ADB:Morel, Karl

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Artikel „Morel, Karl“ von Johannes Dierauer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 22 (1885), S. 222–223, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Morel,_Karl&oldid=- (Version vom 9. Dezember 2019, 10:07 Uhr UTC)
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Morel: Karl M. (Morell), schweizerischer Historiker und Dichter, geb. den 25. Sept. 1822 in St. Gallen, † den 19. April 1866 in Zürich, ein Vetter des Einsiedler Conventualen P. Gall M., gleich diesem ein Enkel des savoyischen Kaufmanns Joseph M., der 1777 aus Magland an der Arve nach St. Fiden bei St. Gallen übersiedelte und nachmals im St. Gallischen Städtchen Wil das Bürgerrecht erwarb. Seine Jugend war durch eine langwierige Krankheit getrübt, die den an der Kantonsschule in St. Gallen begonnenen regelmäßigen Bildungsgang unterbrach und eine partielle Lähmung seines Körpers hinterließ. In den Jahren seines Krankenlagers erwarb er sich indessen auf autodidaktischem Wege einen reichen Schatz von Kenntnissen in Litteratur und Geschichte, so daß er 1845 die Universität Heidelberg beziehen konnte. Hier schloß er sich vorzüglich an Gervinus an. Mitten in seinen Universitätsstudien überraschte ihn das Jahr 1848. Von schwärmerischer Natur wie er war und überzeugt von dem Anbruch der „Völkerostern“ stürzte er sich kopfüber in den badischen Aufstand und wurde sammt den Trümmern der Revolution über den Rhein zurückgeworfen. Seine radicalen politischen Ansichten veröffentlichte er in der Flugschrift: „Der badische Aufstand in seinem innern Zusammenhang mit der Reformbewegung in Deutschland“, (St. Gallen 1848). Noch im gleichen Jahre erhielt er in Bern die Stelle eines Secretärs beim politischen Departement im neu eingesetzten Bundesrath und arbeitete als solcher unter dem ersten [223] Bundespräsidenten Dr. Jonas Furrer. Da es ihm aber, wie es scheint, schwer ankam, sich in die gemessenen Formen des diplomatischen Verkehrs zu fügen, so zog er sich schon nach einem Jahre in das Privatleben zurück. Während der fünfziger Jahre weilte er abwechselnd in Bern, St. Gallen und Winterthur und widmete sich mit angestrengtem Fleiße litterarischen Arbeiten und wissenschaftlichen Forschungen. Nach einander erschienen: „Das schweizerische Eisenbahnnetz und seine nationalökonomische, politische und sociale Bedeutung“, (Bern 1851); die „Geschichte der Schweiz im 18. Jahrhundert“, als Fortsetzung der von C. Gutmann begonnenen Illustrirten Geschichte der Schweiz für das Volk, (Bern 1853); die Abhandlung über die „Unruhen in Unterwallis 1790“, (im Archiv des historischen Vereins des Kantons Bern, 3. Bd. 1856); „Die Erhebung des Schweizer Volkes im Winter 1856–1857“ (im Schweizer Festalbum, Burgdorf 1857); „Die Schweizer Regimenter in Frankreich 1789–1792. Episoden aus der Revolutionsgeschichte Frankreichs und der Schweiz“, (St. Gallen 1858); „Schiller, in seinem Entwicklungsgang geschildert. Festrede, gehalten an der Schillerfeier in St. Gallen“, (St. Gallen 1859); „Karl von Bonstetten. Ein schweizerisches Zeit- und Lebensbild“, (Winterthur 1861); „Materialien zur Geschichte der letzten Tagsatzung der alten Schweiz“, (Mittheilungen zur vaterl. Geschichte, herausgegeben vom historischen Verein in St. Gallen, I, St. Gallen 1862), und endlich: „Die Helvetische Gesellschaft“, (Winterthur 1863, zweite Ausgabe 1864). Von diesen Arbeiten hat neben der Monographie über die Schweizer Regimenter im französischen Dienst, der Frucht mehrjähriger Studien auf dem Berner Staatsarchiv, vor allem das zuletzt erwähnte Werk eine dauernde Bedeutung. Er bezeichnete es als einen Versuch, in die innere Werkstätte der politischen Entwicklung der schweizerischen Nation einzuführen, wie sie besonders im 18. Jahrhundert der großen Umwälzung bahnbrechend vorausging, und in der That verstand er es, in reinlicher und liebevoller Verarbeitung eines ausgedehnten Quellenmaterials ein höchst anziehendes Bild jener Gesellschaft zu entwerfen, die vom J. 1762 an bis zum Untergange der alten Eidgenossenschaft und zeitweise auch nach ihrem Wiederaufleben im 19. Jahrhundert die edelsten Männer beider Confessionen zu freundschaftlichem Gedankenaustausch und ernster, tief wirkender Besprechung vaterländischer Fragen vereinigte. Inzwischen (im Winter 1861/62) hatte er sich als Privatdocent an der Züricher Hochschule und am eidgenössischen Polytechnikum habilitirt. Mehr und mehr vertiefte er sich in die schweizerische Geschichte des 18. Jahrhunderts, indem er die Absicht hegte, eine umfassende Geschichte des Untergangs der alten Eidgenossenschaft und ihrer Wiedergeburt zu schreiben, als ihn der Tod mitten aus rastloser Thätigkeit, der sich sein schwächlicher Körper nicht gewachsen zeigte, herausriß. – M. war zu wenig streng geschult und besonders in seinen früheren Jahren zu leidenschaftlich demokratisch gesinnt, um in seinen Urteilen über historische Erscheinungen zumal des 18. Jahrhunderts immer maßvoll und objectiv zu sein; aber er war ein Mann von reinen Antrieben, von reicher geistiger Begabung und tiefem Gemüth, ein standhafter Optimist, voll Hoffnung auf die Zukunft der Menschheit, ein treuer Freund und anregender, liebenswürdiger Lehrer. Seine nicht immer formvollendeten, aber feinsinnigen und aus echten poetischen Stimmungen hervorgegangenen „Gedichte“ erschienen 1852 in St. Gallen, ein dramatischer Versuch: „Struensee, Trauerspiel in 5 Aufzügen“ ebendaselbst im J. 1860.

Vgl. den von Dr. Abr. Roth verfaßten Nekrolog in der schweizerischen Wochenschrift „Sonntagspost“, 1866 Nr. 17; dazu Rob. Weber, die poetische Nationallitteratur der deutschen Schweiz, 3. Bd., S. 507 ff., (Glarus 1867).