ADB:Kampschulte, Franz Wilhelm

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Artikel „Kampschulte, Fr. Wilhelm“ von Carl Adolph Cornelius in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 15 (1882), S. 64–66, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kampschulte,_Franz_Wilhelm&oldid=- (Version vom 21. Mai 2019, 19:32 Uhr UTC)
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Kampschulte: Fr. Wilhelm K., geb. am 12. November 1831 zu Wickede an der Ruhr in Westfalen, von katholischen nicht unbegüterten Eltern, wurde gleich seinem Bruder für die geistliche Laufbahn bestimmt, der seine ernste Gesinnung sich ohnehin zuneigte, und studirte, nachdem er auf den Gymnasien zu Brilon, Paderborn und Münster einen tüchtigen Grund humanistischer Bildung gelegt, drei Jahre lang vornehmlich an der Akademie zu Münster Theologie und zwar, wie das in Münster häufig zu geschehen pflegte, in Verbindung mit Philologie und Geschichte. Die unerfreuliche Bekanntschaft, die er im letzten Stadium dieser Studienzeit mit Zuständen und Verwaltung seiner heimathlichen Diöcese Paderborn machte, bewog ihn, die Theologie als Lebensberuf aufzugeben. Er studirte nun ein Jahr lang zu Berlin Geschichte, hauptsächlich als Schüler Ranke’s, und kam im Herbst 1855, um sich zur Promotion vorzubereiten, nach Bonn, wo er sich an den Unterzeichneten, damals seit Kurzem Professor dort, in enger Freundschaft anschloß. Seine Absicht war, die Gymnasiallehrer-Laufbahn einzuschlagen, für welche seine klassische Bildung ihn in hohem Grade befähigte. Daß er vielmehr durch Gelehrsamkeit und die Gabe feiner und scharfer Auffassung zur akademischen Doction und zu wissenschaftlicher Initiative bestimmt sei, war die Ansicht des Freundes, und da dieser durch Annahme eines Rufes nach München ihm die Aussicht zu eröffnen schien, mit der Zeit in die seit Papencordt’s Ernennung und Aschbach’s Eintritt für Katholiken vorbehaltene Professur der Geschichte an der niederrheinischen Universität einzurücken, so entschloß er sich in Bonn zu bleiben und habilitirte sich im Anfang des Jahres 1857. Schon im folgenden Jahre wurde er zum außerordentlichen, dann 1860 zum ordentlichen Professor der Geschichte ernannt, drei Jahre später den beiden älteren Collegen [65] in der Direction des historischen Seminars beigeordnet. – Durch einen außerordentlichen und streng methodischen Fleiß gelang es ihm, den Anforderungen seiner Stellung nach jeder Richtung zu genügen. Das Arbeitsfeld, das er für seine Vorlesungen sich abgrenzte, erstreckte sich über die Geschichte des Mittelalters und der neueren Zeit. Aus dem deutschen Mittelalter und aus der Geschichte des Reformationszeitalters wählte er die Aufgaben, die zur Anleitung und Uebung der Schüler dienten. Für seine eigenen litterarischen Arbeiten hielt er sich, seltene kleinere Abschweifungen abgerechnet, ungefähr innerhalb der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Aus solcher Beschränkung erwuchs um so rascher der Meister. – Seine religiöse Gesinnung hat ihn wol zu der Wahl des Zeitalters geleitet, in dessen Behandlung er seine katholische Ueberzeugung zu behaupten und zu vertiefen gedachte. In welchem Sinne dies geschehen sollte, dafür gibt eine Andeutung die Vorliebe für Georg Witzel, die er in seiner Doctordissertation „De G. Wicelio eiusque studiis et scriptis irenicis“ bethätigte. Dann fesselte ihn der historische Reichthum der gewählten Zeit an und für sich, und indem er eine umfassendere Arbeit über Witzel späteren Jahren vorbehielt, wählte er mit glücklich treffendem Griff die Geschichte der Universität Erfurt im Zeitalter des Humanismus und der Reformation zum Gegenstand der Forschung. Durch scharfsinnige Kritik und umsichtige Combination wurde dieses Buch, dessen beide Theile 1858 und 1860 erschienen sind, für den Mutianischen Freundeskreis und den Ursprung der „Epistolae obscurorum virorum“, somit für Kern und Mitte der Geschichte des deutschen Humanismus, epochemachend. Gleichsam als Epilog dient die feinsinnige Erörterung über Charakter und Leben des Erfurter Humanistenhäuptlings, die er in der Dissertation „De Croto Rubiano gegeben hat. Hiermit seine Beschäftigung mit diesem Gegenstand abschließend, suchte er nach einem größeren Arbeitsstoff. Eine Zeit lang schwankte er zwischen zwei Aufgaben. Der Plan einer deutschen Geschichte im Reformationszeitalter reizte ihn sehr, doch ließ er auf Freundesrath den Gedanken fallen und entschied sich für Calvin. Seitdem arbeitete er rastlos dem neuen Ziele zu und erlebte 1869 die Freude, den ersten Theil des auf drei Bände berechneten Werkes im Druck erscheinen zu sehen. Dieser erste Band behandelt die politischen und religiösen Kämpfe, durch welche Genf zum Schauplatz der Wirksamkeit Calvin’s vorbereitet wurde, dann die Entwickelung Calvin’s zum Reformator, seine erste Genfer Periode, seine Verbannung und Rückkehr. Der zweite Band, an dem er gearbeitet hat, bis der Tod ihm die Feder aus der Hand nahm, sollte Kampf und Sieg Calvin’s in Genf, der dritte die Entfaltung des Calvinismus zur Weltmacht darstellen. Was vollendet ist, erweist sich als ein bedeutender wissenschaftlicher Gewinn. Unterstützt von den befreundeten Straßburger Herausgebern der Werke Calvin’s und von dem jüngeren Galiffe, hat der Verfasser alle Vorgänger durch die Reichhaltigkeit des benutzten Materials weit übertroffen. Eben so hoch erhebt er sich über dieselben durch die Weite des Horizonts und die Unbefangenheit des Urtheils. Er hat den Gegenstand dem einseitigen Eifer der theologischen Partei entrissen und für die historische Wissenschaft in Besitz genommen. – Die Eigenschaften seines litterarischen Charakters, Gewissenhaftigkeit, Besonnenheit und Mäßigung, Klarheit und Entschiedenheit, Feinheit der Beobachtung waren auch die seines Lebens und verbanden sich hier mit warmer Hingebung und Treue. Glänzendere Gaben waren ihm versagt, und am wenigsten fühlte der schlichte Mann den Antrieb zu einer Wirksamkeit außer den Schranken seines stillen Berufs. Nur sein Pflichtgefühl konnte ihn zu öffentlichem Auftreten bewegen. Ein solcher Zwang trat ein, als der Glaube seiner Jugend, an dem er mit voller Aufrichtigkeit und Innigkeit hing, in der Wurzel verfälscht werden sollte. Damals trat er ohne Zögern und mit der Entrüstung eines ehrlichen Herzens in den [66] Kampf ein und der Bund, in welchem er mit den gleichgesinnten Freunden Reusch und Theodor Stumpf vereint war, wurde der Kern, aus dem die antivatikanische Bewegung am Niederrhein sich entfaltet hat. Zur Strafe für seine Glaubenstreue wurden ihm in Todesgefahr von seiner geistlichen Obrigkeit die Sterbesacramente entzogen. – Zum Schluß ist diesem Lebensbilde der sehr wesentliche Zug hinzuzufügen, daß K. alle Resultate seiner unablässigen Arbeit einem kranken Körper abringen mußte. Schon in seiner Studienzeit von einem quälenden Uebel heimgesucht, das in seinem Fleiß vielleicht den Grund, gewiß die Nahrung gefunden hatte, gelangte er, auch als später jene Krankheit zu weichen schien, selten oder nie zu dem ungetrübten Genuß der Gesundheit. Dann kam ein Lungenleiden zum Vorschein, das seinen frühen Tod herbeiführen sollte. Ein Winteraufenthalt in Mentone brachte Erleichterung. Eine zweite Reise nach dem Süden mußte, nach kurzem Aufenthalte in Clarens, abgebrochen werden, indem der Kranke sein Ende nahe fühlte und nicht in der Fremde sterben wollte. Er starb zu Bonn am 3. December 1872. Wenige Wochen vorher auf der Reise nach Clarens hatte er noch Actenbände des Berner Archivs für seine Geschichte Calvin’s durchgearbeitet.