ADB:Hessel, Peter

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Artikel „Hessel, Peter“ von Otto Beneke in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 308–311, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hessel,_Peter&oldid=- (Version vom 21. Januar 2020, 20:03 Uhr UTC)
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Hessel: Peter, genannt Petrus Hesselius, Prediger in Hamburg, geb. daselbst den 15. Decbr. 1639. Der kurze Lebenslauf dieses in schlichter Hülle einen edeln Kern bergenden Mannes ist bald erzählt. Von gottesfürchtigen Eltern geringen Standes sorgfältig erzogen, folgte er, trotz entgegenstehender Hindernisse aller Art, seinem unwiderstehlichen Zuge zur Theologie, wie zu allen ihm erreichbaren Wissenschaften. Unter Mangel und Entbehrung studirte er von 1662–64 zu Gießen, von wo er mit dem Magistergrade in seine Vaterstadt heimkehrte und hier, zunächst als Candidat des Predigtamtes einige Jahre lehrend und lernend lebte. Am 16. Februar 1671 zum Prediger am s. g. Pesthofe vor Hamburg erwählt, bald darauf verheirathet und Familienvater geworden, starb er, 38 Jahre alt, am 26. Decbr. 1677. – Desto gehaltvoller gestaltete sich innerlich dieser Lebenslauf. Schwer ists zu sagen, was am stärksten in ihm entwickelt war, sein geistiges Streben oder sein Gemüth, seine Belesenheit oder seine Barmherzigkeit! Ein sattelfester Theolog und schon als Candidat ein beliebter Kanzelredner, hatte er daneben auch auf den Gebieten der Geschichte, Länder- und Völkerkunde u. s. w. sich treffliche Kenntnisse erworben, und niemals rastete sein Trieb, sich noch weiter auszubilden. Er vermehrte seinen Bücherschatz [309] mit seltenen Druckwerken und Manuscripten, und sammelte Material für ganze Serien theils theologischer, theils historischer Schriften, von welchen aber in der kurzen Zeit seines Erdenwallens nur wenige vollendet und erschienen sind. Auch die schönen Künste liebte er, und war unter dem Beinamen „der Fließende“ Mitglied der s. g. Lilienzunft der bekannten Dichtergesellschaft Philipp v. Zesens. – Und gleichzeitig gab er sich liebreichsten Herzens einer umfassenden Armen- und Krankenpflege hin, wie sie damals in Hamburg etwas Unerhörtes gewesen sein muß, da sein freiwilliges Wirken im Dienste der christlichen Liebe vielfach als ein unberufenes verkannt wurde und ihm manche Widersacher erweckte. Er aber blieb unbeirrt und that was er nicht lassen konnte, in leiblicher wie geistlicher Hinsicht unermüdet sorgend für Arme und Kranke, so daß man ihn wohl einen Vorläufer der innern Mission nennen kann. So kam es, daß M. Hesselius von allen Predigtämtern Hamburgs grade das allerbescheidenste, mühseligste, entsagungsvollste, das eines Seelsorgers und Trösters an einem Lazareth für ansteckende Krankheiten und Seuchen der schlimmsten Art, mit Freuden übernahm, und, binnen 6 Jahren 5 Vocationen zu besseren Stellen ausschlagend, seiner armen Gemeinde kranker und sterbender Mitmenschen treu blieb bis an seines Lebens Ende. Und noch weit über diesen Berufskreis hinaus, besuchte er tröstend und Noth lindernd die seine Hülfe ansprechenden Armen und Kranken in allen Kirchspielen der Stadt. Täglich stundenlang weilte er an den Kranken- und Sterbebetten des Hospitals; fünfmal wöchentlich hatte er zu predigen; vielmals wurde er in die Stadt berufen zu seinen dortigen Pfleglingen, – und daneben arbeitete er dann in nächtlichen Stunden an seinen in Vorbereitung begriffenen Schriften, zeichnete Hamburgische Geschichten auf, die er unter dem Titel „Hamburgischer Palmbaum“ herauszugeben gedachte, und brachte wirklich einige seiner Werke fertig. Zunächst (1675) den ersten der beabsichtigten 5 Theile seiner „herzfließenden Betrachtungen vom Elbestrom“, ein freilich in einer unserm heutigen Geschmack nicht entsprechenden Darstellungsweise geschriebenes, treuherziges Buch, das auf jeder Seite die außerordentliche Belesenheit des Verfassers bezeugt, wie nicht minder seinen das Ganze durchdringenden frommen Sinn, der jede der erzählten naturgeschichtlichen, topographischen oder historischen Merkwürdigkeiten als Liebesthaten Gottes darstellt, jedem Ereigniß eine beschauliche, und selbst den gewerblichen Eigenthümlichkeiten der Elbanwohner eine erbauliche Seite abzugewinnen weiß. Manche der von ihm mitgetheilten Begebenheiten, sowie einige der beigegebenen Kupferstiche sind auch von Wichtigkeit für die Hamburger Localgeschichte, weshalb die Nichtvollendung der übrigen 4 Theile zu bedauern ist. Neben diesem Werke offenbart sein im Jahre 1676 gedrucktes Buch „Sancta Amatoria“ (nach dem Gespräch Jesu Christi mit Petrus, Ev. Joh. 21, 15–17) die ganze Fülle der gläubigen Christusverehrung, die ihn beseelte und das Motiv seines Wirkens war. Auch bei diesen „geistlichen Liebesgedanken“ darf man der Form kein zu großes Gewicht beilegen. – Erklärlich ists, daß dieser Mann Gottes bei seinen Zeitgenossen in allgemeinster Hochachtung stand, namentlich in den geringeren Volkskreisen. Dennoch hatte er manches zu leiden von seinen höher gestellten Amtsbrüdern. Auf der hierarchischen Stufenleiter stand der vorstädtische Lazareth-Prediger ganz unten an, und rangirte kaum als Landgeistlicher, mit dem Jene keine collegialische Gemeinschaft hielten. Er hatte im Ministerium weder Sitz noch Stimme, und durfte nicht einmal die volle Amtstracht anlegen, sondern mußte im schlichten schwarzen Mantel ohne den priesterlichen Kragen der Ministerialen durchs Leben pilgern. Die damalige Sitte, zu Leichenbegängnissen die Würdenträger der Stadt einzuladen und mit einem Gratial zu begaben, gab für Hesselius manchen Anlaß zu Kränkungen. Denn in der Procession [310] wollten weder die Stadt-Geistlichen, noch die Licentiaten, noch die Schulcollegen ihn unter sich dulden, so daß er an letzter Stelle, zu den exulirten Predigern (deren damals viele in Hamburg ein Asyl gesucht hatten) sich halten mußte. Solche Kränkungen wie andere empfand er als ein Mensch und trug sie als ein Christ. Seine Friedfertigkeit überwand noch viel Verletzenderes, als äußerliche Zurücksetzung. Es ist schon erwähnt, daß die freiwillige Armen- und Krankenpflege unseres barmherzigen Samariters von einigen Priester- und Levitenseelen unter den Stadt-Geistlichen als unbefugtes Uebergreifen verkannt wurde; es muß hinzugefügt werden, daß auch sein freigebiges Mittheilen der geringen ihm beschiedenen Habe, sein völliger Verzicht auf den Beichtpfennig zum Besten des Pesthofes, als geheuchelte Heiligkeit verlästert wurde. – Dies nur auf geringe feste Einnahmen angewiesene Institut erfreute sich in Folge der Sorgen und Mühen seines Geistlichen einer wachsenden Blüthe, so daß es den Pfleglingen mehr als das Nothwendigste bieten konnte. Seine warmherzigen Predigten in der Lazarethkirche versammelten stets viele Zuhörer aus der Stadt, die dann dem Gotteskasten reichliche Spenden einlegten. Und wo Hesselius milde Seelen vermuthete, da bat er um Liebesgaben für sein Hospital. Freilich erfuhr er auch Abweisungen, die ihm die Klage auspreßten: „Geld, Geld ist die Seele der Welt! So lange die im Menschen steckt, ist er engelrein, aber ist sie von ihm geschieden, so kennt ihn kein Jude mehr!“ Aber doch konnte er so namhafte Summen den Vorstehern abliefern, daß ein neues Gebäude zu besserer Verpflegung der Patienten erbaut und eingerichtet wurde. Größeres noch brachte er durch seine geistliche Pflege zu Stande. Seitdem er im Pesthofe waltete, verstummte das laute Wehklagen, Hadern und Zanken, Noth- und Angstgeschrei der Unglücklichen, statt dessen man ergebungsvolle Gebete und trostreiche Gesänge vernahm, und ein geduldiger Geist alle Leidesgefährten beseelte. – Den ersten Keim seines frühen Todes verschuldeten wohl die heftigen Gemüths-Erschütterungen gelegentlich einer militairischen Execution im Nov. 1676, welcher er, als erbetener Tröster der zum Tode durch Pulver und Blei verurtheilten vier Delinquenten, beiwohnen mußte. Den Hergang dieses Trauerspiels schildert eine Erzählung im Hamburger gemeinnützigen Almanach 1867. Seitdem hatte sein unermüdlicher Geist vielfach zu kämpfen gegen Anwandlungen von Körperschwäche. Und als nun gegen Ende des nächsten Jahres eine neue gewaltige Erschütterung hinzukam, der schreckliche Selbstmord einer Kranken im Pesthofe, deren Schwermuth er durch liebreichsten Zuspruch zu heilen bemüht gewesen, da befiel ihn ein hitziges Fieber, und nach wenigen Tagen schied er, in den letzten Stunden die Seele frei ringend von den Banden der Krankheit, sanft und selig von dieser Erde. – Die Beerdigung der irdischen Hülle dieses guten Hirten, am 3. Januar 1678, gestaltete sich zu einer allgemeinen Trauer-Feierlichkeit. Trotz des heftigen Sturm- und Regenwetters waren alle Gassen, durch welche der Zug sich bewegte, und alle Fenster der Häuser dieser Straßen, gedrängt voll wehklagender Menschen. Das Gefolge bildeten 1155 Paare Leidtragender, also mehr als 2300 Personen aus allen Ständen. – Nach damaliger Sitte wurde bei diesem Anlaß ein gedruckter Nekrolog vertheilt, in dessen Eingang der Verfasser, Dr. jur. Otto Sperling, die Erwartung ausspricht, daß diese Blätter erfahrungsgemäß bald zu Pfefferdüten der Krämer benutzt und also das Andenken an einen der besten Männer Hamburgs nicht gar lange frisch erhalten würden. Es muß aber doch ein Exemplar gerettet und später dem Rector J. A. Fabricius in die Hände gefallen sein, der dasselbe, um das Gedächtniß eines Gerechten in Ehren und Segen zu erhalten, in seinen Hamburger Memoiren wieder abdrucken ließ. Indessen, auch diese sind verschollen, daher der Versuch einer Erneuerung des Andenkens an den herzfließenden Betrachter des Elbestroms, [311] den treuen Freund der Armuth, den anspruchslosen Verkündiger und Bewährer der christlichen Liebe.

J. A. Fabricius, Memor. Hamb. Vol. III, S. 407–429. Hamburger Schriftsteller-Lexikon, Bd. III, S. 236–238.