ADB:Müller, Heinrich (lutherischer Theologe)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Müller, Heinrich“ von Carsten Erich Carstens in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 22 (1885), S. 555–556, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:M%C3%BCller,_Heinrich_(lutherischer_Theologe)&oldid=- (Version vom 22. September 2019, 02:48 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Band 22 (1885), S. 555–556 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Heinrich Müller (Theologe) in der Wikipedia
GND-Nummer 118974408
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Kopiervorlage  
* {{ADB|22|555|556|Müller, Heinrich|Carsten Erich Carstens|ADB:Müller, Heinrich (lutherischer Theologe)}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118974408}}    

Müller: Heinrich M., Professor der Theologie und berühmter Prediger, war am 18. October 1631 in Lübeck geboren, wohin seine Eltern, unter den Drangsalen des 30jährigen Krieges, von Rostock, wo der Vater, aus Schleswig-Holstein stammend, als angesehener Kaufmann lebte, geflüchtet. Nach dem Frieden konnten sie gegen Ende des Jahres jedoch wieder in ihre Heimath zurückkehren. Unser M. besuchte hier nun die große Stadtschule unter dem wackeren Rector Jeremias Nigrinus und wurde nebenbei von dem jungen westfälischen Magister Joh. Fabricius unterrichtet, dem er viel verdankte. Er widmete sich darauf zuerst philosophischen Studien an der heimischen Universität, namentlich unter Professor Joachim Lütkemann und ging dann 1647 nach Greifswald, um dort Theologie zu studiren. Die Professoren Abraham Battus und Joh. Beringa waren hier seine Lehrer. 1650 heimgekehrt, setzte er zu Hause seine theologischen Studien noch fort, ward 1651 Magister und trat dann, nach Zeitgebrauch, eine gelehrte Reise an, auf der er verschiedene deutsche Universitäten besuchte und gelehrte Bekanntschaften anknüpfte. Davon zurückgekommen wurde er in die philosophische Facultät zu Rostock aufgenommen und fing er an Collegien zu lesen und Disputirübungen anzustellen. 1652 erschien seine erste Schrift: „Scrutinium Davidicum, quod exhibet titulum et oeconomiam Psalmi IX.“ 1653 folgte sein „Methodus politicus“, ein philosophisch wissenschaftlicher Versuch über den Staat und die Staatseinrichtungen, veranlaßt durch die Schriften von Hobbes. Auch predigte er häufig und gern, welches veranlaßte, daß er zugleich zum Archidiaconus an St. Marien erwählt ward, erst 22 Jahre alt. 1655 ward er nebenbei zum Professor der griechischen Sprache an der Universität ernannt. Während er bei sorgfältiger Vorbereitung auf seine Predigten sich immer mehr in die heilige Schrift vertiefte, empfand er das Bedürfniß auch theoretisch sich Rechenschaft zu geben von der Methode des Predigens. Daraus erwuchs sein Buch „Orator ecclesiasticus“, 1659, 2. Aufl. 1670. Es ist auffallend, daß dieses Werk so wenig Berücksichtigung in der homiletischen Litteratur gefunden hat. Es ist in der That noch immer sehr beachtenswerth. Der Verfasser hat gewußt die rhetorischen Anweisungen der Alten mit christlichem Geist und Leben zu durchdringen. In demselben Jahre erschien seine „Geistliche Seelen-Musik, eine Sammlung von 400 Gesängen neben 10 Betrachtungen“. M. ist auch selbst geistlicher Liederdichter und sind einige seiner Gesänge in verschiedene Kirchengesangbücher aufgenommen. Damals im Jahre 1674 erschien auch sein „Himmlischer Liebeskuß“, ein weitverbreitetes „Erbauungsbuch“, das noch immer wieder neu gedruckt wird. 1662 war er von der Universität Helmstädt, mit der er seit seiner Reise einige Verbindung unterhalten, zum Dr. theol. creirt, in demselben Jahre rückte er auf zum Pastor an St. Marien und ward auch als Professor in die theologische Facultät versetzt. Als solcher lieferte er eine Reihe gelehrter Abhandlungen, zum Theil akademische Gelegenheitsschriften, [556] z. B. „Disp. theol. exhibens Calvinianorum absolutum reprobationis decretum ut absolutum in fide errorem“, 1663, bestreitet entschieden die calvinische Gnadenwahl. „Quaestionum selectarum Theologicarum Semi-Centuria“, 1664. „Harmonia V. et N. T. chronologia“, 1668. „Theologia scholastica“, 1670, vom Wesen Gottes und der Dreieinigkeit etc. Vorzüglich ragte M. als Prediger hervor. Seine Predigten, mit ihrem reichen aus der Tiefe des Evangeliums geschöpften Inhalt, haben in ihrer mannigfachsten Form stets den Zweck, die Gnade Gottes an die Herzen zu bringen. Er äußert sich selbst über die Predigt (Geistliche Erquickstunden Nr. 157): „Der Prediger soll vom Herz ins Herz predigen, was nicht von Herzen geht, geht auch nicht zu Herzen. – Prediger sind Säugammen der Gemeinde, sollen gesunde, süße Milch geben, so müssen sie zuvor selbst die Speise des göttlichen Wortes schmecken, kauen, dauen und ins Leben wandeln. – Bienen müssen sie sein, die sich selbst zuvörderst, darnach Andere mit Honig satt machen.“ – Aus seinen Schriften leuchtet überall tiefe Einsicht in die göttliche Wahrheit und genaue Kenntniß des menschlichen Herzens heraus. Alles, was er sagt, ist praktisch (Harnack, prakt. Theol. III, 130). Seine Predigten vereinigen die eingehendste Gründlichkeit der Schriftbenutzung mit der größten Frische, durchschnittlich eine Reinheit der Darstellung und bewunderungswürdigen Gedankenreichthum mit der eindringlichsten Macht sittlichen Ernstes (Kahnis, Gang d. Protestant., 3. Aufl., S. 120). Seine Predigten sind seit ihrem Erscheinen immer wieder neu gedruckt und finden noch fortwährend sehr weite Verbreitung. Es sind namentlich „Apostolische Schlußkette“. 1663; „Evangelische Schlußkette“, 1672; „Kreuz-, Buß- und Betschule“, 1661; „Christlicher Dankaltar“, 1669; „Thränen- und Trostquelle“, 1675. – 1671 ward ihm auch die Superintendentur übertragen. Er starb nach einem thatenreichen Leben am 25. September 1675. Er hinterließ zahlreiche Manuscripte. Aus denselben sind herausgegeben: „Evangelischer Herzensspiegel“, 1679 (umgearbeitet von Rußwurm 1841). Der größere Theil derselben verbrannte leider 1677 mit seiner werthvollen Bibliothek in einem Feuerbrand. Vorzügliche Verbreitung hat auch sein Andachtsbuch „geistliche Erquickstunden“, zuerst 1664 gefunden und wird noch viel gebraucht. – Mit seltenen Gaben des heiligen Geistes ausgerüstet, erscheint M. als einer der würdigsten und in seinem Einfluß tiefgreifendsten Repräsentanten seiner Zeit, die die Wiedererneuerung der Kirche angestrebt haben.

Witten, Memoria theologorum 1684 p. 1810 ss. Kreis, Rostock. Theol., 1523. Molleri Cimbria litt. I et III, 492. Bougine II, 459. Bittcher, H. M. als geistl. Redner, in Tholuck, Liter. Anzeiger 1844, Nr. 15–18. O. Krabbe, H. M. u. s. Zeit, Rostock 1866. Aichel, Dr. H. M., Hamb. 1854. Klaiber, Evang. Volksbibliothek, 1864, Bd. III (Auszüge a. s. Schr.). Koch, Gesch. d. Kirchenlieds, Bd. IV, 367. Rußwurm vor s. Ausg. d. geistl. Erquickstunden, 1841.