ADB:Lieven, Carl Fürst von

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Artikel „Lieven, Fürst Karl von“ von Heinrich Diederichs in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 639–641, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Lieven,_Carl_F%C3%BCrst_von&oldid=- (Version vom 23. Juli 2019, 14:12 Uhr UTC)
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Lieven: Fürst Karl v. L., geb. am 1./12. Februar 1767. Seine Mutter war Charlotte v. Lieven, welche von der Kaiserin Katharina II. zur Erziehung ihrer Enkel Nicolaus, des nachmaligen Kaisers, und Michael erwählt und welche später als Obersthofmeisterin zur Fürstin erhoben ward († 1828). Die bekannte Fürstin Dorothea v. L., † 1857, war die Gemahlin seines Bruders, des Fürsten Christoph, russischen Gesandten in Berlin und London, † 1839. – Durch die Gunst der Kaiserin trat Karl v. L. schon als Knabe in die russische Armee ein und machte vom J. 1788 bis zum J. 1800 alle Kriege Rußlands gegen Türken und Polen mit. Im J. 1801 erbat er seinen Abschied und lebte nun bis zum J. 1817 meist als einfacher Landedelmann auf seinem Gute Senten in Kurland. Da wurde er am 17. Januar 1817 von Alexander I. zum Curator der Universität Dorpat und des Dorpater Lehrbezirks ernannt, d. h. das gesammte Unterrichts- und Erziehungswesen der Ostseeprovinzen wurde seiner Leitung unterstellt. [640] Er war der Nachfolger des berühmten Friedrich Klinger, dessen Thätigkeit als Curator aber nicht sehr bedeutend gewesen ist. L. entbehrte der höheren Geistesbildung, er hatte eine rein militärische Erziehung von Kindheit an genossen, aber er war ein wohlmeinender, thatkräftiger und einsichtigen Vorstellungen zugänglicher Mann. Für ihn und für das gesammte Unterrichtswesen der Ostseeprovinzen war es daher ein Glück, daß ihm während der ganzen Periode seiner Wirksamkeit der treffliche Gustav Ewers (geb. 1781, † 1830) zur Seite stand, der die Schwächen Lieven’s schonend und seinen Uebereilungen vorbeugend mit ebenso großer Gewandtheit wie Geschäftskunde und Energie den guten Willen und den großen Einfluß des Curators in Petersburg stets im Interesse der Universität und des Schulwesens zu verwenden verstand. Die Hebung der Universität und der Schulen wurde für L. eine Ehrensache und besonders an dem Aufblühen der Universität nahm er warmen persönlichen Antheil. Die Universität erhielt durch ihn einen neuen, gegen den früheren fast auf das Dreifache erhöhten Etat und ein neues Statut und reiche Mittel für die wissenschaftlichen Institute. Während die Dorpater Hochschule bis zu seinem Amtsantritte ein im Ganzen kümmerliches Dasein geführt hatte, erhob sie sich unter ihm und unter Ewers erst zu rechter Lebenskraft und frischer Blüthe. Die damals gelegten Grundlagen haben auch spätere ungünstige Zeiten überdauert und sich bewährt. Direct in die Universitätsverhältnisse griff L. nur einmal, da freilich ziemlich gewaltthätig, ein. Seine religiöse Richtung war eine streng pietistische und die damals auf den Kanzeln und Kathedern herrschende Aufklärung ihm ein Greuel. Es war daher eine seiner ersten Handlungen, die theologische Facultät, welche damals fast nur aus rationalistischen Theologen bestand, dadurch zu reformiren, daß er diese Professoren pensionirte und an ihre Stelle positiv christliche Theologen berief. Da er dabei mehr auf fromme Gesinnung als wissenschaftliche Tüchtigkeit sah, konnte es an manchen Mißgriffen nicht fehlen. Dem Studentenleben und den studentischen Verbindungen gewährte er und sein Rector innerhalb gewisser Schranken freien Spielraum und es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, daß, während in Deutschland die Universitäten damals großentheils unter schwerem Drucke litten, sich die zum russischen Reiche gehörige östlichste Pflanzstätte deutscher Cultur und Bildung frischen Lebens und ungehemmten Aufschwungs erfreute. Auch für das Schulwesen war Lieven’s Wirksamkeit von Bedeutung, indem er einen höheren Etat für die Schulen erwirkte und im J. 1820 die kaiserliche Bestätigung eines eigenen Schulstatuts für die Ostseeprovinzen erlangte, welches, wenn auch in einzelnen Punkten später alterirt, doch im Ganzen unverändert bis auf diesen Tag die feste Grundlage des deutschen Schulwesens in den baltischen Provinzen geblieben ist. L. war 1819 auch Präsident des neu gegründeten evangelischen Reichs-Generalconsistoriums in Petersburg geworden. Indem er in dieser Stellung auch einen tief greifenden Einfluß auf die kirchlichen Verhältnisse der Ostseeprovinzen ausüben wollte, gerieth er mit deren kirchlichen Vertretern, die einer ganz anderen religiösen Richtung huldigten als er und für die vertragsmäßige Selbständigkeit ihrer Landeskirchen mit Nachdruck eintraten, in heftige Conflikte, welche ihn, da er auch in Petersburg Widerspruch fand, schon Ende des Jahres 1820 veranlaßten seinen Abschied zu nehmen. Als L. 1828 zum Minister der Volksaufklärung, d. h. des öffentlichen Unterrichts in Rußland, ernannt worden war, trat die Fürsorge für die Universität Dorpat natürlich mehr bei ihm zurück; doch bewahrte er ihr auch in dieser Stellung reges Interesse und rief den sehr richtigen Plan ins Leben, durch Bildung russischer Lehrer und Professoren auf der Universität Dorpat deutsch-wissenschaftlichen Geist in die Schulen und Universitäten Rußlands einzuführen. Leider wurde das dazu begründete Institut schon unter seinem Nachfolger aufgehoben. Im J. 1833 nahm L. seinen Abschied aus [641] dem Staatsdienst und verbrachte seine letzten Jahre in stiller Zurückgezogenheit in Kurland, wo er am 31. December 1844 auf seinem Gute Balgallen starb.

Friedrich Busch, Der Fürst Karl Lieven u. die Universität Dorpat, Leipz. 1846. Goetze, Alexander Galitzin u. seine Zeit, 1882, S. 129 ff., 155 ff.