ADB:Kunz, Heinrich

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Artikel „Kunz, Heinrich“ von Hermann Wartmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 397–399, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kunz,_Heinrich&oldid=2500717 (Version vom 17. Dezember 2018, 10:50 Uhr UTC)
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Kunz: Heinrich K., Spinner, geb. den 1. März 1793 in Oetwil, † den 21. August 1859 in Niederuster, Kanton Zürich. Ein kleines Bauerngütchen und die Fabrikation von Baumwolltüchern boten dem Vater Kunz’ die Mittel, seine zahlreiche Familie ehrlich durchzubringen; aber unverdrossener Fleiß, pünktliche Ordnung und strenge Sparsamkeit mußten mithelfen, wenn die Mittel genügen sollten. Unter dem Regiment dieser häuslichen Tugenden wuchs K. auf, durchlief zuerst die Primarschulen seines Heimathsorts und durfte nachher noch drei Jahre lang die Schule der Erziehungsanstalt Fierz in dem eine Stunde weit entfernten Männedorf besuchen. So kam er für damalige Verhältnisse wohl vorbereitet mit ca. 16 Jahren als Handelslehrling in eine Baumwollspinnerei [398] zu Gebwiler im Elsaß. Kaum hatte der Lehrling hier mit eigenen Augen gesehen, wie unter der Herrschaft der napoleonischen Continentalsperre die kaum auf das Festland verpflanzte mechanische Spinnerei im Elsaß prächtig gedieh, so trieb er mit Einsendung genauer Berechnungen und von Zeichnungen, die ihm ein Arbeiter besorgte, seine Eltern unaufhörlich an, in der Heimath ebenfalls eine solche Spinnerei einzurichten, mit welcher es bei der schon weit entwickelten Baumwollindustrie jener Gegend gar nicht fehlen könne. Im Frühjahr 1811 gab der Vater dem Drängen seines noch sehr jugendlichen Sohnes nach und kaufte bei Oetwil ein größeres Haus, auf dessen Estrich Raum war zur Aufstellung von ein paar Handspinnstühlen. Die feineren Bestandtheile der Maschinen wurden aus dem Elsaß geliefert, das Uebrige in Oetwil angefertigt. Gleichzeitig gab K. dem Vater den verständigen Rath, die Landwirthschaft ganz auf die Seite zu setzen und ausschließlich die Fabrikation zu betreiben, da Beides nebeneinander nicht gehe. Die außerordentlich schwierigen Zeitverhältnisse und die ebenso schwierigen ökonomischen Verhältnisse, mit denen die Eltern zu kämpfen hatten, ließen es indeß dem Sohne bald als durchaus nothwendig erscheinen, selbst in die Heimath zurückzukehren und die Leitung des neuen Geschäfts in die eigenen Hände zu nehmen. Mit merkwürdiger Sicherheit und Thatkraft griff er sofort ein, setzte zunächst Alles daran, ganz tadellose Garne zu liefern und dadurch eine ganz zuverlässige Kundschaft zu gewinnen; dann schritt er unverzüglich zu größeren Operationen. Zuerst erwarb er sich die Sägemühle bei Wetzikon und wandelte sie zu einer Spinnerei mit Wasserbetrieb um, gleichzeitig gründete er gemeinsam mit Anderen eine Spinnerei zu Schaffhausen, ebenfalls mit Wasserbetrieb. Schon im J. 1816 genügten die Erträgnisse dieser ersten, bescheidenen Etablissements, um den Plan zu fassen, mit eigenen Mitteln am Aabache in Oberuster eine ganz neue, für damals ungewöhnlich große Spinnerei zu errichten. Nach zwei Jahren war der Bau vollendet und zwar ohne daß K. mit demselben seine Kräfte überschätzt hatte, wie man vielfach glaubte. Der Betrieb ging auf gemeinschaftliche Rechnung von Vater und Sohn. Als der Erstere im J. 1825 starb, hinterließ er ein Vermögen von 250000 Gulden; der Letztere hatte nun vollständig freie Hand und schritt in der Vollkraft seiner Jahre von einer Gründung zur anderen: 1826 errichtete er eine Spinnerei in Niederuster, 1829 in Windisch, Kanton Aargau, 1831 in Kempthal, 1835 in Adliswil; es folgten die Spinnereien Lintthal im Glarnerland, Rorbas und als letzte, am Ende der Vierziger Jahre, die Spinnerei Aathal. Zum größeren Theile waren diese Etablissements ganz neu errichtet, zum kleineren als schon bestehende Fabriken übernommen und umgewandelt worden; Rorbas fiel K. zu, weil der Unternehmer die aus den Kunz’schen Werkstätten gelieferten Maschinen nicht zu bezahlen vermochte; denn auch eigene mechanische Werkstätten hatte K. eingerichtet, um Alles, was zur Spinnerei gehörte, selbst herstellen zu können. Freilich aufs „Pröbeln“ durfte man sich in denselben nicht einlassen. Das schon Bewährte musterhaft auszuführen, das verlangte er lediglich von seinen Angestellten und Arbeitern, und um selbst mit dem Neuesten und Besten jederzeit bekannt zu sein, machte er wiederholt Reisen nach Frankreich und England. So war K. durch die rastlose Arbeit von vier Jahrzehnten zum „Spinnerkönig“ geworden, Spinnerkönig in doppelter Beziehung, sowol durch den unbestrittenen Vorrang seiner Baumwollgarne vor allen anderen des Continentes, als auch durch die Großartigkeit seines Geschäftsbetriebs; beschäftigte er doch in runden Zahlen 150000 Spindeln und 2000 Arbeiter und Angestellte, denen er jährlich etwa 700000 Franken an Löhnen und Gehalt ausbezahlte. Es bedurfte eines organisatorischen Genies, nicht blos um diese Riesenschöpfung aufzuführen, sondern auch um sie [399] in geordnetem Gang zu erhalten. Unbeirrt durch irgendwelche Hindernisse, mit einem Selbstvertrauen, das niemals durch den leisesten Zweifel an der eigenen Kraft und der richtigen Einsicht gestört wurde, war K. geradewegs auf sein Ziel losgegangen und hatte dasselbe glücklich erreicht. In gehobenem Selbstgefühle, unfähig Widerspruch zu ertragen, lenkte er das verwickelte Getriebe, stellte rücksichtslose Anforderungen an sich selbst und nicht geringere an alle seine Mitarbeiter, die einem strengen Bußensystem unterworfen waren; selbstherrisch und von seinem wirklichen oder vermeintlichen Rechte bis zu dem Grade überzeugt, daß er sich nach einem verlornen Proceß wegen Wasserbauten zu thätlichem Widerstand gegen den gerichtlichen Entscheid hinreißen ließ, wofür er acht Tage ins Gefängniß wandern mußte, so bitter es ihm ankam. Man mag sich vorstellen, wie es diesen Mann in seinem Innersten traf, als um sein 60. Altersjahr durch polizeiliches Einschreiten in seinen Fabriken ein wohl organisirtes Diebs- und Hehlertreiben aufgedeckt wurde, an dem sich unter der Leitung einiger schmeichlerischer, aber gefügiger und eben darum mit seinem unbedinten Vertrauen beschenkter Günstlinge Hunderte von Arbeitern betheiligten und das die Bewohnerschaft ganzer Dörfer demoralisirte. Diese „Niederlage vor sich selbst“ brach das Selbstvertrauen des so stolzen und energischen Mannes vollständig. Seine Haltung wurde von dieser Zeit an ebenso schwankend und zaudernd, wie all sein Thun und Handeln früher sicher und rasch gewesen war. Er begann einzelne Etablissements zu verkaufen und die Beihülfe von Verwandten zu der Leitung und Ueberwachung der Geschäfte heranzuziehen und anzunehmen. Die rechte Lebens- und Schaffensfreudigkeit war dahin. Im August 1859 brachte K. von einer Vergnügungsreise nach München den Keim eines Nervenfiebers mit sich zurück und erlag dieser Krankheit am 21. dieses Monats. Sein Nachlaß wurde auf 25 Millionen Franken geschätzt; begreiflich, daß bei einem solchen Reichthum die außerordentlich einfache Lebensweise des allein stehenden Mannes, der seine einzige Freude in rastloser Arbeit fand, als Geiz ausgelegt wurde.