ADB:Hiller, Philipp Friedrich

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Artikel „Hiller, Philipp Friedrich“ von Carl Bertheau in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 425–426, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hiller,_Philipp_Friedrich&oldid=- (Version vom 5. Dezember 2019, 22:13 Uhr UTC)
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Hiller: Philipp Friedrich H., der bekannte Dichter geistlicher Lieder aus der Bengel’schen Schule, wurde am 6. Januar 1699 in Mühlhausen an der Enz geboren, wo sein Vater, Johann Jacob H., Prediger war. Nachdem er diesen schon im J. 1701 verloren hatte, heirathete seine Mutter im J. 1706 den Bürgermeister zu Vaihingen an der Enz, Philipp Friedrich Weiß, der ihn christlich erzog und zum geistlichen Stande bestimmte. Vom J. 1713 an besuchte er die Klosterschulen zu Denkendorf und Maulbronn; in der ersteren wurde J. A. Bengel sein Lehrer. Nachdem er darauf vom J. 1719–1724 in Tübingen Theologie studirt hatte, wurde er nacheinander an vier Gemeinden Vicar und lebte dann vom J. 1739 an zwei Jahre als Hauslehrer bei dem Marktvorsteher v. Müller in Nürnberg. Im Herbst 1731 wieder nach Württemberg zurückgekehrt, ward er zunächst wieder Vicar in Heßgen, dann im J. 1732 Pfarrer in Neckar-Gröningen, 1736 in seinem Geburtsort Mühlhausen und von hier ward er im J. 1748 nach Steinheim bei Heidenheim versetzt, wo er bis zu seinem im J. 1769 am 24. April erfolgenden Tode verblieb. Schon im dritten Jahre seiner Wirksamkeit in Steinheim verlor er seine Stimme, so daß er nicht mehr selbst predigen konnte, sondern sich durch einen Vicar vertreten lassen mußte. Hierdurch hatte er anfänglich mancherlei Widerwärtigkeiten in der Gemeinde zu bestehen, die er aber durch seine treue Wirksamkeit als Seelsorger und durch Bibelstunden in seinem Hause, zu denen seine heisere Stimme ausreichte, überwand. Besonders aber hat der „stimmlose Pfarrer“ durch seine Lieder weit über seine Gemeinde hinaus und bis in unsere Tage eine große geistliche Wirksamkeit ausgeübt; er ist, wie sein Landsmann Koch (siehe unten) sagt, „der geistliche Hauptsänger des evangelischen Alt-Württembergs und erfüllte den Beruf, die Forschungen und Gaben Bengel’s der Kirche und dem Volksleben vermittelst der Dichtkunst anzueignen.“ Hat doch Gustav Schwab ihn als Liederdichter Paulus Gerhardt an die Seite gesetzt und Albert Knapp, der ihn besonders hoch stellte, rühmt wol mit Recht an ihm gerade auch im Vergleich mit anderen, die als geniale Dichter über ihm stehen, seine klare Schriftmäßigkeit und biblische Einfalt, seine Vielseitigkeit und seine Kürze und Besonnenheit, „welche die Schrift und deren Kernsinn nie zu übertreiben sucht und besonders auch die Liebe zu Gott und Christo mit geziemender Ehrerbietung und nüchterner Würde verbindet“ (vgl. Koch a. a. O.), wodurch er sich namentlich vor gleichzeitigen Dichtern aus pietistischen und herrnhutischen Gemeinden auszeichnet. Jedenfalls hat H. trotz geringerer poetischer Begabung durch seine Lieder einen Einfluß gewonnen, wie kaum ein anderer Sänger, vor allem bei Württembergern in ihrer [426] Heimath und außerhalb derselben (in Nordamerika, Rußland u. s. f.), und von seinen zahlreichen Liedern haben sich die bedeutenderen auch in weiteren Kreisen Eingang zu verschaffen gewußt und sind vielerwärts in Gemeindegesangbücher aufgenommen, und ihre innere Wahrheit, die Echtheit seines Glaubens wird sie nicht vergessen werden lassen. H. begann schon zu Nürnberg seine dichterische Thätigkeit; veranlaßt durch eine Gerhardt’sche Bearbeitung eines Gebetes aus Johann Arnd’s Paradiesgärtlein, brachte er alle Gebete dieser Sammlung in Lieder. Vor allem hat er dann aber in Steinheim, als er nicht mehr predigen konnte, durch die Lieder, die er dichtete, zu wirken gesucht; hier entstanden unter anderen die beiden Sammlungen, die er nach dem Vorgange des Bogatzky’schen Schatzkästleins „Geistliche Liederkästlein“ nannte; sie enthalten für jeden Tag des Jahres neben einem Spruch aus der heiligen Schrift und einer ganz kurzen, kernigen Erklärung desselben ein kurzes Lied und sind als häusliches Erbauungsbuch oft aufgelegt und noch weit verbreitet. Die erste Sammlung, welche 366 kleine Oden zum Lobe Gottes umfaßt, erschien zuerst im J. 1761; die zweite, Betrachtung des Todes, der Zukunft Christi und der Ewigkeit betitelt, im J. 1767. Außer diesen bekanntesten gibt es noch eine Reihe anderer Erbauungsschriften von H. sowohl in Versen als in Prosa. Manche seiner Lieder haben in spätern Ueberarbeitungen, z. B. von Diterich, neuerdings von Knapp, Verbreitung gefunden; zu den in ihrer ursprünglichen Fassung allgemein bekannten gehören die Lieder: „Mir ist Erbarmung widerfahren“, „So lang ich hier noch walle“, „Nacht und Schlaf ist jetzt zurücke“, „Weicht ihr Berge, fallt ihr Hügel“ etc.

Eine kurze Autobiographie Hiller’s ist abgedruckt in (O. F. Hoerner) Nachrichten von Liederdichtern des Augsburgischen Gesangbuches, 2. Auflage, Schwabach 1775, S. 120 ff. – Koch in Piper’s evangelischem Kalender 1853, S. 199 ff. und Geschichte des Kirchenlieds u. s. f., 3. Aufl., Bd. 5 S. 107 bis 126; hier S. 116 ff. die oben citirten Aussprüche von Schwab und Knapp. Wagenmann in den Jahrbüchern für deutsche Theologie, 15. Band, 1870, S. 225 ff. und in der theologischen Realencyklopädie von Herzog und Plitt, Auflage, Band 6, S. 116. Die Hiller’schen Lieder gab Ehmann, Reutlingen 1844, nebst einem Abriß seines Lebens heraus.