ADB:Laensbergh, Matthäus

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Artikel „Laensbergh, Matthäus“ von Jakob Franck in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 508–509, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Laensbergh,_Matth%C3%A4us&oldid=- (Version vom 21. Juli 2019, 13:35 Uhr UTC)
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Laensbergh: Matthäus L., Mathematiker, Arzt und Astrolog. Sein Geburtsort ist Lüttich in Belgien und die Zeit seiner Geburt sehr wahrscheinlich das letzte Zehntel des 16. Jahrhunderts. Er gilt als der Verfasser des in Belgien und Frankreich noch heute, wie vor fast 250 Jahren allgemein von vornehm und gering gekauften und zu Rathe gezogenen „Lütticher“ astrologischen Kalenders. Seine äußeren Lebensverhältnisse sind nicht bekannt, nach einer alten Ueberlieferung jedoch hat er in der Straße St. Aldegunde gewohnt und ist noch 1650 am Leben gewesen. Schon in seinem ersten Kalender vom Jahre 1635 zeigt sein Bild einen Mann von reiferem Alter: eine lange Gestalt, breite Stirn, starke Nase, langes ungekämmtes Haar und Bart und alles bis auf sein weites Gewand stellt eine Persönlichkeit dar von kaltem Blute, ernstem Charakter und wenig geneigt, seinen geneigten Leser zu betrügen. Einige Bibliographen haben angenommen, daß sein Name ein erdichteter sei und ebenso wollten verschiedene Mathematiker und Astronomen behaupten, bald, daß unser Kalendermacher ein zu Middelburg 1632 verstorbener Philipp v. L., bald, daß er ein Kanonikus von St. Bartholomäus zu Lüttich gewesen sei. Alle diese Annahmen sind jedoch falsch und die wirkliche Existenz Laensbergh’s unterliegt nach neueren Forschungen keinem Zweifel, was auch durch eine in der Familie des Druckers Bourguignon, des Erben und Nachkommen des Lütticher Druckers dieses Kalenders, Leonhard Streel, aufbewahrte Tradition bestätigt wird. Doch erscheint sein Name zuerst als „Lansbert“ und erst seit 1647 als „Laensbergh“, immer aber ließ er als ein Zeichen seiner profunden Gelehrsamkeit seinem Namen das Wort „Meister“ vorangehen. L. hatte sich der Mathematik und der Medicin gewidmet und als diesen Wissenschaften durchaus unerläßlich auch der Astrologie. Denn noch zu seiner Zeit, wie im Mittelalter, würde kein Arzt oder Chirurg es gewagt haben, einem Patienten Hülfe zu leisten, ohne vorher den Aspect der Gestirne befragt zu haben, und jeder Jünger des Aesculap mußte im Stande sein, am Himmel das Schicksal seines Kranken zu lesen. War er aber dazu unfähig, so ließ er denselben gewiß nicht eher purgiren oder schröpfen, ehe er zu seinem Orakel, das heißt zu einem Kalender seine Zuflucht genommen hatte. Und diesem Zwecke sollte auch der Kalender des L. dienen, dessen Ruf ein so ausgezeichneter war und noch ist, daß er nach dem Tode des Verfassers, jedoch stets unter seinem Namen, nicht allein im 17. Jahrhundert wiederholt, sondern noch heute zu Brüssel, Doornik (Tournay), Ryssel (Lille), Rouen, Mans, Montereau, Epernay, Troyes und ganz besonders zu Paris nachgedruckt wird; [509] in letzterer Stadt allein erscheint alljährlich wenigstens ein Dutzend dieser Kalender oder Almanache unter dem Patronate unseres Propheten. Und in der That, das Ansehen, welches L. zu jeder Zeit als Astrolog genossen, ist ein ganz außergewöhnliches und selbst hohe Persönlichkeiten zitterten, während sie seine Prophezeiungen lasen. In der Ausgabe des Jahres 1774 war für den Monat April und zwar unter dem Zeichen des Stiers die Prophezeiung gedruckt: „Une dame des plus favorisées jouera son dernier rôle“. Auf der Stelle ließ Madame du Barry, die Maitresse Ludwigs XV., im Glauben, solche Offenbarung beschwören zu können, diesen Druck confisciren und wiederholte immerfort (Anecdotes sur Mme la comtesse du Barri, Londres 1778, II. 376) die Worte: „Je voudrois bien voir ce vilain mois d’avril passé“; ihr königlicher Liebhaber starb aber den 10. des folgenden Monats und die Rolle der Gräfin war ausgespielt. So sollte sich die Prophezeiung erfüllen! Ohne Zweifel waren es einige Aussprüche dieser Art, wobei der Zufall gute Dienste geleistet, denen L. ebenso wie vor ihm Nostradamus oder noch in unseren Tagen der „Schäfer Thomas“ seine Berühmtheit und Verbreitung verdankte. Und dazu kamen noch, wie bei seinem älteren oberdeutschen Collegen Joh. Lichtenberger, die Dunkelheit seiner Geburt, die Finsterniß, welche sein Leben deckt und die Ungewißheit seines Todes. Im J. 1793 ließ (Villenfagne a. a. O. II. 341; Borgnet, Histoire des Belges, II. 285), der Lütticher Magistrat wegen der Anzeige eines bevorstehenden Brandes die ganze Ausgabe von 1794 einstampfen und noch im J. 1823 sah man die Regierung der Niederlande mit Rücksicht auf einige Aussprüche des Lütticher Orakels ebenso strenge als lächerliche Maßregeln ergreifen. Die erste und älteste Ausgabe des Kalenders, welcher ungezählte folgen sollten, führt, ins Hochdeutsche übersetzt, den Titel: „Kalender für das Schaltjahr unseres Herrn 1636, nach der Rechnung des Meister Matthäus Lansbert. Lüttich bei Leonhard Streel“, 24, versehen mit einem Privilegium der Obrigkeit. Der Inhalt zerfällt in drei Theile: der eigentliche Kalender, die Prognosticatio, endlich Geschichten. Von diesen ist der zweite derjenige, welcher sich ausschließlich mit der Sterndeutung beschäftigt und der denn auch das Glück des Kalenders gebildet hat. Hier macht L. Regen und schönes Wetter, Sturm und Sonnenschein und sagt die Ereignisse voran, welche durch die Elemente und die Potentaten ganz unvermeidlich im Laufe des Jahres eintreten müssen. Im dritten Theil ist eine jede der merkwürdigen und tragischen Geschichten mit einem niederträchtig groben Holzschnitte verziert. Laensbergh’s Name hat auch anderen Schriftstellern dienen müssen. Im J. 1772 erschien zu Lüttich ein Gedicht über die Erhebung des Grafen von Velbruck zum Lütticher Bischofe: „Almanach de Liége, ou prédiction du maître Matthieu Laensbergh pour l’année bissextile 1772“, 8; eine andere Schrift ist betitelt „Horoscope sur la naissanee de Monseigneur le Dauphin, par maître Matthieu Laensbergh, mathematicien“, 8; 1824 erschien ein Tagblatt zu Lüttich unter dem Titel: „Mathieu Laensbergh“. 1825 ein Brief in Versen „Epître de Mathieu L., journaliste, à maître M. L. astrologue“, 1829 zu Paris und Brüssel: „M. L., comédie-vaudeville en deux actes“, 1830: „La ruche, ou M. L. à Paris“, eine Sammlung von nationalen, seit der französischen und belgischen Staatsumwälzung bis dahin componirten Liedern, endlich 1838 „M. L. est un menteur, revue en un acte, melée de couplets, par Clairville“, 8. Vgl. auch Hemminga: Sixtus (Allg. D. Biogr. Bd. XI, S. 725) und Indagine (Bd. XIV, S. 67).

Quetelet, Annuaire de l’observatoire, IV. 199. Montucla, Hist. des mathém., II. 334. Villenfagne, Hist. de Spa II. 93 suiv. Biographie Univers. XXIII. 105. Diction. de la conversation XXXIV. 208. Le Bibliophile belge, 1845, 33 suiv. 1856, 96.