreises, die er zu allgemeiner Zufriedenheit ausführte, wenigstens im Sinne jener verhältnißmäßig armen und nüchternen Zeit, die wesentlich nur den praktischen Bedürfnissen zweckmäßig genügen wollte, in den Anforderungen an künstlerische Aufgaben und kunstgeschichtliche Ziele, in den Ansprüchen an Erhaltung geschichtlicher Bau- und Kunstdenkmäler noch recht bescheiden war. So hatte H. kein Bedenken, das romanische Langhaus der Amelunxborner Klosterkirche in ein Stallgebäude umzugestalten, ein Plan, der dann glücklicher Weise doch nicht zur Ausführung kam.

Zeigte sich hier H. als Kind seiner Zeit, so wies er ihr auf einem anderen Gebiete, auf dem seine Hauptbedeutung liegt, in Wahrheit neue Wege. Er rief die erste Baugewerkschule in Deutschland ins Leben und ist hierdurch für das baugewerbliche Unterrichtswesen geradezu bahnbrechend geworden. Die eigenen Lebenserfahrungen führten ihn dazu; die Anstalt erwuchs ganz den bestehenden Bedürfnissen. Nach der modificirten Gewerbe- und Gilde-Ordnung vom 29. October 1821 war eine Meisterprüfung für die Bauhandwerker vorgeschrieben. Als H. an deren Abhaltung theilnehmen mußte, lernte er den niedrigen Bildungsstand dieser Kreise kennen. Er fand hier nur die Kenntniß praktischer, auf dem Bauplatze erlernter Handgriffe, kein zusammenhängendes Wissen; die allereinfachsten Forderungen waren für diese Leute zu hoch gegriffen. Er begann damit, den nicht bestandenen Bauhandwerkern Privatunterricht im Zeichnen zu geben, sie in den Anfangsgründen der Mathematik zu unterweisen. 1829 wurde der damalige Bauverwalter Hanemann und zur Nachhülfe [691] in den Elementarkenntnissen der Cand. theol. Apfel herangezogen. Im Winter 1830/31 fand dann mit 7 Schülern einige Monate schon ein einigermaßen geregelter Unterricht statt, der im folgenden Jahre schon mit 15 Schülern fortgesetzt wurde. So entwickelte sich allmählich aus kleinen Anfängen eine ständige Schule für Bauhandwerker. Dabei ging das Bestreben Haarmann’s vor allem dahin, die Denkkraft seiner Schüler zu heben, sie einsichtsvoller und erfinderisch zu machen und das Gefühl für das Schöne in ihnen auszubilden. Da der Unterricht zunächst nur im Winter stattfand, wo die Arbeit ruht und der Bauhandwerker müssige Zeit hat, so hielt es nicht leicht, einen festen Stamm von Lehrern für die Anstalt zu gewinnen und zusammenzuhalten. Auch kam es darauf an, für die meist mittellosen Zöglinge den Unterricht und den Aufenthalt in Holzminden durch einfache Kasernements usw. so wohlfeil wie möglich einzurichten. Dazu die Beschaffung der Lehrräume, der Unterrichtsmittel usw. Es bedurfte des großen Organisationstalentes und der eisernen Willenskraft Haarmann’s, der lebenslang die Seele der Anstalt war und blieb, um aller dieser Schwierigkeiten Herr zu werden, bei deren Ueberwindung er namentlich auf Fürsprache des Kreisdirectors Pockels, seines Jugendfreundes, bei der Landesregierung bereitwillige Unterstützung fand. Auch litterarisch war H. für die Zwecke der Schule thätig. Er verfaßte 1842 einen „Leitfaden zur Veranschlagung der Bauentwürfe“, der 1862 bereits in 4. Auflage erschien, und begründete 1857 die „Zeitschrift für Bauhandwerker“, die er „unter Mitwirkung der Lehrer der Baugewerkschule“ bis zu seinem Tode herausgab. So wuchs und gedieh die Anstalt in erfreulichster Weise. Als sie unter regster Betheiligung am 3. Januar 1857 ihr 25jähriges Bestehen feiern konnte, wurde sie von 4–500 Schülern besucht, denen von 30 Lehrern Unterricht ertheilt wurde. Lange Jahre blieb die Zahl der Schüler noch in stetigem Wachsen; im Winter 1876/77 hat sie gar das erste 1000 überschritten. Die Schule wurde das Vorbild für viele Anstalten an anderen Orten und hat für den gewerblichen Fachunterricht in Deutschland einen kräftigen, nachhaltigen Anstoß gegeben. Die Anerkennung, die H. auch auswärts für seine Bestrebungen fand, ist u. a. auch darin zum Ausdrucke gekommen, daß ihn der Architekten- und Ingenieurverein für das Königreich Hannover 1853 zum correspondirenden Mitgliede ernannte. Da H. neben der Leitung der Baugewerkschule und dem Unterrichte, den er an ihr ertheilte, auch noch seine Dienstgeschäfte als Kreisbaumeister zu versehen hatte, so lag, wenn auch für letztere auf Kosten der Schule eine Aushülfe unterhalten wurde, eine gewaltige Arbeitslast auf ihm. Er suchte seit 1853 gewöhnlich durch eine Reise nach Karlsbad im Sommer Erholung, um für das Wintersemester, das immer die Hauptlehrzeit blieb, neue Kräfte zu sammeln. Der Sommerunterricht wurde 1848 begonnen, 1850 aber wieder aufgegeben, um dann nach mehreren Jahren als bleibende Einrichtung wieder aufgenommen zu werden. Auch das vermehrte natürlich die Geschäfte Haarmann’s. Um ihn zum Vortheil der Schule zu entlasten, wurde er deshalb zum 1. März 1862 von seinen Dienstgeschäften befreit und als Beamter in den Ruhestand versetzt. Nur wenige Jahre sollte er sich dieser Erleichterung erfreuen; schon in der Nacht vom 26. zum 27. Juli 1864 machte ein Schlagfluß seinem Leben ein Ende. Die allgemeine Achtung und Verehrung, die er bei seinen Schülern und in allen anderen Kreisen weit über die Grenzen seines Wohnorts hinaus sich erworben hatte, kam bei seinem Leichenbegängnisse, später durch das Standbild zu sichtbarem Ausdrucke, das am 4. Januar 1869 vor der Baugewerkschule errichtet wurde. Verheirathet war H. seit dem 2. August 1825 mit Sophie Luise Henr. Löbbecke, der Tochter des Kaufmannes Joh. Georg Löbbecke in Braunschweig, die schon vor [692] ihm am 5. Mai 1854 in Holzminden gestorben war. Die Leitung seiner noch immer blühenden Schöpfung wurde zunächst von seinem Sohne Gustav, nach dessen Tode († am 23. Februar 1891) von seinem Enkel Ludwig Haarmann fortgesetzt.

Vgl. Liebau, Die Baugewerkschule zu Holzminden (1836). – Zum 50jähr. Jubiläum der Herzogl. Baugewerkschule zu Holzminden (1882.) – Deutsche Reichszeitung vom 10. und 11. Jan. 1857 Nr. 9 und 10, vom 30. Aug. 1864 Nr. 236. – Acten der Herzogl. Baudirection in Braunschweig. – Nachrichten aus der Familie Haarmann’s.