ADB:Hirsche, Georg Karl

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Artikel „Hirsche, Georg Karl“ von Carl Bertheau in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 50 (1905), S. 364–365, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hirsche,_Georg_Karl&oldid=- (Version vom 18. September 2019, 10:28 Uhr UTC)
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Hirsche: Georg Karl H., lutherischer Theologe, bekannt wegen seiner Arbeiten über Thomas von Kempen, wurde als Sohn eines Bäckers am 19. April 1816 in Braunschweig geboren und starb am 23. Juli 1892 als emeritirter Senior des geistlichen Ministeriums und Hauptpastor zu Hamburg. Er besuchte die gelehrten Anstalten, das Obergymnasium und das Collegium Carolinum, seiner Vaterstadt und studirte dann Theologie in Göttingen und Berlin. In Göttingen hatte vor allem Friedrich Lücke (s. A. D. B. XIX, 357) auf ihn Einfluß; H. nannte sich gern und dankbar einen Schüler Lücke’s. In Berlin war er nur wenige Monate im Sommer 1836, sodaß er Schleiermacher († 1834) nicht gehört hat; auch hat Schleiermacher’s Theologie ihn nicht beeinflußt. Am 4. November 1836 bestand er die erste und am 7. August 1840 die zweite theologische Prüfung in Wolfenbüttel; zwischen beiden war er eine Zeitlang bei Adolph Monod in Montauban, wo er als Lehrer an einer Knabenpension thätig war. Im November 1840 machte er noch ein Schulamtsexamen und ward darauf im October 1841 Lehrer an der Bürgerschule in Holzminden. Am 13. October 1846 ward er in ein Pfarramt nach Osnabrück berufen; er konnte dieses Amt erst im Sommer 1848 antreten, weil die königliche Bestätigung der Wahl so lange auf sich warten ließ. Es hatte nämlich eine größere Anzahl von Gemeindegliedern gegen Hirsche’s Wahl protestiert, weil sie an seiner Wahlpredigt wohl nicht ganz mit Unrecht Anstoß genommen hatten. Die Bestätigung erfolgte, als im Frühjahre 1848 Braun in Hannover Cultusminister geworden war, und galt als ein Sieg des Liberalismus über die Orthodoxie. Im März 1855 wurde er in seine Heimath zurückgerufen als Director der Bürger- und Freischulen und des Schullehrerseminars in Wolfenbüttel. In dieser Stellung hat H. sich mit den Aufgaben des Volksschulwesens eingehend beschäftigt; seine Thätigkeit als Leiter desselben fand vielfache Anerkennung, auch über den Kreis seiner engern Heimath heraus; und infolge dieser Anerkennung geschah es denn auch, daß man in Hamburg, wo man eine staatliche Ordnung des Volksschulwesens beabsichtigte, bei der Besetzung eines Hauptpastorates an ihn dachte. Denn die Hauptpastoren waren vermöge ihres Amtes damals noch Scholarchen, d. h. Leiter des Schulwesens. Am 15. Februar 1863 wurde H. zum Hauptpastor zu St. Nicolai in Hamburg gewählt; er nahm den Ruf an und ist sodann noch beinahe 29 Jahre in dieser Stellung thätig gewesen. Als infolge der Umgestaltung des Schulwesens zur Beaufsichtigung und Leitung desselben im Jahre 1871 eine neue Oberschulbehörde [365] eingesetzt wurde, ward er wieder Mitglied derselben; um dieselbe Zeit ward er auch Mitglied des Kirchenrathes, und in beiden Behörden verblieb er, bis ihn die Abnahme seiner Kräfte und vor allem eine fast völlige Erblindung am Schluß des Jahres 1891 zur Niederlage aller seiner Aemter nöthigten. Im Jahre 1879 war er vom Kirchenrath zum Senior des geistlichen Ministeriums erwählt. In allen seinen amtlichen Stellungen hat er sich durch seine sachliche Beurtheilung der Verhältnisse und sein großes persönliches Wohlwollen Achtung und Liebe erworben; in vielen Kreisen der Bürger und namentlich auch bei den Lehrern stand er in großem Ansehen. Aber weit über Hamburgs Grenzen heraus ist er bekannt geworden durch seine Arbeiten über Thomas von Kempen, auf die er wenigstens während seiner Hamburger Zeit alle seine Muße verwandte. Das Ergebniß dieser seiner Studien legte er nieder in einem weitläufig angelegten Werke: „Prolegomena zu einer neuen Ausgabe der Imitatio Christi nach dem Autograph des Thomas von Kempen,“ dessen 1. Band 1873 (bei Carl Habel in Berlin) und dessen 2. Band 1883 (ebenda) erschien. Zwischen diesen beiden Bänden erschien die Ausgabe der Imitatio selbst (1874 in demselben Verlage, 2. Auflage 1890), und der große Artikel über „Die Brüder des gemeinsamen Lebens“ im 2. Bande der 2. Auflage der Protestantischen Realencyklopädie von Herzog und Plitt, 1878. Auch diese letztere Arbeit, die mit den Studien über Thomas eng zusammenhing, darf als eine bahnbrechende bezeichnet werden. In Anerkennung dieser Forschungen ernannte ihn im Jahre 1881 die theologische Facultät in Gießen honoris causa zum Doctor der Theologie. Leider ward es ihm nicht vergönnt, den dritten und letzten Band seiner Prolegomena zu vollenden und selbst herauszugeben. Er hatte sich durch seine Beschäftigung mit den meistentheils sehr klein geschriebenen Manuscripten des Thomas ein Augenleiden zugezogen, das allmählich in fast völlige Blindheit überging und ihm unmöglich machte, selbständig weiter zu arbeiten. Er hat dieses große Leiden in wahrhaft christlicher Geduld getragen. Nachdem er wegen desselben auch seine sämmtlichen Aemter auf den 1. Januar 1892 niedergelegt hatte, lebte er in ländlicher Zurückgezogenheit nur noch wenige Monate und starb wenige Tage, nachdem ihn ein Schlagfluß getroffen, am 23. Juli 1892. Soweit der dritte Band der Prolegomena sich in Hirsche’s Nachlaß druckfertig vorfand, hat der Unterzeichnete ihn im Jahre 1894 herausgegeben. Als feststehendes Resultat der Forschungen Hirsche’s darf ein Doppeltes angesehen werden, einmal der Nachweis, daß Thomas von Kempen wirklich der Verfasser des jetzt unter dem Namen Imitatio Christi („Von der Nachfolge Christi“) bekannten Werkes ist, und sodann die Entdeckung, daß sich in diesem Werke Rhythmus und Reime finden. Von diesem Rhythmus gibt Hirsche’s deutsche Uebersetzung des ersten Buches der Imitatio die im dritten Bande der Prolegomena abgedruckt ist, dem Leser, der das Original nicht in Hirsche’s Ausgabe lesen kann, einen Begriff; diese vortreffliche Uebersetzung ist die letzte Arbeit Hirsche’s gewesen; er hat sie, als er schon selbst garnichts mehr lesen konnte, seiner Frau dictirt.

Vgl. den Artikel über Hirsche im 8. Bande der 3. Aufl. der Protestantischen Realencyklopädie, 1900.