ADB:Lipinski, Karl Joseph

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Artikel „Lipinski, Karl Joseph“ von Moritz Fürstenau in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 726–730, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Lipinski,_Karl_Joseph&oldid=- (Version vom 16. Juli 2019, 04:55 Uhr UTC)
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Lipinski: Karl Joseph L., einer der ausgezeichnetsten Violinvirtuosen der jüngsten Vergangenheit, wurde zu Radzyn, einem Städtchen in der Wojwodschaft Podlachien (Ziemia Lukowska) im heutigen russischen Königreich Polen (Gouvernement Lublin) geboren. Ueber das Datum seiner Geburt sind zwei abweichende Angaben vorhanden: im amtlichen Taufschein nämlich wird der 30. October 1790 genannt, während nach glaubwürdigen Familiennachrichten der Geburtstag des Meisters auf den 4. November desselben Jahres fallen soll. – Der Knabe lernte, im siebenten Lebensjahre stehend, zuerst dasjenige Instrument, auf welchem er später so außerordentliches und in seiner Weise unerreichtes leistete: die Violine, und zwar unter Leitung seines Vaters. Dieser war zwar nur Naturalist, aber doch so erfahren und bewandert in musikalischen [727] Dingen, daß die adelichen Herrschaften, in deren Dienst er als Güterbevollmächtigter stand, ihn mit der Bildung und Einrichtung ihrer Privatcapellen betrauten. – Der junge L. machte auf der Violine so schnelle und überraschende Fortschritte, daß er den Händen seines väterlichen Lehrmeisters bald entwuchs und sich zunächst lediglich auf ein rein autodidaktisches Studium angewiesen sah. Unter diesen Verhältnissen kam sein zehntes Lebensjahr heran, als er plötzlich die Violine bei Seite legte und statt dessen das Violoncell erwählte. Bald jedoch griff er wieder zur Violine, obwol er es auf dem Violoncell bereits so weit gebracht hatte, um mit entschiedenem Erfolge Romberg’sche Concerte bewältigen zu können. L. selbst meinte, daß er die Kraft seines Tones und seiner Bogenführung dem Violoncellspiel, welches er nebensächlich noch einige Zeit betrieb, verdanke. Das Ansehen, welches L. als ausübender Künstler sich allmählig erworben hatte, bewirkte seine 1810 erfolgende Berufung als Concertmeister an das Lemberger Theater. Nachdem er zwei Jahre hindurch diese Stelle bekleidet hatte, trat er in die Functionen des Capellmeisters. Als solcher hatte er Gelegenheit, eine in Anbetracht seiner früheren Verhältnisse gesteigerte künstlerische Thätigkeit zu entwickeln. Alle möglichen neuen deutschen, französischen und italienischen Opern der damaligen Zeit wurden von ihm mit unermüdlichem Eifer einstudirt und aufgeführt. Dies war mit Schwierigkeiten verbunden, aus denen der höchst strebsame, unaufhaltsam vorwärts dringende Künstler indeß einen nicht geringen Vortheil zog. Da L. nämlich nicht Clavier spielte, jenes Instrument, welches für einen Dirigenten beim Einstudiren als zweckmäßigstes Surrogat des Orchesters dient, so war er gezwungen, die Proben mit der Violine zu halten. Dieser Umstand gab ihm Veranlassung, doppelstimmig zu accompagniren, abgesehen davon, daß er sich öfters genöthigt sah, den Eintritt der Singstimme nebenher zu markiren. Hiernach kann es nicht zweifelhaft sein, daß L. seine Fähigkeit und Fertigkeit im doppelgriffigen Spiele auf der Violine während der Ausübung des Capellmeisteramtes wesentlich ausbildete und erhöhte. Und in der That ist Lipinski’s Kunstfertigkeit in Doppelgriffen aller Art bekanntermaßen immer eine außerordentliche gewesen. Neben seiner anstrengenden amtlichen Thätigkeit als Capellmeister fand L. noch hinreichende Muße, um vielfach selbstschöpferisch sich zu versuchen. So componirte er Soli für sein Instrument, Ouverturen, Operetten und manches andere noch. Auch seine intellectuelle Fortbildung, zu welches sein Vater schon frühzeitig einen gediegenen festen Grund, namentlich durch Erlernung mehrerer Sprachen, hatte legen lassen, versäumte er nicht, wie denn diesen Künstler von jeher ein unablässiges Streben zur allseitigen Erkenntniß der Dinge in den verschiedenen Bereichen des Wissens auszeichnete, wodurch er sich natürlich wiederum fähiger für das tiefere Verständniß und die erfolgreichere Ausübung seiner Kunst machte und jüngeren Künstlern zum Muster dienen konnte. Im J. 1814 gab L. seine Stellung als Dirigent am Lemberger Theater auf, um sich desto ungestörter und rückhaltloser mit ganzer Kraft seinen Privatstudien, sowol hinsichtlich des Violinspieles, als auch der Composition, hingeben zu können. So kam das J. 1817 heran, in welchem die Kunde von Paganini’s aufsteigendem Stern aus Italien nach Deutschland, überhaupt nach dem nördlichen Europa herüberscholl. Die Wunder, welche die Zeitungen von den Leistungen dieses seltenen Kunstphänomens mittheilten, zu sehen und zu hören, ließ es L. keine Ruhe. Sogleich beschloß er, sich auf den Weg nach Italien zu machen, um den Gepriesenen aufzusuchen und, wenn möglich, von ihm zu profitiren. In Mailand angelangt erfuhr L., daß Paganini in Piacenza sei. In letzterer Stadt traf er gerade zu einem Concerte des italienischen Violinmeisters ein. Beim ersten Adagio, welches Paganini spielte, verhielt sich das anwesende Publicum still: L. war der einzige, [728] welcher seinen Beifall zu erkennen gab. Hierdurch die Neugierde seiner Nachbarn erregend, und von mehreren Seiten angesprochen, äußerte L., „daß er selbst Künstler und weither aus dem Norden gekommen sei, um Paganini zu hören“. Diese Kundgebung mochte den Landsleuten des großen Virtuosen schmeicheln, denn einige derselben führten den Fremdling nach Beendigung des Concerts auf das Orchester und stellten ihn dem eben Gefeierten vor. Den folgenden Tag machten beide Künstler nähere Bekanntschaft, und nachdem Paganini den fremden Meister angehört, musicirte er nicht nur allein täglich mit ihm, sondern spielte auch in zweien seiner Concerte, am 17. und 30. April 1818 mit ihm zusammen zwei Concertduo’s von Pleyel und Kreutzer, eine Thatsache, die beide Künstler ehrt und nicht wenig dazu beigetragen haben mag, daß L. nach erfolgter Rückkehr in die Heimath überall mit dem Enthusiasmus empfangen wurde, der seinen außerordentlichen Leistungen gebührte. Wie sehr sich übrigens Paganini durch L. angezogen fühlte, geht daraus hervor, daß dem letzteren Meister von dem ersteren der förmliche Antrag gemacht wurde, mit ihm vereint eine Kunstreise durch ganz Italien anzutreten. L. fand sich indeß veranlaßt, hiervon abzusehen, indem dergleichen einerseits nicht mit seinen Plänen für die Zukunft vereinbar war, andererseits aber die Sehnsucht nach seiner Familie ihn zurücktrieb. Er trat seinen Rückweg Ende 1818 über Triest an. Hier erhielt er Kunde von der Existenz eines alten, und wie L. versicherte, des einzigen zu jener Zeit noch lebenden Schülers Tartini’s. Es war ein gewisser Dr. jur. Mazzurana. L., wie schon bemerkt, immer bereit zu lernen und seine Anschauungen zu bereichern und zu erweitern, suchte diesen Mann sofort auf, in der Hoffnung, einige traditionelle Mittheilungen über Tartini’s Violinspiel von ihm zu erhalten. Er fand in ihm einen etwa 90jährigen, für sein hohes Alter aber noch rüstigen Greis von kolossaler Körpergröße. Nachdem L. sein Anliegen vorgebracht, erwiderte Mazzurana, er sei zu alt, um ihm etwas vorzuspieleu. Dagegen schlug er dem Gaste vor, eine Sonate von Tartini vorzutragen, er werde dann wenigstens versuchen, ihm auf indirecte Weise begreiflich zu machen, in welchem Geiste Tartini seine Compositionen habe executirt wissen wollen. L. spielte; seine Vortragsweise behagte jedoch dem alten Mazzurana nicht, welcher mit der ganzen Freimüthigkeit und Derbheit eines alten ehrlichen Mannes aussprach, daß L. keinen Begriff davon habe, wie man Tartini’s Compositionen spielen müsse. Indessen wolle er versuchen, ob und inwieweit er einem Dritten auf die richtige Spur zu verhelfen vermöge, da er selbst nun einmal nicht mehr im Stande sei, die Violine zu handhaben. Der Alte schaffte hierauf ein Notenheft herbei, in welchem sich mehrere Tartini’sche Sonaten mit unterlegten Textesworten bestanden. „Lesen Sie den Text“, nahm der seltsame Mann das Wort, „lesen Sie ihn ein paar Mal hintereinander laut und mit declamatorischer Betonung vor, und dann spielen Sie die Musik“. L. that, wie es ihm geheißen. Das untergelegte Gedicht war voll tiefer Empfindung, und L. fühlte sich tief ergriffen davon. Unbewußt beeinflußt und gehoben von der in sich aufgenommenen Poesie, spielte er so, daß Mazzurana am Schlusse seinen Beifall zu erkennen gab. Seit dieser Zeit war L., wie er selbst versichert, stets darauf bedacht, die Kunstwerke, deren Ausführung er sich unterzog, poetisch zu erfassen und demgemäß in der Wiedergabe zu beleben, und die Annahme dürfte wohl berechtigt sein, daß der geniale Künstler diesem Umstande die eigentliche, charaktervolle Art und Weise der Reproduction mit verdankt, welche beispielsweise seine geist- und stilvolle Ausführung Beethoven’scher Compositionen so sehr ausgezeichnet hat. Nachdem L. wiederum einige Zeit in Lemberg zugebracht, begab er sich auf Kunstreisen. Namentlich ist eine Reise während des J. 1821 in Deutschland, sowie eine andere in Rußland 1825 zu erwähnen. Ueberall erntete er ungetheilten [729] Ruhm, und sein Name schwang sich zu immer höherer Geltung und Bedeutung für die Kunstwelt empor. Im J. 1829 traf L. durch Zufall zum zweiten Male mit Paganini zusammen. Er reiste nämlich nach Warschau, um dort zu concertiren, und war überrascht, dem Meister hier zu begegnen. Doch war dieses Zusammentreffen beider Künstler kein so erfreuliches, wie das erste. Es bildeten sich zwei Parteien, welche in leidenschaftlichen Kampf geriethen; doch ließ sich L. nicht beirren, sondern gab zu gleicher Zeit mit Paganini Concerte, die entschiedenen Erfolg hatten. Bis zum J. 1835 verweilte L. wiederum in Lemberg, mit allem Eifer seinen Studien lebend. Alsdann trat er eine größere Kunstreise an, die ihn nach Deutschland, Frankreich und England führte, in welchen Ländern er neue Triumphe feierte. Im Herbst 1836 kehrte er über Leipzig in seine Heimath zurück, von wo aus er demnächst in verschiedenen Zwischenräumen Concertreisen durch Rußland und Oesterreich machte. Im J. 1839 erhielt er die ehrenvolle Berufung als königlich sächsischer erster Concertmeister, als welcher er am 1. Juli desselben Jahres verpflichtet wurde. Mit ganzer Hingebung widmete er sich den Pflichten seiner einflußreichen Stellung, und namentlich das Streichquartett der königlichen Capelle, welches seiner besonderen Fürsorge anvertraut wurde, verdankte seinen Bemühungen eine gedeihliche Entwickelung. Seine unbezweifelte Autorität als Geiger, seine Kunstbildung als Musiker, seine Gewissenhaftigkeit im Dienst und sein humaner edler Sinn unterstützten ihn in der langjährigen ausgezeichneten und ruhmvoll wirkenden Ausführung seines Amtes, Verdienste, welche auch stets in ehrendster Weise anerkannt wurden. Anfangs des Jahre’s 1861 trat der Meister in den wohlverdienten Ruhestand und zog sich bald auf sein bei Lemberg gelegenes Gut Urlow zurück, wo er am 16. December 1861, Abends 8 Uhr, fast ohne bettlägerig gewesen zu sein, an plötzlicher Lungenlähmung verschied. – L. gehörte zu den seltenen Künstlernaturen, die in strenger, keuscher Bewahrung ihrer Originalität unablässig nach dem Ideale der Kunst ringen. Ihm war die Kunsttechnik lediglich das Mittel zum Zweck, der Geist der Sache aber das Endziel aller Bestrebungen. Seine künstlerische Richtung, sein Geschmack war streng classisch. Sein Spiel hat in Erstaunen gesetzt durch die kühne Besiegung der größten Schwierigkeiten, sowie durch die Größe, Breite und Gewalt, durch reichstes Colorit seines Tones; aber dies nicht allein: er hat auch – und das ist die Hauptsache – erwärmt, entzündet und begeistert durch Adel und Tiefe des Gemüths, durch warme intensive Empfindung und energische Leidenschaft, durch poetische Durchdringung und Belebung, durch eigenthümlichen, imponirenden Charakter und endlich durch künstlerische und plastische Gestaltungskraft. Sein Ausdruck war wahrhaft produktiv und erhob sich mit männlicher Kraft zu dramatischer und geistig zwingender Macht. Im Quartettvortrage war er ein unerreichbar classischer Meister und seine geniale Wiedergabe Beethoven’scher Tondichtungen und Haydn’scher Adagio’s wird denen, die ihn hörten, unvergeßlich bleiben. Und es ist sehr bezeichnend für diesen außerordentlichen Künstler, daß er den Hörer bei seinen Leistungen das „Violinspiel“ vergessen machen konnte – eine Eigenschaft, die von allen großen Geigern dieses Jahrhunderts nur noch Paganini nachgerühmt wird. Die mannigfachen Compositionen, welche L. im Laufe der Zeit veröffentlicht hat, sind von bedeutendem Werthe für die Litteratur der Violine, nicht blos in artistischer, sondern auch in pädagogischer Hinsicht. Das ist allgemein bekannt. Namhaft gemacht seien blos seine drei Violinconcerte mit Orchesterbegleitung, sowie seine Phantasien und Variationen, unter den letzteren die höchst charaktervollen in G-moll. Außerdem erschienen von ihm zu der von Waclaw u. Oleska herausgegebenen Sammlung polnischer und ruthenischer Volkslieder, die dem Volksmunde entnommenen Sangweisen [730] unter dem Titel: „Picsni polskie i ruskie ludu galicyiskiego z muzyka instrumentowa“ (Lemberg 1833, Piller, 8°). Es sind zwei Bände, ein Band Text, ein Band Compositionen, etwa 200 Gesänge fassend, eine bereits sehr seltene und sehr gesuchte und geschätzte Sammlung. Auch sind noch von ihm bekannt mehrere Compositiomn zu den Liedern Padura’s, der polnischen Balladen von Mickiewicz, Einrichtungen Chopin’scher Melodien für die Violine, und ein ganz besonderes Verdienst erwarb er sich für die Musikwelt durch den Commentar, welchen er zu den Haydn’schen Streichquartetten und zu Sebastian Bach’s Sonaten für Clavier und Violine, durch Bezeichnung des Zeitmaßes und der Vortragsweise, geschrieben. Auszeichnungen wurden dem Meister in seinem reichbewegten Leben, wie selbstverständlich, vielfach zu Theil. Es genüge jedoch anzuführeu, daß er im J. 1838 durch Decret zum ersten Violinisten des kaiserlich russischen Hofes, sowie im J. 1854 zum Ritter des königlich sächsischen Albrechtsordens ernannt wurde. Vorstehender Artikel von J. v. Wasielewski ist mit einigen Kürzungen unter Bewilligung des Herrn Verfassers dem „Dresdener Journal“ (1862) entnommen. Damit sind mehrere Unrichtigkeiten beseitigt, welche Fétis in seiner Biographie universelle über L. gebracht hat, insbesoudere die falsche Behauptung, der Meister habe mit Paganini nicht öffentlich gespielt. Uns haben seiner Zeit die gedruckten Programme der betreffenden Concerte vorgelegen.

Wurzbach, Biogr. Lexikon, XV. S. 217 ff.