ADB:Jütting, Wübbe Ulrichs

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Artikel „Jütting, Wübbe Ulrichs“ von Ferdinand Sander in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 50 (1905), S. 731–732, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:J%C3%BCtting,_W%C3%BCbbe_Ulrichs&oldid=- (Version vom 8. April 2020, 06:30 Uhr UTC)
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Jütting: Wübbe Ulrichs J., Schulmann, † am 21. Juli 1890. Geboren am 9. November 1825 als Sohn bäuerlicher Eltern in Holte (Ostfriesland), hatte er es bei der Ungunst seiner häuslichen Lage und dem damals noch recht primitiven Zustande des ländlichen Schulwesens in Ostfriesland schwer, sich zu der Bildungsstufe emporzuringen, die dem begabten Knaben bald als unbedingt zu erreichendes Ziel vorschwebte. Diese Erfahrung weckte früh den staunenswerthen Fleiß des Mannes und war zugleich der Keim zu seinem späteren, warmherzigen Eintreten für Verbesserung der Verhältnisse der deutschen Volksschule und ihrer Lehrer. Die Schule seines Heimathdorfes bot ihm bis zum zehnten Lebensjahre kaum die nothdürftigste Nahrung, und selbst die dann besuchte Kirchspielschule zu Rhaude führte ihn nicht einmal bis zu leidlicher Fertigkeit im Hochdeutschen. Dennoch gelang es ihm, durch Selbststudium sich einige grundlegende Kenntnisse in der Mathematik zu erwerben, und die dankbar benutzte Gelegenheit, am Privatunterrichte zweier Candidaten der Theologie theilzunehmen, ermöglichte ihm, in die Elemente der französischen und lateinischen Sprache einzudringen. Mit sechzehn Jahren trat er nach vorläufiger Prüfung als Schulgehülfe in Pogum am Dollart ein und wurde 1843 Nebenlehrer in Schatteburg mit Reihetisch und 20 Thalern jährlichem Gehalte. Von hier aus ging er 1846 an die Taubstummenanstalt zu Emden und bildete sich dort als Taubstummenlehrer aus. Als solcher wirkte er im Privatverhältnisse zu Esens bis 1848. In diesem Jahre wurde er zum Hauptlehrer, Organisten und Küster in Marienhafe erwählt und arbeitete auch dort rastlos an seiner Fortbildung. Das hannoverische Oberschulcollegium berief ihn 1853 von da nach vorangegangener Prüfung als Elementarlehrer an das Gymnasium zu Aurich, wo er nach abermaliger Prüfung seit 1858 auch fremdsprachlichen Unterricht an den Realclassen ertheilen durfte. Der Drang nach wissenschaftlicher Vertiefung ließ jedoch den verheiratheten, fast vierzigjährigen Mann, dessen äußere Verhältnisse sich inzwischen günstig gestaltet hatten, diese Stelle aufgeben und 1864 mit Gattin und Pflegetochter noch die Universität Göttingen beziehen, wo er 1865 den philosophischen Doctorgrad erwarb und 1866 die Prüfung pro facultate docendi in Englisch, Französisch, Geschichte und Religion bestand. Alsbald nach der Prüfung wurde er Director der höheren Bürgerschule zu Einbeck und übernahm nebenamtlich 1868 auch die Oberleitung der dortigen Volksschulen. Von da berief der Minister Falk ihn 1873 als ersten Seminarlehrer nach Eisleben und übertrug ihm [732] 1876 die Directorstelle am Seminar zu Erfurt. Aber die Kraft des körperlich zarten Mannes hatte sich in den Mühen des meist autodidactischen Emporringens, neben denen ihn mehr und mehr umfangreiches litterarisches Arbeiten gefangen nahm, erschöpft. Des kühnen Vorkämpfers des Volksschullehrerstandes, als der J. besonders seit 1870 hervorgetreten war, bemächtigte sich im engeren Kreise des Wirkens, besonders seit dem Tode seiner trefflichen Frau, nervöse Scheu vor allen festen Entschlüssen. Mehr und mehr entglitten die Zügel der Anstalt seinen Händen. Mißstände verschiedener Art mehrten sich an der Anstalt, und der in weiten Kreisen verehrte Schulmann mußte 1884 in Ruhestand treten, ohne daß er in der letzten amtlichen Stellung, in die er mit besonderer Freudigkeit eingetreten war, und in der man nach seinem ganzen Vorleben Ausgezeichnetes von ihm erwartete, seinem eigenen Ideale hatte entsprechen können. Noch sechs Jahre durfte er in stillem Fleiße seinen litterarischen Interessen leben und starb in Burg bei Magdeburg am 21. Juli 1890.

Wie bereits angedeutet, hat J. sich mit entschiedener Offenheit des deutschen und besonders preußischen Volksschullehrerstandes in dessen Kampfe um würdigere Stellung im öffentlichen Leben und um bessere Dotation angenommen. Dies verdient doppelte Anerkennung, da er selbst zwar die Noth des Standes aus seiner Jugenderfahrung und bleibenden Verbindung mit jenem genau kannte, aber selbst durch günstige Wendung des eigenen Geschickes ihr enthoben war. An dem, was seither erreicht worden, fällt zweifellos ihm ein ehrenwerther Antheil zu. Die von J. veranlaßte Petition der 19 236 Volksschullehrer vom December 1871 hat ihrer Zeit ebensowenig den Eindruck verfehlt wie seine Schriften über diesen Gegenstand: „Geschichte des Rückschrittes in der Dotation der preußischen Volksschule“ (1870); „Zur Dotation der preußischen Volksschule“ (1871); „Die ungenügende Besoldung der preußischen Volksschullehrer“ (1871); „Die Küsterfrage“ (1872). Die übrige, fast unabsehbare Schriftstellerei Jütting’s bezieht sich beinahe ausschließlich auf den Unterricht im Deutschen für die verschiedenen Stufen der Volks- und Fortbildungsschule. Seine Lehrbücher werden zum Theile noch heute gebraucht und neu aufgelegt. Besonders wirksam war sein Eintreten für den verständigen, sachliche und sprachliche Interessen verbindenden grundlegenden Schreibleseunterricht, und auch sonst ist manche dankenswerthe Anregung von ihm für dies Gebiet ausgegangen. Indeß, da sich seine Schriften über deutsche Sprache, seine Lehrbücher Leitfäden etc. innerhalb der engeren Schullitteratur halten, wird hier auf deren Aufzählung verzichtet. Hervorzuheben ist jedoch, daß J. seit den Tagen der schleswig-holsteinischen Erhebung, für die er noch 1851 mit einer dringenden Flugschrift („Vom barmherzigen Samariter“) eintrat, stets der deutschen Frage im nationalen Sinne warmen Antheil widmete und daneben als treuer Sohn der heimischen Landschaft von 1860–64 ein Ostfriesisches Schulblatt sowie ein „Ostfriesisches Wörterbuch“ (1857) und „Bilder aus der jüngsten Vergangenheit der ostfriesischen Volksschule“ (1885) erscheinen ließ.

Vgl. außer anderen s. Z. zahlreich erschienenen Nekrologen: „Dr. W. U. Jütting“ (in Kehr-Schöppa’s Pädagogischen Blättern, 1890, S. 588 ff.) von Hübner und: Meis, Dr. Jüttings Leben, Wirken und Schaffen (Lpz. 1894).