ADB:Kappeler, Karl

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Artikel „Kappeler, Karl“ von Wilhelm Oechsli in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 51 (1906), S. 38–40, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kappeler,_Karl&oldid=- (Version vom 16. Juni 2019, 13:22 Uhr UTC)
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Kappeler: Karl K., schweizerischer Staats- und Schulmann, geboren am 28. März 1816 in Frauenfeld, Kanton Thurgau, † am 20. October 1888 in Zürich. Der Vater, ein Bierbrauer, ließ den begabten Knaben die Lateinschule in Frauenfeld sowie das Gymnasium in Zürich durchlaufen. Dann studirte K. an den Universitäten Zürich, Heidelberg und Berlin die Rechte, vollendete nach bestandenem Staatsexamen seine Bildung durch einen Aufenthalt in Lausanne und Paris, ließ sich in Frauenfeld als Advocat nieder und wurde in kurzer Zeit einer der gesuchtesten Anwälte des Kantons. 1843 wurde er in den thurgauischen Großen Rath gewählt, wo er anfänglich zu der conservativen Opposition gegen das in Kern (siehe diesen) verkörperte radicale Regiment gehörte. In der Zeit der Sonderbundswirren aber gewann er die Ueberzeugung, daß eine große Neugestaltung im Werden sei und daß vor dem materiellen Rechte einer neuen Zeit das formale der alten zurücktreten müsse, und schloß sich der großen liberalen Fortschrittspartei an, die 1848 den schweizerischen Bundesstaat schuf und seither stetig fortentwickelt hat. Der thurgauische Große Rath wählte ihn 1849 zum Obergerichtsschreiber, welches Amt er indeß nur bis Ende des Jahres bekleidete, 1852 zum Mitglied und Präsidenten des Obergerichts und 1856 zu seinem eigenen Vorsitzenden. Ein besonderes Verdienst erwarb sich K. um die 1853 eröffnete thurgauische Kantonsschule, die er als Präsident der Aufsichtscommission in ihren ersten Jahren leitete und bei beschränkten Mitteln vortrefflich einrichtete.

Seit 1848 gehörte K. als Vertreter des Kantons Thurgau im Ständerathe der schweizerischen Bundesversammlung an und errang als bedeutender Redner und unermüdlicher Arbeiter ein solches Ansehen im schweizerischen Parlamente, daß ihn der Ständerath vier Mal, 1851, 1854, 1872 und 1881, [39] zu seinem Präsidenten ernannte und daß er regelmäßig als Mitglied und oft als Berichterstatter der wichtigsten Commissionen zu amten hatte. Im Beginn des Jahres 1854 hielt er als Berichterstatter der ständeräthlichen Hochschulcommission bei den Berathungen über Errichtung einer eidgenössischen Universität eine glänzende Rede zu deren Gunsten. Als das vom Nationalrath bereits beschlossene Gesetz, durch das Universität und Polytechnikum in enger Verbindung miteinander hätten geschaffen werden sollen, vom Ständerath verworfen wurde, wandelte K. dasselbe rasch in einen Gesetzentwurf für ein Polytechnikum allein um und setzte dessen sofortige Berathung durch, so daß ihm an der 1854 beschlossenen Gründung des eidgenössischen Polytechnikums in Zürich ein wesentlicher Antheil zukam.

Dies war wol der Grund, der den Bundesrath bewog, K. am 3. October 1857 als Nachfolger Kern’s, der den Gesandtschaftsposten in Paris übernahm, zum Präsidenten des schweizerischen Schulraths zu ernennen, in welcher Eigenschaft ihm die ständige Leitung der polytechnischen Schule oblag. Infolge dessen siedelte K. von Frauenfeld nach Zürich über und bekleidete nun bis zu seinem Tode, 31 Jahre hindurch, das wichtige Amt mit ausgezeichnetem Erfolge, rastlos bemüht, die seiner Obhut anvertraute Anstalt zu fördern und weiter zu entwickeln. Er verstand es, ihr immer reichere finanzielle Mittel, wie sie für ihre Ausgestaltung erforderlich waren, zuzuwenden, wobei ihm sein directer Einfluß auf die über das Budget entscheidende Bundesversammlung zu statten kam. Unter ihm wurden die Lehramtsschule am Polytechnikum zu einer wahren Hochschule der Mathematik und der Naturwissenschaften ausgebildet, die landwirthschaftliche Abtheilung der Anstalt neu hinzugefügt und für Chemie und Physik großartig ausgestattete Institute geschaffen. Was Kappeler’s Namen aber weit über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt machte, war der sichere Blick, den er bei der Auswahl der Lehrkräfte bewies. Es genügte ihm nicht, sich bei den ersten Autoritäten jedes Faches nach geeigneten Candidaten zu erkundigen; er reiste selber den in Frage kommenden Persönlichkeiten nach und tauchte bald in dieser, bald in jener Stadt unversehens in den Hörsälen auf, um sich ein eigenes Urtheil über die Lehrgabe des Betreffenden zu bilden, und fast immer traf er das Richtige. So wurde das Zürcher Polytechnikum durch K. eine technische Hochschule ersten Ranges, und manche von den Männern, die er als junge Docenten nach Zürich zog, sind später in die höchsten Stellungen gelangt, welche die Wissenschaft zu vergeben hat. So sei z. B. nur daran erinnert, daß die drei ordentlichen Professoren für Mathematik an der Universität Berlin, Schwarz, Frobenius, Schottky, ehemalige, von K. berufene Lehrer des Zürcher Polytechnikums sind. Auch um die Hebung des schweizerischen Mittelschulwesens erwarb er sich entschiedene Verdienste, indem er die kantonalen Realschulen, die durch Verträge mit dem Polytechnikum ihren Abiturienten den unmittelbaren Uebertritt an die höhere Anstalt sichern wollten, nöthigte, sich durch Anfügung neuer Jahrescurse, Verbesserung ihrer Lehrpläne u. s. w. zu vervollkommnen.

K. barg unter einem derben, beinahe grotesken Aeußern eine durchdringende Verstandesschärfe und Menschenkenntniß sowie eine seltene Festigkeit des Willens. Von dem, was er als im Interesse der Anstalt liegend erkannte, ließ er sich durch keine Nebenrücksichten irgend welcher Art ablenken; warf man ihm doch vor, daß er bei Berufungen systematisch die Ausländer auf Kosten der Schweizer bevorzuge, weil er sich einfach nach der Tüchtigkeit des Candidaten richtete, ohne nach dem Heimathschein zu fragen. Seine Anträge waren stets so gründlich und umsichtig verbreitet, daß die Oberbehörde, der Bundesrath, nur in den seltensten Fällen anders zu entscheiden wagte. Im Herbst 1881 [40] verzichtete er mit Rücksicht auf sein vorgerücktes Alter auf eine Wiederwahl in den Ständerath, dem er 33 Jahre lang angehört hatte und noch in den Bundesrevisionsberathungen 1871/72 und 1873/74 als Mitglied und Berichterstatter der Revisionscommission wesentliche Dienste geleistet hatte. Dagegen versah er das Amt des Schulpräsidenten mit ungebrochener Rüstigkeit und Frische, bis ein Schlagfluß den Dreiundsiebzigjährigen mitten aus seiner fruchtreichen Wirksamkeit hinwegraffte.

Reden von Prof. C. F. Geiser, Vicedirector des eidgen. Polytechnikums, und von Oberst Bleuler, Vicepräsident des eidgen. Schulraths, gehalten bei Kappeler’s Beerdigung (Schweiz. Bauzeitung 1888, Bd. XII, Nr. 17 und 18, auch separat). – Nekrologe der Neuen Zürcher Zeitung 1888, Nr. 295, der Thurgauer Zettung 1888, Nr. 250–252. – Mittheilungen der thurgauischen Staatskanzlei.