ADB:Lücke, Friedrich

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Artikel „Lücke, Friedrich“ von Julius August Wagenmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 19 (1884), S. 357–359, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:L%C3%BCcke,_Friedrich&oldid=2547734 (Version vom 24. Oktober 2017, 07:50 Uhr UTC)
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Lücke: Gottfried Christian Friedrich L., protestantischer Theolog des 19. Jahrhunderts, geb. am 24. August 1791 zu Egeln bei Magdeburg, † am 14. Februar 1855 zu Göttingen. – Nachdem er im Elternhaus eine treffliche Erziehung, auf dem Domgymnasium zu Magdeburg eine gründliche philologische und allgemeine Vorbildung erhalten, studirte er Theologie 1810–12 in Halle, 1812–13 in Göttingen, wo er mit einer Anzahl hervorragend begabter und strebsamer junger Männer, wie K. J. Bunsen, K. Lachmann, Chr. A. Brandis, H. Ritter, Klenze, Reck etc. einen anregenden, lebenslang dauernden Freundschaftsbund schloß. Nach vollendetem Studium wurde er 1813 Repetent in Göttingen, 1814 Dr. phil. in Halle, 1816 Licentiat der Theologie und Privatdocent in Berlin, wo er an der damals glücklich aufblühenden jungen Universität eine erfreuliche Lehrthätigkeit entfaltete und insbesondere mit Schleiermacher und de Wette in nähere Beziehung trat. Durch Vorlesungen und litterarische Leistungen (besonders seine neutestamentliche Hermeneutik 1816 und seine Mitarbeit an einer mit de Wette und Schleiermacher herausgegebenen theologischen Zeitschrift) machte er sich bald so bemerklich, daß er 1818 als ordentlicher Professor der evangelischen Theologie an die neugegründete Universität Bonn berufen wurde, wo er 1819 die theologische Doctorwürde erhielt und mit Henriette Müller aus Großbodungen einen beglückenden Ehebund schloß. Neun Jahre wirkte er an der jungen rheinischen Hochschule mit glücklichem Erfolg und in inniger Gemeinschaft mit seinen Collegen Augusti, Gieseler, Sack, Nitzsch etc.; seine Vorlesungen umfaßten besonders Exegese und Kirchengeschichte. So sehr er aber auch an Bonn und seinem preußischen Vaterland hing, so folgte er doch 1827, veranlaßt besonders durch den Wunsch an einer rein protestantischen Universität zu wirken, mit Freuden einem Ruf nach Göttingen, wo er als Nachfolger Stäudlin’s und als dritter theologischer Professor neben seinen früheren Lehrern Pott und Planck zunächst die Fächer der Dogmatik und Moral zu vertreten, daneben aber auch seine exegetischen Vorlesungen fortzusetzen hatte. Mancherlei Vorurtheile standen ihm hier anfangs als einem vermeintlichen „Mystiker und Pietisten“ entgegen; es gelang ihm bald durch seine wissenschaftliche Tüchtigkeit und seine vielseitige Bildung, durch seine Humanität und Liebenswürdigkeit im geselligen Verkehr, durch seine ganze jugendfrische und charaktervolle Persönlichkeit die Liebe und Verehrung der akademischen Jugend wie seiner Collegen zu gewinnen. Vielen ist er, wie sie es später dankbar bezeugten, ein leuchtendes Vorbild, ein väterlicher Freund, ein Führer zum Glauben und zum inneren Frieden geworden. – Der Universität Göttingen gehörte dann auch Lücke’s ganzes ferneres Leben und Wirken – trotz wiederholter lockender Berufungen nach Erlangen, Kiel, Halle, Tübingen, Jena, Leipzig; er fand dort, wo er seine schönsten Jugendjahre verlebt, auch seine bleibende Heimath für’s Alter. An äußeren Zeichen der Anerkennung hat es ihm dann auch nicht gefehlt: er war 1830/31 im Jahre der „Göttinger Revolution“ Prorector der Universität, wurde 1832 Consistorialrath, 1836 Mitglied der Prüfungscommission, 1839 ordentliches Mitglied des hannoverschen Consistoriums, 1843 Abt von Bursfelde, 1849 Mitglied des hannoverschen Staatsraths. Neben seiner akademischen Lehrthätigkeit, die neben Dogmatik und Moral auch Exegese, Einleitung ins Neue Testament, neuere Kirchengeschichte, theologische Encyklopädie, Apologetik, Polemik und kirchliche Statistik umfaßte, ging eine fruchtbare und erfolgreiche litterarische Thätigkeit her; sein Hauptwerk war seine „Erklärung der johanneischen Schriften“, die in den Jahren 1820 bis 1856 in mehreren Abtheilungen und wiederholten Auflagen erschien und den Zeitgenossen als eine Art von Mustercommentar galt. Zum Gebrauch seiner Zuhörer arbeitete er einen „Grundriß der evangelischen Dogmatik“ aus (Gött. [358] 1843). Dazu kamen viele Gelegenheitsschriften, z. B. Programme über verschiedene theologische Fragen, eine Jubiläumsschrift über den Göttinger Kanzler J. L. v. Mosheim 1837, eine Gratulationsschrift an den Juristen Hugo über das Verhältniß von Theologie und Jurisprudenz, 1838, biographische Denkmale und Erinnerungsschriften für die beiden Planck, G. J. und H., 1831 und 1835, für Schleiermacher, de Wette, Otfried Müller etc.; sodann zahlreiche Beiträge zu Zeitschriften: zu der Berliner theologischen Zeitschrift, zu einer von L. und Gieseler herausgegebenen Zeitschrift für gebildete Christen, zu den von L. mitbegründeten theologischen Studien und Kritiken 1828 ff., zu Wieseler’s Vierteljahrschrift, zu den Göttinger Gelehrten Anzeigen etc. Endlich verdient noch besondere Erwähnung sein Programm vom J. 1850 über Alter, Verfasser, Form und Sinn des kirchlichen Friedensspruches In necessariis unitas, in non necessariis libertas, in utrisque caritas, das in gewissem Sinn sein eigenes theologisches und kirchliches Programm enthält. Seinem theologischen Standpunkt nach gilt L. mit Recht als einer der achtungswerthesten, gelehrtesten und freisinnigsten Vertreter der modernen Vermittlungstheologie, d. h. einer wesentlich an Schleiermacher sich anschließenden theologischen Richtung, welche die Versöhnung von Glauben und Wissen, die Verbindung von kirchlicher Frömmigkeit mit freier Wissenschaftlichkeit sich zur Aufgabe gemacht hat. Lücke’s specielle Begabung und größtes Verdienst liegt auf dem Gebiete der Schriftforschung, welche ihm als Grundlage der ganzen Theologie erscheint und die er eben darum aus dem Bann der rationalistischen Exegese zu befreien, wissenschaftlich und religiös zu vertiefen und zu beleben sucht, während er zu den Methoden und Resultaten der modernen Kritik, zumal in der johanneischen Frage, sich ablehnend verhalten hat. Ueberhaupt empfand L. gegen alle einseitigen oder gar extremen Richtungen in Kirche und Wissenschaft, gegen die kritisch-speculative wie gegen die confessionell-orthodoxe eine natürliche Antipathie, eine sich steigernde Abneigung. Dagegen war ihm die innigste Verbindung der theologischen und kirchlichen Interessen innerstes Herzensbedürfniß: äußere und innere Mission (denen er eine eigene Schrift unter dem Titel „Missionsstunden“ 1840 und 1841 gewidmet hat), der evangelische Gustav-Adolf-Verein und der evangelische Kirchentag, ebenso wie die Entwickelung der kirchlichen Dinge in Hannover und Preußen waren ein steter Gegenstand seiner Beachtung und Theilnahme. Gerne hat er in die stürmisch erregten kirchlichen Parteikämpfe ein Friedenswort hineingerufen. Als dann aber in Folge des Jahres 1848 die politischen wie kirchlichen Zustände seines engeren und weiteren Vaterlandes eine immer unerquicklichere Gestalt anzunehmen drohten, als die Parteigegensätze sich verschärften und in Folge davon die Männer der Vermittelung dem gewöhnlichen Loos der Mittelparteien verfielen, von den Negativen als zu conservativ, von den Positiven und Orthodoxen als zu schwankend und skeptisch verschrieen zu werden, als auch manche schwere häusliche Prüfungen hinzukamen, besonders durch den Tod geliebter Kinder, so nagte das Alles an seinem tief fühlenden, leicht erregbaren Gemüth; seine Stimmung trübte sich, auch seine zuvor so feste Gesundheit wurde untergraben; ein langsam fortschreitendes, unheilbares Leberleiden machte, nachdem er kaum 14 Tage vorher seine Vorlesungen unterbrochen, seinem Leben ein unerwartet frühes und rasches Ende. Nicht blos seine zahlreichen Schüler und Freunde bewahrten dem wahrhaft prächtigen Manne eine rührende Liebe und Verehrung; auch die Geschichte der Theologie wird Lücke’s Namen stets mit Ehren nennen als den eines der geist- und lebensvollsten Erneuerer kirchlicher Wissenschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Vgl. die Nekrologe und Nachrufe von J. Müller in der Zeitschr. f. christl. Wissenschaft und kirchliches Leben, 1865, Nr. 16, 17; von Schenkel in der Allg. Kirch.-Ztg. 1855, S. 1260; von Redepenning in der Prot. Kirch.-Ztg.; [359] besonders aber von Ehrenfeuchter in den Studien und Kritiken 1855, und in der theol. Realencyklop. Bd. VIII; Oesterley, Gött. Gel.-Geschichte, S. 407.