ADB:Haller, Ferdinand

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Artikel „Haller, Nicolaus Ferdinand“ von Otto Beneke in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 10 (1879), S. 436–437, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Haller,_Ferdinand&oldid=- (Version vom 23. Januar 2020, 13:47 Uhr UTC)
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Haller: Nicolaus Ferdinand H., Dr. d. R., Senator und Bürgermeister der freien Hansestadt Hamburg, geb. daselbst am 21. Januar 1805, ein Sohn des angesehenen Kaufmanns Martin Joseph H., eines vielseitig gebildeten und vorzüglich in finanzwissenschaftlichen und handelspolitischen Angelegenheiten häufig zu Rathe gezogenen Mannes. (S. das Hamb. Schriftsteller-Lexicon Bd. III S. 77.) Der in günstigen Verhältnissen aufwachsende Sohn begann schon frühzeitig bei classischen Schul- und rechtswissenschaftlichen Universitätsstudien seine reiche Naturbegabung glücklich zu entwickeln. Nachdem er, 21 Jahre alt, zu Heidelberg im April 1826 nach glänzend bestandener Prüfung Doctor juris geworden, lag er noch für einige Zeit den juristischen Studien in Göttingen ob und ließ sich sodann im April 1827 in seiner Vaterstadt als Advocat nieder, in welcher Eigenschaft er sich bald eine bedeutende Praxis erwarb, namentlich in der Proceßführung vor dem Handelsgerichte, dessen mündliches Verfahren seine natürliche Redegabe in ein günstiges Licht zu stellen geeignet war. In Geschäftssachen ebenso theoretisch durchgebildet wie praktisch gewandt, ein heller Kopf und rascher Arbeiter, – im geselligen Verkehr durch lebhaften Geist und sprudelnden Humor wie durch Herzensgüte und ächte Humanität gleich ausgezeichnet, konnte dem jungen Manne die Achtung und Zuneigung vieler Kreise seiner Mitbürger nicht fehlen. – Eine willkommene Ergänzung und Vertiefung seines Wesens fand er in seiner Gattin Adele geb. Oppenheimer, einer ebenso liebenswürdigen als geistig hochstehenden edeln Frau, deren Name durch des gemeinsamen Freundes Dr. Gabriel Rießer an sie gerichtete Briefe den Lesern seiner Schriften wohlbekannt ist. – H. war zu einem allgemein geachteten Manne herangereift, als er am 10. April 1844 zum Mitgliede des Senats der freien Stadt Hamburg erwählt wurde. Diese Auszeichnung dankbar und freudig anerkennend, widmete er fortan mit liebevollster Hingebung sein Leben und Wirken dem Gemeinwohl seiner Vaterstadt, welche in ihm einen tüchtigen Staatsmann voll praktischer Einsicht und bedeutender Arbeitskraft gewann, dessen Denken, Reden und Handeln ein gewisses Maß von Genialität niemals fehlte. – In den bald darauf beginnenden Verfassungskämpfen war, neben älteren Collegen, auch ihm eine active Theilnahme zugewiesen. Gewiß nicht mit leichtem Herzen opferte er seine auf Kenntniß und Ueberzeugung gegründete Liebe für die alte Verfassung den herandrängenden Forderungen der Neuzeit, welche sein staatsmännischer Scharfblick als unabweisbar erkannte. Doch ging sein Streben gleichzeitig dahin, bewährte alte Einrichtungen vor radikaler Umgestaltung zu retten und sie der neuen Ordnung der Dinge einzupassen. – Nach Einführung derselben trat H. im J. 1860 an die Spitze der hamburgischen Finanzverwaltung, die er mit seltenem Geschick [437] reorganisirte und bis zu Ende seiner amtlichen Laufbahn unter allgemeiner Anerkennung seines verdienstvollen Wirkens mit glücklichstem Erfolge leitete. – Die nach gegenwärtiger Verfassung Hamburgs jährlich wechselnde Bürgermeisterwürde, mit welcher das Präsidium im Senate verbunden ist, bekleidete H. seit 1863 neun Mal, und zwar sechs Mal als erster Präsident, und bewies auch für diese schwierige Stellung eine ungewöhnliche Befähigung. – Auf dem vom Kaiser von Oesterreich berufenen deutschen Fürstentage zu Frankfurt a./M. im J. 1863, zu welchem auch die präsidirenden Bürgermeister der freien Städte geladen waren, vertrat H. den Bundesstaat Hamburg. Es ist zu bedauern, daß er (der überhaupt zu litterarischer Production niemals Muße gefunden, obschon das Talent auch hierfür reichlich bei ihm vorhanden) seine Erlebnisse und Beobachtungen auf diesem interessanten, wenn auch erfolglos gebliebenen Congreß nicht niedergeschrieben, oder nicht veröffentlicht hat, – sie würden vielleicht den kurzen Aufzeichnungen seines bremischen Collegen mehrfach zur Ergänzung dienen, auch wol hier und da die aus einem anderen Gesichtspunkte aufgefaßten Dinge in einem anderen Lichte erscheinen lassen. – In den letzten Lebensjahren erfuhr H. viele schwere Prüfungen und neben dem Verluste seiner Gattin auch eigene körperliche Leiden schmerzhaftester Art. Zeitweise durch Gicht völlig gelähmt, verließ ihn indessen auch auf dem Krankenlager niemals die ihm angeborene Frische seines regen Geistes. Vom Bette aus hielt er Vorträge, ertheilte Rathschläge, dictirte Denkschriften und ließ in einsamen Stunden seinen selten schlummernden Humor in witzigen Epigrammen und heiteren Scherzgedichten aussprudeln, die er dann wol den besuchenden Freunden lächelnd recitirte. Sobald er sich jedoch von seines Uebels Unheilbarkeit überzeugt hatte, bat er, jüngeren Kräften willig weichend, um Entlassung von seinem länger als 30 Jahre mit Eifer und Freudigkeit geführten Amte. Nur mit aufrichtigem Bedauern gab der Senat diesem Wunsche nach und sprach am 30. Juni 1876 in ehrenvollster Weise mit dem Ausdruck tiefgefühlten herzlichen Dankes für die dem Staate geleisteten ausgezeichneten Dienste Haller’s Emeritirung aus. – Schon vier Monate später, am 31. October 1876, erfolgte sein Tod.