ADB:Michaëlis, Gustav

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Artikel „Michaëlis, Gustav“ von Christian Johnen in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 52 (1906), S. 374–376, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Micha%C3%ABlis,_Gustav&oldid=- (Version vom 19. Juli 2019, 19:31 Uhr UTC)
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Michaëlis: Gustav M., Vorsteher des Stenographenbureaus im preußischen Herrenhause und Lector der Stenographie an der Berliner Universität, geboren am 27.Juni 1813 zu Magdeburg, † am 9. August 1895 zu Berlin, studirte von 1832 bis 1837 in Göttingen und Berlin Mathematik und Naturwissenschaften, promovirte 1837 in Berlin und war dann von 1838 bis 1846 Lehrer der genannten Fächer am Gymnasium zu Bielefeld, der Louisenstädtischen Stadtschule und dem Friedrich-Werder’schen Gymnasium in Berlin, bearbeitete auch 1843 und 1846 zwei Programmabhandlungen in seiner Wissenschaft. Dann gab er 1846 den pädagogischen Beruf, zu dem er sich nicht geeignet fühlte, auf und fand seine Lebensaufgabe in der Pflege der Stenographie als Kunst und Wissenschaft.

M., der die Stenographie 1844 bei Stolze selbst erlernt hatte, war 1848 als Stenograph der Nationalversammlung, 1850 als Stenograph des Erfurter Parlamentes thätig, gehörte von 1850 bis 1855 dem Stenographenbureau des preußischen Abgeordnetenhauses an und war von 1855 bis 1889 Vorsteher des Stenographenbureaus im Herrenhause; zwischendurch hatte er bis 1873 auch das stenographische Bureau im deutschen Reichstage geleitet. Daneben widmete er seine Kräfte weniger der stenographischen Propaganda, obwol er von 1847 ab mehrere Jahre lang Schriftführer des Stenographischen Vereins in Berlin war, als vielmehr der Weiterbildung und Verbesserung der Stolze’schen Schrift und der wissenschaftlichen Pflege der Stenographie in Verbindung mit allgemeinen schrift- und sprachwissenschaftlichen Forschungen.

[375] Zu Lebzeiten Stolze’s war M. der wissenschaftliche Berather des Meisters; als solcher hat er auf die Entwicklung der Stolze’schen Schrift, namentlich die Ausbildung der grammatikalischen Gliederung der Schrift und die Schreibung der Fremdwörter, wie sie im Lehrbuche Stolze’s von 1852 gelehrt wurde, einen bedeutenden Einfluß ausgeübt. Dieser steigerte sich noch, als M. mit dem Tode Stolze’s 1867 Vorsitzender der Stenographischen Prüfungscommission in Berlin wurde, der er schon seit ihrer Begründung im J. 1847 angehört hatte. Anfangs eine Einrichtung des Berliner Stenographischen Vereins, dann seit 1874 eine Körperschaft des Verbandes Stolze’scher Stenographenvereine und seit 1895 eine unabhängige, sich selbst ergänzende Vereinigung, hat die Prüfungscommission, der neben der Prüfung von Lehrern in der Stenographie die Pflege und Fortbildung der Stolze’schen Stenographie oblag, diese Kurzschrift in den Jahren 1868 geringeren, 1872 und 1888 einschneidenderen Aenderungen unterzogen. M. hatte als Vorsitzender der Commission die Anregung zu diesen Reformen gegeben und in den Jahren 1868 und 1872 auch bei Berathung und Beschlußfassung der Einzelheiten in maßgebender Weise mitgewirkt, so daß er als der nächste wissenschaftliche Träger der Stolze’schen Stenographie nach dem Tode Stolze’s galt. Als solcher hat er, entgegen seinem früheren, mehr auf die Durchführung philologischer (grammatikalischer und etymologischer) Grundsätze in der Schriftdarstellung gerichteten Einflusse, bei diesen Aenderungen nach dem Tode Stolze’s eine immer weiter greifende Vereinfachung und größere Gleichheit und Regelmäßigkeit in der Stenographie angestrebt; so entstand aus der Schrift für Philologen und Kammerstenographen, die die Stolze’sche Schrift langsam geworden war, die für die weiteste Verbreitung bestimmte „vereinfachte Stolze’sche Stenographie“ (sog. „Neustolze“). M. trat auch bei der Feier des fünfundzwanzigjährigen Bestehens der Stolze’schen Schrift sowie bei den Stolzefeiern von 1869, 1877 und 1882 als Vertreter der Stolze’schen Gemeinschaft in Wort und Schrift in den Vordergrund.

Daneben war M. für die Uebertragung der Stolze’schen Schrift auf andere Sprachen bemüht. Nachdem er bei der vielfach anregenden Uebertragung derselben auf das Lateinische durch Wilh. Wackernagel im Jahre 1854 hülfreiche Hand geleistet hatte, arbeitete er die Uebertragungen auf die romanischen Sprachen aus: auf das Französische (1862 und 1874), Italienische (1875), Spanische (1876) und Portugiesische (1884), sowie auf die englische Sprache (1864 und 1873) und blieb fortdauernd für deren Verbesserung besorgt; einen Erfolg in den Heimathländern dieser Sprachen haben die Uebertragungen von M. allerdings nicht gehabt.

Diese sowie die weiteren wissenschaftlichen Bestrebungen von M. fanden ihren Halt und Mittelpunkt einmal in dem Lehrstuhl für Stenographie an der Berliner Universität, der 1851 als Lectorat für ihn begründet wurde und ihm 1864 den Professortitel einbrachte, sodann in einer von 1853 bis 1879 von ihm herausgegebenen und zum größten Theil auch selbst geschriebenen Zeitschrift, die anfangs den Titel „Zeitschrift für Stenographie“, seit 1856 den Titel „Zeitschrift für Stenographie und Orthographie in wissenschaftlicher, pädagogischer und praktischer Beziehung“ führte. In ihr sowie in vielen Sonderabhandlungen hat er seine Studien zur Geschichte der Schrift, zur Geschichte und Theorie der Stenographie, zur Orthographie und zur Physiologie der Laute niedergelegt. Dabei suchte er die Ergebnisse der Sprachforschung und der jungen germanistischen Wissenschaft, in die er sich noch in reiferen Mannesjahren hineingearbeitet hatte, für die Ausbildung der Stenographie sowie für die Regelung der deutschen Rechtschreibung nutzbar zu machen. Auf [376] letzterem Gebiete war er ein Hauptvorkämpfer für eine einheitliche lautgetreue Schreibung und trat mehrfach für die Schreibung der s-Laute nach der Heyse’schen Regel ein. Auch sein „Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung“ (1856) war s. Z. eine gediegene Leistung.

Ein Gesammtverzeichniß seiner Werke enthalten die „Nachrichten aus dem Buchhandel“, 1905, Nr. 189, S. 1499, 1500.

M. war von 1838 bis 1863 mit Henriette geborene Lobeck verheirathet. Von seinen Kindern ist ein Sohn Schuldirector in Berlin, zwei Töchter sind auf dem Gebiete der romanischen Sprachwissenschaft rühmlichst bekannt.

Vgl. Wissenschaftl. Beilage zum Jahresbericht der Siebenten Realschule zu Berlin, Ostern 1897: Gustav Michaelis. Mit Briefen von Varnhagen v. Ense, A. v. Humboldt, Jakob Grimm u. A. Von Karl Theodor Michaëlis. Berlin 1897. – Ferner: Archiv f. Stenographie 1893, S. 98. – Magazin f. Stenographie 1895, S. 241, 370. – Mertens, Stenographenkalender 1894, 145 (mit Bild); 1897, S. 151.