ADB:Holbein, Hans der Ältere

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Artikel „Holbein, Hans der Ältere“ von Eduard His in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 713–715, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Holbein,_Hans_der_%C3%84ltere&oldid=- (Version vom 19. Oktober 2019, 10:24 Uhr UTC)
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Band 12 (1880), S. 713–715 (Quelle).
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Holbein: Hans H. (oder, nach seiner eigenen Schreibart, Holbain), zum Unterschied von seinem berühmtern Sohne der Aeltere genannt, war Sohn des Lederers Michel H., welcher sich 1448 in Augsburg einbürgerte. Das Jahr seiner Geburt ist nicht bekannt; wahrscheinlich fällt es in die 60er Jahre des 15. Jahrhunderts. Ebensowenig weiß man, wer sein Lehrer in der Malerei gewesen. Der Einfluß der flandrischen Schule, den seine früheren Werke zeigen, dürfte vielleicht nur ein indirecter sein, und wenn hierüber eine Vermuthung gestattet ist, so möchte man annehmen, daß er, gleich seinem Mitbürger Hans Burgkmair, einige Zeit in Martin Schongauer’s Werkstätte zu Colmar gearbeitet habe, mit welchem Meister er in mancher Beziehung, namentlich in den Typen seiner Köpfe, eine unverkennbare Verwandtschaft zeigt. Die Zahl seiner noch vorhandenen Bilder und Handzeichnungen ist sehr bedeutend. Die frühesten Gemälde, welche man von ihm kennt, Scenen aus dem Leben der Maria darstellend, malte er 1493 für die Reichsabtei Weingarten in Schwaben. In neuerer Zeit wurden sie für den Dom in Augsburg erworben, wo sie nun zwei Seitenaltäre zieren. Seine erste Erwähnung in den Augsburger Steuerbüchern datirt von 1494, was uns wol mit einiger Sicherheit den Zeitpunkt seiner Rückkehr in die Vaterstadt und seine Gründung einer eigenen Werkstätte bezeichnet. Hier malte er in einem Zeitraume von etwas über 20 Jahren eine erstaunliche Menge kirchlicher Bilder, nicht allein für die Gotteshäuser Augsburgs, sondern auch für entferntere Klöster und Kirchen in verschiedenen Gauen Süddeutschlands. Den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts gehören noch an, außer einem Tod der Maria (Basler Museum), dessen Jahrzahl 1490 wol durch mißverstandene Erneuerung der letzten Ziffer etwas verfrüht erscheint, mehrere für das Katharinenkloster in Augsburg ausgeführte Bilder, wovon das eine 1499 datirt, eine Tafel in Spitzbogenformat in 13 Abtheilungen die Krönung Mariä, Scenen aus der Passion Christi und die knieenden Bildnisse der drei Stifterinnen Veronica, Walpurga und Christina Vetter, enthält. Ein anderes, vom gleichen Jahr datirtes, gehört zu der Folge der Basiliken Roms und stellt im Mittelfeld, allerdings auf sehr imaginäre Weise, die Kirche St. Maria Maggiore dar; darüber die „Krönung Mariä“, rechts die „Enthauptung der hl. Dorothea“, links die „Geburt Christi“. Für die Dominicaner in Frankfurt a/M. vollendete er 1501 ein umfangreiches Altarwerk, wovon sich nun der größte Theil (der „Stammbaum Christi“, derjenige der Dominicaner, „Christi Eintritt in Jerusalem“, „Vertreibung der Wechsler aus dem Tempel“, „Fußwaschung“, „Gethsemane“) in der städtischen Gemäldesammlung im Saalhof daselbst, das „Abendmahl“ dagegen in der Leonhardskirche befindet. Dazu gehörten wol auch die sieben Passionsbilder im dortigen Städel’schen Institut, welche, gleich einer anderen, [714] der nämlichen Periode angehörenden, Passionsfolge in der fürstlichen Gallerie zu Donaueschingen, der damaligen Gewohnheit huldigen, den Gegensatz zwischen der milden Hoheit Christi und der Gemeinheit seiner Widersacher möglichst grell darzustellen. – Noch bedeutender war ein Altarwerk, welches er im folgenden Jahre für die Reichsabtei Kaisheim bei Donauwörth malte. Die Münchener Pinakothek enthält von demselben nicht weniger als 16 Stücke, welche theils Episoden aus dem Leben der Maria, theils Passionsscenen darstellen. Jene bildeten das Innere des Flügelaltars, diese die Außenseite. Während die Passionsbilder nicht allein eine oberflächlichere Behandlung zeigen, sondern durch die Uebertreibung im Gesichtsausdruck und den Geberden der Peiniger des Heilandes einen abstoßenden Eindruck machen, sind die Bilder aus dem Marienleben mit merklicher Liebe und Sorgfalt behandelt, und zeigen in den weiblichen Figuren ein Streben nach Anmuth und idealer Schönheit, in den männlichen eine feine Charakteristik. – Von 1504 an taucht ein jüngerer Bruder Hans Holbein’s d. Ae., Namens Sigmund H., gleichfalls Maler, im Augsburger Steuerregister auf, wo er bis 1510 fortwährend mit jenem zusammen genannt wird. Sowol dieser Umstand, als auch andere Indicien lassen schließen, daß er gemeinschaftlich mit Hans H. und wol auch für diesen, arbeitete. Gerade um diese Zeit macht sich ein überraschender Fortschritt in einzelnen Werken des letzteren bemerkbar. Man wird denselben zuerst gewahr in einem, der Folge der römischen Basiliken angehörenden Bilde, welches Begebenheiten aus dem Leben des Apostels Paulus darstellt (Augsburger Gallerie). Obschon dasselbe nämlich im Allgemeinen den unverkennbaren Stempel von Hans H. d. Ae. Erfindung und Malweise zeigt, finden sich darin einzelne Figuren von so entschieden geistigerer Auffassung, correcterer Zeichnung und feinerer Ausführung, daß dieser Unterschied selbst dem ungeübtesten Auge nicht entgehen kann. Sollte dieser Umstand nicht auf die Mithülfe des jüngeren Bruders schließen lassen? Bestärkt wird diese Vermuthung durch ein reizendes Madonnenbild (Burg zu Nürnberg) mit S. Hollbain bezeichnet, welches ebenso fein ausgeführt, als zart empfunden ist und namentlich auch durch vollkommen correcte Zeichnung der nackten Körpertheile sich von allem unterscheidet, was wir von Hans Holbein’s d. Aelt. unbestrittenen Leistungen kennen. Niemand würde wol anstehen, die Signatur dieses Bildes auf Sigmund H. zu deuten, wenn nicht ein zweites, durchaus ebenso feines Madonnenbild in der Sammlung der Moritzcapelle, welches mit Hans H. bezeichnet ist, eine so unverkennbare Verwandtschaft mit jenem zeigte, daß man nicht umhin kann, es derselben Hand zuzuschreiben. Hier liegt ein noch ungelöstes Räthsel. Sicher ist, daß die auffallende Verschiedenheit zwischen den Werken des älteren H. namhafte Kunstkenner zu der Conjectur veranlaßt hat, daß Hans H. d. J. sich an der Ausführung der vorzüglicheren unter denselben betheiligt habe, welchem Irrthum ein bekannter Bilderrestaurator in gewissenloser Weise durch Inschriftenfälschung Vorschub leistete. Unter den in der Augsburger Gallerie befindlichen Bildern eines ehemaligen Flügelaltars aus dem J. 1512, welche namentlich Anlaß dazu boten, ist es besonders die St. Anna mit der hl. Jungfrau auf einer Steinbank sitzend, welches sowol durch die große Anmuth der Gestalten, als auch durch die richtige Zeichnung besonders des von ihnen im Gehen unterstützten nackten Kindes, sowie sämmtlicher Hände, zu Zweifeln an der eigenhändigen Ausführung durch den älteren Hans H. einigermaßen zu berechtigen scheint. In noch höherem Grade ist dies bei dem sogen. Sebastiansaltar und namentlich dessen beiden Flügeln der Fall (Münchener Pinakotheth), welche überhaupt zu dem besten gehören, was die deutsche Kunst des 16. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Die Vermuthung, daß besonders an diesem Werke beide Brüder thätig waren, findet eine Stütze in der durch die [715] Augsburger Gerichtsbücher bestätigten Thatsache, daß noch 1516, wo dieses Werk vollendet wurde, Hans H. die Mithülfe seines Bruders bei der Ausführung seiner Bestellungen in Anspruch zu nehmen pflegte. – Um das J. 1516, vielleicht auch schon etwas früher, verließ der alte Hans H. seine Vaterstadt, in welche er nicht mehr zurückgekehrt zu sein scheint. Die wahrscheinliche Veranlassung zu diesem Wegzug war die Bestellung eines Altarwerks für das Antoniterkloster Issenheim im Oberelsaß, von welchem Kunstwerk aber nichts mehr vorhanden ist. Ueberhaupt erlischt von dieser Zeit an seine Spur, obschon er, zufolge dem Augsburger Malerbuch, erst 1524 gestorben sein soll. Sein Bruder Sigmund H., welcher nicht mit ihm nach Issenheim ziehen wollte, blieb noch bis 1519 in Augsburg, worauf er sich nach Bern wandte, in welcher Stadt er erst 1540 starb, nachdem er seinen Neffen Hans H. zu seinem Erben eingesetzt hatte. – Hans H. d. Ae. hat sich neben seiner Thätigkeit als Maler kirchlicher Bilder auch im Porträtfach ausgezeichnet, worin später sein Sohn das höchste leistete. Seine seltene Begabung für die treue Auffassung der Charaktere zeigt sich namentlich in der großen Anzahl von Studienköpfen, welche, meistentheils mit Silberstift auf weiß grundirtes Papier gezeichnet, sich in verschiedenen Sammlungen zerstreut finden. Besonders reich daran sind die Cabinette von Berlin, Kopenhagen und Basel. Letztere Stadt besitzt auch eine Anzahl Skizzen zu seinen kirchlichen Bildern, welche aus dem Nachlaß seines Sohnes direct in den Besitz des Kunstsammlers Amerbach gelangten. Dieselben sind größtentheils schwach in der Zeichnung und geben kaum einen rechten Begriff von seiner Bedeutung als Maler, welche sehr unterschätzt wurde, bevor die deutsche Kunstforschung sich wieder eingehender mit dieser Künstlerfamilie beschäftigte.

Woltmann, Holbein und seine Zeit; Jahrbücher für Kunstwissensch., IV.