ADB:Holscher, Georg Philipp

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Artikel „Holscher, Georg Philipp“ von Ernst Gurlt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 774–776, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Holscher,_Georg_Philipp&oldid=- (Version vom 18. August 2019, 09:28 Uhr UTC)
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Holscher: Georg Philipp H., königlich hannoverischer Hofrath, Leibchirurgus, Dirigent des Obermedicinal-Collegiums und Mitglied der Medicinal-Behörde für die Armee zu Hannover, wurde am 10. Novbr. 1792 zu Münder im Fürstenthum Calenberg (Hannover) geboren, wo sein Vater, J. Conrad Achatz H., später Oberconsistorialrath zu Hannover († am 25. Septbr. 1840), damals als Superintendent lebte. Unter des Vaters Aufsicht zuerst in Münder, dann in Ronnenberg zugleich mit seinem Jugendgefährten und treuen Freunde, dem späteren Hofrath Kaufmann in Hannover, erzogen und unterrichtet, bereitete er sich später auf dem Lyceum zu Hannover zum Studium der Arzneikunde vor, dem er in den J. 1810–13 in Göttingen oblag. Sein Aufenthalt auf der Universität wurde durch die ernsten Ereignisse der Zeit unterbrochen. Der feurige Jüngling, der nur mit der größten Mühe dem westfälischen Kriegsdienste sich entziehen konnte, der seine Vaterlandsliebe und seinen Freiheitssinn nicht verhehlte, so daß er sich bei der Occupation Cassels durch die Russen unter Tschernitscheff in den Augen der französischen Behörden schwer compromittirte, flüchtete von Göttingen, um, nach einem Besuche von wenigen Stunden im elterlichen Hause, unter den größten Gefahren durch die feindliche Armee und über die Elbe zu dem Wallmoden’schen Corps zu gelangen, wo er seine Kenntnisse und seinen freudigen Eifer den Brüdern für das Vaterland widmete. Von da an begleitete er als Militärarzt die Armee und kehrte erst nach mehrjährigem Aufenthalte in Frankreich und England zurück, um sich in der Stadt Hannover als Arzt, namentlich als Chirurg und Augenarzt niederzulassen. Diesen Entschluß hatte er in England gefaßt, wo er ein Schüler des berühmten Astley Cooper in London gewesen war und in freundschaftlichem Verkehr mit den jüngeren Chirurgen, wie Bransby Cooper, Tyrrell, Key, gestanden hatte. Im August 1819 errichtete er, mit geringer staatlicher Beihülfe (100 Thlrn. jährlich), ein Institut zur Heilung armer Augenkranker, über das er 1821 den ersten öffentlichen Bericht (Hannöversches Magazin, S. 353) erstattete. In dasselbe Jahr fällt die Herausgabe seiner Uebersetzung von B. C. Brodie’s Krankheiten der Gelenke aus dem Englischen. Inzwischen war er bereits zum königl. Hofchirurgus ernannt worden, in welcher Eigenschaft ihm die Behandlung des Unterpersonals des viceköniglichen Hofes zufiel. Bei der chirurgischen Schule war H. von 1821 bis zu ihrer Auflösung 1845 einer der Lehrer, und zwar für die Fächer der Chirurgie und Augenheilkunde, jedoch war, nach dem Urtheile Stromeyer’s, seine chirurgische Thätigkeit nicht ersprießlich, weil es ihm dazu an allen nothwendigen Eigenschaften, Vorsicht, Ruhe und Kaltblütigkeit fehlte. Bessere Erfolge hatte er in der inneren Heilkunst, besonders in acuten Fällen. – Im November 1824 wurde H. zum außerordentlichen und im Februar 1830 zum ordentlichen Mitgliede der Staatsprüfungs-Commission für Wundärzte ernannt, einer Commission, die zugleich, ohne besonderes Regulativ, auch in Medicinal-Angelegenheiten Gutachten ertheilte. – 1830 wurde H. auch, als Nachfolger Wedemeyer’s, königl. Leibchirurgus. – Im J. 1831 machte H., ebenso wie andere Aerzte, im Auftrage einer königl. Immediatcommission gegen die Cholera eine Reise in gesunde und inficirte Provinzen Preußens und erstattete darüber einen durch den Druck veröffentlichten Bericht. – Nachdem H. schon als jungem Arzte, wol weil er unter den Aerzten der Stadt vorzugsweise die Chirurgie vertrat, die ärztlichen Geschäfte in den meisten Krankenstuben der Zünfte übertragen worden waren, wurde er 1826 auch zum Arzt des Stadtlazareths ernannt, eines Krankenhauses, das in höchst beschränkten Räumlichkeiten nur zur Aufnahme kranker Armen und Vagabonden diente. Holscher’s Anregung hauptsächlich ist die Errichtung des neuen zweckentsprechenden städtischen Krankenhauses [775] in der Vorstadt Linden zu danken; seit der Eröffnung desselben im Jahr 1833 übernahm er die Leitung und hat bis zu seinem Tode der inneren und äußeren Abtheilung desselben vorgestanden. Auch um die Errichtung einer Blindenanstalt, die 1843 zu Hameln gegründet und 1845 nach Hannover in ein geeignetes neues Gebäude verlegt wurde, hat sich H. große Verdienste erworben. Er hatte sich schon von 1816 an auf seinen mannichfachen Reisen angelegen sein lassen, mit Blindenanstalten und allem dahin Gehörigen bekannt zu werden und wandte seit dem J. 1836 seine Aufmerksamkeit darauf hin, vorerst die Zahl der Blinden im Königreich Hannover (die er am Schlusse des nächsten Jahres auf 1149 durch amtliche Ermittelungen feststellte) und dann die der Bildungsfähigen unter ihnen kennen zu lernen. Gleichzeitig reichte er dem Ministerium des Innern eine Arbeit ein, welche sich die Darlegung der Nothwendigkeit von Blindenanstalten im Allgemeinen und einen Plan zur Gründung einer solchen in Hannover zur Aufgabe machte. H. war bis zu seinem Tode ein sehr thätiges Mitglied der Commission für die Blindenanstalt. – H. gehörte auch seit 1833 bis zu seinem Tode der Medicinalbehörde für die Armee, welche dem Kriegsministerium berathend zur Seite stand, als eines der drei Mitglieder an. – 1836 begründete H. die „Hannöverschen Annalen für die gesammte Heilkunde“ und redigirte sie, trotz einer sehr ausgedehnten Privatpraxis und einer nicht unerheblichen amtlichen Thätigkeit, 11 Jahre lang, bis 1846, in den letzten Jahren allerdings mit der Unterstützung von Dr. Ad. Mühry[WS 1]. – Die in allen deutschen Staaten zu Tage tretenden Bestrebungen für eine Reform des Medicinalwesens, namentlich in Betreff der später auch wirklich durchgeführten Aufhebung des Instituts der Wundärzte I. und II. Classe berührten H. insofern, als er sich zu Gunsten der Beibehaltung desselben ausgesprochen hatte und sich (1846) deshalb gegen Angriffe der Gegner, namentlich des Hofmedicus Dr. Herm. Vezin in Osnabrück, zu vertheidigen suchen mußte. – Nachdem H. 1843 bereits den Hofrathstitel erhalten, wurde er 1847 (27. März) auch zum Dirigenten des damals errichteten Obermedicinal-Collegiums ernannt. – Das J. 1848 sah ihn als Bürgerwehr-General; jedoch verwickelte die politische Rolle, die er damals spielte, ihn in viele Unannehmlichkeiten; sie brachte ihm nicht nur großen Verlust in der Praxis, sondern auch die Entziehung der Gunst der Vornehmen, die er, bei der Präponderanz des englischen Wesens am Hofe, durch seine Vorliebe für die Leistungen der englischen Aerzte und seine Sprachfertigkeit im Englischen zu gewinnen verstanden hatte. – 1850 erkrankte H. an einer Kniegelenkswassersucht, zu der sich allmählich eine Lähmung der unteren Extremitäten gesellte, die seinem thatkräftigen und thatenreichen Leben am 30. August 1852 zu Wildbad in Württemberg ein Ende machte. – Die Freimaurerloge zur Ceder in Hannover, der er seit 1817 als Mitglied, seit 1830 als Meister vom Stuhl angehört hatte, hielt zu seinem Andenken am 25. Septbr. 1852 eine Trauer-Loge ab und stiftete ihm ein Denkmal im Logen-Garten.

Holscher’s Persönlichkeit schildert Stromeyer folgendermaßen: „H. war in der That eine glänzende Erscheinung, schön wie Apoll, witzig und ganz beseelt von dem Wunsche zu gefallen und zu imponiren. Den Frauen war er sehr gefährlich, obgleich er edlere Naturen oft zurückstieß durch seine siegesgewisse Vertraulichkeit“. Er war äußerst thätig, besaß eine große ausgewählte Bibliothek und ein Cabinet von pathologischen Präparaten; jedoch mangelte ihm die Muße und auch die Exactheit im Studium, um den Fortschritten der Medicin folgen zu können, so daß er keineswegs seinen Collegen als Autorität galt; auch im Obermedicinal-Collegium war er, der Gründlichkeit eines Krause gegenüber, nicht immer im Stande, seiner Ansicht Geltung zu verschaffen. – Holscher’s litterarische Leistungen, außer den schon angeführten und außer einigen Aufsätzen in [776] Graefe’s und Walther’s Journal der Chirurgie (1820, 1824), finden sich, die verschiedensten Gegenstände aus der inneren Medicin, der Chirurgie und der Augenheilkunde betreffend, fast ausschließlich in seinen Hannoverschen Annalen, so namentlich: „Medicinische, chirurgische und ophthalmologische Wahrnehmungen“, Decade I.–VIII. (1837–45).

Vgl. G. F. Louis Stromeyer, Erinnerungen eines deutschen Arztes, Bd. I. 1875, S. 93 ff. und nach Mittheilungen der Herren Med.-Rath Dr. Burghard und Dr. Georg Fischer in Hannover.


Anmerkungen (Wikisource)[Bearbeiten]

  1. Bruder des hannoverschen Arztes Karl Mühry